Ge­burts­hel­fer der neu­tra­len Schweiz

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - WISSEN 200 JAHRE WIENER KONGRESS - Ge­ne­viè­ve Lü­scher

Vor 200 Jah­ren en­de­te der Wie­ner Kon­gress mit dem Zwei­ten Pa­ri­ser Frie­den. Er ist für die Schweiz bis heu­te des­we­gen wich­tig, weil in die­sem Frie­den die eu­ro­päi­schen Sie­ger­mäch­te die schwei­ze­ri­sche Neu­tra­li­tät an­er­kann­ten. Dass es kaum das Ver­dienst der Schwei­zer sel­ber war, die­se Neu­tra­li­tät er­run­gen zu ha­ben, wird da­bei ger­ne über­se­hen. Die Eid­ge­nos­sen­schaft war in Wien viel­mehr ein Spiel­ball der Na­tio­nen, die nicht das klei­ne Land, son­dern Eu­ro­pa und die ei­ge­nen In­ter­es­sen im Blick hat­ten.

Ei­ne die­ser Gross­mäch­te war Russ­land, und es war der rus­si­sche Ge­sand­te, der da­für sorg­te, dass die Schweiz und ih­re An­lie­gen an die­sem Mons­ter­kon­gress nicht un­ter­gin­gen. Graf Io­an­nis An­to­ni­os Ka­po­dis­tri­as, ge­bo­ren 1776 in Kor­fu, stamm­te aus ei­ner al­ten ad­li­gen Fa­mi­lie, die ver­mut­lich aus Ca­po d’Is­tria – heu­te Koper in Slo­we­ni­en – nach Kor­fu aus­ge­wan­dert war. Er sprach Ita­lie­nisch, stu­dier­te in Pa­dua und Ve­ne­dig Phi­lo­so­phie und Me­di­zin, schlug dann aber ei­ne di­plo­ma­ti­sche Lauf­bahn ein.

Die Io­ni­schen In­seln, zu de­nen Kor­fu ge­hört, wa­ren da­mals rus­si­sches Pro­tek­to­rat. Ka­po­dis­tri­as fiel den Be­hör­den po­si­tiv auf, und 1809 be­rief ihn der rus­si­sche Zar Alex­an­der nach Sankt Pe­ters­burg. Dort ver­voll­komm­ne­te er zu­erst sei­ne Sprach­kennt­nis­se in Rus­sisch, Fran­zö­sisch so­wie Grie­chisch und ent­wi­ckel­te ein In­ter­es­se am Schul­we­sen, dem er sein Le­ben lang gros­ses Ge­wicht bei­mass.

1811 er­hielt er, der sich als loya­ler, in­tro­ver­tier­ter und sub­ti­ler Di­plo­mat ei­nen Na­men ge­macht hat­te, sei­nen ers­ten Aussenposten in Wien. Nach der Völ­ker­schlacht von Leip­zig 1813 und der Nie­der­la­ge Na­po­le­ons muss­te Eu­ro­pa neu or­ga­ni­siert wer­den. Die Schweiz war da­bei von ge­rin­ger Be­deu­tung. Russ­land und Ös­ter­reich be­schlos­sen aber, das völ­lig zer­strit­te­ne Land zu ei­ni­gen, weil sie Plä­ne mit ihm hat­ten: Die Schweiz soll­te ein Puf­fer­staat zwi­schen den Gross­mäch­ten wer­den, da­zu muss­te sie sta­bil sein.

Druck auf die Tag­sat­zung

Zar Alex­an­der hat­te dank sei­nem Waadt­län­der Er­zie­her Frédé­ric de La­har­pe schon im­mer ei­ne Schwä­che für die Eid­ge­nos­sen. Laut sei­ner Au­to­bio­gra­fie, die Ka­po­dis­tri­as al­ler­dings erst viel spä­ter ge­schrie­ben hat, soll ihn der Zar mit fol­gen­den Wor­ten be­auf­tragt ha­ben, sich für die Schweiz stark­zu­ma­chen: «Sie lie­ben doch die Re­pu­bli­ken, ich lie­be sie auch. Nun geht es dar­um, ei­ne zu ret­ten [. . .]: die Schweiz!»

