Der Star­re­gis­seur

Er freut sich un­bän­dig auf das Spek­ta­kel, das er an der Fête des Vignerons auf­füh­ren wird. Der Re­gis­seur Da­nie­le Finzi Pasca er­zählt mit ei­ner poe­ti­schen Schau vom Le­ben ei­nes Win­zers und von der Kunst, Trau­ben zu kul­ti­vie­ren.

Schweizer Familie - - INHALT - — In­ter­view Da­ni­el Ganz­fried Fotos Jacqueline Hae­ner

In­ter­view mit Da­nie­le Finzi Pasca

Herr Finzi Pasca, Sie sind der künst­le­ri­sche Lei­ter der Fête des Vignerons in Ve­vey. Was ver­bin­det Sie mit dem Win­zer­fest?

Ve­vey ist klein, ähn­lich wie Lugano, wo ich auf­ge­wach­sen bin. Bei­de Or­te ken­nen den Wein­bau, lie­gen an ei­nem See und ge­hö­ren zur la­tei­ni­schen Schweiz. Schon als Kind war ich oft in Ve­vey, weil mein Va­ter als Fo­to­graf dort zu tun hat­te. Ve­vey, das ist für mich und mei­ne Com­pa­gnia des­halb auch ei­ne Art Heim­kom­men nach ei­ner lan­gen Rei­se, die uns in den letz­ten 35 Jah­ren um die gan­ze Welt ge­führt hat. Als wir 2013 für die Fête des Vignerons an­ge­fragt wur­den, hat uns das ge­ehrt und un­bän­dig ge­freut. End­lich kön­nen wir auch in der Hei­mat et­was Gros­ses zei­gen.

Sie sind ein welt­weit ge­frag­ter Re­gis­seur, ein Star des gros­sen Thea­ters, der et­wa die Ab­schluss­ze­re­mo­ni­en der Olym­pi­schen Win­ter­spie­le in Tu­rin und Sot­schi oder Shows des Cir­que du So­leil in­sze­nier­te. Wie stel­len Sie sich auf das re­gio­nal ge­präg­te Win­zer­fest ein?

Mit gros­sem Re­spekt. Re­spekt ge­gen­über der Wein­bau­tra­di­ti­on des La­vaux, ge­gen­über un­se­ren Vor­gän­gern und der Con­fré­rie des Vignerons, der Win­zer­gil­de, die das Fest über Jahr­hun­der­te zu dem ge­macht hat, was es heu­te ist.

In ei­ner von Ih­nen ent­wor­fe­nen Are­na mit 20 000 Sitz­plät­zen wer­den Sie ei­ne gi­gan­ti­sche Show auf die Büh­ne brin­gen. Ver­ra­ten Sie schon et­was über den In­halt?

Wir stel­len den Vi­g­ne­ron-tâche­ron ins Zen­trum, den Reb­bau­ern, der sein Le­ben da­mit ver­bringt, die ihm von den Be­sit­zern an­ver­trau­ten Reb­par­zel­len zu pfle­gen. Wie ar­bei­tet er? Wie pflegt er die Re­be? Wie schnei­det er sie? Wie ern­tet er? Die letz­ten bei­den Fes­te ha­ben den Reb­bau­ern zwar ge­wür­digt, aber was er ge­nau macht, hat nie­mand ge­se­hen. Was für Auf­ga­ben hat er? Wie be­ob­ach­tet er den Him­mel? Was macht er, wenn die Käl­te zu früh oder zu spät kommt? Und vor al­lem: Wel­che Lei­den­schaft steckt hin­ter sei­ner Kunst? Im Zen­trum steht al­so das Le­ben der Leu­te, die we­ni­ger Spe­zia­lis­ten des Wei­nes sel­ber sind als Künst­ler da­rin, die Trau­be zu kul­ti­vie­ren.

Wie zei­gen Sie das?

Mit ei­ner Ge­schich­te. Sie spielt wäh­rend der Wein­le­se, die­ses spe­zi­el­len Mo­ments vol­ler Ener­gie, wenn nach ei­nem Jahr die Trau­be wie­der be­reit ist zur Ern­te. Es ist 12 Uhr mit­tags, Zeit zum Essen. Al­le ru­hen aus. In dem Mo­ment ent­deckt ein Mäd­chen klei­ne Din­ge in sei­ner Um­ge­bung: hier ein Werk­zeug, dort ein In­sekt, da ein Blatt, ein Ge­schirr. Es fragt sei­nen Gross­va­ter nach de­ren Be­deu­tung. Die­ser führt es auf ei­ne fan­tas­ti­sche Rei­se durch das Jahr ei­nes Reb­bau­ern.

