Schick­sals­jahr – wel­ches Schick­sals­jahr?

Die vom Be­deu­tungs­ver­lust be­droh­te BDP er­fin­det sich neu als Pro-Eu­ro­pa-Par­tei

Neue Zurcher Zeitung - - SCHWEIZ - CHRIS­TI­NA NEU­HAUS

Hans Grun­der macht sich Sor­gen. Der «NZZ am Sonn­tag» sag­te er vor ei­ner Wo­che, 2019 wer­de zum Schick­sals­jahr der BDP. «Ent­we­der wir er­rei­chen im nächs­ten Herbst Frak­ti­ons­stär­ke, oder es kommt zum Licht­er­lö­schen.» Wer po­li­ti­sche Am­bi­tio­nen ha­be, su­che sich sonst ei­ne neue Hei­mat. Nun sitzt Ex-Par­tei­chef Grun­der im häss­li­chen Kon­fe­renz­saal ei­nes trost­lo­sen Frei­bur­ger Kon­gress­ho­tels ne­ben sei­nem Nach­fol­ger und sagt gar nichts. Da­für sagt Par­tei­prä­si­dent Mar­tin Lan­dolt um­so mehr. Er spricht von der Stär­kung der Mit­te und der Not­wen­dig­keit zu mehr Kon­kor­danz. Er zi­tiert aus Jo­hann Schnei­der-Am­manns Ab­schieds­re­de als Bun­des­rat, der sich für die hel­ve­ti­sche Po­li­tik mehr Ehr­lich­keit, Recht­zei­tig­keit und Mut zur Zu­sam­men­ar­beit wünsch­te. Den Be­griff Schick­sals­jahr hört Lan­dolt gar nicht gern. Je­den­falls nicht im Zu­sam­men­hang mit sei­ner Par­tei. Na­tür­lich wer­de sich die BDP nicht auf­lö­sen, soll­te die Frak­ti­ons­stär­ke im Herbst nicht er­reicht wer­den, be­teu­ert er.

Am­bi­tio­nen un­er­wünscht

Lan­dolt sagt, na­tür­lich wer­de man auch nach dem 20. Ok­to­ber 2019 im Bun­des­haus noch Frak­ti­ons­stär­ke ha­ben. Und über­haupt: Er­folg dür­fe in der Po­li­tik nie das Ziel sein. Wer per­sön­li­che Am­bi­tio­nen he­ge, sei in der BDP am fal­schen Platz. Die BDP sei kei­ne Par­tei, die ver­zwei­felt nach ei­nem Al­lein­stel­lungs­merk­mal su­che. Sie ori­en­tie­re sich an ei­nem Wer­te­kom­pass im Sin­ne Schnei­der-Am­manns. Lan­dolt ver­wen­det gern den Be­griff der pro­gres­si­ven Mit­te, in die er auch die Grün­li­be­ra­len ein­be­zieht. Al­ler­dings ver­or­tet er die BDP nach wie vor in den Rei­hen der Bür­ger­li­chen, wäh­rend er die GLP zum lin­ken La­ger zählt. Zum pro­gres­si­ven Pro­fil der BDP ge­hört neu auch, dass sie sich als ein­zi­ge bür­ger­li­che Par­tei hin­ter den nun vor­lie­gen­den Rah­men­ver­trag mit der EU stellt. An der De­le­gier­ten­ver­samm­lung, die an die­sem Sams­tag in Frei­burg statt­ge­fun­den hat, nahm auch Chef­un­ter­händ­ler Ro­ber­to Bal­za­ret­ti teil, der das Ver­trags­werk vor­stell­te.

Wie gross die Be­geis­te­rung der BDPBa­sis für den EU-freund­li­chen Kurs der Par­tei­lei­tung ist, lässt sich schwer fest­stel­len. Ei­ne par­tei­in­ter­ne Mei­nungs­bil­dung hat bis­her nicht statt­ge­fun­den. Die Fra­gen, die Bal­za­ret­ti in Frei­burg ge­stellt wer­den, sind freund­lich, in der Ten­denz al­ler­dings eher kri­tisch. Auch das Stim­men­ver­hält­nis im Vor­stand gibt kei­nen Hin­weis auf die Ge­schlos­sen­heit der Par­tei in die­ser Fra­ge. Ei­ne Ab­stim­mung gab es bis jetzt nicht.

