Ein Schau­spiel mit Sel­ten­heits­wert

Ein­mal pro Ge­ne­ra­ti­on lädt die Win­zer­bru­der­schaft nach Ve­vey. Hier kürt sie seit Jahr­hun­der­ten die bes­ten Win­zer. In den An­fän­gen mit Mu­sik und Tanz und ei­ner be­schei­de­nen Tri­bü­ne. Nächs­tes Jahr mit ei­nem rau­schen­den Fest und ei­ner haus­ho­hen Are­na.

Schweizer Familie - - WISSEN - — Text Hans-martin Bür­ki-spy­cher

Kräf­ti­ge Män­ner, die Sen­se auf der Schul­ter, zie­hen vor­bei und win­ken ins Pu­bli­kum. Es fol­gen Trach­ten­frau­en mit Stroh­hü­ten und Blu­men­krän­zen so­wie Mu­si­ker in na­po­leo­ni­schen Uni­for­men. Da­hin­ter ein pom­pö­ser Wa­gen, ge­zo­gen von vier star­ken Och­sen, auf dem die Frucht­bar­keits­göt­tin Ce­res thront. Die­se Sze­nen aus dem Jahr 1905 sind ver­ewigt auf den ers­ten über­lie­fer­ten Film­auf­nah­men ei­ner Fête des Vignerons.

Nur ein­mal pro Ge­ne­ra­ti­on geht im waadt­län­di­schen Ve­vey, an den son­ni­gen Ge­sta­den des Gen­fer­sees, das be­rühm­te Win­zer­fest über die Büh­ne. Tau­sen­de Män­ner, Frau­en und Kin­der aus der Stadt und den um­lie­gen­den Dör­fern ma­chen mit als Sta­tis­ten, Sän­ge­rin­nen oder als frei­wil­li­ge Hel­fer. Es heisst, die Men­schen be­rei­ten sich zehn Jah­re auf das Win­zer­fest vor und schwel­gen da­nach zehn Jah­re in Er­in­ne­run­gen, bis die Vor­be­rei­tun­gen für das nächs­te Fest be­gin­nen.

Im Som­mer 2019 ist es wie­der so weit. Die Vor­be­rei­tun­gen lau­fen be­reits auf Hoch­tou­ren (sie­he Sei­te 38/39). Zwi­schen dem 18. Ju­li und dem 11. Au­gust 2019 wer­den 20 Vor­stel­lun­gen das Pu­bli­kum in ih­ren Bann zie­hen. Die Or­ga­ni­sa­to­ren er­ war­ten meh­re­re hun­dert­tau­send Be­su­che­rin­nen und Be­su­cher. Das Win­zer­fest in Ve­vey ist ei­nes der gröss­ten und äl­tes­ten Volks­fes­te der Schweiz.

Lo­ben statt ta­deln

Die An­fän­ge rei­chen weit zu­rück. Sa­bi­ne Carruz­zo, 55, His­to­ri­ke­rin aus Ve­vey, be­schäf­tigt sich seit über zwan­zig Jah­ren mit den Fêtes des Vignerons. Sie durch­stö­ber­te Ar­chi­ve bis nach Tu­rin, hat aber kein äl­te­res Do­ku­ment ge­fun­den als das «Ma­nu­al», ein Buch aus dem Jahr 1647 mit Pro­to­kol­len der Win­zer­bru­der­schaft St. Ur­ban. Äl­ter ist nur noch ein klei­ner Kelch aus Buchs­baum­holz, in­nen ver­gol­det, mit Na­mens­pla­ket­ten sämt­li­cher Ab­bé­pré­si­dents, die seit 1618 der Win­zer­bru­der­schaft vor­stan­den. «Die An­fän­ge die­ses tra­di­tio­nel­len Fes­tes ver­lie­ren sich in der grau­en Vor­zeit», sagt Sa­bi­ne Carruz­zo.

Was sich si­cher sa­gen lässt: Seit dem 17. Jahr­hun­dert en­de­te je­weils die Ge­ne­ral­ver­samm­lung der Con­fré­rie des Vignerons, der Win­zer­bru­der­schaft, mit ei­ner Pa­ra­de. Vom höchs­ten Punkt der Stadt aus, der Kir­che Saint­martin, führ­te sie ih­re Mit­glie­der, ge­folgt von den Reb­bau­ern und zahl­rei­chen Schau­lus­ti­gen, durch die Stras­sen von Ve­vey hin­un­ter bis zum Ufer des Sees, wo ein ein­fa­ches Fest­mahl war­te­te.

