Ei­ne Ber­ne­rin bie­tet den Gen­fer Ban­ken die Stirn

Nicole Cur­ti hat die Schwei­zer Fi­lia­le des Fi­nanz­hau­ses St­anho­pe Ca­pi­tal auf­ge­baut – die Fi­nanz­kri­se ent­pupp­te sich da­bei als Glücks­fall

Neue Zurcher Zeitung - - WIRTSCHAFT - AN­TO­NIO FUMAGALLI, GENF Nicole Cur­ti COO St­anho­pe Ca­pi­tal

Dru­cker­an­schlüs­se und Bü­ro­mö­bel – wenn man mit Ver­mö­gen in der Hö­he von meh­re­ren Dut­zend Mil­lio­nen Fran­ken zu tun hat, muss man sich in der Re­gel nicht um sol­che Din­ge küm­mern. Bei Nicole Cur­ti, der ope­ra­ti­ven Che­fin (COO) von St­anho­pe Ca­pi­tal, war das an­ders. Als sie vom bri­ti­schen Mut­ter­haus den Auf­trag er­hielt, ei­ne Gen­fer Fi­lia­le auf­zu­bau­en und zu lei­ten, star­te­te sie von Grund auf, was von der Per­so­nal­su­che über die Kun­den­ak­qui­se bis hin zur Ein­rich­tung der Ar­beits­plät­ze so ziem­lich al­les um­fass­te.

Das war im Jahr 2008, als die Welt­wirt­schaft gera­de den hef­tigs­ten Sturm seit Jahr­zehn­ten durch­leb­te. In ei­ner solch tur­bu­len­ten Zeit ei­nen neu­en Fi­nanz­ak­teur auf­zu­bau­en, wirkt auf den ers­ten Blick wie ein Va­ban­que­spiel. Cur­ti hin­ge­gen ist über­zeugt, dass der Mo­ment bes­ser nicht hät­te sein kön­nen. «Die Fi­nanz­kri­se war unser Glück», sagt sie heu­te. Spä­tes­tens die Leh­man-Plei­te ha­be ge­zeigt, dass auch ein gros­ser Na­me nicht vor dem Un­ter­gang schüt­ze. Vie­le Ver­mö­gen­de hät­ten ihr Geld des­halb al­ter­na­ti­ven An­bie­tern an­ver­traut, so auch dem Fi­nanz­haus St­anho­pe Ca­pi­tal.

Der un­ab­hän­gi­ge Ver­mö­gens­ver­wal­ter ver­sucht sich von den klas­si­schen Ban­ken ab­zu­he­ben. Die­se woll­ten letzt­lich die haus­ei­ge­nen Pro­duk­te ver­kau­fen, um die Er­trä­ge zu stei­gern, sagt Cur­ti. Das fi­nan­zi­el­le Wohl der Kun­den ste­he für sie erst an zwei­ter Stel­le; «ent­we­der man ver­kauft – oder man be­rät». St­anho­pe bie­te kei­ne ei­ge­nen Fonds an, son­dern pi­cke sich die ge­eig­nets­ten An­ge­bo­te her­aus. Ne­ben den Leis­tungs­da­ten und der Kom­pe­tenz sei da­bei vor al­lem ein Kri­te­ri­um ent­schei­dend: dass der Le­ad-Ma­na­ger ei­ge­nes Geld in den ent­spre­chen­den Fonds in­ves­tie­re. Nur da­mit sei ein mög­lichst un­ab­hän­gi­ges In­vest­ment ga­ran­tiert, meint Cur­ti.

St­anho­pe Ca­pi­tal hat sich ins­be­son­de­re auf ver­mö­gen­de Fa­mi­li­en spe­zia­li­siert, die min­des­tens 10 Mio. $ mit­brin­gen. Da­mit hat­te man Er­folg. Die Grup­pe, die zu­sätz­lich über Stand­or­te in Lon­don, Paris und Jer­sey ver­fügt, hat die Sum­me al­ler ver­wal­te­ten Ver­mö­gen seit 2008 von 3 auf 11 Mrd. $ ge­stei­gert. Der Schwei­zer Stand­ort hat da­zu bei­ge­tra­gen – in wel­chem Um­fang, wird nicht aus­ge­wie­sen.