Sie nen­nen Ih­re Ar­beits­wei­se «Tea­tro del­la ca­rez­za», Thea­ter der Zärt­lich­keit. Was ge­nau mei­nen Sie da­mit?

Dass wir im­mer in Be­rüh­rung blei­ben: Un­ter uns in der Com­pa­gnia Finzi Pasca, mit den Leu­ten vor Ort, die un­se­re Auf­füh­run­gen er­mög­li­chen, und vor al­lem mit dem Pu­bli­kum. Das hat bei uns in den Acht­zi­ger­jah­ren an­ge­fan­gen, als wir noch als ei­ne ver­rück­te Cli­que von Stras­sen­clowns und Frei­zeit­akro­ba­ten die Stras­sen von Lugano un­si­cher mach­ten und höchs­tens da­von träum­ten, viel­leicht ein­mal in ei­nem Thea­ter in un­se­rer Stadt auf­tre­ten zu dür­fen.

Wie ge­lingt es, an ei­nem Gross­an­lass wie der Fête des Vignerons mit 20 000 Zu­schaue­rin­nen und Zu­schau­ern pro Show mit dem Pu­bli­kum in Be­rüh­rung zu blei­ben?

Ge­nau gleich wie auf der klei­nen Piaz­za­le Mi­la­no in Lugano: mit Ein­füh­lungs­ver­mö­gen. Wir ver­su­chen, so zu tan­zen, uns so zu be­we­gen, so zu sin­gen und zu spre­chen, dass wir mit dem Pu­bli­kum zu­sam­men sind.

Teil der Com­pa­gnia Finzi Pasca war auch Ih­re Frau Ju­lie Ha­me­lin Finzi, die 2016 ver­stor­ben ist. Wie ge­hen Sie mit dem Ver­lust um?

Die gan­ze Com­pa­gnia Finzi Pasca be­hält sie als Schwes­ter im Her­zen. Ju­lie ist die Per­son, die uns mit ih­ren mehr als zwan­zig Jah­ren Er­fah­rung in der Welt des mo­der­nen Zir­kus und der dar­stel­len­den Küns­te rund um den Glo­bus ge­bracht hat. Mit ih­rer gan­zen Ener­gie hat sie stän­dig an un­se­re Zu­kunft ge­dacht und neue Pro­jek­te für die Wei­ter­ent­wick­lung der Com­pa­gnia Finzi Pasca ge­schaf­fen. Sie war die Per­son, die wuss­te, wel­che An­sät­ze und Vor­ha­ben uns am wei­tes­ten tra­gen wür­den. Mit der Show «Per te», die Ju­lie ge­wid­met ist und die seit zwei Jah­ren um die Welt tourt, reist ih­re See­le wei­ter­hin mit uns, und na­tür­lich ist sie auch am Win­zer­fest Teil der Com­pa­gnia.

Ju­lie Ha­me­lin Finzi hat mit Ih­nen das Kon­zept für das Win­zer­fest ent­wor­fen.

Das stimmt. Ju­lie und ich ha­ben die Dra­ma­tur­gie für die Show und ei­ne Thea­tera­re­na ent­wor­fen, die ge­nau die Mög­lich­kei­ten bie­tet, die wir für die Show brau­chen: ei­ne grosse Büh­ne auf dem Bo­den und vier wei- te­re auf ver­schie­de­nen Ni­veaus, wo vie­le Din­ge zur sel­ben Zeit ge­sche­hen. Ju­lie hat die Ar­beit bis zum Schluss ge­prägt und bleibt die ers­te Ide­en­ge­be­rin und Kon­zep­tio­nis­tin der neu­en Fête des Vignerons. Für mich ist das Win­zer­fest auch ein Fest für Ju­lie, die Frau, die das Thea­ter so ge­liebt hat wie das Le­ben selbst.

«Für das Win­zer­fest ar­bei­te ich be­reits seit fünf Jah­ren. Ich füh­le mich da­bei wie ein Koch, der sich das Me­nü für ein Hoch­zeits­fest über­legt.»