Im No­vem­ber 1813 reis­te Ka­po­dis­tri­as in die Schweiz, die Ös­ter­rei­cher sand­ten Ba­ron Lud­wig von Leb­z­el­tern, die En­g­län­der Vis­count Strat­ford Can­ning. Und al­le drei mach­ten den Ver­ant­wort­li­chen in den Kan­to­nen und an der Tag­sat­zung klar, was in Wien auf dem Spiel ste­hen wür­de. Be­din­gung der Sie­ger­mäch­te für die Teil­nah­me der Eid­ge­nos­sen am Kon­gress war ein Bun­des­ver­trag. Der rus­si­sche Ge­sand­te, der mit der Schweiz vor­her nie et­was zu tun ge­habt hat­te und nicht Deutsch sprach, stürz­te sich in die Ar­beit. Mo­na­te­lang reis­te er un­er­müd- lich durch die Lan­de und sorg­te da­für, dass je­der Kan­ton ei­ne neue Ver­fas­sung er­ar­bei­te­te. In Tro­gen nahm er 1814 so­gar an ei­ner Lands­ge­mein­de teil, um sich ein bes­se­res Bild zu ma­chen.

Die Wi­der­stän­de ge­gen die frem­den Ge­sand­ten wa­ren zum Teil gross. Vor al­lem die­je­ni­gen Kan­to­ne, die grosse Ge­biets­ver­lus­te in Kauf neh­men muss­ten, wie der Kan­ton Bern, wehr­ten sich. Ka­po­dis­tri­as’ Be­harr­lich­keit, sei­ne Ge­duld, aber auch sei­ne Her­kunft von aussen und sei­ne Re­li­gi­on – er war grie­chisch-or­tho­do­xen Glau­bens und liess sich we­der von den Ka­tho­li­ken noch von den Pro­tes­tan­ten be­ein­flus­sen – wa­ren sei­ne Vor­tei­le.

Hart­nä­ckig schrieb Ka­po­dis­tri­as Ver­fas­sungs­ent­wür­fe, Re­so­lu­tio­nen, Ent­schlüs­se und Brie­fe. Er stell­te fest: «In den Re­pu­bli­ken wird viel ge­re­det, man ent­schei­det sich schwer und han­delt lang­sam.» Sei­nem Va­ter in Kor­fu ge­stand er, dass die­se Ver­hand­lun­gen ex­trem müh­sam ge­we­sen sei­en, er ha­be aber auch Freund­schaf­ten ge­schlos­sen, die die­sen enor­men Auf­wand loh­nen wür­den.

Dass dann am 9. Sep­tem­ber 1814 an der Lan­gen Tag­sat­zung in Zü­rich ge­ra­de noch recht­zei­tig

(Dio­ny­si­os Tso­kos)

(Tso­kos, 1850) ein Bun­des­ver­trag zu­stan­de kam, ist «un­zwei­fel­haft haupt­säch­lich das Werk von Ka­po­dis­tri­as», sagt die Gen­fer His­to­ri­ke­rin Mi­chel­le Bou­vier-Bron.

Der Wie­ner Kon­gress be­gann am 18. Sep­tem­ber 1814, und der rus­si­sche Di­plo­mat wur­de Mit­glied ei­ner sechs­köp­fi­gen Kom­mis­si­on, wel­che die Schwei­zer An­ge­le­gen­hei­ten zu ord­nen und für die Er­rich­tung ei­nes neu­tra­len Puf­fer­staa­tes zu sor­gen hat­te. Die Neu­tra­li­tät war al­so nicht nur ein Wunsch der Schweiz, son­dern vor al­lem ein An­lie­gen der Gross­mäch­te. Die gu­ten Be­zie­hun­gen des ei­nen Schwei­zer Ge­sand­ten, des Gen­fers Pic­tet de Ro­che­mont, zum rus­si­schen Kom­mis­si­ons­mit­glied eb­ne­ten die­sem An­lie­gen den Weg.

Das ent­schei­den­de De­kret

Im Au­gust 1815 wur­de der neue Bun­des­ver­trag mit 22 gleich­be­rech­tig­ten Kan­to­nen ins Le­ben ge­ru­fen. Aber erst nach Wa­ter­loo, im Zwei­ten Pa­ri­ser Frie­den vom 20. No­vem­ber 1815, wur­de der Schweiz die im­mer­wäh­ren­de Neu­tra­li­tät per De­kret ge­währt. Die be­rühm­te Er­klä­rung soll ein Ge­mein­schafts­werk des Du­os Ka­po­dis­tri­as/Pic­tet ge­we­sen sein. Ka­po­dis­tri­as kehr­te nach Sankt Pe­ters­burg zu­rück. Mit dem Er­folg des Wie­ner Kon­gres­ses war sein An­se­hen ge­stie­gen, er war in Eu­ro­pa zu ei­nem mäch­ti­gen Staats­mann ge­wor­den und in der rus­si­schen Aus­sen­po­li­tik zu ei­nem der wich­tigs­ten und ein­fluss­reichs­ten Po­li­ti­ker.

