Zit­tern um den Schwei­zer Bot­schaf­ter

Bra­si­lia­ni­sche Stadt­gue­ril­le­ros las­sen den ent­führ­ten Gio­van­ni En­ri­co Bu­cher im Ja­nu­ar 1971 frei

Neue Zurcher Zeitung - - SCHWEIZ - JÜRG LEH­MANN

Um 70 po­li­ti­sche Ge­fan­ge­ne frei­zu­pres­sen, ent­füh­ren Stadt­gue­ril­le­ros in Rio de Janei­ro den Schwei­zer Di­plo­ma­ten Bu­cher. Nach 40 Ta­gen en­det der Ner­ven­krieg. Am 7. De­zem­ber 1970 lässt sich der Schwei­zer Bot­schaf­ter Gio­van­ni En­ri­co Bu­cher wie üb­lich ge­gen 8 Uhr 45 in Rio de Janei­ro in sei­ner Re­si­denz ab­ho­len. Doch auf der Fahrt zur Bot­schaft wird sein blau­er Buick plötz­lich vor­ne und hin­ten von zwei Au­tos blo­ckiert, die Wa­gen­tü­re wird auf­ge­ris­sen, ei­ne Stim­me be­fiehlt: «Das ist ei­ne Ent­füh­rung, kom­men Sie so­fort her­aus!» Bu­cher ge­horcht und steigt in ei­nen ro­ten VW, der so­gleich da­von­rast. Man setzt ihm ei­ne Bril­le auf und ver­dun­kelt sei­ne Au­gen mit Wat­te. Am Tat­ort wer­den Flug­blät­ter zu­rück­ge­las­sen, auf de­nen sich die links­re­vo­lu­tio­nä­re Na­tio­na­le Be­frei­ungs­al­li­anz (ALN) als Ur­he­be­rin der Ent­füh­rung ou­tet. Der Chauf­feur Bu­chers kommt mit dem Schre­cken da­von. Ein bra­si­lia­ni­scher Agent, der zum Schutz des Schwei­zer Bot­schaf­ters im Wa­gen mit­ge­fah­ren ist, wird nie­der­ge­schos­sen. Der Mann stirbt drei Ta­ge spä­ter an sei­nen Ver­let­zun­gen. Der Bun­des­rat über­weist der Wit­we 25 000 Fran­ken.

De­als mit der Mi­li­tär­jun­ta

Tau­sen­de von Po­li­zis­ten, der Ge­heim­dienst und das Mi­li­tär ma­chen nach dem Über­fall Jagd auf die Ent­füh­rer, durch­su­chen Häu­ser und neh­men Ver­haf­tun­gen vor. Aber Bu­cher ist un­auf­find­bar. Im auf­ge­wühl­ten Bun­des­bern schal­tet man in den Kri­sen­mo­dus. Der Bun­des­rat for­dert von der bra­si­lia­ni­schen Mi­li­tär­jun­ta, al­les zu tun, um Bu­cher zu ret­ten. Sie schickt Bot­schaf­ter Max Fel­ler von Lu­xem­burg nach Rio de Janei­ro, um den Pos­ten in­te­ri­mis­tisch zu über­neh­men, und or­ga­ni­siert in Bern und Bra­si­li­en ei­nen Prä­senz­dienst rund um die Uhr.

Der 57-jäh­ri­ge Bu­cher ist nicht das ers­te Di­plo­ma­ten­op­fer in Bra­si­li­en. 1969 ent­führt die Stadt­gue­ril­la den ame­ri­ka­ni­schen Bot­schaf­ter El­brick, im Ju­ni 1970 den ja­pa­ni­schen Kon­sul Oku­chi und im Sep­tem­ber den deut­schen Bot­schaf­ter von Hol­le­ben. Al­le drei kom­men nach kur­zer Zeit im Aus­tausch ge­gen po­li­ti­sche Ge­fan­ge­ne frei. Max Fel­ler te­le­fo­niert nach Bern, die Bra­si­lia­ner hät­ten «pa­ni­sche Angst» da­vor, dass auch ihm et­was zu­stos­sen könn­te. Sei­ne Schlaf­stät­te wer­de «her­me­tisch ab­ge­rie­gelt», al­lein der Zu­gang zum Bot­schafts­lift von elf Mi­li­tär­po­li­zis­ten be­wacht, und Be­su­cher wür­den kon­se­quent ab­ge­wie­sen.