Es gibt Par­tei­en, die leich­te­ren Her­zens in das Wahl­jahr star­ten kön­nen als die BDP. Noch stellt die vor zehn Jah­ren als SVP-Ab­spal­tung ge­grün­de­te Bür­ger­lich-De­mo­kra­ti­sche Par­tei in Bern sie­ben Na­tio­nal­rä­te und ei­nen Stän­de­rat. Doch seit dem Rück­tritt von Bun­des­rä­tin Eve­li­ne Wid­mer-Schlumpf vor drei Jah­ren tut sie sich schwer. 2015 ver­lor sie zwei Na­tio­nal­rats­man­da­te und büss­te 1,3 Pro­zent­punk­te ein. Das Züng­lein an der Waa­ge spielt die 4-Pro­zent-Par­tei im Na­tio­nal­rats­saal nicht mehr.

Gleich­zei­tig brö­ckelt es in den Kan­to­nen. Bei den Kan­tons­rats­wah­len gin­gen in den letz­ten drei Jah­ren fast zwan­zig Sit­ze ver­lo­ren. Zu­dem kam es ver­schie­dent­lich zu Par­tei­über­trit­ten. Im Früh­ling des ver­gan­ge­nen Jah­res wech­sel­te der St. Gal­ler BDP-Prä­si­dent zur CVP. Vor we­ni­gen Wo­chen kehr­ten zwei So­lo­thur­ner Kan­tons­rä­te ih­rer Par­tei den Rü­cken und tra­ten der FDP bei. Um die Rei­hen zu schlies­sen, be­müht sich Lan­dolt des­halb um ei­ne bes­se­re Zu­sam­men­ar­beit mit den an­de­ren Mit­te­par­tei­en. Der NZZ sag­te er im Herbst, er ha­be die Kan­to­nal­par­tei­en ge­be­ten, kei­ne Lis­ten­ver­bin­dun­gen mit Pol­par­tei­en ein­zu­ge­hen. In der «NZZ am Sonn­tag» kün­dig­te er «flä­chen­de­ckend ge­mein­sa­me Lis­ten­ver­bin­dun­gen» mit CVP, GLP und EVP an.

Ope­ra­ti­on Li­be­ro stützt BDP

Im­mer­hin hält die Ope­ra­ti­on Li­be­ro noch gros­se Stü­cke auf die BDP. Der Klein­par­tei ist ei­ne tra­gen­de Rol­le im Rah­men der so­ge­nann­ten «Ope­ra­ti­on 19» zu­ge­dacht, de­ren Ziel ei­ne Kräf­te­ver­schie­bung im na­tio­na­len Par­la­ment ist. Die kon­ser­va­ti­ve Ko­ali­ti­on, die die Schwei­zer Po­li­tik zum Still­stand ge­bracht ha­be, müs­se in die Min­der­heit ver­setzt wer­den, steht in ei­nem in­ter­nen Pa­pier der un­ab­hän­gi­gen Bür­ger- und Wäh­ler­be­we­gung. Weil im Na­tio­nal­rat manch­mal we­ni­ger als zehn Stim­men über Zu­stim­mung oder Ab­leh­nung ent­schei­den, hat die Ope­ra­ti­on Li­be­ro ein Au­ge auf die Mit­te­par­tei­en ge­wor­fen. Die BDP, die in die­ser Le­gis­la­tur in 70 Pro­zent al­ler knap­pen Ab­stim­mun­gen mit der Lin­ken ge­stimmt hat, soll ge­mein­sam mit GLP-Na­tio­nal­rä­ten und «li­be­ral-pro­gres­si­ven» Kräf­ten bei CVP und FDP im Wahl­kampf un­ter­stützt wer­den. In der Eu­ro­pa­po­li­tik sind sich Ope­ra­ti­on Li­be­ro, Grün­li­be­ra­le und BDP schon ein­mal ei­nig. Sie ha­ben sich bis jetzt als Ein­zi­ge klar hin­ter den aus­ge­han­del­ten Rah­men­ver­trags­ent­wurf ge­stellt. Ob das der BDP in ih­ren kon­ser­va­ti­ven Stamm­lan­den Bern, Glarus und Grau­bün­den tat­säch­lich hilft, wird sich am 20. Ok­to­ber zei­gen.

ADRI­EN PERRITAZ / KEYSTONE

Lan­dolt be­tont, dass sich die BDP nicht auf­lö­sen wer­de, wenn sie im Herbst die Frak­ti­ons­stär­ke nicht er­reicht.

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