FLUSS­FAHRT IN FRANK­REICH

Be­sonn­te Reb­hän­ge, ein prun­ken­der Papst­pa­last und hell er­leuch­te­te Stras­sen­ca­fés wie von van Gogh ge­malt: Frank­reich er­strahlt bei ei­ner Schiff­fahrt auf der Rho­ne und der Saô­ne in gol­de­nem Glanz.

Schweizer Familie - - INHALT - — Text Kath­rin Fritz Fotos Mau­rice K. Grü­nig

Lieb­li­che Land­schaf­ten und ku­li­na­ri­sche Köst­lich­kei­ten: Ei­ne Fahrt auf der Rho­ne und der Saô­ne ist ein Ge­nuss.

Strah­lend weiss wie ein Schwan ruht die «Eme­rald Li­ber­té» am Ufer bei Ar­les. Das Schiff lässt mir Zeit, an­zu­kom­men. Ei­nen Tag und ei­ne Nacht liegt es hier im Sü­den Frank­reichs, wo sich die Rho­ne zum schiff­ba­ren Fluss ver­brei­tert. Ar­les, die Stadt der Bil­der und der Kunst. Vom gros­sen Ka­bi­nen­fens­ter aus se­he ich die be­rühm­te Sil­hou­et­te des Or­tes, die der nie­der­län­di­sche Ma­ler Vin­cent van Gogh (1853–1890) so meis­ter­haft ver­ewigt hat. Hier be­ginnt mei­ne Rei­se.

Be­quem mit dem Schiff wer­den ich und rund 120 an­de­re Pas­sa­gie­re vom Sü­den Frank­reichs ge­gen Nor­den bis nach Cha­lon-sur-saô­ne im Bur­gund schip­pern und zu­rück nach Lyon. Es wird ei­ne Rei­se sein vol­ler Bil­der und Far­ben. Ein­drü­cke und Er­leb­nis­se, die noch lan­ge blei­ben: Ar­les am frü­hen Mor­gen, wenn das Licht weich ist und den Ge­sich­tern schmei­chelt, die Fête du cos­tu­me im an­ti­ken Thea­ter in der Mit­tags­hit­ze. Zu­schau­er, die sich mit Zei­tun­gen und Tü­chern Schat­ten ver­schaf­fen, und auf der Büh­ne die Ak­teu­re, jun­ge Frau­en, in bun­te Bie­der­mei­er­kos­tü­me ge­schnürt, mit Hü­ten und Schir­men, die jun­gen Män­ner hoch zu Ross. Der vio­let­te Nacht­him­mel über den Gas­sen von Ar­les. Die hell er­leuch­te­ten Ca­fés, die al­le Su­jets für den be­rühm­ten nie­der­län­di­schen Künst­ler sein könn­ten. Und dann, als ich in mei­nem Bett lie­ge, die Ster­nen­nacht, klar und gol­den über dem Fluss.

Son­ne und Kalk für die Re­ben

Als ich am nächs­ten Tag er­wa­che, hö­re ich ein lei­ses Rau­schen. Das Schiff glei­tet durchs Was­ser. Im Mor­gen­licht zer­fliesst die Land­schaft zu grü­nen Farb­kleck­sen. Es riecht nach Fisch und Wald. Lang­sam ver­än­dert sich die Land­schaft. Die Bäu­me wei­chen den Re­ben. Das Schiff legt an. Wir sind in Châ­teau­neuf-du Pa­pe. Ein klei­ner Ort mit gros­sem Na­men. Denn auf dem kalk­hal­ti­gen Bo­den ge­dei­hen die Trau­ben so gut, dass Papst Jo­han­nes XXII. (um 1245–1334) hier sei­ne Som­mer­fe­ri­en ver­brach­te.

