«Ein Ge­winn an Rechts­si­cher­heit»

Eco­no­mie­su­is­se stellt sich hin­ter das Rah­men­ab­kom­men mit der EU

Neue Zurcher Zeitung - - VORDERSEITE - PE­TER A. FI­SCHER

Gut ei­nen Mo­nat nach des­sen Ver­öf­fent­li­chung hat der Dach­ver­band der Schwei­zer Wirt­schaft am Mon­tag ein Grund­satz­pa­pier ver­öf­fent­licht, in dem er das mit der EU ver­han­del­te Pa­ket für ein in­sti­tu­tio­nel­les Rah­men­ab­kom­men ana­ly­siert und ein­ord­net. Er ruft dar­in zu ei­ner Ver­sach­li­chung der Dis­kus­si­on auf und zeigt, dass vie­le Be­fürch­tun­gen über­zo­gen sind und die Schweiz mit dem Rah­men­ab­kom­men ih­re In­ter­es­sen wohl bes­ser wah­ren könn­te als im Sta­tus quo.

En­ger Gel­tungs­be­reich

Eco­no­mie­su­is­se be­tont, dass das Ver­hand­lungs­er­geb­nis nur die fünf zen­tra­len Markt­zu­gangs­ab­kom­men der Bi­la­te­ra­len I zu den tech­ni­schen Nor­men, den Agrar­pro­duk­ten, dem Land- und Luft­ver­kehr und der Per­so­nen­frei­zü­gig­keit be­trifft und künf­ti­ge Markt­zu­gangs­ab­kom­men er­fasst, nicht aber al­le rund 140 bis­her ge­schlos­se­nen Ver­trä­ge.

Um­strit­ten ist, ob selbst die für die­se Be­rei­che vor­ge­se­he­ne dy­na­mi­sche Über­nah­me von neu­em Bin­nen­markt­recht zu ei­nem ge­fähr­li­chen Sou­ve­rä­ni­täts­ver­lust führt. Bis an­hin gilt der au­to­no­me Nach­voll­zug, bei dem die Ver­wal­tung und Ge­setz­ge­ber neue EU-Vor­schrif­ten au­to­nom über­nom­men ha­ben, weil es zu den Vor­tei­len ei­nes Bin­nen­markts ge­hört, dass Re­geln ein­heit­lich sind. Neu ist nun ein Ver­fah­ren zur dy­na­mi­schen Rechts­über­nah­me vor­ge­se­hen, bei dem die Schweiz da­für je­weils zwei Jah­re Zeit hat. Die di­rekt­de­mo­kra­ti­schen Pro­zes­se wer­den aus­drück­lich ge­wahrt; soll­te es zu ei­nem Re­fe­ren­dum kom­men, er­hält die Schweiz ein drit­tes Jahr Zeit. Zu­dem wird sie neu in die Ent­scheid­pro­zes­se der EU zum für sie re­le­van­ten Markt­zu­gangs­recht sys­te­ma­tisch ein­be­zo­gen. Über die Um­set­zung wa­chen bei­de Par­tei­en au­to­nom.

Will die Schweiz et­was nicht über­neh­men, kann die EU da­ge­gen vor dem neu ein­zu­rich­ten­den Schieds­ge­richt kla­gen (muss aber nicht). Kommt die­ses zum Schluss, dass die Schweiz ei­ne Be­stim­mung über­neh­men soll­te und will sie das nicht, kann die EU nicht mehr ir­gend­wel­che Stra­fen ver­hän­gen, son­dern nur noch vom Schieds­ge­richt für ver­hält­nis­mäs­sig be­fun­de­ne Ge­gen­mass­nah­men er­grei­fen. Eco­no­mie­su­is­se sieht dar­in ei­nen Ge­winn an Rechts­si­cher­heit.

