Zu­rück am Ort der Au­fer­ste­hung

Zwei Jah­re nach sei­nem gros­sen Come­back ist Ro­ger Fe­de­rer wie­der in Mel­bourne – er­neut könn­te das Tur­nier weg­wei­send sein

Neue Zurcher Zeitung - - SPORT - DA­NI­EL GERMANN, MEL­BOURNE

Bei­na­he 150 000 Nut­zer ha­ben den Aus­tra­li­an-Open-Fi­nal 2017 zwi­schen Ro­ger Fe­de­rer und Ra­fa­el Na­dal auf der Strea­m­ing-Platt­form Youtube noch ein­mal in der vol­len Län­ge von über drei­ein­halb St­un­den an­ge­schaut. Fast 600 000 klick­ten sich in den hoch­dra­ma­ti­schen fünf­ten Satz, in dem Fe­de­rer nach ei­nem 1:3-Rück­stand kein Ga­me mehr ab­gab. Der Match gilt be­reits heu­te als ei­ner der gros­sen Klas­si­ker in der Ten­nis-Ge­schich­te, bes­ser und dra­ma­ti­scher mög­li­cher­wei­se so­gar als der eben­so sa­gen­um­wo­be­ne Wim­ble­don-Fi­nal zwi­schen Fe­de­rer und Na­dal 2008.

Auch Fe­de­rer sel­ber sagt, für ihn sei es ei­nes der bes­ten Spie­le der Lauf­bahn ge­we­sen. Zu­sam­men mit dem ers­ten Sieg 2003 in Wim­ble­don und dem ein­zi­gen Ti­tel 2009 in Ro­land-Gar­ros ge­hö­re er zu sei­nen Top 3. Un­ab­hän­gig vom sub­jek­ti­ven Emp­fin­den der Qua­li­tät aber hat die­ser Match die Kar­rie­re des Ba­sel­bie­ters noch ein­mal neu lan­ciert. Er mach­te aus ei­nem ver­meint­lich al­tern­den Star wie­der den Top­spie­ler des Mo­ments.

Fe­de­rer hat seit­her wei­te­re zwei Grand-Slam-Ti­tel ge­won­nen und ist im ver­gan­ge­nen Jahr noch ein­mal an die Welt­rang­lis­ten­spit­ze zu­rück­ge­kehrt. Doch selbst für ihn sind die Er­in­ne­run­gen die­ses Spiels, ja des gan­zen Tur­niers auch zwei Jah­re spä­ter noch aus­ser­ge­wöhn­lich. «Als ich da­mals nach Mel­bourne kam, hät­te ich nie ge­dacht, dass ich das Tur­nier ge­win­nen könn­te. Ich war zu­vor ver­letzt, muss­te lan­ge pau­sie­ren.» Doch dann ent­stand im Tur­nier ei­ne Ei­gen­dy­na­mik, die in die­sem fünf­ten Satz gip­fel­te und ihn am En­de den ers­ten Ma­jor-Ti­tel nach vier­ein­halb Jah­ren Un­ter­bruch ge­win­nen liess.

Djo­ko­vic als War­nung

Nun ist Fe­de­rer zu­rück in Mel­bourne. Er star­tet in der Night-Ses­si­on vom Mon­tag (zir­ka 11 Uhr MEZ) ge­gen De­nis Ist­o­min ins Tur­nier. Der 32-jäh­ri­ge Us­be­ke ist die Num­mer 99 im Ran­king, in sechs Be­geg­nun­gen hat er ge­gen Fe­de­rer nie ge­won­nen. Doch der ist weit da­von ent­fernt, Ist­o­min zu un­ter­schät­zen. Vor zwei Jah­ren am Aus­tra­li­an Open hat­te der Aus­sen­sei­ter No­vak Djo­ko­vic in fünf Sät­zen ge­schla­gen. «Gera­de auf schnel­len Be­lä­gen kann De­nis je­der­zeit ge­fähr­lich wer­den», sagt Fe­de­rer. Ro­ger Fe­de­rer steht in Aus­tra­li­en vor Wo­chen der Wahr­heit.