Der Wein, den er ge­noss, ist welt­be­rühmt ge­wor­den. Macht­kämp­fe in Rom führ­ten da­zu, dass Jo­han­nes und sechs

wei­te­re rö­mi­sche Päps­te so­wie zwei Ge­gen­päps­te ih­ren Amts­sitz in Avi­gnon statt in Rom hat­ten. Da­von zeu­gen die vie­len Kir­chen und der mo­nu­men­ta­le Papst­pa­last, von dem der fran­zö­sisch­spra­chi­ge Dich­ter und Chro­nist Je­an Frois­sart (um 1337–1405) schrieb, es sei «das schöns­te und über­wäl­ti­gends­te An­we­sen der Welt». Das ge­wal­ti­ge Ge­bäu­de be­ein­druckt bis heu­te.

Das Schiff glei­tet durchs Was­ser. Im Mor­gen­licht zer­fliesst die Land­schaft zu grü­nen Farb­kleck­sen.

Hin­ter dem Pa­last füh­ren kopf­st­ein­ge­pflas­ter­te Gas­sen durch die mit­tel­al­ter­li­che Stadt hin­un­ter zu ei­nem Flüss­chen. Ich bin im Quar­tier der Fär­ber. Der Han­del mit be­druck­ten Stof­fen hat Avi­gnon reich ge­macht. Von den 23 Mühl­rä­dern, die der klei­ne Fluss an­trieb, sind 4 üb­rig ge­blie­ben. Statt em­si­gen Wer­kens, Fär­bens, Sei­den­spin­nens und We­bens ist heu­te Be­schau­lich­keit im Quar­tier ein­ge­ kehrt. Die al­ten Pla­ta­nen spen­den Schat­ten und Ru­he. Den Bach ent­lang sind Ti­sche auf­ge­stellt. Ein Re­stau­rant reiht sich ans an­de­re. Ich set­ze mich auf ei­nen stei­ner­nen Fries­wür­fel, der als «Stuhl» dient, und be­stel­le ei­ne Ci­tron pres­sé. «San­té», sagt die Frau ge­gen­über. Wir re­den und la­chen, als wä­ren wir längst Freun­din­nen ge­wor­den.

Der Pont d’avi­gnon bei Voll­mond

Das Abend­es­sen auf dem Schiff, ein acht St­un­den lang ge­gar­ter Rinds­bra­ten, wird mit ei­nem ro­ten Cô­tes du Rhô­ne ser­viert. Sei­ne Trau­ben ge­dei­hen an den son­nen­ge­wärm­ten Hän­gen, die wir dem­nächst pas­sie­ren wer­den. Wie das Essen mun­det

auch der tro­cke­ne Rot­wein aus­ge­zeich­net. Die Gril­len rät­schen laut­stark auf mei­nem «Abend­spa­zier­gang» auf dem Son­nen­deck. Ich set­ze mich an ei­nen Tisch am Heck. Die Ma­tro­sen tra­gen oran­ge Schwimm­wes­ten und tän­zeln leicht­füs­sig auf schma­len Ge­län­dern. «Lei­ne ein­ho­len!», ruft ei­ner, «Aye aye», be­stä­tigt ein an­de­rer, löst den Kno­ten und wirft das Seil sei­nem Kol­le­gen zu. Dann gibt der Ka­pi­tän das Kom­man­do zur Fahrt. Das Schiff legt ab. Hin­ter uns, im blei­chen Voll­mond­licht, leuch­tet der viel be­sun­ge­ne Pont d’avi­gnon.