Ka­po­dis­tri­as war aber nicht nur loya­ler Ge­sand­ter und Aus­sen­mi­nis­ter des rus­si­schen Za­ren, er war auch Grie­che, und als sol­cher war ihm die Be­frei­ung sei­nes Lan­des ein An­lie­gen. In Grie­chen­land ru­mor­te es, ver­schie­de­ne ge­hei­me Ver­ei­ni­gun­gen be­rei­te­ten den Frei­heits­kampf ge­gen die Os­ma­nen vor. In­wie­weit Ka­po­dis­tri­as dar­in ver­wi­ckelt war, ist um­strit­ten. Je­den­falls war sei­ne Dop­pel­funk­ti­on – grie­chi­scher Pa­tri­ot und rus­si­scher Aus­sen­po­li­ti­ker – auf Dau­er nicht auf­recht­zu­er­hal­ten. Der Staats­mann ent­schied sich für Grie­chen­land und quit­tier­te 1822 sei­nen Di­enst in Russ­land. Weil ihm ei­ne Heim­rei­se nach Kor­fu, nun bri­ti­sches Pro­tek­to­rat, nicht ge­stat­tet war, rich­te­te er sich in Genf ein, reis­te viel in Eu­ro­pa her­um und warb für Hel­las’ Frei­heit.

Die Schweiz hat dem Grie­chen sei­nen Ein­satz für ih­re Sou­ve­rä­ni­tät nie ver­dankt.

Miss­er­folg in der Hei­mat

Schon 1821 hat­te in Grie­chen­land der Un­ab­hän­gig­keits­krieg be­gon­nen, der 1832 zur Staats­grün­dung füh­ren soll­te. Ka­po­dis­tri­as wur­de 1827 von der grie­chi­schen Na­tio­nal­ver­samm­lung zum ers­ten «Prä­si­den­ten» des be­frei­ten Grie­chen­lands ge­wählt. Was ihm aber mit den zer­strit­te­nen Eid­ge­nos­sen so her­vor­ra­gend ge­lun­gen war – sie un­ter ei­nen Hut zu brin­gen –, das miss­lang ihm in sei­ner Hei­mat gründ­lich. Die un­ei­ni­gen Fa­mi­li­en und Par­tei­en so­wie die tra­di­tio­nel­len Clans ar­bei­te­ten ge­gen ihn. Ihm wur­de vor­ge­wor­fen, sei­ne en­ge­re Hei­mat, die west­li­chen In­seln, zu be­güns­ti­gen und so­gar nach der Kö­nigs­kro­ne zu stre­ben.

Im­mer­hin ge­lang es ihm, An­sät­ze ei­nes staat­li­chen Bil­dungs­we­sens und ei­ner So­zi­al­für­sor­ge zu schaf­fen, auch in der Land­wirt­schaft setz­te er Neue­run­gen durch. Die fi­nan­zi­el­le Si­tua­ti­on des jun­gen Staa­tes war je­doch schon da­mals de­so­lat. Auf­stän­de bra­chen aus, Ka­po­dis­tri­as fiel schliess­lich 1831 in Naf­pli­on, der pro­vi­so­ri­schen Haupt­stadt Grie­chen­lands, ei­nem At­ten­tat zum Op­fer.

Die Schweiz hat dem Grie­chen Io­an­nis Ka­po­dis­tri­as sei­nen Ein­satz für ih­re Sou­ve­rä­ni­tät, für ih­re Neu­tra­li­tät und Un­ab­hän­gig­keit im nach­na­po­leo­ni­schen Eu­ro­pa nie wirk­lich ver­dankt, wenn man von der Eh­ren­bür­ger­schaft der Kan­to­ne Genf und Waadt ab­sieht. Vi­el­leicht wä­re das Ge­denk­jahr 2015 ei­ne Ge­le­gen­heit, an den gros­sen Staats­mann und Ge­burts­hel­fer der Schweiz – ei­nen Grie­chen – zu er­in­nern.

Io­an­nis Ka­po­dis­tri­as: Grie­chi­scher Aus­sen­po­li­ti­ker in rus­si­schen Di­ens­ten mit ei­nem Fai­b­le für Re­pu­bli­ken.

Die Er­mor­dung von Ka­po­dis­tri­as am 9. Ok­to­ber 1831 in Naf­pli­on, der pro­vi­so­ri­schen Haupt­stadt Grie­chen­lands.

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