Der­zeit be­treu­en Sie meh­re­re Pro­duk­tio­nen in Lugano und Bang­kok, zu­dem tourt der Cir­que du So­leil mit zwei Ih­rer Pro­duk­tio­nen um die Welt. Wie kön­nen Sie sich auf Ve­vey kon­zen­trie­ren?

Für das Win­zer­fest ar­bei­te ich be­reits seit fünf Jah­ren. Ich füh­le mich da­bei wie ein Koch, der sich das Me­nü für ein Hoch­zeits­fest über­legt. Was brau­che ich, um am ent­schei­den­den Tag be­reit zu sein? Das Me­nü ist be­reits be­stimmt. Bis jetzt war ich auf dem Markt un­ter­wegs, um all die wun­der­ba­ren Zu­ta­ten zu be­sor­gen. Nun liegt al­les in der Kü­che be­reit. Ab Sep­tem­ber wer­de ich dort ko­chen, mit all den Leu­ten, mit de­nen ich zum Teil schon über Jahr­zehn­te ar­bei­te, und ein Me­nü, das nach Ju­lie riecht. Es wird wun­der­voll sein!

Wie brin­gen Sie die al­te Tra­di­ti­on der Fête des Vignerons mit Ih­rer mo­der­nen Kon­zep­ti­on von Thea­ter zu­sam­men?

In­dem wir mit den Men­schen spre­chen, mit den Mit­glie­dern der Con­fré­rie. Die ers­ten zwei Jah­re un­se­rer Zu­sam­men­ar­beit ver­gin­gen mit Fra­gen: Was sind ih­re Be­dürf­nis­se? Wel­che Tra­di­tio­nen lie­gen dem al­lem zu­grun­de? Was für Er­war­tun­gen he­gen die Leu­te? Was ist das La­vaux? Tra­di­ti­on ist mir enorm wich­tig. Des­halb ha­ben wir auch viel Zeit mit den Reb­bau­ern ver­bracht.

War­um ist Ih­nen Tra­di­ti­on so wich­tig?

Weil sie uns hilft, uns zu ori­en­tie­ren. Ge­ra­de in Zei­ten des Wan­dels auf al­len Ebe­nen der Po­li­tik und der Wirt­schaft gibt sie uns Halt. Im Stück wol­len wir be­son­ders die Be­zie­hung zur Na­tur und zur Er­de be­to­nen, die wir bei al­lem wis­sen­schaft­li­chen und tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt ein we­nig ver­lo­ren ha­ben. Die Tra­di­ti­on lässt uns da­von viel be­rüh­ren­der als nur in sym­bo­li­schen Bil­dern er­zäh­len, näm­lich poe­tisch.

Bei Ih­rer Show wer­den 6000 Men­schen mit­wir­ken. Wie ha­ben Sie die­se zu­sam­men­ge­bracht?

5400 sind Lai­en, die aus dem Ver­gnü­gen mit­zu­wir­ken, da­bei sein wer­den. Da­ne­ben gibt es ei­ne ver­hält­nis­mäs­sig klei­ne Grup­pe von Pro­fes­sio­nel­len. Wir ha­ben in ei­nem dif­fe­ren­zier­ten Pro­zess mit der Con­fré­rie die Leu­te aus­ge­wählt. Das dau­er­te ein gu­tes Jahr.

Das nächs­te Win­zer­fest wird erst in 20 bis 25 Jah­ren statt­fin­den. Bis da­hin tra­gen die Leu­te Ihr Fest als Er­in­ne­rung mit sich. Wie soll es nach­klin­gen?

Ich muss ei­ne sinn­li­che Span­nung er­zeu­gen. Sie soll die Lei­den­schaft für die Fête des Vignerons auch in der Ge­ne­ra­ti­on er­hal­ten, die dann am Drü­cker sein wird. Auch des­halb ar­bei­ten wir mit so vie­len jun­gen As­sis­ten­ten aus dem La­vaux und Ve­vey zu­sam­men, da­mit sie in 20 bis 25 Jah­ren sa­gen: «Wir wa­ren 2019 Teil ei­ner gros­sen ge­mein­sa­men Er­fah­rung und ha­ben all die In­stru­men­te in der Hand, um zu ru­fen: Wir ma­chen es wie­der!»

Er will mit Poe­sie be­rüh­ren: Finzi Pasca. Hier auf der Büh­ne des LAC Lugano Ar­te e Cul­tu­ra.

So wird sich die grosse Büh­ne prä­sen­tie­ren: Visualisierung der Are­na.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.