Schö­nes Nichts­tun im Schat­ten

Die trut­zi­ge Burg von Tour­non-sur-saô­ne ist das Ers­te, was ich am nächs­ten Mor­gen vom Fens­ter aus se­he. Es ist ein ge­drun­ge­ner Bau, ei­ne Fe­s­tung aus dem 15. Jahr­hun­dert. Mit sechs Me­ter di­cken Mau­ern, Schiess­schar­ten und Pech­na­sen such­te man sich ge­gen die Fein­de zu ver­tei­di­gen. Hin­ter der Burg stei­gen Hän­ge des Rho­neu­fers steil em­por. Sie ge­hö­ren zum Reb­ge­biet der Tain-l’er­mi­ta­ge. Von hier stam­men ei­ni­ge der bes­ten und auch teu­ers­ten Wei­ne Frank­reichs. Die Hit­ze ver­langt den Wan­de­rern und Velo­fah­re­rin­nen, die ih­re Rou­te ins Tal der Ar­dè­che be­gin­nen, ei­ni­ges ab.

Ich bin froh, im Schat­ten zu sit­zen und nichts tun zu müs­sen. Aus­ser be­trach­ten. Im seich­ten Ufer grün­deln zwei Schwä­ne nach Was­ser­schne­cken. Schwal­ben schwir­ren über die spie­gel­glat­te Rho­ne. Ab und zu hüpft ein Fisch aus dem Fluss, der weit hin­ten mit dem Grün der Bäu­me ver­schmilzt.

In der Nacht hat das Schiff die Rho­ne ver­las­sen und ist auf die Saô­ne ein­ge­bo­gen. Weit brei­tet sie ihr Bett vor uns aus. Wir ma­chen halt in Mâ­con. Vie­le Pas­sa­gie­re ha­ben sich für ei­nen Aus­flug in die Ab­tei von Cluny an­ge­mel­det. Wir tau­chen ein in ei­ne gi­gan­ti­sche sa­kra­le Welt. Vor 1100 Jah­ren wur­de die Ab­tei als gröss­tes christ­li­ches Bau­werk der Welt ge­grün­det. Ein Werk der Mass­lo­sig­keit, sa­gen Kri­ti­ker, denn mit 187 Me­ter Län­ge war die Kir­che fast zwei­mal so lang wie ein Fuss­ball­feld. Heu­te al­ler­dings steht nur noch ein Bruch­teil da­von. Der Man­gel an Bau­ma­te­ri­al hat nach der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on zum Ab­bau ge­führt. St­ein um St­ein ver­kauf­ten die neu­en Ei­gen­tü­mer an die Ein­woh­ner von Cluny, die da­mit ih­re Häu­ser er­rich­te­ten.

Bil­der zeich­nen mit Licht

Die Rück­fahrt zum Schiff führt durch grü­ne Wei­de­land­schaf­ten. Die fast weis­sen Cha­ro­lais-rin­der las­sen sich von uns beim Gra­sen nicht stö­ren. Auf ei­nem Hü­gel steht ei­ne Burg, vor ihr ein Feld mit Son­nen­blu­men. Ein Fo­to­sujet wie ge­macht. Ein letz­tes Mal an die­sem Tag wer­den die Ka­me­ras ge­zückt und Bil­der fest­ge­hal­ten. Dass wir das über­haupt kön­nen, ver­dan­ken wir ei­nem Ein­woh­ner von Chal­lon-sur-saô­ne, der nächs­ten Stadt, die wir be­su­chen: Jo­seph Ni­cé­pho­re Niép­ce. Er war der Ers­te, der mit Licht ein Bild zeich­ne­te. (Das Wort Fo­to­gra­fie kommt vom Grie­chi­schen: pho­to be­deu­tet Licht, und graph steht für zeich­nen.) 1826 hielt Jo­seph Ni­cé­pho­re Niép­ce mit sei­ner Ca­me­ra ob­scu­ra den Blick aus dem Fens­ter sei­nes Ar­beits­zim­mers fest. Un­ser Schiff hält gleich ge­gen­über des zu sei­nen Eh­ren er­stell­ten Mu­se­ums der Fo­to­gra­fie. Niép­ces Er­fin­dung macht es mög­lich, dass wir die Bil­der un­se­rer Rei­se be­wah­ren kön­nen. So auch am nächs­ten Tag beim Be­such des Hô­tel-dieu in Beau­ne. Wir lich­ten die pur­pur­nen Bett­vor­hän­ge des 1443 ge­grün­de­ten Ar­men­hos­pi­zes ab, das Rot der Bett­de­cken, die far­bi­gen Bil­der an den Wän­den der Kran­ken­zim­mer, die ge­mus­ter­ten Mo­sa­ik­bö­den und die bun­ten Zie­gel auf dem Dach. In Cha­lon-sur

