Es gibt kein Men­schen­recht auf Glück

Die Sehn­sucht nach Wohl­be­fin­den ist ei­ne Kon­stan­te des Da­seins. Nicht je­der aber ver­steht das­sel­be dar­un­ter

Neue Zurcher Zeitung - - FEUILLETON - MAU­RI­ZIO FERRARIS Mau­ri­zio Ferraris Zü­rich, Ton­hal­le Maag, 12. Ja­nu­ar. – CD: Trans­at­lan­ti­ques (So­ny Clas­si­cal).

Die Vor­stel­lun­gen von Glück sind so un­ter­schied­lich, dass sie an Tol­stois Aus­sa­ge, al­le glück­li­chen Fa­mi­li­en äh­nel­ten sich, zwei­feln las­sen oder zu­min­dest die Fra­ge auf­wer­fen, ob mit Glück im­mer ein und das­sel­be ge­meint sei. Um ei­ne äus­serst sche­ma­ti­sche Ant­wort auf die­se Fra­ge zu ver­su­chen, kön­nen wir auf her­kömm­li­che Un­ter­tei­lun­gen zu­rück­grei­fen: die Al­ten und die Mo­der­nen, die Klas­si­ker und die Ro­man­ti­ker oder, um Schil­ler zu be­mü­hen, die Nai­ven und die Sen­ti­men­ta­li­schen, wo­bei «na­iv» kei­nes­wegs mit un­be­darft, son­dern viel­mehr mit un­ver­fälscht, wäh­rend «sen­ti­men­ta­lisch» bei nä­he­rer Be­trach­tung mit iro­nisch und künst­lich gleich­zu­set­zen ist.

Sol­che Un­ter­schei­dun­gen soll­ten mit Vor­sicht ein­ge­setzt wer­den, denn der Mensch be­sitzt die Ga­be, die zugleich sein Un­heil ist, auch ge­gen den Zeit­geist glück­lich oder un­glück­lich sein zu kön­nen. Sinn­los sind die­se Ver­ein­fa­chun­gen den­noch nicht. Das «nai­ve» Glück der Al­ten, je­nes aus Epi­kurs «Über das Glück» oder aus Aris­to­te­les’ «Ni­ko­ma­chi­scher Ethik», fällt grund­sätz­lich mit dem Mass zu­sam­men und ist eng mit dem Wissen ver­wandt. Ein Mensch der An­ti­ke oder des Mit­tel­al­ters, der von «glück­se­li­ger Un­wis­sen­heit» spricht, ist nur schwer vor­stell­bar (dass den Ar­men im Geis­te das Him­mel­reich ver­spro­chen wird, än­dert we­nig dar­an).

Ein neu­er Ge­dan­ke in Eu­ro­pa

Der Se­gen der Un­wis­sen­heit ist heu­te in­des ak­tu­ell, vom Ti­tel des neu­en Films des ita­lie­ni­schen Re­gis­seurs Mas­si­mi­lia­no Bru­no («Bea­ta igno­ran­za») bis zum be­rühm­ten Aus­spruch ei­ner Fi­gur aus «Ma­trix» («ignoran­ce is bliss»). Von So­kra­tes bis Mon­tai­gne be­steht das Glück im aus­ge­wo­ge­nen Ver­hält­nis von Lust und Wissen, das wir in Pla­tos «Phi­le­bus» oder in der «geis­ti­gen Glück­se­lig­keit» von Dan­te und Ca­val­can­ti fin­den.

Die Din­ge än­dern sich für die Mo­der­nen, sie ver­wi­ckeln sich und wer­den per­vers. Zu wel­chem Zeit­punkt fin­det die­ser Bruch statt? Das En­de des An­ci­en Ré­gime stellt mit Si­cher­heit ei­ne Zä­sur dar, wenn wir Tal­ley­rand Glau­ben schen­ken wol­len (und wir ha­ben kei­nen Grund, dies nicht zu tun): «Wer die letz­ten zehn Jah­re vor der Re­vo­lu­ti­on nicht er­lebt hat, der weiss nicht, was Glück ist» – wo­bei un­ter Glück der Wohl­stand zu ver­ste­hen ist, den nur Stand und so­zia­le Un­ge­rech­tig­keit er­mög­li­chen konn­ten. Tal­ley­rand ist ein Nost­al­gi­ker und ein Re­ak­tio­när. Als sich sei­ne Su­che nach dem Glück noch am per­sön­li­chen Ge­schmack ori­en­tier­te («c’est mon plai­sir»), hat­ten die neu­en Ide­en be­reits be­gon­nen, sich ra­sant aus­zu­brei­ten.

