«Bo­dy­packer» brin­gen Ärz­te in ein Di­lem­ma

Schmugg­ler, die Dro­gen im Kör­per trans­por­tie­ren, kön­nen schnell in Le­bens­ge­fahr ge­ra­ten

Neue Zurcher Zeitung - - SCHWEIZ - LA­RIS­SA RHYN

Die Grenz­wäch­ter ma­chen es Dro­gen­schmugg­lern nicht leicht. Der Spür­hund steht be­reit, das Ge­päck wird durch­leuch­tet. Wenn Dro­gen­ku­rie­re Rausch­gift je­doch im Kör­per trans­por­tie­ren, ist es schwie­rig zu ent­de­cken. Beim «Bo­dy­packing» wer­den klei­ne Fin­ger­lin­ge mit rund fünf bis zehn Gramm ei­ner Dro­ge ver­schluckt und im Darm über die Gren­ze trans­por­tiert. Häu­fig han­delt es sich da­bei um hoch­kon­zen­trier­tes Ko­ka­in, das spä­ter ge­streckt wird. Bis zu hun­dert Fin­ger­lin­ge kann ei­ne Per­son von gros­ser Sta­tur so in die Schweiz schmug­geln.

Wenn die Grenz­be­am­ten trotz­dem Ver­dacht schöp­fen, kom­men Ärz­te ins Spiel. Sie ste­hen vor ei­nem Di­lem­ma: Ei­ner­seits müs­sen sie mit den Be­hör­den ko­ope­rie­ren, gleich­zei­tig sol­len sie ei­ne Ver­trau­ens­per­son für den Pa­ti­en­ten sein. Die Na­tio­na­le Kom­mis­si­on zur Ver­hü­tung von Fol­ter fand letz­tes Jahr her­aus, dass die Wal­li­ser Grenz­po­li­zei mas­sen­haft Com­pu­ter­to­mo­gramm-Un­ter­su­chun­gen (CT) an­ge­ord­net hat­te – auch bei schwan­ge­ren Frau­en. Die Ärz­te leis­te­ten der Po­li­zei Fol­ge, ob­wohl die Strah­len­be­las­tung für das un­ge­bo­re­ne Kind ein Ri­si­ko dar­stellt. Bri­sant war zu­dem, dass sich im Wal­lis der Ver­dacht auf Bo­dy­packing nur in neun Pro­zent der Fäl­le be­stä­tig­te. Schweiz­wei­te Zah­len sind we­der bei den zu­stän­di­gen Un­ter­su­chungs­be­hör­den noch bei den Uni­spi­tä­lern in Zü­rich, Genf oder Ba­sel ein­seh­bar. Die Eid­ge­nös­si­sche Zoll­ver­wal­tung (EZV) gab auf An­fra­ge be­kannt, dass sie noch über kei­ne be­last­ba­ren Zah­len ver­fü­ge. Letz­tes Jahr sei­en aber die in­ter­nen Vor­schrif­ten an­ge­passt und ein ver­bes­ser­tes Con­trol­ling ein­ge­führt wor­den. Der Wal­li­ser Fall als schweiz­wei­ter Weck­ruf?

