Das Ge­heim­nis ei­ner Tee­scha­le

War­um gera­de Ke­ra­mik aus Ja­pan? Die Be­weg­grün­de des Sam­melns ver­lie­ren sich oft im Di­ckicht opa­ker Wün­sche.

Neue Zurcher Zeitung - - FEUILLETON -

Zu­erst ver­steht man gar nichts. Der Hals ist krumm. Über­all haf­ten Par­ti­kel auf der Ober­flä­che. Am Fuss schaut der nack­te Ton her­vor zwi­schen der Gla­sur, die al­les an­de­re als eben­mäs­sig ist. Ein sol­ches Stück hät­te in un­se­ren Kunst­ge­wer­be­schu­len als Bei­spiel für ei­nen völ­li­gen Fehl­schlag zu gel­ten. Nicht so in Ja­pan. Dort stellt der­lei mit­un­ter den In­be­griff gu­ten Ge­schmacks dar.

Schön­heit des Un­voll­kom­me­nen nennt man dies: Und ihr ist man in Ja­pan ver­fal­len. Aber nicht nur dort. Manch­mal be­fällt sie wie ein Vi­rus auch Samm­ler aus dem Wes­ten. Ei­nem sol­chen sind wir be­geg­net: Wir nen­nen hier den be­schei­de­nen Mann, der ger­ne an­onym bleibt, Herrn Rot – der Far­be der Son­ne gleich, die bei uns un­ter­geht und in Ja­pan auf­geht. Und wol­len von ihm gleich wissen, was es denn sei, das ihn so fes­selt an die­sen schrun­di­gen, ar­cha­isch an­mu­ten­den Töp­fen aus dem fer­nen In­sel­reich, die in der Welt ih­res­glei­chen su­chen. Et­was zö­gernd erst, dann doch mit Be­stimmt­heit kommt die Ant­wort: die Su­che nach – Schön­heit.

Schön­heit? Wir er­in­nern uns. Wenn in der ja­pa­ni­schen Töp­fer­kunst Mensch und Na­tur zu­sam­men­wir­ken, dann oft so, dass kei­ne Sei­te die an­de­re gänz­lich kon­trol­lie­ren soll. Es kommt auf den Zwei­klang an: Der Töp­fer be­dient sich des Werk­stoffs der Na­tur, formt ihn nach sei­ner Vor­stel­lung. Über­gibt er dann das ge­dreh­te Stück Ton dem Feu­er und da­mit zu­rück in die Ob­hut der Na­tur­ge­walt, so trägt die­se ih­ren ei­ge­nen Part zu ei­ner Me­lo­die bei, die in Ja­pan seit al­ters ge­spielt wird: die Schön­heit des Nicht­per­fek­ten eben. Und die­ser Me­lo­die lauscht auch unser Samm­ler seit Jahr­zehn­ten.

Mit un­trüg­li­chem Bauch­ge­fühl

Manch­mal kann man be­ob­ach­ten, wie das vor sich geht. Ei­ne Ku­ra­to­rin der Ja­pan-Ab­tei­lung im Bri­tish Mu­se­um er­in­nert sich an ei­nen ge­mein­sa­men Be­such in ei­ner To­kio­ter Ga­le­rie. «Hans», wie sie den um­trie­bi­gen, auch noch in an­de­ren Sam­mel­ge­bie­ten ost­asia­ti­scher Kunst be­wan­der­ten Hans­dampf nennt, hat­te dort plötz­lich nur noch Au­gen für ei­nen klei­nen un­schein­ba­ren Topf von er­di­ger Gestalt aus dem 15. Jahr­hun­dert. Al­le an­de­ren Stü­cke blen­de­te er aus, be­trach­te­te das Ge­fäss ein­ge­hend, wog es in den Hän­den, um sich dann plötz­lich von ihm zu ent­fer­nen und es von wei­tem zu fi­xie­ren, be­vor er sich wie­der nä­her­te. Heu­te ist die­ses Stück Be­stand­teil sei­ner Samm­lung. War­um aber ge­nau die­se Ke­ra­mik? Der Blick fürs Schö­ne al­lein ha­be ent­schie­den. Man nimmt ihm das ab, man glaubt ihm, dass er nicht das weiss strah­len­de Meis­se­ner Por­zel­lan mit Gold­rand fa­vo­ri­siert. Den­noch bleibt er uns ei­ne Ant­wort schul­dig, zu­min­dest uns Abend­län­dern. Näm­lich, war­um er über Jahr­zehn­te ei­ner Tee­scha­le nach der an­de­ren hin­ter­her­ge­jagt ist, war­um er die­sen Schäl­chen und Fla­schen zum Sa­ke­trin­ken so ver­fal­len ist und war­um er manch­mal bis in die ent­le­gens­ten Tä­ler ge­pil­gert ist, ein­fach nur für ei­ne Blu­men­va­se ei­nes je­ner wie Ein­sied­ler ih­rem Hand­werk nach­ge­hen­den Töp­fer.

