Fan­ny Smith

Schweizer Familie - - INHALT - — Text Da­ni­el Röth­lis­ber­ger Fo­tos Sé­bas­ti­en Ag­net­ti

Wie sich die Ski­cros­se­rin den Weg an die Welt­spit­ze er­kämpf­te

Sie lei­det un­ter Le­gas­the­nie und hat­te als Kind mit man­geln­dem Selbst­ver­trau­en zu kämp­fen. Doch dank der Leseschwäche lern­te Fan­ny Smith, Nie­der­la­gen weg­zu­ste­cken und sich auf ih­re Stär­ken zu be­sin­nen. Heu­te ge­hört die Ski­cros­se­rin zu den Bes­ten der Welt.

Wort für Wort kämpft sie sich durch den Text. Im­mer wie­der bleibt sie ste­cken, muss Buch­sta­be für Buch­sta­be ent­zif­fern. End­los lang. Im Schul­zim­mer macht sich Un­ru­he breit, ei­ni­ge flüs­tern, an­de­re ki­chern. Der Text ver­schwimmt vor ih­ren Au­gen, ihr Herz rast. Und sie spürt Scham und Angst.

Das war vor bald zwan­zig Jah­ren. Doch Fan­ny Smith kann die Si­tua­ti­on be­schrei­ben, als wärs erst ges­tern ge­we­sen. Denn die 26-jäh­ri­ge Ski­cros­se­rin muss­te als Schü­le­rin im Sprach­un­ter­richt in Vil­lars-sur-ol­lon VD lei­den. «Laut vor­le­sen war die Höchst­stra­fe», er­in­nert sie sich. Fan­ny Smith ist Le­gas­the­ni­ke­rin. Le­sen und Schrei­ben wa­ren ei­ne Qu­al. «Ob­wohl ich al­les gab, schaff­te ich es nicht, mich zu ver­bes­sern.» El­tern und Leh­rer mach­ten sich Sor­gen und frag­ten sich, was aus der klei­nen Fan­ny mit der gros­sen Schwä­che spä­ter wer­den könn­te.

Doch die Sor­gen wa­ren un­be­grün­det. Fan­ny Smith mach­te trotz schu­li­scher Pro­ble­me ih­ren Weg. Sie fand im Skicross ih­re Stär­ke und ih­re Be­ru­fung. Mit 16 wur­de sie Pro­fi und reiht seit­her Er­folg an Er­folg. 2013 war sie Welt­meis­te­rin und ge­wann den Skicross-welt­cup. Und En­de Fe­bru­ar 2018 hol­te sie an den Olym­pi­schen Spie­len in Süd­ko­rea die Bron­ze­me­dail­le. «Fan­ny ist heu­te ei­ne Me­dail­len­ga­ran­tin», sagt Chef­trai­ner Ralph Pfäff­li. «Sie ist ei­ne kom­plet­te Ath­le­tin – mu­tig und mit ei­nem aus­ge­zeich­ne­ten Ge­fühl für tech­ni­sche Ab­läu­fe. Des­halb ge­hört

sie zu den Bes­ten der Welt.» Ih­ren Er­folg ver­dankt Fan­ny Smith nicht nur ih­rem Ehr­geiz und Ta­lent, son­dern auch ih­rer gröss­ten Schwä­che: «Die Le­gas­the­nie half mir, zu der Per­son zu wer­den, die ich bin.»

