Kin­der­über­wa­chung

Ver­trau­en ist gut, Kon­trol­le ist bes­ser. Die­sem Prin­zip fol­gen Ge­rä­te zur Über­wa­chung von Kin­dern. Doch tun El­tern den Klei­nen da­mit ei­nen Ge­fal­len, und ver­hin­dert mo­der­ne Tech­nik, dass et­was pas­siert?

Schweizer Familie - - INHALT - Text Mar­kus Schmid Il­lus­tra­tio­nen Eva Rust

Die Klei­nen stän­dig im Blick zu ha­ben, ist nicht sinn­voll

Frösch­li» ist auf Schritt und Tritt da­bei. Es weiss fast al­les, wie ein guter Freund. Doch «Frösch­li» ist kein Freund, son­dern ein kaum zi­ga­ret­ten­schach­tel­gros­ser Sen­der. Das «Frösch­li» hängt am Schul­thek, am Gür­tel oder mit ei­nem Band am Hals. Die El­tern kön­nen so aus der Ferne über ihr Han­dy je­der­zeit fest­stel­len, wo sich ihr Kind auf­hält.

Die per­ma­nen­te Or­tung des Nach­wuch­ses auf ei­nem Stadt­plan per GPS und Han­dy­netz ist nicht al­les, was das Ge­rät be­sorg­ten El­tern bie­tet. Auf Knopf­druck kann das Kind mit dem Tra­cker oder Mo­bi­le Lo­ca­tor, wie die klei­nen Über­wa­chungs­ge­rä­te auch ge­nannt wer­den, un­ter vier hin­ter­leg­ten Ruf­num­mern Hil­fe ho­len, und die El­tern kön­nen es je­der­zeit an­ru­fen. Ei­ne wei­te­re Funk­ti­on ist das Ge­ofen­cing: Die El­tern zie­hen ei­ne Art elek­tro­ni­schen Zaun um ein Ge­biet, in dem sich das Kind be­we­gen darf. Ver­lässt es die­se Zo­ne, schlägt «Frösch­li» Alarm. «Ich wür­de das bei mei­nen Kin­dern nie­mals ein­set­zen», sagt Gre­gor Wal­ler da­zu, Me­di­en­psy­cho­lo­ge und Va­ter zwei­er Kin­der im Kin­der­gar­ten- und Pri­mar­schul­al­ter. Kin­der müss­ten sich im Lauf ih­rer Ent­wick­lung vom El­tern­haus lö­sen und selb­stän­dig wer­den, ist der Co-lei­ter der Fach­grup­pe Me­di­en­psy­cho­lo­gie der Zürcher Hoch­schu­le für An­ge­wand­te Wis­sen­schaf­ten über­zeugt: «Die per­ma­nen­te Über­wa­chung be­wirkt je­doch das ge­naue Ge­gen­teil.»

Micha­el Frei, Fach­psy­cho­lo­ge und Lei­ter der Be­ra­tungs­stel­le Pi­noc­chio für El­tern und Kin­der in Zü­rich, wür­de sei­ne Kin­der eben­falls nicht über­wa­chen, «weil sie kein ge­sun­des Selbst­ver­trau­en und Selbst­wert­ge­fühl ent­wi­ckeln kön­nen, wenn wir ih­nen stän­dig über die Schul­ter schau­en». Und auch Xe­nia Schle­gel, Lei­te­rin der Ge­schäfts­stel­le des Kin­der­schut­zes Schweiz, winkt ab: «Das un­ter­stüt­zen wir aus ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gi­schen Grün­den nicht. Ein Kind braucht sei­nem Al­ter ent­spre­chen­de Au­to­no­mie­er­fah­run­gen, um zu ei­nem ge­sun­den Selbst­wert­ge­fühl zu ge­lan­gen.»

Kin­der brau­chen al­so das Ge­fühl, dass ih­nen die Er­wach­se­nen ver­trau­en. Nur so wer­den sie selbst­si­cher und ei­gen­ver­ant­wort­lich. «Kon­trol­le da­ge­gen be­deu­tet für sie: Ihr glaubt mir nicht, dass ich das al­lein be­wäl­ti­gen kann», sagt Me­di­en­päd­ago­gin Eve­li­ne Hi­pe­li von der Päd­ago­gi­schen Hoch­schu­le Zü­rich. Kin­der soll­ten ru­hig Gren­zen tes­ten und über­schrei­ten dür­fen, da­mit sie ei­ge­ne Er­fah­run­gen sam­meln kön­nen. Die Über­wa­chung wird die na-

tür­li­che Neu­gier der Kin­der da­ge­gen nicht nur im Zaum hal­ten. Sie ver­un­si­chert sie auch, weil sich die Furcht der El­tern auf sie über­trägt und sie die Tra­cker stets dar­an er­in­nern, dass über­all Ge­fah­ren lau­ern könn­ten.

