DAS WERK DES BÜNDNER SOLARPIONIERS

Schweizer Familie - - VORDERSEITE - — Text Da­ni­el Röth­lis­ber­ger Fo­tos Micha­el Sie­ber

Als er vor fast vier­zig Jah­ren sei­ne ers­te So­lar­an­la­ge bau­te, wur­de er als Fan­tast be­lä­chelt. Heu­te gilt Christian Hassler als Pio­nier. Mit sei­ner Fir­ma hat er die So­lar­ener­gie im Bünd­ner­land po­pu­lär ge­macht und über 3000 Projekte rea­li­siert.

Die Son­ne ist sein Fix­stern. Sie be­stimm­te sei­nen be­ruf­li­chen Wer­de­gang, sein Den­ken und Han­deln. Und sie hat ihn zu dem ge­macht, was er heu­te ist: ein Pio­nier. «Die Son­ne ist für mich mehr als ein Him­mels­kör­per», sagt er. «Um sie dreht sich mein Le­ben.»

Christian Hassler, 61, ist ein Solarpionier. 1979, in ei­ner Zeit, in der So­lar­ener­gie noch ein Fremd­wort war, bau­te der da­mals 22-Jäh­ri­ge sei­ne ers­te An­la­ge – und wur­de als Idea­list und Fan­tast be­lä­chelt. Doch Hassler zeig­te sei­nen Skep­ti­kern, was mit Hil­fe der Son­ne mög­lich ist. In den letz­ten dreis­sig Jah­ren rüs­te­te er Hun­der­te von Alp­hüt­ten und Stäl­len mit So­lar­an­la­gen aus. Vor acht Jah­ren bau­te er den ers­ten So­lar­ski­lift der Welt. Und 2015 wur­de Hassler mit dem Schwei­zer So­lar­preis aus­ge­zeich­net. Sein Sohn Christ An­dri, 34, sagt: «Mein Va­ter half mit, die So­lar­ener­gie po­pu­lär zu ma­chen. Er sucht stän­dig nach Neue­run­gen. Er ist ein Tüft­ler und Aben­teu­rer.»

Frü­her eben­so wie heu­te. An­fang 2017 über­gab Christian Hassler sei­ne Fir­ma, die Hassler Ener­gia Al­ter­na­ti­va in Zillis GR, an Sohn Christ An­dri. Von Ru­he­stand will er aber nichts wis­sen. Im Ge­gen­teil: An­fang 2018 star­te­te Hassler Se­ni­or ins Aben­teu­er sei­nes Le­bens. Im Al­bert-schweit­zer-spi­tal auf Hai­ti soll­te er die be­ste­hen­de So­lar­an­la­ge aus­bau­en und de­ren Leis­tung ver­dop­peln. An­ge­fragt wur­de Hassler vom Kin­der­arzt Rolf Mai­bach aus Ilanz. Seit 22 Jah­ren ar­bei­tet Mai­bach im Al­bert-schweit­zer-spi­tal mit und wur­de 2011 nach den schwe­ren Erd­be­ben auf Hai­ti für sei­nen Ein­satz als Christian Hassler, 61, über die Grün­dung sei­nes Un­ter­neh­mens

Schwei­zer des Jah­res ge­ehrt. «Wir woll­ten die So­lar­an­la­ge er­wei­tern, da­mit wir vom Die­sel­strom un­ab­hän­gi­ger wer­den», sagt Mai­bach. «Da­für war Christian Hassler mit sei­ner Er­fah­rung der Rich­ti­ge.»

Hassler sag­te oh­ne Zö­gern zu. Ihn lock­ten nicht bloss die tech­ni­sche Her­aus­for­de­rung und die frem­de Kul­tur. «Ich hat­te im Le­ben viel Glück und woll­te et­was für Be­nach­tei­lig­te tun.»

Im Ja­nu­ar 2018 brach Hassler mit sei­nem Kol­le­gen Chris­toph Bau­mann, ei­nem Zim­mer­meis­ter, nach Hai­ti auf. Als Vo­lon­tä­re bau­ten sie wäh­rend sechs Wo­chen mit Ein­hei­mi­schen auf den Dä­chern des Spi­tals 847 So­lar­pa­nels ein, ver­leg­ten Hun­der­te Me­ter Ka­bel. Sie schuf­te­ten bei vier­zig Grad, muss­ten die Hilfs­kräf­te erst an­ler­nen. Zu­dem ar­bei­te­ten sie mit­ten un­ter den Pa­ti­en­ten. «Wir sa­hen Men­schen ster­ben und wa­ren bei Ge­bur­ten da­bei», sagt Hassler. «Da ka­men wir auch ab und zu an unsere Gren­zen.» Hassler er­krank­te zu­dem an ei­ner Lun­gen­ent­zün­dung, di­ri­gier­te ei­ne Woche lang die Ar­bei­ten vom Bett aus und stell­te da­nach die An­la­ge mit sei­nen Leu­ten fer­tig. «Chris­ti­ans Ein­satz ist Gold wert», sagt Rolf Mai­bach. «Nun kön­nen wir das Spi­tal tags­über oh­ne Ge­ne­ra­to­ren be­trei­ben.» Dank der So­lar­an­la­ge kann das Spi­tal jähr­lich 200 000 Fran­ken an Die­sel­kos­ten spa­ren. «Die­ses Geld kön­nen wir für Kran­ke ein­set­zen», sagt Mai­bach.

