Wie Bal­ti­more ver­sucht, die Mor­d­ra­te zu sen­ken

Um Waf­fen von der Stras­se zu ho­len, kauft die Stadt mit der höchs­ten Mor­d­ra­te in den USA sie den Bür­gern ab

Neue Zurcher Zeitung - - INTERNATIONAL - SA­MU­EL MISTELI

Es war Mit­te De­zem­ber, und die Stadt­be­hör­den von Bal­ti­more ver­teil­ten Weih­nachts­geld: 100 Dol­lar im Tausch ge­gen ei­nen Re­vol­ver, 200 Dol­lar ge­gen ei­ne halb­au­to­ma­ti­sche Waf­fe, 500 für ei­ne voll­au­to­ma­ti­sche Waf­fe. Wäh­rend drei­er Ta­ge konn­ten Ein­woh­ner im Rah­men des Gun-Buy­back-Pro­gramms ih­re Waf­fen an­onym der Po­li­zei aus­hän­di­gen. «Wir müs­sen die Waf­fen von der Stras­se ho­len, weil un­schul­di­ge Leu­te ge­tö­tet wer­den», sag­te Stadt­prä­si­den­tin Ca­the­ri­ne Pugh. Bud­ge­tiert wa­ren 250 000 Dol­lar. Kurz vor Hei­lig­abend hat­te die Stadt fast 2000 Waf­fen ein­ge­sam­melt, dar­un­ter ei­nen trag­ba­ren Ra­ke­ten­wer­fer.

Gleich­zei­tig kroch der Zäh­ler, den die Lo­kal­zei­tung «Bal­ti­more Sun» zu den Tö­tungs­de­lik­ten in der 600 000-Ein­woh­ner-Stadt führt, hö­her. Am letz­ten Tag des Jah­res kam er auf 309 zu ste­hen. Es war das vier­te Jahr in Fol­ge, in dem Bal­ti­more über 300 Tö­tungs­de­lik­te ver­zeich­ne­te. Da­mit ist die Ost­küs­ten­stadt un­ter den 50 gröss­ten Städ­ten der USA je­ne mit den meis­ten Tö­tungs­de­lik­ten pro Kopf, vor Städ­ten wie Chicago und De­troit, de­ren Ge­walt­pro­blem no­to­risch ist.

Vor­bil­der im Aus­land

Ob die Waf­fen­kauf­ak­ti­on da­zu bei­tra­gen wird, die Ge­walt ein­zu­däm­men, ist um­strit­ten. Die «Bal­ti­more Sun» je­den­falls hält we­nig da­von. Sie kom­men­tier­te, das Gun-Buy­back-Pro­gramm sei ei­ne Mar­ke­ting-Ma­sche der Stadt­re­gie­rung und «ver­mut­lich ei­ne gros­se Ver­schwen­dung von Zeit, Geld und Res­sour­cen». Stadt­prä­si­den­tin Pugh da­ge­gen be­schrieb die Ak­ti­on als nur ei­nes von vie­len Werk­zeu­gen, mit de­nen die Stadt die Ge­walt be­kämp­fe. Und der Po­li­zei­chef sag­te schlicht: «Letzt­lich tö­ten Waf­fen Leu­te. Des­halb wol­len wir sie von der Stras­se ho­len.»

Die Idee des Gun-Buy­back ist nicht neu. Bal­ti­more führ­te 1974 erst­mals ei­ne sol­che Ak­ti­on durch und sam­mel­te an­geb­lich 13 000 Waf­fen ein. Zu­letzt wa­ren die Ein­woh­ner der Stadt 2012 auf­ge­ru­fen, ih­re Waf­fen ge­gen fi­nan­zi­el­le Ent­schä­di­gung ab­zu­ge­ben. Auch an­de­re ame­ri­ka­ni­sche Städ­te füh­ren ähn­li­che Pro­gram­me durch. Al­lein im De­zem­ber sam­mel­te et­wa San Fran­cis­co 244 Waf­fen ein; die Stadt­be­hör­den von New Ha­ven, Con­nec­ti­cut, ga­ben Ge­schenk­gut­schei­ne ge­gen Waf­fen ab; und in Ba­ton Rouge, Loui­sia­na, gab es im Tausch ge­gen Waf­fen Ben­zin­gut­schei­ne.

