DAS FEST, DAS KIN­DERN WÄR­ME SCHENKT

Die Tra­di­ti­on will es, dass El­tern, Kin­der, Tan­ten und On­kel sich an Weih­nach­ten treffen. Denn das Fest der Lie­be stärkt die Fa­mi­li­en­ban­de wie kein an­de­res Ri­tu­al.

Schweizer Familie - - FRONT PAGE - — Text Ni­co­le Ta­banyi

WEIH­NACH­TEN

Er­in­nern Sie sich an die Weih­nach­ten Ih­rer Kind­heit? Duf­te­te es nach Bra­ten und Zimt­ster­nen? An Hei­lig­abend leg­te das Christ­kind si­cher heim­lich die Ge­schen­ke un­ter den Baum. Wäh­rend draus­sen der Schnee lei­se rie­sel­te. Dass vie­le Men­schen Weih­nach­ten so mär­chen­haft in Er­in­ne­rung hal­ten, hat auch da­mit zu tun, dass am Fest der Lie­be die gan­ze Fa­mi­lie zu­sam­men­kam. An der

Ta­fel sas­sen Oma, Opa,

On­kel und Tan­ten. Ab­wechs­lungs­wei­se drück­ten sie ei­nem ei­nen di­cken Kuss auf die Wan­ge, wäh­rend die El­tern und Ge­schwis­ter das glei­che Leuch­ten in den Au­gen hat­ten wie man selbst. Denn so viel Le­ben im Haus er­füllt das Herz mit Freu­de. «Freu­de ist an­ste­ckend», schreibt Tif­fa­ny Watt Smith in «Das Buch der Ge­füh­le». Sie über­mannt die Jun­gen wie die Al­ten, macht über­mü­tig und setzt ei­ne La­dung Glücks­ge­füh­le frei.

Für die­se Mo­men­te blei­ben Men­schen ein Le­ben lang emp­fäng­lich. Noch Jah­re spä­ter kann ei­nen beim Weih­nachts­es­sen das­sel­be Glücks­ge­fühl über­kom­men wie in der Kind­heit: die Freu­de dar­über, dass das Le­ben ge­ra­de herr­lich per­fekt ist. «Al­les scheint mög­lich und rich­tig zu sein», heisst es im Buch von Watt Smith da­zu.

Wer das Fest der Lie­be lust­voll ge­nies­sen kann, wird die kom­men­den Fest­ta­ge her­bei­seh­nen. Im Wis­sen dar­um, dass das Wie­der­se­hen im trau­ten Kreis eben­so gut­tut wie der Schmor­bra­ten im Ofen. Denn es braucht bei­des, da­mit sich der Weih­nachts­zau­ber ent­fal­ten kann: Her­zens­nah­rung in Form von Lie­be, Ver­ständ­nis für­ein­an­der, Ver­trau­en, ge­krönt vom Ge­fühl, auf ei­ner Wol­ke der Ge­bor­gen­heit zu schwe­ben. Da­zu Speis und Trank fürs leib­li­che Wohl – wäh­rend es draus­sen fast so scheint, als wür­de der Weih­nachts­mann auf sei­nem Ren­tier­schlit­ten durch die Lüf­te sau­sen.

«Die­sen Weih­nachts­zau­ber im Kreis der Fa­mi­lie, den wir als Kin­der er­leb­ten und an den wir uns gern er­in­nern, möch­ten wir auch spä­ter wie­der er­le­ben», sagt die Schwei­zer Psy­cho­the­ra­peu­tin Al­mut Schwei­kert. «Es ist ei­ne ur­men­sch­li­che Sehn­sucht, al­les wie­der so her­zu­stel­len, wie es ein­mal war, als sich das Le­ben ge­bor­gen an­fühl­te.»

Dies er­klärt, war­um das Fest der Lie­be vor kaum je­man­dem halt­macht und für al­le ein The­ma ist. Wo wer­den wir die­ses Jahr fei­ern? Gibt es für ein­mal weisse Weih­nach­ten? Möch­te je­mand sei­ne neue Freun­din oder sei­nen neu­en Freund mit­brin­gen? Fra­gen, die al­le be­schäf­ti­gen. Je­der macht sich Ge­dan­ken über die

Dass vie­le Men­schen Weih­nach­ten so mär­chen­haft in Er­in­ne­rung hal­ten, hat auch da­mit zu tun, dass am Fest der Lie­be die gan­ze Fa­mi­lie zu­sam­men­kam.