Zu den «frem­den Rich­tern» des Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hofs (EuGH) hält Eco­no­mie­su­is­se fest, dass die­se in ih­ren bis­he­ri­gen Ent­schei­den kei­nes­wegs im­mer im Sin­ne der EU ent­schie­den ha­ben. Zu er­war­ten sei, dass der neue Mecha­nis­mus ge­gen­über heu­te eher zu ei­ner Ent­po­li­ti­sie­rung füh­ren wird und nur mit ei­ner klei­nen Zahl von Streit­schlich­tungs­ver­fah­ren zu rech­nen ist.

Bei der (im Ver­trags­werk wohl be­wusst nicht er­wähn­ten) Uni­ons­bür­ger­richt­li­nie weist der Wirt­schafts­dach­ver­band dar­auf hin, dass das Kon­zept der Uni­ons­bür­ger­schaft be­reits exis­tier­te, als die Schweiz mit der EU das Per­so­nen­frei­zü­gig­keits­ab­kom­men ab­schloss, die­ses aber ex­pli­zit nicht über­nom­men wor­den ist. Für ei­ne dy­na­mi­sche Rechts­über­nah­me kä­men des­we­gen sei­ner An­sicht nach nur Re­geln in­fra­ge, die ei­nen kon­kre­ten Be­zug zum Bin­nen­markt­recht ha­ben, nicht aber bei­spiels­wei­se Richt­li­ni­en zu po­li­ti­schen Rech­ten von EU-Bür­gern. Zu­dem wür­den Auf­ent­halts­recht und An­spruch auf So­zi­al­leis­tun­gen auch in der EU an ei­nen be­ste­hen­den Ar­beits­ver­trag ge­knüpft. Der EuGH ha­be den Län­dern ex­pli­zit das Recht zu­ge­spro­chen, Bür­ger von So­zi­al­hil­fe­leis­tun­gen aus­zu­schlies­sen, wenn die­se bloss mit dem Ziel ein­wan­der­ten, in de­ren Ge­nuss zu kom­men.

Auch beim Lohn­schutz ver­sucht Eco­no­mie­su­is­se auf­zu­zei­gen, dass sich die Be­stim­mun­gen in der EU und der Schweiz stark an­ge­nä­hert ha­ben und das Schwei­zer Lohn­ni­veau nicht ge­fähr­det ist.

Vor­schlä­ge für Prä­zi­sie­run­gen

Zur Ver­sach­li­chung der in­nen­po­li­ti­schen De­bat­te schlägt der Dach­ver­band der Wirt­schaft dem Bun­des­rat vor, mit ei­ner al­len­falls ein­sei­ti­gen Er­klä­rung der Schweiz fest­zu­hal­ten, dass nur EU-Re­geln mit kon­kre­tem Be­zug zu den Markt­zu­gangs­ab­kom­men un­ter die Pflicht zur dy­na­mi­schen Über­nah­me fal­len. Zu­dem soll­ten die Aus­wir­kun­gen der abs­trakt ge­hal­te­nen Grund­sät­ze über das Ver­bot staat­li­cher Bei­hil­fen im Hin­blick auf ei­ne künf­tig mög­li­che Un­ter­stel­lung ei­nes mo­der­ni­sier­ten Frei­han­dels­ab­kom­mens ge­klärt wer­den, und schliess­lich sei si­cher­zu­stel­len, dass das Sys­tem der pa­ri­tä­ti­schen Kon­trol­le der Ar­beits­markt­be­stim­mun­gen durch die Schwei­zer So­zi­al­part­ner nicht ein­ge­schränkt wer­de.

Of­fi­zi­ell be­schlies­sen wol­len die Gre­mi­en von Eco­no­mie­su­is­se ih­re Po­si­ti­on zum Rah­men­ab­kom­men erst En­de Ja­nu­ar. Nimmt man die nun vor­ge­leg­te Analyse zum Mass­stab, kann ei­gent­lich nicht viel an­de­res als ei­ne deut­li­che Un­ter­stüt­zung re­sul­tie­ren. Dann aber soll­ten Ex­po­nen­ten der Wirt­schaft sich auch stär­ker aus der De­ckung wa­gen und da­für ein­tre­ten.

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