Als Cur­ti vor zehn Jah­ren die Gen­fer Fi­lia­le auf­zu­bau­en be­gann, war sie erst 31 Jah­re alt. Die ge­bür­ti­ge Ber­ne­rin hat­te zu die­sem Zeit­punkt aber be­reits ei­ne be­acht­li­che Ban­king-Kar­rie­re hin­ter sich, ob­wohl ur­sprüng­lich nicht viel dar­auf hin­deu­te­te. Sie stammt aus ei­ner Me­di­zi­ner-Fa­mi­lie, stu­dier­te Po­li­to­lo­gie in Lau­sanne und in­ter­es­sier­te sich auch für ent­wick­lungs­po­li­ti­sche The­men. Ei­nes Ta­ges sag­te dann Ric­car­do Gul­lot­ti, frü­he­rer Kuo­ni-Chef und Fa­mi­li­en­freund der Cur­tis, dass er sie «bei ei­ner Bank se­he». Er liess sei­ne Be­zie­hun­gen spie­len und or­ga­ni­sier­te ihr ein Prak­ti­kum bei Lom­bard Odier. Cur­ti über­zeug­te in der kur­zen Zeit der­art, dass die Gen­fer Pri­vat­bank ihr ein Aus­bil­dungs­pro­gramm für die Zeit nach dem Stu­di­um an­bot, ob­wohl die­ses noch längst nicht be­en­det war.

Cur­ti klet­ter­te im Team, das sich um wich­ti­ge Kun­den küm­mert, die Kar­rie­re­lei­ter hoch, nicht oh­ne manch­mal un­üb­li­che We­ge zu be­schrei­ten. Statt wie vie­le Kol­le­gen ei­ne be­rufs­be­glei­ten­de Weiterbildung zu be­su­chen, nahm sie sich ei­ne zwei­jäh­ri­ge Aus­zeit für ein Ma­nage­ment-Stu­di­um in Bar­ce­lo­na. Dort ha­be sie in ei­ner mul­ti­kul­tu­rel­len Ar­beits­grup­pe ge­lernt, «mit Leu­ten um­zu­ge­hen, die an­ders den­ken», was ihr heu­te noch zu­gu­te­kom­me. Nicht zu­letzt konn­te Cur­ti ihr Spa­nisch auf­bes­sern und da­mit die Lis­te der Spra­chen ver­län­gern, die sie flies­send spricht. Als Toch­ter ei­nes Tes­si­ners sei ihr das Ita­lie­ni­sche auf den Weg ge­ge­ben wor­den, Gym­na­si­um und Stu­di­um ha­be sie in der Ro­man­die ab­sol­viert, und Eng­lisch müs­se man im Bu­si­ness-Um­feld oh­ne­hin be­herr­schen, er­zählt sie in brei­tem Bern­deutsch.

Cur­tis Un­ter­neh­men ist schnell ge­wach­sen, der Gen­fer Ab­le­ger von St­anho­pe Ca­pi­tal be­schäf­tigt heu­te 16 Mit­ar­bei­ter. Da­ne­ben hat sie noch ei­ne «zwei­te Fir­ma», wie sie es nennt – ih­re Fa­mi­lie. Die 42-Jäh­ri­ge ist Mut­ter von drei Kin­dern. Die Bu­si­ness-Ter­mi­no­lo­gie kommt nicht von un­ge­fähr, denn das Fa­mi­li­en­le­ben will trotz Mit­hil­fe ei­ner Nan­ny gut or­ga­ni­siert sein. Sie ver­su­che da­bei, ih­rem Nach­wuchs auch das Le­ben jen­seits des west­li­chen Wohl­stands zu zei­gen. Zum Bei­spiel bei Be­su­chen in Ka­me­run, dem Her­kunfts­land ih­res Man­nes, wo sie auch Ge­sund­heits­pro­jek­te un­ter­stützt. Es kön­ne nicht scha­den, wenn Kin­der mit ei­ge­nen Au­gen sä­hen, dass ver­meint­li­che Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten wie flies­sen­des Was­ser noch längst nicht über­all an­ge­kom­men sind, sagt sie. Und für ei­nen Mo­ment denkt man, der Mit­ar­bei­te­rin ei­ner Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on ge­gen­über­zu­sit­zen und nicht ei­ner Ver­wal­te­rin von Mil­lio­nen­ver­mö­gen.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.