Ein neu­er An­lauf un­ter bes­se­rem Stern?

Das Zeit­fens­ter für ei­nen Frei­han­dels­ver­trag der Schweiz mit den USA steht of­fen – doch es braucht Kon­zes­sio­nen bei der Land­wirt­schaft

Neue Zurcher Zeitung - - WIRTSCHAFT - NICOLE RÜTTI

Es war ei­ne pe­ni­ble Ge­schich­te, als die Schweiz letzt­mals mit den USA die Mög­lich­keit ei­nes Frei­han­dels­ab­kom­mens aus­lo­te­te: Die Übung wur­de An­fang 2006 nach we­ni­gen Mo­na­ten ab­ge­bro­chen. Haupt­ur­sa­che war die Be­din­gung der USA, dass auch für landwirtschaftliche Pro­duk­te die Zoll­schran­ken fal­len soll­ten. Un­ter dem Druck der Bau­ern­lob­by knick­te der Bun­des­rat ein. Drei­zehn Jah­re spä­ter scheint zwi­schen den bei­den Län­dern wie­der­um so et­was wie Tau­wet­ter zu herr­schen. Auf­mun­tern­de Wor­te des US-Bot­schaf­ters Ed McMul­len («Ein Frei­han­dels­ab­kom­men wä­re ei­ne gu­te Sa­che») ha­ben je­den­falls der Schweiz in den zu­rück­lie­gen­den Mo­na­ten Mut für ei­nen wei­te­ren Vor­stoss ge­ge­ben. Selbst SVP-Po­li­ti­ker wie Mag­da­le­na Mar­tul­lo-Blo­cher spre­chen sich für ein Frei­han­dels­ab­kom­men mit den USA aus; al­ler­dings soll die Land­wirt­schaft als Ge­gen­stand der «na­tio­nal se­cu­ri­ty» aus­ge­klam­mert wer­den.

Schwie­ri­ge Ge­sprä­che

Nach­dem der Stän­de­rat grü­nes Licht für Ge­sprä­che über ein Frei­han­dels­ab­kom­men oder zu­min­dest ein Prä­fe­renz­ab­kom­men er­teilt hat, lau­fen die Vor­ab­klä­run­gen mit den Ame­ri­ka­nern auf Hoch­tou­ren. Doch die ex­plo­ra­ti­ven Ge­sprä­che ge­stal­ten sich of­fen­bar schwie­rig. Dass der US-Prä­si­dent den dies­jäh­ri­gen Be­such des Welt­wirt­schafts­fo­rums (WEF) in Da­vos ab­ge­sagt hat, ist für die Schweiz ein wei­te­rer Rück­schlag. Be­reits An­fang De­zem­ber schei­ter­te der Plan des da­ma­li­gen Wirt­schafts­mi­nis­ters Jo­hann Schnei­der-Am­mann, beim Be­such in Washington den US-Chef­un­ter­händ­ler Ro­bert Light­hi­zer zu tref­fen. Statt­des­sen muss­te er sich mit sei­nem Stell­ver­tre­ter be­gnü­gen.

Auch in­nen­po­li­tisch ist die Sa­che kei­nes­wegs un­pro­ble­ma­tisch. Der Wi­der­stand der Bau­ern­lob­by ge­gen­über ei­ner Markt­öff­nung hat in den zu­rück­lie­gen­den Jah­ren je­den­falls nicht ab­ge­nom­men. Im Ge­gen­teil: Be­trach­tet man die ge­häs­si­gen Re­ak­tio­nen des Bau­ern­ver­ban­des auf die vom Bun­des­rat prä­sen­tier­te Agrar­re­form 22+ oder auf die lau­fen­den Ver­hand­lun­gen mit den süd­ame­ri­ka­ni­schen Mer­co­sur-Län­dern, Die Land­wirt­schafts­po­li­tik scheint die Ab­wehr­hal­tung zu­ge­nom­men zu ha­ben. In ei­nem Interview liess Mar­kus Rit­ter, Prä­si­dent des Bau­ern­ver­ban­des, be­reits durch­bli­cken, dass er ei­nem sol­chen Vor­ha­ben nicht viel ab­ge­win­nen kann: Die Schweiz ha­be in Be­zug auf Tier­schutz, Um­welt­ver­träg­lich­keit und Gen­tech­nik im Le­bens­mit­tel­sek­tor «hö­he­re Stan­dards und Er­war­tun­gen» als die USA, er­klär­te er ge­gen­über der «Bas­ler Zei­tung». Er warnt schon ein­mal prä­ven­tiv vor ei­nem Ab­kom­men, das die «Schwei­zer Agrar­po­li­tik oder un­se­re ho­he Le­bens­mit­tel­si­cher­heit» in­fra­ge stel­len wür­de. Geht es nach dem Bau­ern­prä­si­den­ten, darf die Schweiz kei­ne Zu­ge­ständ­nis­se bei sen­si­ti­ven Land­wirt­schafts­pro­duk­ten ma­chen. Kon­zes­sio­nen sieht Rit­ter höchs­tens bei Mee­res­früch­ten oder Süd­früch­ten, die in der Schweiz kaum vor­kom­men.

Aus­ge­spro­chen zu­ver­sicht­lich ge­stimmt ist Mar­tin Na­vil­le, der sich als Di­rek­tor der Schwei­ze­risch-Ame­ri­ka­ni­schen Han­dels­kam­mer be­reits vor drei­zehn Jah­ren für ein Ab­kom­men mit den USA stark­ge­macht hat. An­ders als 2006 sei auf ame­ri­ka­ni­scher Sei­te ein re­la­tiv gros­ser Prag­ma­tis­mus spür­bar. Es sei zwar klar, dass man das The­ma Land­wirt­schaft nicht voll­stän­dig von den Ver­hand­lun­gen aus­schlies­sen kön­ne. Doch auch die Schwei­zer Bau­ern hät­ten ge­merkt, dass sie sich nicht al­les leis­ten könn­ten. In­so­fern stuft Na­vil­le die Si­tua­ti­on als deut­lich bes­ser ein als vor drei­zehn Jah­ren. Die Schweiz ge­nies­se in den USA gros­se Sym­pa­thi­en.

