Re­gie­rungs­kri­se we­gen Streit um Um­be­nen­nung

Grie­chi­sches Par­la­ment muss über Ma­ze­do­ni­en-Fra­ge ent­schei­den

Neue Zurcher Zeitung - - INTERNATIONAL - VOL­KER PABST, ISTAN­BUL

Die an­ste­hen­de Ent­schei­dungs­fra­ge über den Na­mens­kom­pro­miss mit Ma­ze­do­ni­en hat die grie­chi­sche Re­gie­rung er­war­tungs­ge­mäss in ei­ne Kri­se ge­stürzt. Der Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter und Vor­sit­zen­de des Ju­ni­or­part­ners Anel in der Re­gie­rung, Pa­nos Kam­me­nos, ist am Sonn­tag nach ei­nem Ge­spräch mit Mi­nis­ter­prä­si­dent Tsi­pras von sei­nem Amt zu­rück­ge­tre­ten. Am Frei­tag­abend hat­te das Par­la­ment des Nach­bar­staats Ma­ze­do­ni­en die Um­be­nen­nung des Lan­des in «Re­pu­blik Nord­ma­ze­do­ni­en» mit ei­ner Zwei­drit­tels­mehr­heit end­gül­tig gut­ge­heis­sen.

Da­mit hat das Ab­kom­men zwi­schen Skopje und Athen, das den bald drei Jahr­zehn­te al­ten Streit um die Be­zeich­nung der ex­ju­go­sla­wi­schen Re­pu­blik be­en­den soll, die zweit­letz­te Hür­de ge­nom­men und muss noch vom grie­chi­schen Par­la­ment an­ge­nom­men wer­den. Grie­chen­land hat den Na­men «Ma­ze­do­ni­en» nie an­er­kannt, weil aus Athe­ner Sicht da­mit ter­ri­to­ria­le An­sprü­che auf die grie­chi­sche Pro­vinz Ma­ke­do­ni­en ein­her­ge­hen, und des­halb Skop­jes In­te­gra­ti­on in die eu­ro-at­lan­ti­schen Struk­tu­ren blo­ckiert. Bei der Uno fir­mier­te der Staat des­halb bis­her un­ter dem Na­men «Frü­he­re ju­go­sla­wi­sche Re­pu­blik Ma­ze­do­ni­en», ab­ge­kürzt Fyrom.

Knap­pe Mehr­heits­ver­hält­nis­se

Die po­pu­lis­ti­sche Rechts­aus­sen­par­tei von Kam­me­nos, Anel, lehnt, wie auch die meis­ten grie­chi­schen Op­po­si­ti­ons­par­tei­en, das Ab­kom­men von Pre­s­pa ka­te­go­risch ab. Weil Anel im Fall von Neu­wah­len laut al­len Um­fra­gen nicht mit ei­nem Wie­der­ein­zug ins Par­la­ment rech­nen kann, war aber bis zu­letzt un­klar, ob Kam­me­nos am En­de nicht doch noch ein­len­ken wer­de. Dies um­so mehr, als sich die Mehr­heit sei­ner Frak­ti­on ver­gan­ge­ne Wo­che ge­gen ei­nen Aus­tritt aus der Re­gie­rung aus­ge­spro­chen hat­te.

Tsi­pras er­nann­te nach dem Tref­fen den Chef des grie­chi­schen Ge­ne­ral­stabs, Ad­mi­ral Evan­ge­los Apos­to­lak­is, zum neu­en Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter. Zu­dem kün­dig­te er ei­ne Ver­trau­ens­ab­stim­mung im Par­la­ment an, die am Don­ners­tag statt­fin­den soll – noch vor der Ab­stim­mung über den Na­mens­kom­pro­miss. Die Re­gie­rungs­ko­ali­ti­on ver­fügt über 153 der 300 Sit­ze, 7 da­von ent­fal­len auf Anel. Trotz der knap­pen Aus­gangs­la­ge nach dem Bruch mit Kam­me­nos ist es nicht un­wahr­schein­lich, dass Tsi­pras mit Stim­men ver­ein­zel­ter Über­läu­fer die be­nö­tig­te Mehr­heit er­hal­ten wird. Das­sel­be gilt auch für die Ab­stim­mung über das Pre­s­pa-Ab­kom­men, wo­für – an­ders als in Ma­ze­do­ni­en – ei­ne ein­fa­che Mehr­heit aus­reicht.

Zwar be­kämp­fen al­le gros­sen Op­po­si­ti­ons­par­tei­en den Na­mens­kom­pro­miss als Ver­rat am grie­chi­schen Va­ter­land. Doch dürf­te auch Tsi­pras’ mäch­tigs­ter Ge­gen­spie­ler, Ky­ria­kos Mitso­ta­kis von der Nea Di­mo­kra­tia, sich im Ge­hei­men durch­aus be­wusst sein, dass die Lö­sung der lei­di­gen Na­mens­fra­ge letzt­lich in Grie­chen­lands In­ter­es­se ist. So wird un­ter Po­lit­be­ob­ach­tern in Athen et­wa die Bereitschaft der EU, den grie­chi­schen Ver­zicht auf die an­ge­kün­dig­ten Ren­ten­kür­zun­gen zu ak­zep­tie­ren, mit Tsi­pras’ Kom­pro­miss­be­reit­schaft in der Ma­ze­do­ni­en-Fra­ge in Zu­sam­men­hang ge­bracht.

Neu­wah­len ja, aber wann?

Spä­tes­tens im Ok­to­ber ste­hen in Grie­chen­land Neu­wah­len an. Laut al­len Um­fra­gen hat die Nea Di­mo­kra­tia ei­nen un­ein­hol­ba­ren Vor­sprung auf Sy­ri­za. Wenn Tsi­pras das Ab­kom­men ins Tro­cke­ne bringt, zahlt er den in­nen­po­li­ti­schen Preis da­für. Die geo­po­li­ti­schen Früch­te die­ser Po­li­tik kön­nen aber auch von der Nach­fol­ge­re­gie­rung ge­ern­tet wer­den. Auch des­halb ge­hö­ren in Grie­chen­land seit Mo­na­ten Spe­ku­la­tio­nen um den Wahl­ter­min zu den am heis­ses­ten dis­ku­tier­ten po­li­ti­schen Fra­gen.

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