Hoch die Tee­tas­sen!

Das Pa­pier­ta­schen­tuch fei­ert heu­er sei­nen 125. Ge­burts­tag

Neue Zurcher Zeitung - - FEUILLETON - CLAU­DIA MÄDER

Es könn­te al­les noch viel schlim­mer sein. Das muss man sich im­mer wie­der und vor al­lem in den schwie­ri­gen Mo­men­ten des Le­bens sa­gen. Wer sich die­ser Ta­ge mit schmer­zen­den Glie­dern vom Bett aufs So­fa schleppt und die trie­fen­de Na­se an bal­sa­mier­ten Pa­pier­ta­schen­tü­chern ab­wischt, soll sich in sei­nem po­chen­den Schä­del ein­mal vor­stel­len, er müss­te in die­ser elen­den Ver­fas­sung auch noch sei­ne ver­brauch­ten Schnäuz­lap­pen wa­schen. An­statt die Ta­schen­tü­cher be­quem im Müll zu ent­sor­gen, wür­de man dann wan­kend in die Wasch­kü­che hin­ab­stei­gen, sich wäh­rend ei­ner St­un­de im feuch­ten Kel­ler von die­ser Stra­pa­ze zu er­ho­len ver­su­chen und die ge­rei­nig­ten Stoff­tü­cher da­nach un­ter gym­nas­ti­schen An­stren­gun­gen zum Trock­nen auf­hän­gen. Selbst wenn man sich die nach­fol­gen­de Etap­pe des Bü­gelns schenkt, sinkt man schon ob der Ge­dan­ken an all die Mü­hen er­mat­tet dar­nie­der.

Die Ab­fall­ber­ge aus Pa­pier­ta­schen­tü­chern sind zwar kein idea­les Ru­he­kis­sen und für die Na­tur der reins­te Alb­traum, dar­an er­in­nern Um­welt­schüt­zer im­mer wie­der, wenn sie die Ret­tung des Pla­ne­ten an­mah­nen. Aber zu­nächst will der Mensch halt sein ei­ge­nes Über­le­ben si­chern, und in die­ser Hin­sicht sind die Weg­werf­tü­cher auf dem Kran­ken­la­ger ein Se­gen. In­so­fern ge­hö­ren just in die­sen har­ten Ta­gen die Tee­tas­sen auf sie ge­ho­ben, denn die Pa­pier­ta­schen­tü­cher fei­ern heu­er gleich meh­re­re Ju­bi­lä­en.

Töd­li­che Tra­gö­di­en

In Chi­na wa­ren längst schon Schnäuz­pro­duk­te aus Hanf be­kannt, in un­se­ren Brei­ten aber setz­te sich das Ein­weg­ta­schen­tuch erst vor 90 Jah­ren durch – nach­dem es vor 125 Jah­ren erst­mals auf den Markt ge­kom­men war. An­no 1894 liess der Fa­b­ri­kant Gott­lob Krum im süd­deut­schen Göp­pin­gen ein dün­nes, in Gly­ce­rin ge­tränk­tes «Ta­schen­tuch aus Pa­pier» pa­ten­tie­ren. Es soll­te hel­fen, die Über­tra­gung von Bak­te­ri­en ein­zu­däm­men, und war da­her laut An­wei­sung der Pa­tent­schrift «so­fort nach dem Ge­brauch» zu zer­stö­ren, ge­nau­er: zu ver­bren­nen oder «sonst­wie un­schäd­lich» zu ma­chen.

Ein Ta­schen­tuch ver­nich­ten – das wä­re zu­vor wäh­rend Jahr­hun­der­ten ein ve­ri­ta­bler Fre­vel ge­we­sen. Hübsch be­stickt, dien­ten die ed­len Stoffs­tü­cke seit der Re­nais­sance als Lie­bes­be­wei­se und Dis­tink­ti­ons­merk­ma­le. In Sha­ke­speares «Ot­hel­lo» ent­fal­te­te sich ei­ne töd­li­che Tra­gö­die rund um ein ver­schwun­de­nes Tüch­lein, und ganz grund­sätz­lich galt: Wer et­was auf sich gab, ging mit ei­nem Ta­schen­tuch durchs Le­ben. Dies we­ni­ger zur Rei­ni­gung als viel­mehr zum Schutz der Na­se: Ger­ne hiel­ten sich Ad­li­ge ein par­fum­ge­tränk­tes Tuch vors Ge­sicht, wenn ih­nen Un­ter­ge­be­ne ge­gen­über­tra­ten. Erst zur Zeit der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on ging es den eli­tä­ren Stü­cken an den Kra­gen: «Er hat ein Schnupf­tuch! Was? Er schneuzt sich die Na­se nicht mit den Fin­gern? Ein Aris­to­krat! An die La­ter­ne!» So tön­te es noch in Büch­ners «Dan­ton»; we­nig spä­ter sorg­te die in­dus­tri­el­le Stoff­pro­duk­ti­on für sin­ken­de Prei­se, so dass bald je­der­mann ein Ta­schen­tuch be­sass.

Tri­umph des Schnell­le­bi­gen

Gros­se Dra­men in­spi­rier­te es so na­tür­lich nicht mehr, aber im­mer­hin trotz­te es zu­nächst noch sei­nem pa­pie­re­nen Geg­ner. Fürs Weg­wer­fen von Ge­brauchs­ge­gen­stän­den war um die vor­letz­te Jahr­hun­dert­wen­de näm­lich noch kaum ein Mensch zu be­geis­tern, und bald muss­te die Göp­pin­ger Fa­b­rik ih­re Stät­te ver­kau­fen. Al­les hat sei­ne Zeit: In den schwung­vol­len 1920er Jah­ren be­gann man sich ans Schnell­le­bi­ge zu ge­wöh­nen – und sei­ne Na­se schliess­lich mit «Tem­po» zu put­zen. Im Ja­nu­ar 1929 tra­ten die Ver­ei­nig­ten Pa­pier­wer­ke von Nürn­berg mit die­sem Pro­dukt ih­ren ra­san­ten Sie­ges­zug an. Man wünsch­te sich, auch die Grip­pe wür­de sich dem neu­en Takt end­lich fü­gen und in Win­des­ei­le wie­der aus der Welt ver­schwin­den.

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