Das ir­di­sche Glück wur­de dem­nach als ge­mein­schaft­li­ches Pro­jekt be­grif­fen, das we­der im Bünd­nis von Thron und Al­tar noch in den Bou­doirs, son­dern al­lein in der Um­wäl­zung der be­ste­hen­den Ord­nung und in der Rück­kehr zum Na­tur­zu­stand zu fin­den war. Wie schon Saint-Just sag­te: «Eu­ro­pa soll er­fah­ren, dass ihr auf fran­zö­si­schem Bo­den nicht ei­nen Un­glück­li­chen und nicht ei­nen Un­ter­drü­cker mehr dul­den wollt.» (Da­bei ver­gass er, dass er selbst zu­min­dest ein un­glück­li­ches fran­zö­si­sches Schick­sal her­bei­ge­führt hat­te: das­je­ni­ge des ent­haup­te­ten Un­ter­drü­ckers Lou­is XVI.) Saint-Justs Schluss lau­tet: «Das Glück ist ein neu­er Ge­dan­ke in Eu­ro­pa!»

Ei­ner­seits gilt die Kul­tur ab nun als Qu­el­le al­len Übels, wäh­rend die Glück­se­lig­keit mit Un­kul­tur, mit ei­ner künst­lich her­bei­ge­führ­ten Nai­vi­tät ver­wandt ist. Da ist zum Bei­spiel Rous­se­aus ed­ler Wil­der, der die geis­ti­ge Ent­fal­tung sei­ner Kin­der ver­hin­dert, um sie von der Last der Ge­dan­ken zu be­frei­en. Auch ab­seits sol­cher ex­tre­men Bei­spie­le scheint klar, dass das Glück ei­ne Art Flucht im­pli­ziert – vor der be­ste­hen­den Ord­nung des An­ci­en Ré­gime, aber auch vor der Zi­vi­li­sa­ti­on als sol­cher.

Was in der An­ti­ke als Bar­ba­rei, ani­ma­li­sches Da­sein und im bes­ten Fall als as­ke­ti­sche Übung für Säu­len­hei­li­ge und the­ba­ni­sche Mön­che ge­gol­ten hat­te, wird nun als se­li­ges Le­ben be­trach­tet. Man den­ke an Tho­reau, der sich für zwei Jah­re in die Wäl­der zu­rück­zog, um nach dem Ab­so­lu­ten zu su­chen, aber auch an die sä­ku­la­ri­sier­ten Ver­sio­nen da­von, die uns der Club Mé­di­ter­ra­née, die Cam­ping­plät­ze und der Ex­trem­sport an­bie­ten.

An­de­rer­seits wird das Glück in­sti­tu­tio­na­li­siert. Glück­lich zu sein, ist für die Mo­der­nen ein Im­pe­ra­tiv, der je­de an­de­re Pflicht er­setzt – mit wi­der­sprüch­li­chen Fol­gen, denn das Glücks­stre­ben als Be­fehl kann nur Leis­tungs­druck und so­mit höchs­tes Un­glück er­zeu­gen. Mehr noch: Das Glück ist ein in der Ver­fas­sung ver­an­ker­tes Recht (wie dies in den USA der Fall ist), das sich über­dies be­rech­nen lässt (man den­ke an das he­do­nis­ti­sche Kal­kül, das Bent­ham theo­re­ti­sier­te und Ben­ja­min Con­stant prak­ti­zier­te, in­dem er in sei­nem Ta­ge­buch je­den Au­gen­blick des Glücks und der Lust mit ent­spre­chen­den Zei­chen fest­hielt).

Ein un­ver­dien­tes Ge­schenk

Glück als ideo­lo­gi­scher Bal­last al­so, als Ziel für Stre­ber und als das zwang­haf­te Be­dürf­nis, aus dem der so­ge­nann­te «Hap­pysm» her­vor­geht, der uns mit «Smi­le!»-Auf­for­de­run­gen dar­an er­in­nert, wie recht die Beat­les hat­ten, als sie das Glück «a warm gun» nann­ten. Es ist al­so nicht ver­wun­der­lich, dass das Un­glück oder die ein­fa­che Ab­we­sen­heit von Glück zum Ge­gen­stand so­zia­ler und ge­werk­schaft­li­cher For­de­run­gen ge­wor­den ist und da­bei aus der po­li­ti­schen De­bat­te ein Spiel­feld für Emo­tio­nen und Emo­ti­cons ge­macht hat.