In Bra­si­li­en herrscht seit 1964 ei­ne Mi­li­tär­dik­ta­tur un­ter Prä­si­dent Emi­lio Gar­ras­ta­zu Me­di­ci. Sie ver­folgt Op­po­si­tio­nel­le im Land gna­den­los, setzt sie zu Tau­sen­den in Ge­fäng­nis­sen fest und fol­tert sie. Die Gei­seln der Stadt­gue­ril­la ver­tre­ten Staa­ten, die mit der Mi­li­tär­jun­ta aus­ge­dehn­te wirt­schaft­li­che Be­zie­hun­gen pfle­gen und da­mit als de­ren Kom­pli­zen gel­ten. Die Schweiz wird da­zu­ge­rech­net.

Bu­cher weiss um sei­ne Ge­fähr­dung. Doch ob­schon er En­de 1969 Mord­dro­hun­gen er­hal­ten hat, be­schwert er sich im Ja­nu­ar 1970 dar­über, dass er «Tag und Nacht» von ei­nem «Go­ril­la» be­wacht wer­de, und ver­langt von den Bra­si­lia­nern, dass die­se Form des Per­so­nen­schut­zes auf­hö­re. Nach Bu­chers Ent­füh­rung kann die Schweiz nun von den Er­fah­run­gen Deutsch­lands pro­fi­tie­ren. Bonn warnt Bern vor ei­ner mög­li­chen Ver­här­tung des Kon­flikts zwi­schen Jun­ta und Stadt­gue­ril­la.

Tat­säch­lich ge­hen die Ent­füh­rer mit dem Schwei­zer Bu­cher mehr Ri­si­ko ein. Sie ver­lan­gen nicht nur die Frei­las­sung von 70 po­li­ti­schen Ge­fan­ge­nen (mehr als je zu­vor), son­dern auch die Ver­öf­fent­li­chung ei­nes Ma­ni­fests mit kon­kre­ten For­de­run­gen. Un­ter­zeich­net hat die Mit­tei­lung die Van­guar­da Po­pu­lar Re­vo­lu­cio­na­ria (VPR). Bu­cher sel­ber darf mit Brie­fen Le­bens­zei­chen von sich ge­ben, die un­ter an­de­rem in Kir­chen de­po­niert wer­den. Er wird gut be­han­delt, lei­det aber un­ter der Hit­ze im en­gen Zim­mer. Er hört Mu­sik von Jo­an Ba­ez, liest Kri­mis von Aga­tha Chris­tie und spielt mit sich selbst Kar­ten. Er kämpft mit Ma­gen­und Au­gen­pro­ble­men. Die Ge­sich­ter sei­ner Be­wa­cher sieht er nie, die­se tra­gen schwar­ze Ka­pu­zen.

«Gi­an­ri­co», wie ihn sei­ne Freun­de nen­nen, ist – nach Sta­tio­nen in In­di­en, Eu­ro­pa, Afri­ka und dem Mitt­le­ren Os­ten – seit 1965 Bot­schaf­ter in Bra­si­li­en. Der Ju­rist ist Jung­ge­sel­le und Le­be­mann, ver­kehrt in den Klubs von Rio, liebt Whis­ky und raucht täg­lich 120 Zi­ga­ret­ten. Bil­der zei­gen ihn et­wa in Ba­de­ho­se und Son­nen­bril­le auf ei­ner Se­gel­jacht. Die Fa­mi­lie be­sitzt ein Lu­xus­ho­tel in Bel­lagio am Co­mer­see, das sein Bru­der Rue­di führt. Die Bot­schafts­an­ge­stell­ten mö­gen ih­ren Chef.

