Kin­der su­chen sich ih­re El­tern

Ihr Pri­vat­le­ben ist für A. M. Ho­mes ihr An­ker. In ih­ren Bü­chern ent­fal­tet sie hin­ge­gen Fa­mi­li­en­dra­men, so auch im neu­en Ro­man «Auf dass uns ver­ge­ben wer­de».

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - KULTUR - Von Ber­na­det­te Con­rad, New York

Kurz vor un­se­rem Tref­fen rief A. M. Ho­mes noch ein­mal an. Ob wir uns doch lie­ber in der Lob­by des Ho­tels Marl­ton tref­fen kön­nen? We­nig spä­ter sit­zen wir in­mit­ten je­ner Mi­schung aus al­tem Eu­ro­pa und al­ter New Yor­ker Ho­tel­kul­tur, die so­fort Bil­der er­weckt von ei­ner Zeit, als Künst­ler in Ho­tels leb­ten und schrie­ben. A. M. Ho­mes, dich­te, brau­ne Lo­cken­mäh­ne, un­ge­schminkt und ent­spannt, strahlt ei­ne Ju­gend­lich­keit aus, die sich von der An­ge­strengt­heit des «Marl­ton»-Kos­mos an­ge­nehm ab­hebt. Eher wür­de man beim An­blick der 52-Jäh­ri­gen an ei­ne Ranch und fri­sche Luft den­ken. Tat­säch­lich klingt der Grund da­für, war­um die Schrift­stel­le­rin hier in der Nä­he des Wa­shing­ton Squa­re so gern wohnt, eher nach Land­lie­be: «Ich kann den Him­mel se­hen!»

A. M. Ho­mes kam 1985 nach New York. Ih­re Ad­op­tiv-Gross­mut­ter un­ter­stütz­te sie fi­nan­zi­ell. Der Er­folg ih­rer ers­ten Bü­cher war er­mu­ti­gend, sie konn­te sich schon in ih­ren Zwan­zi­gern ei­ne Schrift­stel­ler­exis­tenz auf­bau­en. Ihr Ro­man­de­büt schrieb sie mit 19. «Jack» (1989), die Ge­schich­te ei­nes Bu­ben mit ei­nem ho­mo­se­xu­el­len Va­ter, öff­ne­te den Ho­ri­zont, dem Ho­mes the­ma­tisch treu blieb: fa­mi­liä­re Dra­men mit oft ex­zes­si­ven Zu­spit­zun­gen; Ab­grün­de, die un­ter der Ober­flä­che ei­nes «nor­ma­len» Le­bens schwe­len. Vor al­lem «The End of Ali­ce» (1996), in dem ei­ne Kor­re­spon­denz von Pä­do­phi­len mit den Gren­zen zwi­schen Op­fer und Tä­ter spielt, pro­vo­zier­te hef­ti­ge Dis­kus­sio­nen.

Sie sei im­mer «ob­ses­sed with fa­mi­ly» ge­we­sen, sagt A. M. Ho­mes, die in ei­ner Künst­ler­fa­mi­lie in ei­nem Vo­r­ort von Wa­shing­ton auf­wuchs und stets wuss­te, dass sie ad­op­tiert war. Sie­ben Ro­ma­ne, ei­nen Band mit Er­zäh­lun­gen und et­li­che Sach­bü­cher hat sie ver­fasst und ist in der eng­lisch­spra­chi­gen Welt längst ein gros­ser Na­me. Sie lehrt in Prin­ce­ton und schreibt auch fürs Fern­se­hen. «Die Zei­ten wer­den schlech­ter für Künst­ler», sagt sie kopf­schüt­telnd, «ich brau­che mei­ne Jobs.»

An ih­rem neus­ten Ro­man, «Auf dass uns ver­ge­ben wer­de», schrieb A. M. Ho­mes sie­ben Jah­re. Sie stöhnt und lacht in Er­in­ne­rung dar­an, wie schwie­rig es zu­nächst war, sich ih­rem Prot­ago­nis­ten Har­ry zu nä­hern. «Er ist so an­ders als ich, dass wir uns im wirk­li­chen Le­ben nicht tref­fen, ge­schwei­ge denn ken­nen­ler­nen wür­den.» Har­ry ist ein viel­leicht so­gar net­ter, aber ziem­lich lang­wei­li­ger Typ mitt­le­ren Al­ters und der kom­plet­te Ge­gen­ent­wurf zu sei­nem jün­ge­ren Bru­der Ge­or­ge, ei­nem ma­ni­schen TV-Pro­du­zen­ten mit Kil­ler-In­stinkt. Har­ry schreibt schon lan­ge an ei­nem Buch über Ni­xon; an­de­re In­ter­es­sen hat er nicht. «Er kennt sich selbst nicht», sagt Ho­mes. Das wird sich ra­di­kal än­dern, nach­dem er sich von Ge­or­ges Frau Ja­ne ver­füh­ren lässt und dann zu­se­hen muss, wie der Bru­der sei­ne Frau er­schlägt.