Die An­zie­hungs­kraft die­ser Ob­jek­te ist gross, als wä­ren es Ge­fäs­se an­ge­füllt mit ei­ner ma­gi­schen Sub­stanz. Der Grund ist dem­nach so ein­fach wie kom­pli­ziert: Ke­ra­mik sam­meln, lei­den­schaft­lich, das heisst, sei­ne Kol­lek­ti­on – mitt­ler­wei­le zählt sie ge­gen 600 Stü­cke – zu pfle­gen. Sich sel­ber be­zeich­net er, was Neu­er­wer­bun­gen be­trifft, als völ­lig un­dis­zi­pli­niert. Dass er durch und durch ei­ne Samm­ler­na­tur ist, ver­rät auch, dass die al­ler­meis­ten Stü­cke in ih­ren mit ja­pa­ni­schen und chi­ne­si­schen Schrift­zei­chen schön be­schrie­be­nen Auf­be­wah­rungs­kist­chen aus Holz la­gern. Vie­le da­von hat er über Jahr­zehn­te nicht mehr ge­se­hen, nur in sei­nem Ge­dächt­nis sind sie al­le prä­sent, in sei­nem Her­zen auch, und – neu­er­dings – die Schöns­ten un­ter ih­nen in ei­nem lie­be­voll ge­stal­te­ten, in Ja­pan ge­druck­ten Ka­ta­log­buch: nicht fürs Pu­bli­kum ge­macht, nicht käuf­lich er­werb­bar, nur für Freun­de re­ser­viert, wie unser Samm­ler be­tont. Da muss ei­ner wohl schon ein biss­chen ver­rückt sein, vor al­lem als Gai­jin, als West­ler. So sah es wohl auch Su­zu­ki-san, ein ja­pa­ni­scher Ver­le­ger, als er den Fi­nanz­mann aus der Schweiz bei ei­ner ers­ten Be­geg­nung un­be­merkt be­ob­ach­ten konn­te.

Das war in der Aus­stel­lung ei­nes viel­ge­fei­er­ten ja­pa­ni­schen Ke­ra­mik­künst­lers – sei­ne Stü­cke sei­en «ei­ne Wucht, ich ha­be die Wor­te nicht!», er­in­nert sich unser Samm­ler im Ge­spräch. Su­zu­ki sei vom si­che­ren Au­ge des West­lers ir­ri­tiert ge­we­sen, wie er in sei­nem Bei­trag für den Ka­ta­log­band ge­steht: Der Frem­de hat­te gera­de ei­ne Tee­scha­le er­wor­ben, und der Töp­fer bat ihn zum Dank, zwei klei­ne Sa­ke-Schäl­chen aus rund dreis­sig Ex­em­pla­ren aus­zu­wäh­len, wor­auf die­ser mit si­che­rem Griff nach den bes­ten Stü­cken lang­te. Wer zum Teu­fel ist die­ser Aus­län­der?, rief der Ver­le­ger in­ner­lich aus. Auch er war eif­ri­ger Samm­ler von ja­pa­ni­scher Ke­ra­mik und sah ei­nen Kon­kur­ren­ten vor sich. Heu­te al­ler­dings sind die bei­den Freun­de.

Ein Au­ge für Schön­heit – wird ei­nem das in die Wie­ge ge­legt? Bei Rot zu Hau­se wur­de kei­ne Kunst ge­sam­melt, er war mit­ten im Krieg zur Welt ge­kom­men, Prä­fe­ren­zen wa­ren an­de­re. Zur Kunst fand er als jun­ger Mann. Flä­mi­sche Klein­meis­ter wa­ren sei­ne ers­te Lei­den­schaft. Ob im Trend oder nicht, küm­mer­te ihn auch da­mals we­nig. An­ge­zo­gen an die­sen Ge­mäl­den hat­te ihn al­lein de­ren Schön­heit.

