«GEHT DRECKELN!»

Schweizer Familie - - HERZ & VERSTAND -

Ist Ihr Kind ein Dreck­s­patz? Ste­cken Sie es nicht gleich in die Ba­de­wan­ne oder put­zen hin­ter ihm her. Denn zu viel Hy­gie­ne ist un­ge­sund.

Mein Putz­tag war frü­her im­mer der Frei­tag. Kaum hat­te ich die Kin­der in die Schu­le ge­scheucht, mach­te ich Mu­sik an und ar­bei­te­te mich mit Staub­tuch, Put­zei­mer und Wischmopp von Zim­mer zu Zim­mer. Nach vier, fünf St­un­den glänz­ten Bö­den, Fens­ter­bret­ter, Mö­bel, es roch nach Kern­sei­fe. Et­was zer­zaust, aber glück­lich liess ich mich mit ei­nem Kaf­fee auf dem So­fa nie­der und ge­noss den An­blick mei­nes blitz­blan­ken Wohn­zim­mers. Lei­der währ­te die Freu­de nicht lang. Mit­tags stürm­ten mei­ne vier Krü­mel­mons­ter zur Haus­tür her­ein, pfef­fer­ten Schul­ta­schen und Ano­raks in die Ecke und hüpf­ten mit ei­nem «Hier ist es ja ge­müt­lich» aufs So­fa. We­nig spä­ter sah es aus wie im­mer, über­all Kle­be­fin­ger und Nuss­scha­len, aus Ja­cken- und Ho­sen­ta­schen rie­sel­te Sand.

Sau­ber­keit in Gren­zen

Ja, Kin­der ma­chen nicht nur Lärm und Un­ord­nung, son­dern auch Schmutz. Mei­nen zwei ers­ten Kin­dern bin ich des­halb stets mit Wasch- und Putz­lap­pen ge­folgt. Er­wisch­te ich sie, wie sie im Gar­ten still­ver­gnügt auf ei­nem Zweig her­um­kau­ten, ge­riet ich in Pa­nik. Mund aus­spü­len, Hän­de des­in­fi­zie­ren, Kin­der­arzt an­ru­fen. Der, Va­ter von sechs Jungs, gab ent­nervt Ent­war­nung. Na­tür­lich steck­te ich mei­ne klei­nen Mäd­chen auch je­den Abend in die Ba­de­wan­ne und an­schlies­send gut ein­ge­cremt in frisch ge­wa­sche­ne Py­ja­mas.

Bis an ei­nem frü­hen Sonn­tag­abend mei­ne klei­nen Mäd­chen plötz­lich von merk­wür­di­gen ro­ten Pu­stel­chen über­sät wa­ren, die auch noch näss­ten und fürch­ter­lich juck­ten. Mit den Kü­ken im Schlepp­tau klin­gel­te ich völ­lig auf­ge­löst bei un­se­rem Nach­barn, ei­nem al­ten Herrn, der frü­her ein­mal Pro­fes­sor für Der­ma­to­lo­gie ge­we­sen war. Er bat uns her­ein, ser­ge­sagt, vier­te Kek­se und Tee und hör­te sich ge­dul­dig mei­ne Sor­gen an.

Dann frag­te er mich: «Was ver­ste­hen Sie ei­gent­lich un­ter Hy­gie­ne?» Ich stam­mel­te, dass ich mei­ne Kin­der wirk­lich je­den Tag von oben bis un­ten wa­sche, aber er schien nicht zu­frie­den zu sein. Mit ge­run­zel­ter Stirn er­klär­te er, dass das ge­nau das Ge­gen­teil von Hy­gie­ne sei. «Hy­gie­ne be­deu­tet die Ge­sund­er­hal­tung des Or­ga­nis­mus», sag­te er streng. Mein Rein­lich­keits­fim­mel ma­che hin­ge­gen krank. «Ba­den Sie die Kin­der nicht mehr als ein­mal pro Woche», legt er mir ans Herz. «Wa­schen Sie die Hän­de und den Kör­per­teil, der es ge­ra­de nö­tig hat, mit Was­ser und et­was Sei­fe, und ent­sor­gen Sie die Cre­men. Oli­ven­öl reicht völ­lig.»

ge­tan, die Pus­teln ver­schwan­den und ka­men nie wie­der, zwei wei­te­re Kin­der er­blick­ten das Licht der Welt und wuch­sen kern­ge­sund in der Schmutz­spur ih­rer Ge­schwis­ter her­an.

Auf die Na­tur set­zen

Mit den Wa­schlo­tio­nen und Cre­men ent­sorg­te ich gleich auch noch ei­nen Gross­teil mei­ner Putz- und Wasch­mit­tel und er­setz­te sie durch Es­sig, Na­tron und Kern­sei­fe. Die sind in al­ler Re­gel aus­rei­chend, um ei­ne Woh­nung sau­ber zu hal­ten, scho­nen das Porte­mon­naie und vor al­lem die Um­welt. Über­dies ha­ben sie den nicht zu un­ter­schät­zen­den Vor­teil, dass Kin­der oh­ne Ri­si­ko im Haus­halt hel­fen kön­nen.

Man mag die Rück­be­sin­nung auf weit­ge­hend na­tür­li­che Rei­ni­gungs- und Pfle­ge­mit­tel, wie sie die Gros­s­el­tern­ge­ne­ra­ti­on be­nutz­te, für über­trie­ben hal­ten, Fakt ist je­doch, dass vor al­lem an­ti­bak­te­ri­el­le Putz­mit­tel, wie sie auch in Pri­vat­haus­hal­ten zum Ein­satz kom­men, Bö­den und Ge­wäs­ser er­heb­lich be­las­ten. Ei­ni­ge der Zu­satz­stof­fe ste­hen über­dies im Ver­dacht, All­er­gi­en aus­zu­lö­sen, und füh­ren zu Re­sis­ten­zen gan­zer Bak­te­ri­en­stäm­me, was wie­der­um die Wir­kung wich­ti­ger An­ti­bio­ti­ka ver­min­dern kann.

Jetzt muss ich aber Schluss ma­chen und raus aus dem Wohn­zim­mer, mei­ne Hein­zel­männ­chen Pe­ne­lo­pe und Chloe wol­len un­be­dingt den Bo­den wi­schen. «Aber nicht zu­schau­en, No­ni!» Das muss ich auch gar nicht.

XENIA FRENKEL, 62, ist vier­fa­che Mut­ter und Gross­mut­ter von sechs En­kel­kin­dern. Sie schreibt seit vie­len Jah­ren über Fa­mi­lie und Er­zie­hung.

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