Ri­si­ken der Über­wa­chung

Auch die Schwei­ze­ri­sche Aka­de­mie der Me­di­zi­ni­schen Wis­sen­schaf­ten (SAMW) sah sich nach dem Wal­li­ser Fall zum Han­deln ver­an­lasst. Sie hat ih­re Richt­li­ni­en zur «Aus­übung der ärzt­li­chen Tä­tig­keit bei in­haf­tier­ten Per­so­nen» er­gänzt. Da­mit will sie Ärz­ten ei­nen Leit­fa­den zur me­di­zi­ni­schen Be­treu­ung von Per­so­nen mit mut­mass­li­chem Bo­dy­packing bie­ten. Die Richt­li­ni­en sind Teil der Stan­des­ord­nung der FMH und da­mit für Ärz­te ver­bind­lich, wie Yvon­ne Gil­li, Mit­glied der Zen­tra­len Ethik­ko­mis­si­on der SAMW und des Zen­tral­vor­stands der Ver­bin­dung der Schwei­zer Ärz­tin­nen und Ärz­ten (FMH), be­stä­tigt. Doch nicht al­le Spi­tä­ler hal­ten sich dar­an. Denn drei Emp­feh­lun­gen ber­gen Kon­flikt­po­ten­zi­al: Der Pa­ti­ent soll im Spi­tal rund um die Uhr me­di­zi­nisch über­wacht wer­den, al­so nicht im Un­ter­su­chungs­ge­fäng­nis un­ter­ge­bracht wer­den. Ein Arzt kann ein von der Un­ter­su­chungs­be­hör­de an­ge­ord­ne­tes CT ver­wei­gern. Und der Ex­per­te, der mit den Be­hör­den ko­ope­riert, darf den Pa­ti­en­ten an­schlies­send nicht be­han­deln.

Der Grund, war­um Bo­dy­packer im Spi­tal rund um die Uhr über­wacht wer­den sol­len, ist das gros­se Ri­si­ko, dem sie sich aus­set­zen. Wenn ein Fin­ger­ling ei­nen Riss be­kommt, zählt je­de Mi­nu­te. Die Ärz­te müs­sen ei­ne No­tope­ra­ti­on ein­lei­ten. Im Kan­ton Genf ist das mög­lich: Hier über­wa­chen in der Ge­fäng­nis­me­di­zi­ni­schen Ab­tei­lung des Uni­spi­tals Genf gleich­zei­tig Ärz­te und Straf­voll­zugs­per­so­nal den Bo­dy­packer. Pro Mo­nat wer­den rund zwei bis drei Per­so­nen mit le­bens­ge­fähr­li­cher Fracht im Darm be­han­delt. Die Fin­ger­lin­ge sind oft pro­fes­sio­nell ver­packt und ent­spre­chend sta­bil. Trotz­dem schätzt der Chef­arzt der Ge­fäng­nis­me­di­zi­ni­schen Ab­tei­lung, Hans Wolff, das Ri­si­ko, Pa­ti­en­ten aus­ser­halb des Spi­tals zu be­han­deln, als zu hoch ein: «Ich weiss von zwei Per­so­nen, die nicht von An­fang an In­to­xi­ka­ti­ons­er­schei­nun­gen zeig­ten und spä­ter ge­stor­ben wä­ren, wenn sie nicht im Kran­ken­haus über­wacht wor­den wä­ren.» Er sagt aber auch: «Mir ist be­kannt, dass dies in der Schweiz an ei­ni­gen Or­ten noch im­mer nicht ge­macht wird.»

Zum Bei­spiel in Zü­rich. Hier kom­men Bo­dy­packer ent­we­der ins Spi­tal oder ins Un­ter­su­chungs­ge­fäng­nis – je nach kör­per­li­cher Ver­fas­sung. Spä­te­re Ver­le­gun­gen sind mög­lich. Ste­fan Ober­lin, Me­dien­spre­cher der Kan­tons­po­li­zei Zü­rich, hält die­ses Vor­ge­hen für un­pro­ble­ma­tisch: «Auch im Ge­fäng­nis wird die me­di­zi­ni­sche Über­wa­chung durch re­gel­mäs­si­ge Arzt­vi­si­ten si­cher­ge­stellt.» Ähn­lich in Ba­sel. Das Uni­ver­si­täts­spi­tal Ba­sel hat ei­ne Lang­zeit­stu­die zur Über­wa­chung von Bo­dy­packern aus­ser­halb des Spi­tals er­stellt. Laut Ro­land Bin­gis­ser, Chef­arzt Not­fall­zen­trum des Uni­ver­si­täts­spi­tals Ba­sel, zeigt die­se, dass es in den letz­ten zehn Jah­ren kei­ne Kom­pli­ka­tio­nen gab. Auch im Ge­fäng­nis kön­ne ei­ne Per­son al­le zwei St­un­den über­wacht wer­den, so Bin­gis­ser wei­ter.