UNBEGRÜNDETE ANGST

Da­bei ist die Ge­fahr, dass Kin­der heut­zu­ta­ge ver­lo­ren ge­hen, so ge­ring wie noch nie. «Im Kan­ton Zü­rich ha­ben wir prak­tisch kei­ne ver­miss­ten Kin­der oder Ju­gend­li­chen», sagt Re­bec­ca Ti­len vom Me­di­en­dienst der dor­ti­gen Kan­tons­po­li­zei, «die meis­ten ver­miss­ten oder ent­lau­fe­nen Min­der­jäh­ri­gen tau­chen nach kur­zer Zeit wie­der auf.»

Selbst wenn die ob­jek­ti­ven Zah­len be­ru­hi­gend klin­gen, bei den El­tern ent­steht ein viel be­droh­li­che­res Bild. Dies, weil auch lo­ka­le Me­di­en heu­te fast über je­den Fall ei­nes ver­miss­ten Ju­gend­li­chen in Eu­ro­pa be­rich­ten. So er­hal­ten die El­tern den Ein­druck, es wür­den häu­fig Kin­der und Ju­gend­li­che ver­schwin­den. Zu­dem steigt der so­zia­le Druck: Auch wenn die tra­gi­schen Fäl­le von Kinds­ent­füh­run­gen sel­ten ge­wor­den sind, will sich kei­ne Mut­ter und kein Va­ter Vor­wür­fe ma­chen müs­sen, nicht al­les ge­tan zu ha­ben, soll­te dem ei­ge­nen Kind doch et­was zu­stos­sen.

Doch al­lein schon durch die tech­ni­schen Gren­zen der Or­tungs­sys­te­me er­weist sich die Si­cher­heit als trü­ge­risch. Die Su­che nach dem Stand­ort des Kin­des über das Han­dy­netz ver­rät nur, in wel­cher Funk­zel­le sich ein Han­dy be­fin­det. In Städ­ten mit ei­nem dich­ten Funk­netz kann dies ei­ne Flä­che von ei­ni­gen hun­dert Me­ter Durch­mes­ser sein, auf dem Land so­gar von ei­ni­gen Ki­lo­me­tern. Für die Gps­or­tung kön­nen zwi­schen oder in Häu­sern die Si­gna­le feh­len. Zu­dem ver­ges­sen Kin­der ger­ne mal

sol­che Ge­rä­te, de­po­nie­ren sie mit Ab­sicht ir­gend­wo, um der Kon­trol­le zu ent­ge­hen, oder dem Ak­ku geht die Pus­te aus – und die El­tern ge­ra­ten grund­los in Pa­nik.

KIND­LI­CHE PRI­VAT­SPHÄ­RE

Mit den Tra­ckern fol­gen auf die He­li­ko­pter­die Droh­nen­el­tern, die, wie ei­ne Mut­ter auf der In­ter­net-platt­form «Rund ums Ba­by» schreibt, ih­ren Kin­dern so­gar ger­ne ei­nen Or­tungs­chip im­plan­tie­ren wür­den oder kei­ne Skru­pel ha­ben, Ka­me­ras und Mi­kro­fo­ne im Kin­der­zim­mer zu in­stal­lie­ren. Für Me­di­en­psy­cho­lo­ge Gre­gor Wal­ler passt dies «zum all­ge­mei­nen Trend in un­se­rer Ge­sell­schaft, sich für mehr ver­meint­li­che Si­cher­heit ge­gen­sei­tig zu über­wa­chen und per­sön­li­che In­for­ma­tio­nen und Bil­der be­den­ken­los im In­ter­net preis­zu­ge­ben». Da­bei ver­ges­sen die Er­wach­se­nen, dass selbst die Klei­nen laut Ge­setz ein Recht auf ih­re Pri­vat­sphä­re ha­ben.