Es wird ei­ne Rei­se sein vol­ler Bil­der und Far­ben. Ein­drü­cke und Er­leb­nis­se, die noch lan­ge blei­ben.

Saô­ne, im Her­zen Frank­reichs, wen­det un­ser Schiff. Es nimmt Kurs ge­gen Sü­den, auf Lyon, die letz­te Sta­ti­on un­se­rer Rei­se. Die nach Pa­ris und Mar­seil­le dritt­gröss­te Stadt Frank­reichs ist die Stadt des Lichts. Hier ha­ben die Brü­der Au­gust und Lou­is Lu­miè­res ver­mut­lich den ers­ten Film auf der Welt ge­dreht. Die «Stras­se des ers­ten Films» im ach­ten Ar­ron­dis­se­ment und ein Mu­se­um des Lichts er­in­nern an die­se Er­fin­dung. Lyon ist auch ei­ne Stadt der Ge­nüs­se. Paul Bo­cu­se (1926–2018), ei­ner der be­rühm­tes­ten Kö­che der Welt, hat hier ge­wirkt und die Lyo­ner Gas­tro­no­mie weit über Frank­reich hin­aus be­kannt ge­macht. Bo­cu­se war ein Freund der ein­fa­chen Kü­che. Er koch­te Ge­rich­te, wie sie vor ihm die Haus­frau­en in Lyon zu­be­rei­tet hat­ten. Das Ge­heim­nis wa­ren und sind die fri­schen und sai­so­na­len Pro­duk­te die­ser Ge­gend. Nir­gend­wo in Frank­reich sind die Alpen und das Meer mit ih­rem Reich­tum an Nah­rungs­mit­teln nä­her bei­ein­an­der als in Lyon. In der nach Bo­cu­se be­nann­ten Markt­hal­le sind die­se Spe­zia­li­tä­ten kunst­voll auf­ge­türmt. Kä­se wie Tom­me de Sa­vo­ie, Be­aufort, Re­blochon und die Zie­gen­kä­se Chev­ro­tin des Al­pes und die Che­v­re­tons du Beau­jo­lais lo­cken zum Pro­bie­

Fran­zö­si­sche Köst­lich­kei­ten: Knusp­rig ge­ba­cke­ne Tar­te aux blet­tes mit Man­gold und ei­ne er­fri­schen­de Ci­tron pres­sé.

Wer durch die Alt­stadt fla­niert, ent­deckt al­te und mo­der­ne Kunst­wer­ke: Cha­lon-sur-saô­ne.

Di­rekt ne­ben der Trutz­burg rei­fen die Trau­ben für aus­ge­zeich­ne­te Wei­ne: Kle­in­stadt Tour­non.

Mit­ten in der Som­me­ridyl­le: Die «Li­ber­té» bei der Rho­ne­bie­gung von Tour­non.

Fleisch­wa­ren für Fein­schme­cker: Markt Paul Bo­cu­se in Lyon.

«Lei­nen los!»: Der Ka­pi­tän gibt das Kom­man­do zum Ab­le­gen.

So­gar der La­ven­del tanzt vor der viel be­sun­ge­nen Brü­cke im Wind: Pont d’avi­gnon.

In his­to­ri­schen Ko­s­tü­men fei­ern die Be­woh­ne­rin­nen von Ar­les die pro­ven­za­li­sche Kul­tur: Trach­ten­fest beim an­ti­ken Thea­ter.

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