Bru­der­schaft – das tönt nach Klos­ter und Mön­chen, die ja nicht sel­ten über grosse Wein­gü­ter ver­füg­ten. «Wahr­schein­lich stammt die Con­fré­rie des Vignerons tat­säch­lich da­von ab, aber si­cher ist es nicht», sagt Sa­bi­ne Carruz­zo. «Im Kan­ton Waadt nen­nen wir al­le Ver­ei­ne ‹ab­baye›, al­so Ab­tei. Schüt­zen­ver­ei­ne heis­sen ‹ab­baye de tir›, und die ha­ben über­haupt nichts Re­li­giö­ses.» Wie dem auch sei, der Be­ne­dik­ti­ner­wahl­spruch «Ora et la­bo­ra» – Bete und ar­bei­te – gilt noch heu­te für die Win­zer­bru­der­schaft.

Die­se be­steht nicht aus Win­zern, wie der Na­me ver­mu­ten lässt, son­dern aus den Be­sit­zern der Reb­ber­ge, aus Fa­mi­li­en und Ge­mein­den so­wie den Kan­to­nen Freiburg und Waadt. Die Land­be­sit­zer gin­gen frü­her ein­mal im Jahr durch die Reb­ber­ge und kri­ti­sier­ten die Win­zer für Din­ge, die sie nicht gut ge­macht hat­ten. «Dann merk­ten die Pa­trons, dass es viel bes­ser wä­re, die­je­ni­gen, die gut ge­ar­bei­tet ha­ben, in den Vor­der­grund zu stel­len», sagt Sa­bi­ne Carruz­zo, «das mo­ti­viert auch die an­dern.» So gab es ab 1770 für die Win­zer Lob statt Ta­del. Seit­her be­su­chen Ex­per­ten drei­mal im Jahr je­den Reb­berg der Bru­der­schaft von Lausanne bis zur Gren­ze zum Wal­lis und be­gut­ach­ten die Ar­beit der Win­zer.

«Sie ver­ge­ben da­für No­ten», sagt Sa­bi­ne Carruz­zo, «und je­des drit­te Jahr wer­den die No­ten zu­sam­men­ge­zählt. Die bes­ten Win­zer be­kom­men ei­ne Sil­ber­ oder ei­ne Bron­ze­me­dail­le ver­lie­hen und ei­ne Prä­mie.» War­um kei­ne Gold­me­dail­le? «Die ist re­ser­viert für die Fête des Vignerons, dann wer­den die No­ten von fünf Jah­ren zu­sam­men­ge­zählt.» Sa­bi­ne Carruz­zo ist nicht nur His­to­ri­ke­rin, son­dern seit 2001 auch Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin der Con­fré­rie des Vignerons und Lei­te­rin von de­ren Mu­se­um im «Châ­teau», ei­nem statt­li­chen Haus un­weit von Ve­veys Ufer­pro­me­na­de.

Vom Um­zug zum Fest

Die Pa­ra­de von der Kir­che Saint­martin hin­un­ter zum See, die an­schlies­sen­de Preis­ver­lei­hung und die Krö­nung des bes­ten Win­zers lock­ten im­mer mehr Schau­lus­ti­ge an. Sän­ger und Mu­si­kan­ten sties­sen

da­zu, man tanz­te und fei­er­te. In ei­ner Zeit, als die Waadt un­ter der stren­gen Herr­schaft der Ber­ner stand, wa­ren solch po­pu­lä­re Ver­an­stal­tun­gen sel­ten und das In­ter­es­se da­ran ent­spre­chend gross.

Im Jahr 1797 wur­de auf dem Markt­platz von Ve­vey zum ers­ten Mal ei­ne Tri­bü­ne mit 2000 Plät­zen auf­ge­baut, und wer der Preis­krö­nung bei­woh­nen woll­te, muss­te Ein­tritt be­zah­len. So wan­del­te sich der ur­sprüng­lich schlich­te Um­zug zum Win­zer­fest, das seit­her von Mal zu Mal grös­ser wur­de (sie­he S. 36). Da­bei hat­te je­des der bis­her elf Fes­te sei­nen ei­ge­nen Cha­rak­ter. Ei­ni­ge The­men kom­men im­mer wie­der vor, wie die vier Jah­res­zei­ten mit den ent­spre­chen­den an­ti­ken Gott­hei­ten: Bac­chus, der Gott des Weins, für den Herbst; Ce­res, Göt­tin des Ge­trei­des und der Frucht­bar­keit, für den Som­mer; und Pa­les, die Gott­heit der Hir­ten, für den Früh­ling. «Für den Win­ter nahm man kei­nen Gott, son­dern das The­ma Hoch­zeit», sagt Sa­bi­ne Carruz­zo. «Im Win­ter hat­ten die Win­zer Zeit für ihr Pri­vat­le­ben.»