Rück­kehr im Ta­xi

Die Ver­hand­lun­gen mit den Ent­füh­rern ent­wi­ckeln sich zu ei­nem wo­chen­lan­gen Ner­ven­krieg. Die Jun­ta geht le­dig­lich auf den Aus­tausch der po­li­ti­schen Ge­fan­ge­nen ein. Sie ver­langt von den Ent­füh­rern zu­dem, auf der von ih­nen vor­ge­leg­ten Na­men­lis­te ei­ni­ge Per­so­nen aus­zu­tau­schen, weil es sich nicht um po­li­ti­sche Ge­fan­ge­ne, son­dern um «Kri­mi­nel­le» hand­le. Die VPR wei­gert sich zu­nächst, droht gar, Bu­cher zu er­schies­sen, wil­ligt aber am En­de doch ein. Max Fel­ler mel­det dra­ma­ti­sche Mo­men­te nach Bern.

Am 14. Ja­nu­ar 1971 wer­den schliess­lich die 70 von den Stadt­gue­ril­le­ros frei­ge­press­ten Per­so­nen, un­ter ih­nen der schwei­ze­risch-bra­si­lia­ni­sche Dop­pel­bür­ger und Stu­den­ten­füh­rer Je­an Marc von der Weid, nach Chi­le aus­ge­flo­gen. Erst 48 St­un­den spä­ter kommt Bot­schaf­ter Bu­cher frei. Die Ent­füh­rer wol­len ver­hin­dern, dass man sie auf­spürt.

Am 16. Ja­nu­ar 1971, kurz nach 6 Uhr, klin­gelt Bu­cher am Haus von Bot­schafts­rat Wil­li­am Roch. Er trägt das glei­che Hemd wie am Tag der Ent­füh­rung, da­zu ei­ne graue Ho­se. Das Di­enst­mäd­chen hat Angst und wagt es nicht, die Tü­re zu öff­nen. Nach ein paar Mi­nu­ten er­scheint Roch im Py­ja­ma im Tür­rah­men. Er er­kennt den Bot­schaf­ter und schliesst ihn wei­nend in die Ar­me. Kurz dar­auf kommt Max Fel­ler, auch er im Py­ja­ma, aus dem Haus und be­grüsst den Kol­le­gen. Die Kid­nap­per ha­ben den Di­plo­ma­ten zu­vor im Nor­den Ri­os ab­ge­setzt und ihm ein­ge­schärft, zehn Mi­nu­ten an Ort und Stel­le zu ver­har­ren. Bu­cher tut wie ver­langt, sucht an­schlies­send ein Ta­xi und lässt sich zum Haus von Roch brin­gen. Der Fah­rer ahnt nicht, wer sein Pas­sa­gier ist, ob­schon Bu­chers Ge­sicht stän­dig in den Me­di­en prä­sent ist.

Nach ei­ner Tas­se Kaf­fee fährt Roch Bu­cher zur Re­si­denz des Bot­schaf­ters, wo des­sen Schwes­ter und ein Heer von Jour­na­lis­ten und Fo­to­gra­fen seit zwei Ta­gen und zwei Näch­ten auf den Frei­ge­las­se­nen war­ten. Er gibt ein kur­zes State­ment ab, be­dankt sich bei den bra­si­lia­ni­schen Be­hör­den und äus­sert sein Be­dau­ern über den Tod des Agen­ten bei der Gei­sel­nah­me. Am Tag dar­auf schil­dert er vor den Me­di­en sei­ne Ent­füh­rung und die Ge­fan­gen­schaft aus­führ­lich. Nach ei­nem Er­ho­lungs­auf­ent­halt in der Hei­mat kehrt Bu­cher noch ein­mal nach Bra­si­li­en zu­rück, wird dann aber im Sep­tem­ber 1971 Bot­schaf­ter in Ja­pan.

PHOTOPRESS-ARCHIV / KEYSTONE

Gio­van­ni En­ri­co Bu­cher auf dem Flug­ha­fen Genf, auf­ge­nom­men am 23. Ja­nu­ar 1971.

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