«Wir hat­ten kei­nen Bu­si­ness­plan. Aber Idea­lis­mus und Mut.»

Mit Ener­gie Wir­kung ent­fal­ten

Christian Hassler wird die Zeit auf Hai­ti nicht ver­ges­sen. Land und Leu­te sei­en ihm ans Herz ge­wach­sen, sagt er. «Ich konn­te für die­se Men­schen et­was be­wir­ken. Das macht mich glück­lich.»

Mit der Ener­gie der Son­ne Wir­kung ent­fal­ten. Das tut Christian Hassler seit Jahr­zehn­ten. Nach ei­ner Leh­re als Ra­diound Fern­seh­elek­tri­ker hielt er mit 20 erst­mals ei­ne So­lar­zel­le in der Hand. «Ich war über­wäl­tigt», er­in­nert er sich. «Dass man mit der Son­ne Strom ma­chen kann, war für mich wie ein Wun­der.» Die­se Er­kennt­nis präg­te Hassler und trieb ihn an, auf die­sem Ge­biet wei­ter­zu­for­schen. Mit 22 bau­te er auf der Alp Obrist ob Zillis, wo er als Hirt Rin­der hü­te­te, sei­ne ers­te So­lar­an­la­ge. Da­mit be­trieb er zwei Lam­pen, ein Ra­dio­ge­rät und ei­nen Pi­ra­ten­sen­der – Ra­dio Ba­zil­lus. «Ein­mal pro Woche ging ich auf Sen­dung, spiel­te Mu­sik und mach­te Wet­ter­pro­gno­sen.»

«Ich konn­te für die Men­schen in Hai­ti et­was be­wir­ken. Das macht mich glück­lich.»

Christian Hassler

Ta­ge­lan­ges Tüf­teln

Da­mals wur­de Christian Hassler noch als Exot an­ge­schaut. «Ich wur­de be­lä­chelt.» Doch es gab im­mer mehr Leu­te, die sich für die neue Tech­no­lo­gie in­ter­es­sier­ten. Ei­ni­ge be­sich­tig­ten sei­ne An­la­ge auf der Alp und woll­ten bald auch ein klei­nes So­lar­kraft­werk ha­ben. Ver­wand­te und Freun­de wa­ren die ers­ten Kun­den. Und im Mai 1985 grün­de­te Christian Hassler mit Ehe­frau Ma­ry am Kü­chen­tisch in An­de­er sei­ne Fir­ma. In ei­nem Kel­ler rich­te­te er sei­ne ers­te Werk­statt ein. «Wir hat­ten kei­nen Bu­si­ness­plan», sagt Hassler. «Aber Idea­lis­mus und Mut.»

Der Start als Un­ter­neh­mer war nicht ein­fach. Christian Hassler bau­te klei­ne So­lar­an­la­gen für Alp­hüt­ten, Mai­en­säs­se und Fe­ri­en­häu­ser. «Das war für die Leu­te ein Wahn­sinn­s­er­leb­nis. Sie hat­ten an ent­le­ge­nen Or­ten zum ers­ten Mal elek­tri­sches Licht und konn­ten die Pe­trollam­pe in den Kel­ler stel­len.» Doch von sol­chen Klein­an­la­gen konn­ten Christian Hassler und sei­ne Fa­mi­lie nicht le­ben. Des­halb ar­bei­te­te der Pio­nier in den ers­ten Jah­ren im Win­ter als Ton­tech­ni­ker bei Ra­dio Ru­mantsch,

bau­te Alarm­an­la­gen und flick­te Fern­se­her. Gleich­zei­tig such­te er nach neu­en Mög­lich­kei­ten für die So­lara­ner­gie. Um kom­ple­xe­re Projekte an­zu­ge­hen, stell­te er neue Mit­ar­bei­ter ein. Mit ih­nen ent­wi­ckel­te er Son­nen­kol­lek­to­ren und grös­se­re An­la­gen, bau­te Kraft­wer­ke für Warm­was­ser und Hei­zung. «Ich bin am liebs­ten Er­fin­der», sagt Hassler. «Ich kann ta­ge­lang in der Werk­statt an Neue­run­gen tüf­teln.»