Al­ler­dings stellt sich sei­ner An­sicht nach die Fra­ge, wel­che Prio­ri­tä­ten die Ame­ri­ka­ner ei­nem Frei­han­dels­ab­kom­men mit der Schweiz ein­räu­men. Das da­für zu­stän­di­ge U.S. Tra­de Re­pre­sen­ta­ti­ve Of­fice sei der­zeit von sehr vie­len The­men be­an­sprucht: an­ge­fan­gen beim Han­dels­kon­flikt mit Chi­na, über di­ver­se Han­dels­em­bar­gos und Mass­nah­men ge­gen Iran, Russ­land oder Nord­ko­rea bis hin zu Neu­ver­hand­lun­gen mit Ja­pan, der EU und Grossbritannien. Das zwei­te Fra­ge­zei­chen Na­vil­les gilt der Neu­be­set­zung des für die Ver­hand­lun­gen mit den Ame­ri­ka­nern zu­stän­di­gen Wirt­schafts­de­par­te­ments. Bei Guy Par­me­lin ha­be er zwar ein gu­tes Ge­fühl, er­klärt der Di­rek­tor der Han­dels­kam­mer. Er sei wirt­schafts­und ame­ri­ka­freund­lich. Doch man wis­se nicht, wel­chen Stel­len­wert Par­me­lin ei­nem sol­chen Vor­ha­ben bei­mes­se.

Die Schweiz ist der sechst­gröss­te Di­rekt­in­ves­tor in den USA, und hie­si­ge Fir­men ha­ben dort gut­be­zahl­te Ar­beits­plät­ze ge­schaf­fen, be­trei­ben For­schung und Ent­wick­lung. Dies macht das Land auch für den bin­nen­ori­en­tier­ten Gross­staat zu ei­nem in­ter­es­san­ten Part­ner. Al­ler­dings ran­giert die klei­ne Volks­wirt­schaft un­ter den wich­tigs­ten Ex­port­märk­ten der USA gera­de ein­mal auf Platz 17. Auch das Ein­spar­po­ten­zi­al bei den Zöl­len ist be­schränkt. US-Ex­por­teu­re zah­len hier­zu­lan­de et­wa 36 Mio. Fr. Zoll pro Jahr. Bei den Schwei­zer Ex­por­teu­ren, die ih­re Wa­ren nach Ame­ri­ka aus­füh­ren, sind es um­ge­kehrt im­mer­hin knapp 300 Mio. Fr. Wäh­rend die Zoll­sät­ze für In­dus­trie­gü­ter auf bei­den Sei­ten aus­ge­spro­chen nied­rig sind, sieht die Si­tua­ti­on bei den land­wirt­schaft­li­chen Pro­duk­ten an­ders aus: Die Schweiz schützt ih­ren Agrar­markt mit pro­hi­bi­tiv ho­hen Zöl­len. Ent­spre­chend führt die hie­si­ge Volks­wirt­schaft drei­mal mehr landwirtschaftliche Gü­ter in die USA ein als die USA in die Schweiz. Es wä­re na­iv, da­von aus­zu­ge­hen, dass die Re­gie­rung Trump in die­sem Be­reich kei­ne Zu­ge­ständ­nis­se ein­for­dern wird.

Le­bens­ver­si­che­rung für Fir­men

Im Ge­gen­zug wä­re ein Frei­han­dels­ver­trag mit den USA für die Schweiz ein si­gni­fi­kan­ter Schritt – nicht zu­letzt mit Blick auf die lau­fen­den Ge­sprä­che zwi­schen den USA und Eu­ro­pa, die ih­ren Han­dels­dis­put mit ei­nem Ab­kom­men be­en­den wol­len. Ein Frei­han­dels­ver­trag kä­me in den Wor­ten Na­vil­les ei­ner Art Le­bens­ver­si­che­rung gleich: Er wür­de Schwei­zer Ex­por­teu­re da­vor be­wah­ren, ge­gen­über ih­ren eu­ro­päi­schen Kon­kur­ren­ten ins Hin­ter­tref­fen zu ge­ra­ten.

An­de­rer­seits wür­de ein sol­ches Ab­kom­men auch den Druck auf die EU er­hö­hen, sich mit den USA zu ei­ni­gen. Es hät­te für Trump aber auch sym­bo­lisch ei­nen ho­hen Wert, wie Na­vil­le aus­führt. Der als Pro­tek­tio­nist ver­schrie­ne USPrä­si­dent könn­te da­mit zei­gen, dass er durch­aus in der La­ge ist, mit ei­nem klei­nen Land wie der Schweiz ei­nen Win­win-Ver­trag ab­zu­schlies­sen. Al­ler­dings sagt der USA-Ex­per­te war­nend: Falls sich lang­wie­ri­ge Ge­sprä­che mit un­zäh­li­gen Ver­hand­lungs­run­den ab­zeich­nen soll­ten, wür­den die Ame­ri­ka­ner schnell ab­win­ken. Die USA woll­ten et­was Prag­ma­ti­sches, und das mög­lichst schnell.

CHRIS­TI­AN BEUTLER / NZZ

ist ei­ne ho­he Hür­de für ein Frei­han­dels­ab­kom­men mit den USA.

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