Die ers­te Fête des Vignerons von 1797 war ein Er­folg, trotz De­fi­zit. Die Men­schen hoff­ten auf ei­ne bal­di­ge Wie­der­ho­lung. Doch dar­aus wur­de vor­erst nichts. Die Hel­ve­ti­sche Re­vo­lu­ti­on kam da­zwi­schen. Der fran­zö­si­sche Kaiser Na­po­le­on Bo­na­par­te ver­trieb die Ber­ner Be­sat­zer und mach­te die Waadt zu ei­nem ei­gen­ stän­di­gen Kan­ton. Es wa­ren po­li­tisch un­ru­hi­ge Jah­re, Bern woll­te 1813 ein letz­tes Mal die Waadt un­ter­wer­fen – oh­ne Er­folg. «Als 1816 end­lich die Zeit wie­der reif schien für ein Win­zer­fest, wa­ren die Fol­gen ei­nes Vul­kan­aus­bruchs in In­do­ne­si­en spür­bar», sagt Sa­bi­ne Carruz­zo. Der Vul­kan Tam­bo­ra stiess 1815 ge­wal­ti­ge Asche­wol­ken in die At­mo­sphä­re, was zur Fol­ge hat­te, dass es 1816 in Eu­ro­pa ein Jahr oh­ne Som­mer gab, Miss­ern­ten und ei­ne Hun­gers­not. «Da die Leu­te hun­ger­ten, konn­te man na­tür­lich kei­ne Fête des Vignerons ma­chen.» Al­so war­te­te die Win­zer­bru­der­schaft bis 1819. Es war das ers­te Mal, dass ei­ne gan­ze Ge­ne­ra­ti­on ver­ging bis zum nächs­ten Win­zer­fest.

Män­ner spie­len Frau­en

Für das Fest von 1819 wur­de ein «Tanz­lei­ter» – heu­te wür­de man von ei­nem Re­gis­seur spre­chen – hin­zu­ge­zo­gen, um den Ein­marsch des Um­zugs bis vor die Estra­de zu ins­ze­nie­ren. Aus lau­ter Stolz der Waadt, in­zwi­schen ein ei­gen­stän­di­ger Kan­ton zu

sein, ge­hör­ten auch hun­dert Eid­ge­nos­sen zur Feier, mit al­ten Uni­for­men und Hel­le­bar­den. Sie be­wach­ten die Estra­de und er­öff­ne­ten den Pa­ra­de­marsch.

Ein neu­es Ele­ment war auch der «Ranz des va­ches», ein so­ge­nann­ter Kuh­rei­hen. Das ist ein Lied, mit dem die Sen­nen auf ih­ren Alpen ur­sprüng­lich die Kü­he zum Mel­ken her­bei­rie­fen. Der Ranz des va­ches ist bis heu­te ei­ner der Hö­he­punk­te ei­nes je­den Win­zer­fes­tes. 730 Sta­tis­ten wirk­ten 1819 mit, die Rol­len der Bac­chan­tin­nen, Heue­rin­nen und Schnit­te­rin­nen be­setz­ten wei­ter­hin Män­ner, da die Auf­ga­be für Frau­en als zu müh­sam an­ge­se­hen wur­de.

Zum Win­zer­fest von 1833 ka­men die Zu­schau­er in Scha­ren, vie­le auf den eben erst ein­ge­führ­ten Dampf­schif­fen. Wer dar­auf kei­nen Platz mehr fand, ging zu Fuss. Gan­ze Ka­ra­wa­nen wan­der­ten des Nachts im Schein von Fa­ckeln und La­ter­nen von Lausanne bis nach Ve­vey. Am Fest er­hiel­ten die bes­ten Win­zer ei­ne Me­dail­le, ei­ne Eh­ren­si­chel und ei­ne Prä­mie in bar. Als Ge­gen­leis­tung muss­te der Sie­ger ein Dan­kes­so­lo sin­gen. Das Pu­bli­kum konn­te be­reits ers­te Sou­ve­nirs kau­fen, in Form klei­ner Fi­gu­ren.