«Ein allgemeines Si­cher­heits­be­dürf­nis der El­tern reicht recht­lich als Be­grün­dung nicht aus, um ein Kind per­ma­nent zu über­wa­chen», sagt des­halb Sil­via Böh­len, Spre­che­rin des Eid­ge­nös­si­schen Da­ten­schutz­be­auf­trag­ten. Das Da­ten­schutz­ge­setz schrei­be vor, dass ei­ne Über­wa­chung ver­hält­nis­mäs­sig sein muss. Aus­ser­dem soll­te sie für die be­trof­fe­ne Per­son er­kenn­bar sein, da­mit sie sich da­ge­gen weh­ren kann.

Bei äl­te­ren Kin­dern und Ju­gend­li­chen emp­fiehlt Sil­via Böh­len, trans­pa­rent zu in­for­mie­ren und zu fra­gen, ob sie mit ei­ner Über­wa­chung ein­ver­stan­den sind. Sa­ge ein Kind Nein, so Böh­len, müs­se man das re­spek­tie­ren. «Man soll­te sich zu­dem dar­über im Kla­ren sein», warnt sie, «dass die auf­ge­zeich­ne­ten In­for­ma­tio­nen ir­gend­wo in ei­nem Da­ten­spei­cher lan­den, vi­el­leicht so­gar bei ei­nem Cloud-di­enst im Aus­land.» Zwar wer­ben die meis­ten An­bie­ter da­mit, dass die In­for­ma­tio­nen si­cher sind und nicht in die Hän­de von Da­ten­samm­lern fal­len kön­nen. Doch zei­gen Tests von Prüf­insti­tu­ten wie et­wa des Fraun­ho­fer­in­sti­tuts für Si­che­re In­for­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie in Darm­stadt, dass die Tra­cker und Apps für Ha­cker leicht zu kna­cken sind.

Grund­sätz­lich ha­ben al­le Ex­per­ten Ver­ständ­nis für die Sor­ge der El­tern, dass ih­ren Kin­dern et­was pas­sie­ren könn­te. Doch genau­so ei­nig sind sie sich, dass die elek­tro­ni­sche Über­wa­chung der fal­sche Weg ist, den Nach­wuchs zu schüt­zen. «Ich

«Es passt zum all­ge­mei­nen Trend, sich für mehr ver­meint­li­che Si­cher­heit ge­gen­sei­tig zu über­wa­chen.» Gre­gor Wal­ler, Me­di­en­psy­cho­lo­ge

er­ach­te es als wich­ti­ger, ei­ne ver­trau­ens­vol­le Kom­mu­ni­ka­ti­ons­kul­tur in der Fa­mi­lie zu eta­blie­ren», sagt Eve­li­ne Hi­pe­li. Gre­gor Wal­ler plä­diert eben­falls für den Auf­bau von Ver­trau­en, was al­ler­dings im Ge­gen­satz zu der tech­ni­schen Lö­sung Zeit für Ge­sprä­che und das Ab­ma­chen von Re­geln be­deu­te. «Wir las­sen un­se­ren Sie­ben­jäh­ri­gen al­lein zur Schu­le ge­hen, ma­chen mit ihm ab, in wel­chem Ra­di­us er sich in sei­ner Frei­zeit be­we­gen darf, und er muss uns sa­gen, zu wel­chem Kol­le­gen er geht», sagt Wal­ler. «Wir ge­ben ihm da­mit ei­nen gros­sen Ver­trau­ens­vor­schuss, und es ist schön zu mer­ken, dass er sich an die Ab­ma­chun­gen hält.»

Trotz­dem soll­te man Be­dro­hun­gen ernst neh­men, heisst es bei der Kan­tons­po­li­zei Zü­rich, die al­ler­dings lie­ber auf Prä­ven­ti­on setzt, da­mit Kin­der nicht Op­fer von Ge­walt wer­den. El­tern soll­ten mit ih­ren Kin­dern dar­über re­den, wie sie sich im Not­fall ver­hal­ten soll­ten. Ziel müs­se es sein, Kin­der zur Selb­stän­dig­keit zu er­zie­hen und ihr Selbst­be­wusst­sein zu för­dern, denn, so die Kan­tons­po­li­zei in ih­ren Tipps für El­tern und Er­zie­hen­de, «ängst­li­che, un­si­che­re Kin­der sind stär­ker ge­fähr­det als sol­che, die gut in­for­miert sind und selbst­be­wusst auf­tre­ten».

So funk­tio­niert es nicht. Nur wenn Kin­der Frei­räu­me oh­ne Über­wa­chung be­kom­men, wer­den sie spä­ter selbst­si­cher.

We­nig sinn­voll: Kin­der mit al­len tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten stän­dig im Blick be­hal­ten zu wol­len.

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