Nur we­ni­ge Mor­de auf­ge­klärt

Sta­tis­ti­sche Be­le­ge, dass die Rück­kauf­ak­tio­nen Kri­mi­nel­len den Zu­gang zu Waf­fen er­schwe­ren, feh­len hin­ge­gen. Ex­per­ten wei­sen dar­auf hin, dass De­lin­quen­ten, die ih­re Waf­fen tat­säch­lich ein­set­zen, et­wa um sich vor an­de­ren Gangs zu schüt­zen oder Ter­ri­to­ri­um im Dro­gen­han­del zu ver­tei­di­gen, die­se nicht ab­ge­ben. Statt­des­sen nüt­zen Durch­schnitts­bür­ger die Ge­le­gen­heit, um al­te und oft de­fek­te Waf­fen los­zu­wer­den und ein paar Dol­lar zu ver­die­nen. Zwei Er­folgs­bei­spie­le gibt es: In Aus­tra­li­en (1996 und 2003) und Bra­si­li­en (2004) führ­ten na­tio­na­le Rück­kauf­pro­gram­me zu ei­nem deut­li­chen Rück­gang der Tö­tungs­de­lik­te – in Bra­si­li­en vor­über­ge­hend, in Aus­tra­li­en an­hal­tend. Doch in den bei­den Län­dern wur­den die Ak­tio­nen im Zu­ge ei­ner Ver­schär­fung der Waf­fen­ge­set­ze durch­ge­führt, vie­le Bür­ger wa­ren ver­pflich­tet, ih­re Waf­fen ab­zu­ge­ben. In Bal­ti­more da­ge­gen ist das Ge­walt­pro­blem seit dem letz­ten Gun-Buy­back 2012 grös­ser ge­wor­den, und die Ver­mu­tung der «Bal­ti­more Sun», die Stadt­be­hör­den woll­ten zum Jah­res­en­de zu­min­dest Ta­ten­drang an­ge­sichts der trau­ri­gen Sta­tis­ti­ken de­mons­trie­ren, ist na­he­lie­gend.

An den struk­tu­rel­len Ur­sa­chen der vie­len Tö­tungs­de­lik­te wird die Ak­ti­on nichts än­dern. Bal­ti­mores Pro­ble­me sind die­sel­ben wie je­ne vie­ler ame­ri­ka­ni­scher Städ­te, nur aus­ge­präg­ter. Die Stadt war lan­ge ein Zen­trum der Stahl­in­dus­trie, ver­lor aber in den letz­ten Jahr­zehn­ten des 20. Jahr­hun­derts Zehn­tau­sen­de von Stel­len. Die Ein­woh­ner­zahl liegt heu­te um ein Drit­tel tie­fer als vor dem Kol­laps der In­dus­trie. Ar­beits­lo­sig­keit und Ar­mut kon­zen­trie­ren sich in den über­wie­gend afro­ame­ri­ka­ni­schen Stadt­tei­len west­lich und öst­lich des Zen­trums, wo der Dro­gen­han­del ei­ne der we­ni­gen ver­blie­be­nen Er­werbs­mög­lich­kei­ten ist. In die­sen Stadt­tei­len ge­schieht der Gross­teil der Tö­tungs­de­lik­te.

