Neue Hausse oder Vor­bo­te des Cha­os?

Nach dem bes­ten Jah­res­start an den Bör­sen seit 13 Jah­ren se­hen man­che Licht am En­de des Tun­nels – Skep­ti­ker war­nen vor den Ri­si­ken

Neue Zurcher Zeitung - - GELDANLAGE - CHRIS­TOF LEISINGER

«Po­li­ti­sche Bör­sen ha­ben kur­ze Bei­ne», be­sagt ein Sprich­wort. Manch­mal aber kön­nen die­se ei­ne ganz schö­ne Kraft ent­wi­ckeln. Zum Bei­spiel in die­sem Jahr. So ver­zeich­ne­ten die meis­ten Ak­ti­en­märk­te in den ers­ten Han­dels­ta­gen ful­mi­nan­te Kurs­ge­win­ne, ob­wohl die Vor­zei­chen gar nicht da­für ge­spro­chen hat­ten. Wie aber lässt sich so et­was er­klä­ren?

Zum Bei­spiel da­mit, dass der ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent Do­nald Trump die als un­ab­hän­gig gel­ten­de No­ten­bank des Lan­des nö­tigt, geld­po­li­tisch nicht ganz so re­strik­tiv zu agie­ren, wie sie das ur­sprüng­lich ein­mal vor­hat­te. Oder da­mit, dass er auf­grund sei­ner «Bör­sen­be­ses­sen­heit» im­mer wie­der den Ein­druck er­weckt, es ge­be im Han­dels­streit mit Chi­na ent­schei­den­de Fort­schrit­te, um die Kur­se zu trei­ben. Oder auch mit der un­heim­li­chen Eu­pho­rie, die zum Bei­spiel in Bra­si­li­en aus­ge­bro­chen ist. Schliess­lich ist dort kürz­lich ein Prä­si­dent an die Macht ge­kom­men, der sei­nen An­hän­gern vor sei­ner Wahl das Blaue vom Him­mel ver­spro­chen hat – oh­ne dass sie sich da­für an­stren­gen müss­ten.

Kurz­fris­ti­ges Kurs­feu­er­werk

Be­son­ders ef­fekt­voll sind sol­che Phä­no­me­ne meist dann, wenn es an den Fi­nanz­märk­ten vor­her ziem­lich tur­bu­lent zu­ge­gan­gen ist und die Stim­mung am Bo­den war und wenn sich die In­ves­to­ren in Vor­be­rei­tung auf wei­te­re Un­wäg­bar­kei­ten de­fen­siv aus­ge­rich­tet ha­ben. Dann braucht es nur we­ni­ge als po­si­tiv in­ter­pre­tier­ba­re Im­pul­se, um kurz­fris­tig ein Kurs­feu­er­werk aus­zu­lö­sen. Ur­plötz­lich wer­den Ver­mö­gens­wer­te wie­der be­liebt, die kurz zu­vor noch als hoch­ris­kant und über­be­wer­tet be­trach­tet wor­den sind. An­le­ger wol­len die Chan­ce auf schnel­le Kurs­ge­win­ne auf kei­nen Fall ver­pas­sen, denn wie soll­ten sie sonst an­ge­sichts der ver­zerr­ten Zins­land­schaft auf ei­ne gu­te Per­for­mance kom­men?

So kommt es, dass die In­di­zes ein­zel­ner Ak­ti­en­märk­te wie zum Bei­spiel des bra­si­lia­ni­schen, des ar­gen­ti­ni­schen, des ko­lum­bia­ni­schen, des ka­na­di­schen, des rus­si­schen oder auch des nor­we­gi­schen in den ver­gan­ge­nen zehn Ta­gen um­ge­rech­net in Fran­ken um bis zu 12% zu­ge­legt ha­ben. Im Fal­le von Bra­si­li­en, Ko­lum­bi­en und Russ­land spie­len Wäh­rungs­ef­fek­te ei­ne ent­schei­den­de Rol­le, weil Re­al, Pe­so und Ru­bel in der be­trach­te­ten Zeit zum Fran­ken um bis zu 5% gut­ge­macht ha­ben. Nur we­ni­ge Bör­sen wie die in­di­sche und die tür­ki­sche lie­gen im Mi­nus, wo­bei in der Tür­kei die re­la­ti­ve Schwä­che der Wäh­rung bei der Per­for­mance-Er­mitt­lung durch­schlägt.

Da­mit schei­nen die hei­mi­schen Ban­ken und Ver­mö­gens­ver­wal­ter bis auf wei­te­res recht zu be­hal­ten, die sich von den deut­li­chen Kurs­ver­lus­ten im De­zem­ber des ver­gan­ge­nen Jah­res of­fen­sicht­lich nicht ha­ben be­ein­dru­cken las­sen und im Rah­men des NZZ-An­la­ge­pan­ora­mas zum Kauf von Ak­ti­en rie­ten. Ob das weit­ver­brei­te­tem, no­to­ri­schem Op­ti­mis­mus oder tak­ti­schem Ge­schick ge­schul­det ist, sei da­hin­ge­stellt.