Das hat ihn weit ge­bracht. Christian Hassler setz­te im So­lar­be­reich Mass­stä­be. Auf dem Dach der Bündner Are­na, ei­ner Event­hal­le in Ca­zis, bau­te er ei­ne An­la­ge mit 800 Pa­nels, die den Ener­gie­be­darf von 50 Ein­fa­mi­li­en­häu­sern lie­fert. Auf der Alp Taspin kon­stru­ier­te er ei­nen So­larbaum, mit dem Pum­pen, Rühr­werk und Kühl­an­la­gen be­trie­ben wer­den. Und 2011 kon­stru­ier­te er mit Fach­leu­ten in

Ten­na den ers­ten So­lar­ski­lift der Welt. Be­weg­li­che Mo­du­le pro­du­zie­ren pro Jahr 100 000 Ki­lo­watt­stun­den Strom. Der Lift braucht bloss 20 Pro­zent, der Rest wird ins Strom­netz der Ge­mein­de ein­ge­speist. Und mit die­sen Ein­nah­men kann der Lift fi­nan­ziert wer­den. «In Ten­na steht der ein­zi­ge Ski­lift, der im Som­mer bes­ser

«Wir kön­nen nicht über die Kli­ma­er­wär­mung weg­schau­en. Wir müs­sen das Po­ten­zi­al von al­ter­na­ti­ven Ener­gi­en aus­schöp­fen.»

Christian Hassler

ren­tiert als im Win­ter», sagt Hassler schmun­zelnd.

Christian Hassler setz­te nicht nur auf grosse An­la­gen, er er­fand auch klei­ne Son­nen­kraft­wer­ke. Er bau­te So­lar­du­schen, die an der li­gu­ri­schen Küs­te in Ita­li­en stan­den. Und er kon­stru­ier­te ei­ne Ta­sche mit So­lar­zel­len, mit der man un­ter­wegs elek­tri­sche Ge­rä­te auf­la­den konn­te. «Die­se Er­fin­dung wur­de aber in Chi­na ko­piert», sagt Hassler. «Und wir muss­ten ta­ten­los zu­se­hen.»

Dar­über mag sich Hassler nicht mehr är­gern. Wenn er die 3000 Projekte be­trach­tet, die er mit sei­nen Mit­ar­bei­tern rea­li­siert hat, ist er stolz. «Ich hät­te mir frü­her nicht träu­men las­sen, dass man mit der Son­ne so viel Ener­gie her­stel­len kann», sagt er. In Zu­kunft soll­ten viel mehr Men­schen von den Mög­lich­kei­ten der So­lar­ener­gie pro­fi­tie­ren kön­nen, fin­det Hassler. Da­für brau­che es ei­ne stär­ke­re staat­li­che För­de­rung. «Wir kön­nen nicht über die Kli­ma­er­wär­mung weg­schau­en», sagt er. «Wir müs­sen das Po­ten­zi­al von al­ter­na­ti­ven Ener­gi­en aus­schöp­fen.»

Le­ben im Son­nen­haus

Das tut Christian Hassler auch pri­vat. Er kauf­te in Do­nat ein äl­te­res Ge­bäu­de und bau­te es um. Meh­re­re mit­ein­an­der kom­bi­nier­te So­lar­an­la­gen lie­fern Strom, wär­men das Was­ser und hei­zen das Ge­bäu­de. «Mein Haus pro­du­ziert auch im Win­ter mehr Ener­gie, als wir ver­brau­chen», sagt Hassler. Re­gel­mäs­sig kom­men Be­su­cher, um das Son­nen­haus zu be­sich­ti­gen. Und es ist fast so wie da­mals, als Christian Hassler mit sei­ner ers­ten So­lar­an­la­ge Licht in ent­fern­te Win­kel brach­te und die Men­schen neu­gie­rig mach­te. Nur dass heu­te nie­mand mehr über ihn lacht.

MEHR ZUM THE­MA

www.hassler-so­lar­ener­gie.ch www.ho­pi­ta­l­al­bert­schweit­zer.org

Das Al­bert­schweit­zer-spi­tal in Hai­ti hat Hassler 2018 un­ent­gelt­lich mit So­lar­pa­nels aus­ge­stat­tet. Hun­der­te Me­ter Ka­bel ver­leg­ten Hassler (r.) und sein Team. Dank der So­lar­an­la­ge spart das Spi­tal jähr­lich 200 000 Fran­ken.

Christian Hassler 2015 mit dem So­lar­preis, den er mit Ehe­frau Ma­ry, Sohn Christ An­dri und Toch­ter Si­na Ma­ra (v. l.) ent­ge­gen­nahm.

Mon­ta­ge bei 40 Grad Luft­tem­pe­ra­tur. Die ein­hei­mi­schen Hel­fer muss­ten von den Schwei­zern erst ein­ge­ar­bei­tet wer­den.

Den ers­ten So­lar­ski­lift der Welt bau­te Hassler 2011 in Ten­na im Sa­fi­en­tal.

Mit dem Sun­bag lässt sich das Han­dy un­ter­wegs auf­la­den.

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