Auf­ge­klärt wird nur ein klei­ner Teil – 2017 kam es bei nur gera­de 27 Pro­zent der Tö­tungs­de­lik­te zu Ver­haf­tun­gen. Die Be­völ­ke­rung der am stärks­ten be­trof­fe­nen Stadt­tei­le ko­ope­riert nicht mit der Po­li­zei, weil die­se eher als Be­sat­zungs­macht denn als Be­schüt­ze­rin wahr­ge­nom­men wird. Zeu­gen von Ver­bre­chen schwei­gen, weil sie ris­kie­ren, sel­ber ge­tö­tet zu wer­den, wenn sie aus­sa­gen.

Das Ver­hält­nis zwi­schen Po­li­zei und Be­völ­ke­rung hat sich wei­ter ver­schlech­tert, seit der Afro­ame­ri­ka­ner Fred­die Gray im April 2015 fest­ge­nom­men wur­de und wäh­rend des Trans­ports in ei­nem Po­li­zei­wa­gen so schwe­re Na­cken­ver­let­zun­gen er­litt, dass er ei­ne Wo­che spä­ter starb. De­mons­tran­ten setz­ten dar­auf­hin Au­tos in Brand und plün­der­ten Ge­schäf­te, der Gou­ver­neur des Teil­staats Ma­ry­land ver­häng­te den Aus­nah­me­zu­stand und schick­te die Na­tio­nal­gar­de. Sechs Po­li­zei­be­am­te wur­den an­ge­klagt, kei­ner wur­de ver­ur­teilt.

Den­noch hat­te der Fall Gray Kon­se­quen­zen für die Po­li­zei von Bal­ti­more. Das Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um in Washington führ­te ei­ne Un­ter­su­chung durch, die er­gab, dass die Po­li­zei häu­fig Bür­ger­rech­te ver­letzt, vor al­lem je­ne von Schwar­zen. An­fang 2017 ei­nig­ten sich die Stadt und das Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um auf ein Re­form­pro­gramm, das von ei­nem Richter über­wacht wird. Das Pro­gramm ver­pflich­tet Po­li­zei­be­am­te un­ter an­de­rem da­zu, bei Fest­nah­men ver­schärf­te Re­geln zu be­ach­ten und an Trai­nings­pro­gram­men teil­zu­neh­men, in de­nen sie die In­ter­ak­ti­on mit der Be­völ­ke­rung üben.

Be­ob­ach­ter se­hen in der ver­stärk­ten Auf­sicht ei­nen Grund da­für, dass die Auf­klä­rungs­quo­te bei den Tö­tungs­de­lik­ten zu­rück­ge­gan­gen ist. Die «Washington Post» spricht vom «Fred­die-GrayEf­fekt», der da­zu ge­führt ha­be, dass Bal­ti­mores Po­li­zis­ten ih­re Strei­fen­wa­gen sel­te­ner ver­lies­sen, um Kon­trol­len oder Ver­haf­tun­gen durch­zu­füh­ren.

Mit Geld neue Waf­fe kau­fen

An­ge­sichts der Pro­blem­fül­le stiess der Ak­tio­nis­mus, den die Stadt­be­hör­den mit dem Gun-Buy­back ent­fal­te­ten, auch auf Ver­ständ­nis. Nicht zu­letzt bei je­nen, die ih­re Waf­fen ge­gen die Aus­zah­lung von Bar­geld ab­ga­ben. Ei­ner sag­te ge­gen­über Fern­seh­re­por­tern: «Wenn sie mir für mei­nen al­ten Müll Geld ge­ben wol­len, dann neh­me ich es.» Ei­ne an­de­re Teil­neh­me­rin er­klär­te, das Geld, das sie für ih­re 9-Mil­li­me­ter-Pis­to­le er­hal­ten hat­te, für die An­schaf­fung ei­ner grös­se­ren Waf­fe ver­wen­den zu wol­len.

KENNETH K. LAM / ZU­MA / IMAGO

Im Jah­re 2018 wur­den in der Stadt mit 600 000 Ein­woh­nern ins­ge­samt 309 Tö­tungs­de­lik­te ge­zählt.

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