In­dem es zur ge­sell­schaft­li­chen Un­ter­hal­tung wird, er­fährt das Glück schliess­lich ei­ne Ver­schie­bung: Was wir heu­te als «Glück» be­trach­ten, wä­re in der An­ti­ke wahr­schein­lich an­ders aus­ge­legt wor­den. Sex, Drugs and Rock’n’roll, die im vo­ri­gen Jahr­hun­dert als die höchs­te Form des Glücks gal­ten, wä­ren aus Sicht der An­ti­ken viel­mehr dio­ny­si­sche Ri­ten ge­we­sen, die nicht zwin­gend Glück oder Ver­gnü­gen be­sche­ren sol­len und de­ren Grund­stim­mung am ehes­ten von der Tra­gö­die ver­ge­gen­wär­tigt wird. Die Ver­bin­dung von an­ti­ker Tra­gö­die und mo­der­nem Glück geht be­kannt­lich auf Nietz­sche zu­rück, der in der «Ge­burt der Tra­gö­die» ei­ne Brü­cke zwi­schen Beet­ho­vens «Ode an die Freu­de» und dem dio­ny­si­schen Geist schlägt.

Sind durch die­se Trans­for­ma­tio­nen die Mo­der­nen glück­li­cher oder un­glück­li­cher als die Al­ten? Die Fra­ge ist an sich na­tür­lich sinn­los, denn die Glücks­vor­stel­lun­gen er­zeu­gen ge­nau­so we­nig Glück oder Un­glück, wie die Ide­en der Ge­rech­tig­keit aus uns ge­rech­te­re oder un­ge­rech­te­re Men­schen ma­chen kön­nen. Ge­wiss, die Mo­der­nen nei­gen stär­ker zu Schuld­ge­füh­len, wenn sie un­glück­lich sind (als ob sie ei­ne grund­le­gen­de For­de­rung nicht er­füllt hät­ten), und da­zu, nicht ein­ge­lös­ten Glücks­ver­spre­chen nach­zu­trau­ern.

Vor al­lem sind sie we­ni­ger da­zu be­reit, sich mit der Vor­stel­lung an­zu­freun­den, dass Glück we­der ein Recht noch ei­ne Pflicht, son­dern viel­mehr ein flüch­ti­ges und oft un­ver­dien­tes Ge­schenk dar­stellt, aus dem sich kei­ne For­de­run­gen ab­lei­ten las­sen. Im Ge­gen­teil: Wie Kant zu Recht be­merk­te, ist Glück­se­lig­keit höchs­tens die Be­loh­nung da­für, dass man sich ih­rer wür­dig er­wie­sen hat.

Als ich vor vie­len Jah­ren die Er­in­ne­run­gen von Ul­rich von Wil­amo­wit­zMo­el­len­dorff las, stiess ich auf ei­ne denk­wür­di­ge Pas­sa­ge. Der Phi­lo­lo­ge und Erz­feind von Nietz­sche er­zählt, wie er am Ster­be­bett sei­ner Mut­ter sass und, um ihr Trost zu spen­den, sinn­ge­mäss sag­te: «Wir sind nicht ge­bo­ren, um glück­lich zu sein, son­dern, um un­se­rem Dä­mon zu fol­gen.» Im ers­ten Au­gen­blick schien mir sein Ver­hal­ten grau­sam, na­he­zu un­heil­brin­gend. Heu­te bin ich an­de­rer Mei­nung, denn der Phi­lo­lo­ge woll­te sei­ner Mut­ter, die zu je­nem Zeit­punkt we­nig Grund hat­te, glück­lich zu sein, ei­nen wei­te­ren Grund er­spa­ren, un­glück­lich zu sein – näm­lich den Ver­dacht oder die Sor­ge, nicht glück­lich ge­nug ge­we­sen zu sein. 1996 hat der im Jazz und in der Klas­sik be­wan­der­te An­dré De­sponds das Quar­tett in die­ser aus­ge­fal­le­nen Be­set­zung ge­grün­det. Von der Ur­for­ma­ti­on ist ne­ben De­sponds noch Ste­fan Wirth da­bei; im Ver­lau­fe der Jah­re neu hin­zu­ge­kom­men sind Mischa Che­ung und Ben­ja­min En­ge­li. Der Quar­tett­na­me ist auf zwei­fa­che Wei­se Pro­gramm. Ganz of­fen­sicht­lich ge­hö­ren die Wer­ke des ame­ri­ka­ni­schen Kom­po­nis­ten zum Kern­re­per­toire. Hin­ter­grün­di­ger ist die Be­zie­hung zwi­schen Neu­er und Al­ter Welt: Gershwins El­tern sind nur ein knap­pes Jahr­zehnt vor des­sen Ge­burt aus Russ­land nach Ame­ri­ka ge­kom­men. «Trans­at­lan­ti­ques» heisst denn auch die neue CD des Kla­vier­quar­tetts, auf der Rus­si­sches und Ame­ri­ka­ni­sches auf glück­li­che Wei­se zu­sam­men­fin­det.