Ge­schen­ke oder steht tat­kräf­tig am Herd. «Es wird Weih­nach­ten! Mein gan­zes Haus riecht schon nach brau­nem Ku­chen – ver­steht sich nach Mut­ters Re­zept», schrieb der deut­sche Ju­rist und Dich­ter Hans Theo­dor Wold­sen Storm (1817 bis 1888) über die Won­nen der Vor­be­rei­tungs­zeit. «Ich sit­ze so­zu­sa­gen schon seit Wo­chen im Schei­ne des Tan­nen­baums. Ja, wie ich den Na­gel mei­nes Dau­mens be­se­he, so ist auch der schon halb­weg ver­gol­det.»

Das Wich­tigs­te aber – ne­ben den De­ko­ide­en, Köst­lich­kei­ten und Ge­schen­ken – ist das Bei­sam­men­sein. Dies be­stä­tigt ei­ne Um­fra­ge der Fir­ma De­mo­scope, bei der 2015 in der Schweiz 1000 Men­schen be­fragt wur­den: «Was tun Sie an Weih­nach­ten?» Neun von zehn Teil­neh­mern ga­ben an, über Weih­nach­ten an­de­re Fa­mi­li­en­mit­glie­der zu be­su­chen – oder die Fa­mi­lie zu Be­such zu emp­fan­gen. Nur je­der Zehn­te plan­te, die Weih­nachts­zeit auf ei­ner In­sel zu ver­brin­gen – mög­lichst weit weg vom gan­zen Zau­ber.

«Es ist das Be­dürf­nis nach Har­mo­nie und Lie­be, das uns an Weih­nach­ten als Fa­mi­lie und Sip­pe zu­sam­men­kom­men lässt», sagt Al­mut Schwei­kert. Für die 49-jäh­ri­ge Schick­sals­ana­ly­ti­ke­rin in Nä­fels GL und Trie­sen (FL) ist klar, wel­ches Mo­tiv den Men­schen da­zu bringt, wäh­rend der Fest­ta­ge im ehe­ma­li­gen Kin­der­zim­mer zu näch­ti­gen: «Hin und wie­der

braucht je­der Mensch das Ge­fühl von «Al­les ist gut, wir sind zu­sam­men».

Für die­ses Ur­be­dürf­nis nach Nost­al­gie, aber auch nach Nestwärme ha­ben die Ja­pa­ner ein ei­ge­nes Wort. Sie nen­nen es Amae. Es be­zeich­net das Ver­lan­gen, sich von Zeit zu Zeit in die

Ar­me ei­nes ge­lieb­ten Men­schen zu wer­fen, um sich ver­wöh­nen und trös­ten zu las­sen. Dem Amae darf man sich in Ja­pan – egal, wel­ches Al­ter man er­reicht hat – vor­be­halt­los hin­ge­ben. Nicht nur in­ner­halb der Fa­mi­lie, son­dern auch im Freun­des­kreis oder am Ar­beits­platz. In un­se­rem Kul­tur­kreis fei­ert Amae vor al­lem an Weih­nach­ten Hoch­kon­junk­tur. Dann, wenn die Fa­mi­lie sich trifft.

Wer sich der Weih­nachts­fei­er ent­zieht, ver­passt da­mit auch die Ge­le­gen­hei­ten, in den Ge­nuss von Amae zu kom­men. Denn bis al­le wie­der zu­sam­men sind, ver­geht ein Jahr.

Zu­sam­men ta­feln, re­den, auf das Wohl der Fa­mi­lie an­stos­sen und es sich gut ge­hen las­sen: «Das Weih­nachts­fest ist das ein­zi­ge Ri­tu­al, das die Gross­fa­mi­lie im­mer wie­der zu­sam­men­bringt», sagt der deut­sche Weih­nachts­ex­per­te und Li­t­ur­gie­wis­sen­schaft­ler Gui­do Fuchs, 65. Ein Fest, an dem sich die Fa­mi­lie selbst fei­ert. Ob ein Be­such der Christ­mes­se ge­plant ist oder das Es­sen im Mit­tel­punkt steht, mag je­de Fa­mi­lie an­ders hal­ten – wich­tig ist die Tra­di­ti­on. «Wir le­ben in ei­ner flüch­ti­gen Zeit, al­les ver­än­dert sich stän­dig», sagt Gui­do Fuchs. «Ri­tua­le hin­ge­gen blei­ben und ver­lei­hen uns da­mit Si­cher­heit.»