Un­ver­ständ­nis bei Be­hör­den

Wie wer­den Bo­dy­packer ent­larvt? In Zü­rich, wo die Kan­tons­po­li­zei die Kon­trol­le am Flug­ha­fen über­nimmt, hel­fen den Be­am­ten Er­fah­rungs­wer­te. So wird bei Flü­gen aus ge­wis­sen Des­ti­na­tio­nen – al­len vor­an Süd­ame­ri­ka, ein­ge­hend kon­trol­liert. Dro­gen­wisch­tests hel­fen zu­dem, ers­te Spu­ren zu fin­den. Um den Ver­dacht zu be­stä­ti­gen, muss bei der Staats­an­walt­schaft ein Rönt­gen­bild oder ein Lo­wDo­se-CT be­an­tragt wer­den. Am bes­ten sicht­bar wer­den die Fin­ger­lin­ge bei ei­nem CT, das Rönt­gen­strah­len auf dem Com­pu­ter zu ei­nem Schnitt­bild oder ei­nem drei­di­men­sio­na­len Bild ver­ar­bei­tet. Kos­ten­punkt: rund 300 bis 400 Fran­ken. Ein Rönt­gen­bild ist güns­ti­ger. Die Rech­nung geht in der Re­gel an die Zoll­ver­wal­tung, in Zü­rich an die kan­to­na­le Un­ter­su­chungs­be­hör­de.

Wenn die Un­ter­su­chungs­be­hör­de ein CT an­ord­net, heisst das noch nicht, dass es au­to­ma­tisch durch­ge­führt wird. Der Arzt darf es ver­wei­gern. Das sorgt für Kon­flik­te zwi­schen Ärz­ten und Be­hör­den. Die Richt­li­ni­en der SAMW be­to­nen, dass der Pa­ti­ent das CT ab­leh­nen darf. Wenn es der Arzt zu­dem als un­ver­hält­nis­mäs­sig er­ach­tet, den Pa­ti­en­ten da­zu zu zwin­gen, muss er die Dia­gnos­tik nicht durch­füh­ren. Gil­li er­läu­tert: «Der Arzt ent­schei­det, ob das Ri­si­ko für den Pa­ti­en­ten zu gross ist. Er ist nicht ver­pflich­tet, ein CT durch­zu­füh­ren, weil der Nach­weis auch durch Über­wa­chung ge­währ­leis­tet ist.» Das stösst bei Be­hör­den nicht im­mer auf Ver­ständ­nis, wie der Bas­ler Chef­arzt Bin­gis­ser er­klärt: «Lei­der kommt es ge­le­gent­lich vor, dass die Be­am­ten nicht ver­ste­hen, dass der Arzt in ei­ner Si­tua­ti­on oh­ne ho­hes Ri­si­ko auf­grund der Wei­ge­rung des Pa­ti­en­ten kein CT an­ord­nen kann. Das Ver­ständ­nis, dass die per­sön­li­chen Rech­te auch bei die­ser höchst vul­nera­blen Grup­pe ge­wahrt blei­ben müs­sen, ist nicht über­all vor­han­den.» So wur­den in ei­ni­gen Zen­tren be­reits CT ge­gen den Wil­len des Pa­ti­en­ten und un­ter Voll­nar­ko­se durch­ge­führt. Die SAMW lehnt dies klar ab. Die Al­ter­na­ti­ve klingt ein­fach:ab­war­ten.DieAus­schei­dun­gen­wer­den mit­tels spe­zi­el­ler Toi­let­ten kon­trol­liert, bis sich der Ver­dacht be­stä­tigt oder wi­der­legt hat. Da­durch muss der mut­mass­li­che Bo­dy­packer je­doch bis zu ei­ner Wo­che kon­trol­liert wer­den.

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