Auch ihr Re­zi­tal in der Ton­hal­le Maag war oze­an­über­grei­fend an­ge­legt. Statt auf dem eu­ro­päi­schen Os­ten lag der Fo­kus dies­seits des At­lan­tiks auf der deutsch-ös­ter­rei­chi­schen und der fran­zö­si­schen Tra­di­ti­on des 19. Jahr­hun­derts. Ab­ge­se­hen von so­lis­ti­schen Bei­trä­gen, in de­nen sie auch auf be­ste­hen­de Tran­skrip­tio­nen zu­rück­grei­fen, spie­len sie kei­ne Be­ar­bei­tun­gen ab Stan­ge, son­dern mass­ge­schnei­der­te Ar­ran­ge­ments ih­rer Mit­glie­der. Im ers­ten, dem al­ten Eu­ro­pa ge­wid­me­ten Pro­gramm­teil et­wa zeigt Ben­ja­min En­ge­lis «Un­ga­ri­sche Rh­ap­so­die» auf The­men von Jo­han­nes Brahms’ «Un­ga­ri­schen Tän­zen» ei­nen fein­sin­ni­gen Ar­ran­geur, der die ro­bus­ten Schlacht­rös­ser der Kon­zert­li­te­ra­tur zu ele­gan­ter Gan­gart zwingt. Und wenn Richard Wa­g­ners «Ritt der Wal­kü­ren» in der Quar­tett­fas­sung «Isol­des Lie­bes­tod» re­la­ti­viert, den Ste­fan Wirth mit tre­mo­lie­ren­den Bäs­sen in­to­niert, wird auch die sub­til-iro­ni­sche Kunst kon­tras­tie­ren­der Pro­gramm­ge­stal­tung oh­ren­fäl­lig.

Gross­stadt­ge­wu­sel

Der trans­at­lan­ti­sche zwei­te Teil des Abends prä­sen­tiert nun end­lich Gershwin: das Gross­stadt­ge­wu­sel in­klu­si­ve Au­to­hu­pe in «An Ame­ri­can in Paris», dem An­dré De­sponds ei­ne viel­fäl­ti­ge Im­pro­vi­sa­ti­on über den Stan­dard «Au­tumn Lea­ves» fol­gen liess, und ei­ne leicht avant­gar­dis­ti­sche Ver­si­on von «Sum­mer­ti­me», die vom frü­he­ren Band­mit­glied Nik Bärtsch stammt.

Pri­ckeln­der Hö­he­punkt des Abends wer­den die Songs und Tän­ze aus Leo­nard Bern­steins «West Si­de Sto­ry», an des­sen Be­ar­bei­tung das gan­ze Quar­tett be­tei­ligt war. Hier ist sie wie­der kör­per­lich greif­bar, die Freu­de am Zu­sam­men­spiel, am vir­tuo­sen Mit­ein­an­der. Be­we­gung und Rhyth­mus ma­chen ei­nen Teil der Fas­zi­na­ti­on aus, die längst auf das Pu­bli­kum über­ge­sprun­gen ist und noch­mals Neu­jahrs­stim­mung auf­kom­men lässt. Doch statt des Ra­detz­ky-Marschs als Zu­ga­be gibt es «I Got Rhythm» als Gruss zu­rück über den At­lan­tik.

DOMINIC ST­EIN­MANN / NZZ

Wenn man lan­ge ge­nug war­tet, kommt das Glück viel­leicht von al­lein. Doch der Mensch möch­te es ger­ne her­beizwin­gen.

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