Klei­ne Fi­gu­ren, die seit al­ters auf Holz­stan­gen be­fes­tigt im Um­zug mit­ge­tra­gen wur­den, spie­len bis heu­te ei­ne Rol­le. Sie heis­sen Mar­mou­sets und stel­len den All­tag der Win­zer dar. Zum Bei­spiel ei­nen Büt­ten­trä­ger, ei­ne Äh­ren­le­se­rin, oder ei­nen be­trun­ke­nen Win­zer. «Der Brauch kommt von ganz frü­her her, als man sich nicht ver­klei­den durf­te», sagt Sa­bi­ne Carruz­zo. Al­so nahm man sol­che Fi­gu­ren, um zu zei­gen, was man per­so­ni­fi­zie­ren woll­te. Kin­der tru­gen sie im Um­zug mit. «Da­her nennt man sie Mar­mou­sets, was im waadt­län­di­schen Dia­lekt ‹Go­fen› be­deu­tet.»

Für das Fest von 1851 wur­de erst­mals ei­ne ei­ge­ne Mu­sik kom­po­niert. 800 Chor­sän­ger sorg­ten für Stim­mung. Bac­chus wur­de von ei­nem jun­gen, in Ve­vey wei­len­den En­g­län­der ver­kör­pert, und «In­der» er­setz­ten die bis­he­ri­gen «Ne­ger» zum

Füh­ren von Bac­chus’ Pfer­den, wie in den Auf­zeich­nun­gen der Con­fré­rie des Vignerons nach­zu­le­sen ist.

Zu vo­lu­mi­nö­se Rö­cke

1865 bot die für das Fest auf­ge­bau­te Are­na be­reits Platz für 10 000 Zu­schaue­rin­nen und Zu­schau­er. Ein Zeit­zeu­ge na­mens Je­an-françois Ver­nes-pres­cott mo­kier­te sich über die Kri­no­li­nen, mit Stahl­rei­fen ver­stärk­te Rö­cke, die da­mals ge­ra­de in Mo­de wa­ren. Er be­rech­ne­te, dass durch das Vo­lu­men, wel­ches die Rö­cke der total 20 000 Be­su­che­rin­nen ein­nah­men, rund 5000 Plät­ze auf den Zu­schau­er­rän­gen nicht be­setzt wer­den konn­ten.

Um ein güns­ti­ges Datum des Fes­tes 1889 fest­zu­le­gen, kon­sul­tier­ten die Or­ga­ni­sa­to­ren Ex­per­ten für Wet­ter und Mond­um­lauf­zei­ten. An der Fête des Vignerons wa­ren dann Sen­nen aus dem Frei­bur­ger­land die Stars. Sie sym­bo­li­sier­ten die en­ge Ver­bin­dung, die die Bür­ger von Ve­vey seit je­her mit ih­ren Frei­bur­ger Nach­barn pfleg­ten. Die Kü­he aus dem Um­kreis von Ve­vey wur­den für die Söm­me­rung in die Frei­bur­ger Alpen ge­bracht, de­ren Sen­nen mit ih­ren Fa­mi­li­en im Herbst bei der Trau­ben­ern­te hal­fen. 1889 trug erst­mals ein ein­zel­ner Senn den Ranz des va­ches vor, mit kraft­vol­ler, me­lan­cho­li­scher Stim­me, was – ge­mäss Auf­zeich­nun­gen der Con­fré­rie des Vignerons – das Pu­bli­kum zu Trä­nen rühr­te. Ein Pu­bli­kum, das nicht nur aus der Schweiz an­ge­reist war. Die im Vor­feld weit­her­um auf­ge­häng­ten Pla­ka­te ent­hiel­ten Ei­sen­bahn­fahr­plä­ne ab Pa­ris, Lon­don und Berlin.

Das Fest schreibt Ge­winn

«1905 fand ein fröh­li­ches, welt­of­fe­nes Fest statt», er­zählt Sa­bi­ne Carruz­zo. Frau­en durf­ten end­lich oh­ne Ein­schrän­kun­gen mit­ma­chen. Die Bac­chan­tin­nen, die Be­glei­te­rin­nen des Wein­got­tes Bac­chus, er-

schie­nen in Gestalt jun­ger Mäd­chen. Das Fest warf ei­nen Ge­winn ab, so­dass die Bru­der­schaft den Sta­tis­ten vier­zig Pro­zent des Werts ih­rer Ko­s­tü­me ver­gü­te­te. Bis heu­te ist es so, dass die Sta­tis­ten ih­re Ko­s­tü­me sel­ber be­zah­len müs­sen. Mit­ma­chen ist schliess­lich Eh­ren­sa­che. Die Ko­s­tü­me wer­den so ent­wor­fen und ge­fer­tigt, dass sie spä­ter auch im All­tag ge­tra­gen wer­den kön­nen.