Ge­gen­be­we­gung nach oben

Si­cher ist, dass die meis­ten Ak­ti­en­märk­te nach dem Schwä­che­an­fall kurz vor dem ver­gan­ge­nen Weih­nachts­fest aus markt­tech­ni­scher Sicht «über­ver­kauft» wa­ren und ei­ne Ge­gen­be­we­gung nach oben über­fäl­lig war. Das Phä­no­men ist ver­gleich­bar mit ei­nem Ex­pan­der, der zu­rück­schnellt, wenn er erst ge­dehnt und dann los­ge­las­sen wird. Die «Über­deh­nung nach un­ten» liess sich bis vor kur­zem dar­an ab­le­sen, dass es nur noch we­ni­ge Ak­ti­en gab, de­ren Kur­se über dem glei­ten­den 200-Ta­ge-Durch­schnitt ge­blie­ben wa­ren. Das heisst, es muss­te ei­ne be­acht­li­che Zeit ver­gan­gen sein, in der die No­tie­run­gen eher nach un­ten als nach oben ten­diert hat­ten.

Nun, nach­dem es an den Bör­sen zum bes­ten Jah­res­start seit 13 Jah­ren ge­kom­men ist, fragt sich, was da­von zu halten ist. Han­delt es sich um ein kurz­fris­ti­ges Kurs­feu­er­werk, und da­nach geht es wie­der nach un­ten, oder kommt der Bul­len­markt der ver­gan­ge­nen Jah­re zu­rück? – Die üb­li­che Re­ak­ti­on auf aus­ge­präg­te Kurs­rück­schlä­ge ist die Emp­feh­lung, Wert­pa­pie­re zu kau­fen. Die wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung sei ro­bust und es sei doch ei­ne gu­te Ge­le­gen­heit, et­was Wert­vol­les güns­tig zu kau­fen, heisst es meist. Mit die­ser Hal­tung sind die An­le­ger jahr­zehn­te­lang gut ge­fah­ren. Im­mer­hin sind sie von Zen­tral­ban­ken und Re­gie­run­gen ver­wöhnt und dar­auf ge­prägt wor­den, dass es im Zwei­fels­fall zu Zins­sen­kun­gen, fis­ka­li­schen Aus­ga­ben­pro­gram­men oder sons­ti­gen un­ge­wöhn­li­chen Ret­tungs­ma­nö­vern kommt. Brenz­lig wur­de es meist dann, wenn die Ver­mö­gen­s­prei­se zu fal­len droh­ten – was zu ei­ner Ban­ken­kri­se füh­ren wür­de, weil die In­sti­tu­te no­to­risch zu we­nig Ei­gen­ka­pi­tal ha­ben. Sie könn­ten grös­se­re Ab­schrei­bun­gen auf leicht­sin­nig ver­ge­be­ne Kre­di­te oder sons­ti­ge über­be­wer­te­te Ak­ti­va nicht ver­kraf­ten, weil sie lie­ber Ak­ti­en zu­rück­ge­kauft, Di­vi­den­den aus­ge­schüt­tet, ho­he Zin­sen auf Not­kre­di­te ge­zahlt und enor­me Bo­ni aus­ge­schüt­tet ha­ben, als aus ei­ge­ner Kraft ein sat­tes Fi­nanz­pols­ter zu schaf­fen. Schwa­che Ban­ken be­hin­der­ten das Wachs­tum und müss­ten des­we­gen von den Steu­er­zah­lern ge­ret­tet wer­den, heisst es dann ein­fach.

Ver­zerr­tes Fi­nanz­sys­tem

Nun meh­ren sich die Fra­ge­zei­chen hin­ter die­ser selt­sa­men Lo­gik. Skep­ti­ker ar­gu­men­tie­ren, das Welt­wirt­schafts- und -fi­nanz­sys­tem sei von den ex­tre­men geld­po­li­ti­schen Mass­nah­men so ver­zerrt wor­den, dass es schnell aus den Fu­gen ge­ra­ten kön­ne. Es sei nicht mehr kal­ku­lier­bar, was an den von pas­si­ven An­la­ge­for­men do­mi­nier­ten, kon­zen­trier­ten, hoch­kor­re­lier­ten, vom spe­ku­la­ti­ven Ein­satz von Fremd­ka­pi­tal ge­präg­ten Fi­nanz­märk­ten pas­sie­re, wenn die Ver­hält­nis­se nor­ma­li­siert wür­den oder wenn es ei­nen ex­ter­nen Schock gä­be. Aus­lö­ser gibt es ver­schie­de­ne, et­wa die ab­flau­en­de kon­junk­tu­rel­le Dy­na­mik auf «künst­lich sti­mu­lier­tem» Pro­duk­ti­ons-, Ver­mö­gen­s­prei­sund Schul­den­ni­veau.

Er­fah­rungs­ge­mäss kann ei­ne Kurs­er­ho­lung wie die ge­gen­wär­ti­ge weit tra­gen – aber im Mo­ment auf fra­gi­ler Ba­sis.

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