Al­lem Re­spekt vor Ist­o­min zum Trotz wä­re ei­ne Nie­der­la­ge Fe­de­rers ei­ne Sen­sa­ti­on. Sei­ne letz­te Erst­run­den­nie­der­la­ge an ei­nem Grand-Slam-Tur­nier geht auf den Mai 2003 zu­rück, als er sechs Wo­chen vor dem ers­ten gros­sen Ti­tel in Wim­ble­don in Paris ge­gen den Pe­rua­ner Lu­is Hor­na ver­lor. Die wirk­lich heik­len Auf­ga­ben er­war­ten ihn erst ab Tur­nier­hälf­te. Im Ach­tel­fi­nal wä­re der jun­ge Grie­che Ste­fa­nos Tsit­si­pas sein de­si­gnier­ter Geg­ner nach Pa­pier­form, dann wür­den die letz­ten bei­den Fi­nal­geg­ner, Ma­rin Ci­lic und Na­dal, war­ten.

Vie­le Punk­te zu ver­tei­di­gen

So wie das Aus­tra­li­an Open vor zwei Jah­ren und vor al­lem der hoch­klas­si­ge Fi­nal sei­ne Kar­rie­re noch ein­mal lan­ciert ha­ben, so könn­te auch das dies­jäh­ri­ge Tur­nier ent­schei­dend da­für wer­den, wie lan­ge Fe­de­rer sei­ne Kar­rie­re noch fort­setzt. In den kom­men­den zwei­ein­halb Mo­na­ten hat Fe­de­rer in Mel­bourne, Rot­ter­dam und In­dian Wells fast die Hälf­te sei­ner Welt­rang­lis­ten­punk­te zu ver­tei­di­gen. Die kom­men­den Wo­chen wer­den Auf­schluss dar­über ge­ben, ob er wei­ter­hin mit den Bes­ten um die gros­sen Ti­tel spie­len kann.

Fe­de­rer ist in Mel­bourne zu­sam­men mit dem wie­der­er­stark­ten Djo­ko­vic der meist­ge­nann­te Fa­vo­rit. Die schnel­len Be­din­gun­gen sind auf ihn und sein Spiel zu­ge­schnit­ten. Er­neut wird er die meis­ten sei­ner Mat­ches am Abend un­ter Flut­licht be­strei­ten. Die Vor­be­rei­tung vor­letz­te Wo­che am Hop­man-Cup in Perth war per­fekt. In den vier Par­ti­en ge­gen den Bri­ten Ca­me­ron Nor­rie, den Ame­ri­ka­ner Fran­ces Tia­foe, Tsit­si­pas und den Deut­schen Alexander Zverev gab er kei­nen Satz ab.

Das gibt ihm Selbst­ver­trau­en. Gleich­zei­tig will Fe­de­rer die Si­tua­ti­on vor dem wirk­li­chen Sai­son­start nicht über­ana­ly­sie­ren. «Es spielt kei­ne Rol­le, wie ich trai­niert oder am Hop­man-Cup ge­spielt ha­be. Denn soll­te ich das zu sehr ge­wich­ten, könn­te es auf mich zu­rück­fal­len, soll­te mein Start nicht so glü­cken, wie ich mir das wün­sche. Am bes­ten kon­zen­trie­re ich mich ein­fach auf den Mo­ment.» Fe­de­rer weiss, wie das Ge­fühl selbst ei­nen mit sei­ner Er­fah­rung täu­schen kann. Vor zwei Jah­ren hat­te er vor dem Tur­nier nicht da­mit ge­rech­net, wie­der zu ge­win­nen. Dann über­rasch­te er sich sel­ber. Soll­te ihm das in die­sem Jahr wie­der glü­cken, um­so bes­ser.

LU­KAS COCH / EPA

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