Ver­krach­te Exis­ten­zen

Die­ser An­fang ist mar­ker­schüt­ternd. Aber statt dass die Welt auf­schreit, scheint sie nur leicht zu seuf­zen. Der Mord ist eher ei­ne Im­plo­si­on. Es ist bei­na­he, als hät­te Ge­or­ge in die­ser Tat zu sei­nem «wah­ren Na­tu­rell» ge­fun­den. Kurz vor­her, beim Thanks­gi­vin­gMahl der Fa­mi­lie, war noch al­les gut ge­we­sen: «Nat­ha­ni­el, 12, und Ash­ley, 11, sas­sen am Tisch wie Klop­se, ge­krümmt oder eher zu­sam­men­ge­rollt, als hät­te man sie auf die Stüh­le ge­gos­sen, buch­stäb­lich oh­ne Rück­grat, die Au­gen auf ih­re klei­nen Bild­schir­me ge­rich­tet, nur ih­re Dau­men in Be­we­gung – ei­ne schrieb SMS an Freun­de, die nie­mand je ge­se­hen hat­te, der an­de­re tö­te­te di­gi­ta­li­sier­te Ter­ro­ris­ten. Sie wa­ren ab­we­sen­de Kin­der – geis­tig, see­lisch und, ab­ge­se­hen von den Fe­ri­en, auch kör­per­lich weit­ge­hend ab­we­send von ih­rem El­tern­haus.»

Es ist ei­ner der we­ni­gen Mo­men­te in die­sem ers­ten Ka­pi­tel, in de­nen nichts Spek­ta­ku­lä­res pas­siert. Und doch wirkt ge­nau die­se Pas­sa­ge über ein so ge­läu­fi­ges All­tags­bild viel lau­ter als die sich wahn­wit­zig auf knapp vier­zig Sei­ten über­schla­gen­den Er­eig­nis­se: Ge­or­ge, der ei­ne ro­te Am­pel über­fährt und ein El­tern­paar tö­tet; der kurz dar­auf aus

«Ich be­schäf­ti­ge mich lie­ber mit dem, was ich nicht weiss. Zu­dem er­mög­licht Fik­ti­on ei­ne grös­se­re emo­tio­na­le Ge­nau­ig­keit.»

dem Kran­ken­haus ab­haut und Ja­ne er­schlägt, die er mit Har­ry im Bett vor­fin­det; dem dank Geld und gu­ten An­wäl­ten nichts pas­siert, aus­ser dass er in ei­ne Art psych­ia­tri­scher Er­ho­lungs­farm ge­bracht wird.

«Was ist bloss pas­siert?», fragt sich Ge­or­ges Bru­der Har­ry, der al­lein im Rie­sen­haus sei­nes Bru­ders sitzt. «Ich will mein Le­ben wie­der­ha­ben. Ich hat­te doch ein ei­ge­nes Le­ben, oder?»

Wür­de man das Buch rück­über­set­zen in die bi­bli­sche Spra­che, der der Ti­tel «May We Be For­gi­ven» ent­lehnt ist, dann wür­de man sa­gen: Die­se Ge­schich­te er­zählt von zwei Kin­dern, die un­ge­ach­tet des gut si­tu­ier­ten Mi­lieus, dem sie ent­stam­men, lei­den­de Krea­tu­ren sind, woran die Er­wach­se­nen Schuld ha­ben: der Va­ter, das ge­walt­tä­tig ge­wor­de­ne Mons­ter; ei­ne die Ver­hält­nis­se ver­schlei­ern­de und sie da­durch er­hal­ten­de Mut­ter; ihr On­kel Har­ry als ei­ner, der sich im­mer aus al­lem raus­hal­ten will.

So gna­den­los, wie die­ses Set­ting dem Le­ser zu Be­ginn vor die Füs­se ge­wor­fen wird, so gründ­lich wird es im Lau­fe der Ge­schich­te zer­stört: Kein St­ein bleibt mehr auf dem an­de­ren, und Har­ry – in­zwi­schen von sei­ner Wor­kaho­lic-Ehe­frau, die vom Be­trug er­fah­ren hat, ver­las­sen – hat kei­ne Wahl, als die Scher­ben auf­zu­he­ben. Oder sind es die Kin­der, die das tun?

Die Moral die­ser Ge­schich­te lau­tet, dass das, was an­fangs wie ei­ne kaum zu über­bie­ten­de Ka­ta­stro­phe aus­sieht, sich ir­gend­wann als Chan­ce er­weist. Ash­ley und Na­te, die bei­den über ih­re Han­dys ge­beug­ten «Klop­se», schei­nen end­lich Luft zum At­men zu ver­spü­ren, nach­dem das fa­mi­liä­re Ter­ror­sys­tem kol­la­biert ist. Sie möch­ten Kon­takt auf­neh­men zu dem Bu­ben, der in dem von Ge­or­ge ver­ur­sach­ten Au­to­un­fall zur Wai­se ge­wor­den ist.