Film­rei­fe Vor­stel­lung

Der Ers­te Welt­krieg und die fol­gen­de Wirt­schafts­kri­se hin­ter­lies­sen ih­re Spu­ren beim Win­zer­fest von 1927. Die Are­na prä­sen­tier­te sich als Mau­er mit Be­fes­ti­gungs­tür­men, wie ein mit­tel­al­ter­li­ches Schloss; die Men­schen be­san­nen sich auf sich selbst, auf tra­di­tio­nel­le Wer­te, die ge­mein­sa­me Ver­gan­gen­heit. Das Pu­bli­kum sass mit dem Rü­cken zum See. Das er­staunt, wä­re die Aus­sicht auf den Gen­fer­see und die fran­zö­si­schen Alpen doch fan­tas­tisch. «Die Vor­stel­lun­gen fan­den am Mit­tag statt, und die Son­ne hät­te vom See her ge­blen­det», er­klärt Sa­bi­ne Carruz­zo, «die Leu­te hat­ten da­mals kaum Son­nen­bril­len.»

In der Mit­te des 20. Jahr­hun­derts gab es be­reits meh­re­re Mu­sik­fes­ti­vals in der Re­gi­on, die Leu­te gin­gen ins Ki­no, das Fern­se­hen kam auf. Es stell­te sich die Fra­ge: Will das Volk über­haupt noch ei­ne Fête des Vignerons se­hen? Um die Men­schen an­zu­lo­cken, muss­te et­was ge­bo­ten wer­den. Drei So­lo­tän­zer der Pa­ri­ser Oper und Be­rufs­sän­ger wur­den en­ga­giert. Die Are­na sah aus wie ein rö­mi­scher Zir­kus, in­spi­riert vom da­mals ak­tu­el­len Ki­no­film «Quo Va­dis». Die Be­leuch­tung pro­fi­tier­te von den Er­run­gen­schaf­ten des Zwei­ten Welt­kriegs: Mit aus­ran­gier­ten Schein­wer­fern der Flie­ger­ab­wehr konn­te ge­nü­gend Licht auf die Büh­ne fo­kus­siert wer­den, so­dass erst­mals auch Abend­vor­stel­lun­gen mög­lich wa­ren. Das Pu­bli­kum ström­te in Scha­ren her­bei, auch aus dem Aus­land, was zu­sätz­li­che Vor­stel­lun­gen nö­tig mach­te.

Tra­di­ti­on und Mo­der­ne

Das vier­te Fest des Jahr­hun­derts zeich­ne­te sich durch ei­ne Rück­kehr zu den Ur­sprün­gen aus. We­der Pri­ma­bal­le­ri­na noch Be­rufs­so­lis­ten wa­ren 1977 un­ter den 4250 Sta­tis­ten zu fin­den. Der Zy­klus des Wein­baus stand für die Wie­der­kehr der

Jah­res­zei­ten und die vier Ele­men­te Er­de, Feu­er, Was­ser, Luft. Ein rö­mi­scher Streit­wa­gen, ge­zo­gen von drei Pfer­den, ei­ne schö­ne Göt­tin, ganz in Rot, Schaf­her­den, zu­sam­men­ge­hal­ten von Hun­den und be­glei­tet von Kin­dern, zo­gen am Pu­bli­kum vor­bei. Doch auch das Mo­der­ne durf­te nicht feh­len. Ein Rei­gen von Trak­to­ren, Mäh­dre­schern und Land­ma­schi­nen be­weg­te sich durch die Are­na, eben­so ei­ne bun­te Trup­pe auf Roll­bret­tern und Ve­los.

1999 stell­te die Fête des Vignerons die Win­zer in den Mit­tel­punkt der Dra­ma­tur­gie. Es er­zähl­te die Ge­schich­te von Ar­le­vin, ei­nem Wein­bau­mit­ar­bei­ter, der sich ei­gen­nüt­zig an sei­nem per­sön­li­chen Ruhm und der Sie­ger­kro­ne er­freu­te, be­vor er zu ei­nem gross­zü­gi­gen Men­schen reif­te und schliess­lich sei­ne Kro­ne mit den Win­zern der Welt teil­te. Als Fi­na­le san­gen rund 5000 Sta­tis­ten zu­sam­men das Lied «Amour et jo­ie» (Lie­be und Freu­de), und an­schlies­send wur­de in der gan­zen Stadt wei­ter­ge­fei­ert.