War­um dann aber Os­t­a­si­en, wol­len wir wissen: ei­ne so frem­de Welt, al­lein auch, was die Kunst­spra­che be­trifft? Als er das ers­te Mal ge­schäft­lich in den Fer­nen Os­ten reis­te, hiess die Des­ti­na­ti­on Chi­na. Das sei in den sieb­zi­ger Jah­ren ge­we­sen, er­in­nert er sich. Da­mals lie­fen noch al­le in blau­en Ge­wänd­chen um­her. Er aber fühl­te sich un­ter die­sen Frem­den, als ob er zu Hau­se an­ge­kom­men wä­re. Das­sel­be Ge­fühl stell­te sich auch spä­ter in Ja­pan ein. An Re­inkar­na­ti­on und ein frü­he­res Le­ben glaubt er al­ler­dings nicht, ob­wohl auch die Be­schäf­ti­gung mit dem Bud­dhis­mus lan­ge ein The­ma war.

Su­chen und Fin­den

Al­so liegt es ein­fach in den Ge­nen? Pu­rer In­stinkt? Auch ein biss­chen Jä­ger­in­stinkt wohl? Man nimmt Fähr­te auf, um­kreist die Beu­te und schlägt zu! Das Sam­meln ist je­des Mal ein hoch­kon­zen­trier­tes Pro­ze­de­re, ei­ne An­ge­le­gen­heit al­ler Sin­ne. Es lässt sich aber auch als ein stets lie­be­vol­les Zu­schnap­pen ei­ner Her­zens­fal­le um­schrei­ben, wenn ein «ob­jet de dé­sir» ein­mal da hin­ein­ge­ra­ten ist. Samm­ler­stü­cke sind Tro­phä­en, ge­wiss. Aber nicht zu­letzt auch Zeu­gen ei­ner be­rei­chern­den Er­fah­rung des Fin­dens.

Denn Samm­ler su­chen im­mer ir­gend­et­was. Und auf die­ser oft ru­he­lo­sen Su­che ge­hen ih­nen manch­mal gan­ze Wel­ten auf: durch neue Be­geg­nun­gen, durch die Lek­tü­re ein­schlä­gi­ger Li­te­ra­tur. Und oft fin­den sie auch ein Stück Hei­mat: durch den Aus­tausch mit Gleich­ge­sinn­ten, wie unser Hans im Glück er­zählt. Zwi­schen Os­t­a­si­en, Lon­don und der Schweiz pen­delnd, nennt er sich zwar ei­nen No­ma­den, sei­ne Hei­mat aber hat er zwei­fel­los in der er­di­gen Wär­me sei­ner Stü­cke de­for­mier­ter ja­pa­ni­scher Ke­ra­mik ge­fun­den.

Als ei­nen ty­pi­schen Samm­ler wür­de er sich trotz al­lem nicht be­zeich­nen. Es gab nie ein Kon­zept, kei­ne Sys­te­ma­tik, nichts der­glei­chen. Auch be­trach­tet er sei­ne Samm­lung we­der als re­prä­sen­ta­tiv noch als voll­kom­men oder ab­ge­schlos­sen. Gleich­wohl feh­le ihr nichts, wie er be­teu­ert. Ein Fach­mann sei er auch nicht, heu­te ein Ken­ner viel­leicht, ein Lieb­ha­ber si­cher, der sich stets vom Au­ge ha­be lei­ten las­sen. Gibt es den Sät­ti­gungs­punkt? Man wird mit wach­sen­der Er­fah­rung se­lek­ti­ver. Der Wunsch aber nach Schön­heit, er ist wohl un­er­sätt­lich.

Dass sich die­se Schön­heit al­ler­dings in Ob­jek­ten fin­den liess, die wir im Wes­ten nicht leicht­fer­tig als schön emp­fin­den, lässt auf­mer­ken. Vie­le kön­nen mit ei­ner pech­schwar­zen Tee­scha­le nicht viel an­fan­gen, zu «schmut­zig» kommt sie ih­nen vor oder er­in­nert gar ir­gend­wie an Teer. Für Rot aber ist das an­ders. In ih­rer kraft­vol­len Ge­gen­wart wie be­schei­de­nen Ver­hal­ten­heit zugleich gilt ihm ei­ne sol­che Tee­scha­le als die Es­senz ja­pa­ni­scher Töp­fer­kunst – und letzt­lich ganz ein­fach als un­glaub­lich fas­zi­nie­rend. Er­klä­ren las­se sich das kaum, wie unser Samm­ler im­mer wie­der be­tont: Es sei un­mög­lich, dies in Wor­te zu fas­sen. Da ver­lie­ren sich die Be­weg­grün­de dann eben ganz ein­fach im Di­ckicht ir­ra­tio­na­ler Wün­sche und Be­gehr­lich­kei­ten.

BIL­DER KA­RIN HO­FER / NZZ, PD

Gros­se Tsuts­u­mi-Töp­fe aus der Edo-Zeit (oben), Sa­ke-Fla­sche von Abe An­jin und Scha­le von Tsu­ji­mu­ra Shirô.

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