Man­ches wirkt gar dick auf­ge­tra­gen, bis­wei­len kit­schig, viel­leicht zu sehr aus­ge­dacht? A. M. Ho­mes lä­chelt, als sie die­sen Punkt ver­tieft. «Ich be­schäf­ti­ge mich ein­fach lie­ber mit dem, was ich nicht weiss», sagt sie. «Zu­dem er­mög­licht mir Fik­ti­on ei­ne grös­se­re emo­tio­na­le Ge­nau­ig­keit.» Zu Har­ry, dem ihr an­fangs so we­sens­frem­den Hel­den, ha­be sie nach und nach ei­ne qua­si ech­te Be­zie­hung auf­ge­baut. «Er wird ja erst er­wach­sen, in­dem er sich um die Kin­der küm­mert. Er er­lebt ei­ne Art Pu­ber­tät in ei­nem Al­ter, in dem bei an­de­ren die Mid­life-Cri­sis auf­kommt.»

Ei­ne Rei­fung, wie A. M. Ho­mes sie bei ih­rem leib­li­chen Va­ter, den sie mit 31 ken­nen­lern­te, nicht er­le­ben konn­te. In «Die Toch­ter der Ge­lieb­ten» (2007) hat sie ih­re Ge­schich­te als ad­op­tier­tes Kind er­zählt. El­len Ball­man hiess die Frau, die sich bei ih­rer 31-jäh­ri­gen Toch­ter mel­de­te; ei­ne halt­lo­se, ver­ein­sam­te Frau, die ver­lang­te, ih­re Toch­ter sol­le «sie jetzt end­lich ad­op­tie­ren». Ho­mes’ Va­ter ist ein Ge­schäfts­mann, der sich mit ihr in Ho­tels traf und es lan­ge nicht schaff­te, sei­nen jün­ge­ren Kin­dern von der ver­schwie­ge­nen Halb­schwes­ter zu er­zäh­len. Ho­mes’ Be­richt über ih­ren ver­geb­li­chen Ver­such, sich die­sen Men­schen an­zu­nä­hern und von ih­nen ech­te El­tern­lie­be zu er­hal­ten, hat die­sel­be Scho­nungs­lo­sig­keit und Ener­gie wie ih­re Ro­ma­ne. «Ein ad­op­tier­tes Kind», sagt A. M. Ho­mes, «egal wie gut es auf­wuchs, weiss im­mer, was es heisst, ein Aus­sen­sei­ter zu sein. Es gibt et­was, dem man nicht ent­kom­men kann: dem Wis­sen, dass dei­ne wah­ren El­tern dich nicht ha­ben woll­ten.»

Bis zum Zu­sam­men­bruch

Har­ry wird in «Auf dass uns ver­ge­ben wer­de» von den Kin­dern sei­nes Bru­ders schliess­lich in die El­tern­rol­le ge­rückt. Sein Le­ben steht kopf: Er ver­liert sei­nen Job an der Uni, sucht im In­ter­net nach ei­ner Be­zie­hung und nach Sex, hat ei­nen Zu­sam­men­bruch. Aber ge­ra­de in die­ser Ve­r­un­si­che­rung be­rei­tet sich et­was Neu­es, mit gröss­ter Wahr­schein­lich­keit auch Bes­se­res vor.

Die Zeit für un­ser In­ter­view ist um. A. M. Ho­mes muss ih­re 11-jäh­ri­ge Toch­ter von der Schu­le ab­ho­len. «Über mein Pri­vat­le­ben spre­che ich nicht», sagt sie freund­lich, um dann doch hin­zu­zu­fü­gen, dass sich mit der Ge­burt ih­rer Toch­ter et­was Ent­schei­den­des ge­än­dert hat­te. «Ich ha­be mei­nen Platz in der Welt im­mer als sehr pre­kär emp­fun­den, un­ge­si­chert. Das ist an­ders ge­wor­den, seit ich Mut­ter bin.» Lä­chelt noch ein­mal, dann schlägt die Tür des alt-neu­en Ho­tels hin­ter ihr zu.

A. M. Ho­mes: «Auf dass uns ver­ge­ben wer­de». Ro­man. Aus dem ame­ri­ka­ni­schen Eng­lisch von In­go Herz­ke. Kie­pen­heu­er & Witsch, 2014. 658 S., Fr. 31.90.

In A. M. Ho­mes’ Ro­man lei­den die Men­schen, al­len vor­an die Kin­der, in der Wohl­stands-Höl­le der ame­ri­ka­ni­schen Vor­städ­te.

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