Denn Fan­ny lern­te als Kind das, was sie als Ath­le­tin aus­zeich­net: an sich ar­bei­ten und mit Rück­schlä­gen fer­tig wer­den. «Ich merk­te früh, dass ich ein Pro­blem mit Buch­sta­ben ha­be», sagt sie. Le­sen und Schrei­ben wa­ren für sie schon in den ers­ten Schul­jah­ren ei­ne un­über­wind­ba­re Auf­ga­be. Stän­dig ver­tausch­te sie Buch­sta­ben und mach­te beim Schrei­ben un­zäh­li­ge Feh­ler. Fach­leu­te stan­den ihr zur Sei­te, ei­ne Lo­go­pä­din gab ihr Un­ter­richt. «Und mei­ne Mut­ter ver­such­te al­les, um mir zu hel­fen», er­in­nert sie sich. Mut­ter Fio­na Smith, sel­ber Leh­re­rin, büf­fel­te mit ihr oft bis weit in die Nacht hin­ein. Fan­ny schrieb Dik­ta­te und las Tex­te. «Ich ar­bei­te­te enorm hart und mach­te trotz­dem kaum Fort­schrit­te», sagt die Waadt­län­de­rin. Sie ha­be nie ein po­si­ti­ves Re­sul­tat in Form ei­ner gu­ten No­te er­zielt. Zu­dem mach­ten sich Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen über sie lus­tig, wenn sie beim Le­sen stock­te. «Das tat weh», sagt sie. «Und es drück­te auf mein Selbst­ver­trau­en.»

Von klein auf in Be­we­gung

Doch Fan­ny lern­te den Spott zu über­hö­ren und sich auf ih­re Stär­ken zu be­sin­nen. «Su­che et­was, was dir liegt und ge­fällt, und gib dar­in dein Bes­tes» – so rie­ten ihr die El­tern. Fan­ny spür­te früh, wo­für ihr Herz schlägt. Draus­sen in der Na­tur war sie in ih­rem Ele­ment. «Sie war von klein auf stän­dig im Frei­en und in Be­we­gung», er­in­nert sich Va­ter Chris­to­phe Smith, 61, ein Ski- und Gleit­schirm­leh­rer. Sie fuhr mit dem Skate­board und dem Fahr­rad al­len um die Oh­ren. Und sie ei­fer­te im Win­ter ih­rem drei Jah­re äl­te­ren Bru­der Thi­bault nach. Mit ihm glitt sie auf Ski durch den Tief­schnee, sprang über Hü­gel und Schnee­we­hen. «Ich war wie ein Kn­a­be», sagt Fan­ny Smith. «Ei­ne Drauf­gän­ge­rin. Angst kann­te ich nicht, und wenn ich stürz­te, wein­te ich nicht.» Fan­ny war nicht nur furcht­los. «Sie war auch schnell», sagt Va­ter Chris­to­phe. «Und ein Wett­kampf­typ. Sie woll­te im­mer ge­win­nen. Ver­lor sie, war sie wü­tend auf sich.»

So fand Fan­ny im Sport, was ihr in der Schu­le ver­wehrt blieb: An­er­ken­nung. «Beim Ski­fah­ren be­kam ich von mei­nen Kol­le­gen Re­spekt», sagt sie.

Mit sechs war sie im Ski­klub, fuhr Rie­sen­sla­loms und Sla­loms. An die Ren­nen ging sie meist mit Kol­le­gin­nen, weil die El­tern ar­bei­ten muss­ten. Sie stand mit al­ten Ski und Schu­hen am Start, die ihr Bru­der schon ge­tra­gen hat­te. Trotz­dem sieg­te Fan­ny oft. Mit zwölf nahm sie erst­mals an ei­nem Skicross-ren­nen teil und ent­deck­te ih­re Lei­den­schaft. «Skicross ist wie ge­schaf­fen für mich», sagt sie. «Denn ich lie­be den di­rek­ten Kampf.»

Zwei Jah­re spä­ter reis­te Fan­ny mit ih­rem Va­ter an ein Ren­nen nach Zwei-

«Sie war schnell und ein Wett­kampf­typ. Fan­ny woll­te im­mer ge­win­nen. Ver­lor sie, war sie wü­tend auf sich.» Chris­to­phe Smith, Va­ter

Im Wel­sch­land zu Hau­se: Fan­ny Smith im Re­stau­rant La­cust­re in Lau­san­neou­chy in der Nä­he ih­res Wohn­orts Vil­lars-sur-ol­lon.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.