Der Fall Mur­ray zeigt, wie der Ten­nis­zir­kus die ei­ge­nen Kin­der frisst

Neue Zurcher Zeitung - - SPORT -

Da­ni­el Germann · Seit An­dy Mur­ray am Frei­tag be­kannt­gab, sei­ne Ten­nis­kar­rie­re we­gen der chro­ni­schen Hüft­be­schwer­den spä­tes­tens im Som­mer in Wim­ble­don zu be­en­den, wird der Schot­te in den so­zia­len Netz­wer­ken mit Mit­leid über­schüt­tet. Selbst der Aus­tra­li­er Nick Kyr­gi­os, nicht für Sen­ti­men­ta­li­tä­ten be­kannt, schrieb, er wer­de Mur­ray ver­mis­sen. Er sei für ihn wie ein äl­te­rer Bru­der ge­we­sen. Ti­mea Bacs­in­sz­ky hat­te des­halb nicht un­recht, als sie sag­te, wenn man die Bei­trä­ge le­se, könn­te man glau­ben, es sei je­mand ge­stor­ben. «Es wä­re schön, wenn wir uns ge­gen­sei­tig auch dann et­was mehr Re­spekt und An­er­ken­nung zu­teil­wer­den lies­sen, wenn wir nicht lei­den und es uns gut­geht.»

Der nüch­terns­te Kom­men­tar zum be­vor­ste­hen­den Rück­tritt Mur­rays kam aus­ge­rech­net von ei­nem, der das Lei­den nach­voll­zie­hen kann wie kaum ein an­de­rer. Ra­fa­el Na­dal sag­te, es ent­ste­he nun der Ein­druck, Mur­ray ha­be ei­ne kur­ze Kar­rie­re ge­habt. «Aber er ist 31 Jah­re alt. Noch vor zehn Jah­ren wä­re das ein nor­ma­ler Zeit­punkt für den Rück­tritt ge­we­sen, und al­le hät­ten ge­sagt, er ha­be ei­ne lan­ge, gross­ar­ti­ge Kar­rie­re ge­habt.» Der Blick zu­rück be­stä­tigt Na­dals Aus­sa­ge: An­dy Rod­dick und Ste­fan Ed­berg tra­ten mit 30 zu­rück, Bo­ris Becker und Mats Wi­lan­der mit 32, John McEn­roe tat es mit 33. Jim­my Con­nors, der sei­ne Kar­rie­re bis ins 42. Le­bens­jahr hin­aus­zog, war die Aus­nah­me. Doch an­ge­führt von Ro­ger Fe­de­rer, der im August sei­nen 38. Ge­burts­tag fei­ern wird, ver­län­gern die Ver­tre­ter der heu­ti­gen Spiel­er­ge­ne­ra­ti­on ih­re Kar­rie­ren im­mer wei­ter. Sie­ben der der­zei­ti­gen Top-Ten-Spie­ler sind über 30. Alex­an­der Zverev ist mit 22 schon fast ein Exot.

Doch Fe­de­rer ist zu­min­dest in die­ser Hin­sicht ein schlech­tes Vorbild. Er sagt zwar, er ha­be auch Glück ge­habt, von grös­se­ren Ver­let­zun­gen ver­schont ge­blie­ben zu sein. Der Me­nis­kus, den er sich vor drei Jah­ren in Mel­bourne beim Ein­las­sen ei­nes Ba­des für sei­ne Töch­ter riss, hät­te auch am Abend zu­vor im Halb­fi­nal ge­gen No­vak Djo­ko­vic ent­zwei­ge­hen kön­nen. «Je­der hat sei­ne Schwach­stel­len. Ir­gend­wann ge­ben sie ein­fach nach.»

Doch das ist nur ein Teil der Wahr­heit. Der Um­gang mit dem ei­ge­nen Kör­per, das Be­wusst­sein für die Be­deu­tung der Er­näh­rung wer­den im­mer stär­ker. Doch mit sei­nen ex­zel­len­ten kör­per­li­chen Vor­aus­set­zun­gen und dem öko­no­mi­schen Stil ist Fe­de­rer ein Phä­no­men auf der Tour. Die aus­tra­li­sche Victoria-Uni­ver­si­tät hat sei­nen Fi­nal 2017 in Mel­bourne ge­gen Na­dal aus­ge­wer­tet und auf­grund der Lauf­we­ge und Be­we­gungs­mus­ter aus­ge­rech­net, dass er im 3:38 St­un­den dau­ern­den Match fast ein Vier­tel we­ni­ger Ener­gie ver­braucht hat als der Spa­nier. Die­se Öko­no­mie der Be­we­gun­gen sum­miert sich über ein zwei­wö­chi­ges Tur­nier und kann ge­ra­de in Grand-Slam-Spie­len über drei Ge­winn­sät­ze zum ent­schei­den­den Vor­teil wer­den.

Na­dal ist mit sei­nem phy­si­schen Stil die An­ti­the­se zu Fe­de­rer. Er hat vier der letz­ten fünf Tur­nie­re auf Hart- oder In­doorbe­lä­gen nicht zu En­de spie­len kön­nen. Zu­letzt muss­te er sich im No­vem­ber ei­ner Knö­che­l­ope­ra­ti­on un­ter­zie­hen, um Ab­nüt­zun­gen zu kor­ri­gie­ren. Na­dal sagt, er sei zwar noch nie am Punkt ge­we­sen, auf­zu­ge­ben, weil sei­ne Schmer­zen frü­her oder spä­ter im­mer wie­der ver­schwun­den sei­en. Doch er kön­ne nach­emp­fin­den, was in Mur­ray vor­ge­hen müs­se. «Wenn du täg­lich mit Schmer­zen auf den Platz gehst und kei­ne Ver­bes­se­run­gen siehst, ist der Mo­ment ge­kom­men, um die Kon­se­quen­zen zu zie­hen.»

Na­dal ge­hört zu je­nem Teil der Spie­ler, wel­che die Schuld am Ver­schleiss den Hart­be­lä­gen ge­ben und mehr Sand­platz­tur­nie­re for­dern. Doch vi­el­leicht sind die Be­schwer­den die nor­ma­len Be­glei­ter ei­ner Sport­art, die im­mer schnel­ler und ath­le­ti­scher wird. Ge­ra­de ge­gen En­de der bei­na­he elf Mo­na­te dau­ern­den Sai­son häu­fen sich die Ver­let­zun­gen und Ab­sa­gen. Das ATP-Fi­nal­tur­nier im No­vem­ber in Lon­don war ge­prägt von mü­den, aus­ge­laug­ten Spie­lern, die sich mehr schlecht als recht über den Platz schlepp­ten und das Sai­son­en­de her­bei­sehn­ten.

Wer An­dy Mur­rays Ver­su­che, sei­ne Pro­ble­me in den Griff zu kom­men, nä­her ver­folg­te, trifft die An­kün­di­gung sei­nes Rück­tritts nicht un­vor­be­rei­tet. Über­ra­schend war ein­zig der Zeit­punkt zu Be­ginn der neu­en Sai­son, wo al­le aus­ge­ruht und vol­ler Zu­ver­sicht sind. Vi­el­leicht wä­re es an der Zeit, et­was Luft aus dem auf­ge­bläh­ten Zir­kus zu las­sen.

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