Grös­ser, ge­wal­ti­ger, über­ra­gend

Im nächs­ten Som­mer fin­det die ers­te Fête des Vignerons des neu­en Jahr­hun­derts statt. Ve­vey wird sich in ei­ne rie­si­ge Frei­licht­büh­ne ver­wan­deln, die Are­na mit ih­ren 20 000 Plät­zen al­les Bis­he­ri­ge über­tref­fen. Frü­her ent­fern­ten die An­woh­ner je­weils ein paar Zie­gel ih­rer Haus­dä­cher, um vom Estrich aus gra­tis das Spek­ta­kel an­zu­gu­cken. Das wird 2019 nicht mehr mög­lich sein. Die ge­wal­ti­ge Are­na wird die um­lie­gen­den Häu­ser bei wei­tem über­ra­gen. Be­reits am 15. Ok­to­ber, wenn der Cir­cus Knie sei­ne Zel­te auf dem Markt­platz ab­ge­bro­chen ha­ben wird, be­ginnt der Bau des Fun­da­ments. Am 15. Mai dann fan­gen die ers­ten Pro­ben vor Ort an, und ab dem 18. Ju­li steigt das grosse Fest.

MU­SE­UM IM SCHLOSS

Mu­se­um der Win­zer­bru­der­schaft, Con­fré­rie des Vignerons,

Rue du Châ­teau 2, 1800 Ve­vey, Di­ens­tag bis Sonn­tag von 11 bis 17 Uhr ge­öff­net. Tel. 021 923 87 05 www.con­fre­rie­des­vi­gne­rons.ch/de/

Ein ga­lan­tes Win­ken hin zu den Zu­schau­ern, die den Fe­st­um­zug säu­men, 1955.

Göt­tin­nen, Trach­ten- und Bau­ers­leu­te be­sam­meln sich für den Um­zug 1905.

An­non­ciert auf dem Pla­kat von 1905 – 1800 Sta­tis­ten, 12 500 Sitz­plät­ze.

Ein un­be­kann­ter Künst­ler hat die Pa­ra­de von 1791 mit ge­schick­ter Hand auf Pa­pier ge­malt.

Vor­nehm ge­wan­det, war­tet die Früh­lings­göt­tin Pa­les auf das Volk, das sie tra­gen wird. Im Hin­ter­grund, auf dem See, ist ein Dampf­schiff zu se­hen. Ein Zei­chen der Mo­der­ni­tät, 1833. Auf ei­nem Fly­er fürs Win­zer­fest, da­mals Hand­zet­tel ge­nannt, sind Bac­chus, Gott des Weins, und sei­ne Trä­ger ab­ge­bil­det, 1819.

Vor präch­ti­gem Pan­ora­ma ver­sam­melt sich die Fest­ge­mein­de in der Are­na – mit dem Rü­cken zum See, 1833.

Mar­mou­sets, Go­fen, heis­sen die Fi­gu­ren, die Kin­der seit je­her im Um­zug mit­tra­gen.

1889 zieht die Pa­ra­de mit Göt­tin Ce­res der See­pro­me­na­de ent­lang.

Auf dem Pla­kat von 1889 wa­ren nebst In­for­ma­tio­nen zum Fest auch Fahr­plä­ne für Zü­ge vom und ins Aus­land ge­druckt.

1 Fran­ken (10 Bat­zen) kos­te­te der Ein­tritt zum Win­zer­fest im Jahr 1833.

De­gus­tie­ren und im Duo mu­si­zie­ren am Win­zer­fest 1955.

Der Stroh­hut als Büh­ne – Pla­kat aus dem Jahr 1955.

Ei­ne rund­um ge­lun­ge­ne Show. Auf­tritt der Trach­ten­leu­te in der Are­na, 1977.

Lädt zu Stern­stun­den ein. Das Win­zer­fest-pla­kat aus dem Jahr 1977.

Am Ufer des Gen­fer­sees war­ten Sta­tis­ten auf den Be­ginn der Ge­ne­ral­pro­be für das Win­zer­fest­spek­ta­kel 1999.

Das na­hen­de En­de des Som­mers ent­zün­det den Zorn von Frucht­bar­keits­göt­tin Ce­res. Fête des Vignerons 1999.

Die Zu­sam­men­ar­beit trägt Früch­te.

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