Aber nicht nur das. Mit der Fa­mi­lie Weih­nach­ten zu fei­ern, för­dert eben­so den Zu­sam­men­halt. Es stärkt das Wir-ge­fühl und gibt der Fa­mi­lie ei­ne Iden­ti­tät. Es las­sen sich Brü­cken zur Ver­gan­gen­heit schla­gen, in­dem man sich ge­mein­sam an frü­her er­in­nert. Und mit der jüngs­ten Ge­ne­ra­ti­on am Tisch fin­det ei­ne Ver­bin­dung in die Zu­kunft statt.

Da­bei zu sein und zu er­le­ben, wie die Fa­mi­lie als Grup­pe le­bens­er­fah­ren und ge­schickt durch Raum und Zeit na­vi­giert – wie ei­ne Ge­sell­schaft an Bord ei­nes Schif­fes –, kann Kraft ge­ben. Und lässt ei­nen die Ver­gäng­lich­keit des ei­ge­nen Le­bens leich­ter er­tra­gen. Weil sich der Mensch als Teil ei­nes Gan­zen be­grei­fen kann, ei­ner Idee, die grös­ser ist als er selbst.

Was aber, wenn in ei­ner Fa­mi­lie Kon­flik­te schwe­len? Oder Krän­kun­gen die Freu­de auf ein Wie­der­se­hen schmä­lern? «Dann ra­te ich, in die Trick­kis­te zu grei­fen und ei­ne Art Cor­po­ra­te-identity-si­gnal zu sen­den. Am bes­ten geht das mit ei­ner Ti­sch­re­de», sagt die Psy­cho­the­ra­peu­tin Al­mut Schwei­kert. «Sie kann Bal­sam auf al­te Wun­den le­gen.»

Ver­söh­nung

Die Ti­sch­re­de soll­te au­then­tisch sein, darf aber durch­aus for­mel­len Cha­rak­ter ha­ben. Zum Bei­spiel könn­te sie sich so an­hö­ren: «Lie­be Fa­mi­lie, lie­be An­ge­hö­ri­ge, ich freue mich aus­ser­or­dent­lich, euch jetzt hier zu wis­sen. Be­son­ders zu Weih­nach­ten, das wir schon frü­her mit­ein­an­der ge­fei­ert ha­ben. Wir wol­len heu­te gross­zü­gig sein und uns an­ein­an­der freu­en, auch wenn das manch­mal in der Ver­gan­gen­heit aus un­ter­schied­li­chen, be­rech­tig­ten Grün­den nicht mög­lich war.» Dann ei­ne Pau­se ein­le­gen, um das Glas zu er­he­ben: «Zum Wohl! Auf die Fa­mi­lie, in gu­ten und in schlech­ten Ta­gen.»

Ei­ne sol­che Ti­sch­re­de birgt die Auf­for­de­rung zur Ver­söh­nung. In je­dem Fall aber gibt sie vor, wie sich der Gast­ge­ber Hei­lig­abend vor­stellt.

Wer die be­vor­ste­hen­den St­un­den nun ge­nies­sen will, oh­ne zu sin­gen oder mit sei­nen Nich­ten und Nef­fen im Kreis her­um­zu­wir­beln, darf es – oh­ne schlech­tes Ge­wis­sen – auch so hal­ten wie Johann Wolf­gang von Goe­the. Der deut­sche Dich­ter hat­te an Fei­er­ta­gen vor al­lem ei­nes im Sinn: «Mich deucht, das Grösst’ bei ei­nem Fest ist, wenn man sich’s wohl schmecken lässt.»

Zu er­le­ben, wie die Fa­mi­lie als Grup­pe le­bens­er­fah­ren und ge­schickt durch Raum und Zeit na­vi­giert, kann Kraft ge­ben.

Weih­nach­ten schafft per­fek­te Mo­men­te, die sich fürs gan­ze Le­ben ein­prä­gen.

Auf das Wohl der Fa­mi­lie an­stos­sen und Kon­flik­te für ein­mal ver­ges­sen, das schweisst zu­sam­men.

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