So se­he ich das

Schweizer Familie - - INHALT - — Auf­ge­zeich­net von Da­ni­el Ganz­fried Fo­to So­phie Stie­ger

MICHÈLE VONTOBEL, 37, IST MUT­TER VON SIEBEN KIN­DERN

Be­vor ich Kin­der hat­te, woll­te ich sechs. Sag­te ich das ei­nem Mann, ging es schwups – und weg war er. Ei­ner ist ge­blie­ben. Mit ihm ha­be ich in­zwi­schen sieben Kin­der.

Im Zug oder Bus hö­re ich oft: «Sind das al­les Ih­re?» Vie­le Frau­en sa­gen mir, sie hät­ten auch gern mehr Kin­der ge­habt, aber nach dem zwei­ten ge­merkt, dass sie kaum «zschlag chönt». Ich ken­ne meh­re­re Fa­mi­li­en mit vier Kin­dern. Ei­ne mit sieben ist ge­ra­de zu­ge­zo­gen. Auf dem Land ist das gar nicht so sel­ten.

Den­noch kommt es vor, dass je­mand mit mir dis­ku­tie­ren will, wie das fi­nan­zi­ell ge­he und ob ich über­haupt al­len ge­recht wer­den kön­ne. Dar­auf las­se ich mich gar nicht erst ein. Ei­ne be­rufs­tä­ti­ge Mut­ter mit zwei Kin­dern hat es auch nicht leich­ter. So oder so: Ein Kind braucht nicht dau­ernd die gan­ze Auf­merk­sam­keit. Die­se Rund­um­be­hü­tung ist kei­ne gu­te Ent­wick­lung. Die Haupt­sa­che ist, dass ich im­mer da bin, wenn sie mich brau­chen. Das wis­sen sie. Beim ers­ten Kind ha­be ich Bro­schü­ren ge­le­sen. Aber ich merk­te, dass ich bes­ser auf mei­nen In­stinkt hö­re. Vor­le­ben, was ich von ih­nen will, dar­aus be­steht die hal­be Er­zie­hung. Mein Mann ist mehr so der ängst­li­che Typ; ich las­se die Kin­der eher ma­chen. Er ist Tele­ma­ti­ker und tags­über nicht im Hau­se. Al­so wird nach mei­ner Pfei­fe ge­tanzt. Meis­tens.

Mei­ne Kin­der fin­den, ich sei ei­ne furcht­bar stren­ge Mut­ter. Da­bei stel­le ich gar nicht so vie­le Re­geln auf. Ich möch­te, dass sie sich ent­fal­ten kön­nen. Auf das So­zia­le le­ge ich Wert, dass man zu­ein­an­der schaut, auf Ehr­lich­keit und auf ei­ne ge­wis­se Pünkt­lich­keit. Ich möch­te wis­sen, wo die Kin­der sind, auch wenn ich ge­le­gent­lich den Über­blick ver­lie­re, wo das ei­ne oder an­de­re ge­ra­de hin­ge­gan­gen ist. Zwar be­te ich nicht re­gel­mäs­sig, aber wenn al­le wohl­be­hal­ten nach Hau­se ge­kom­men sind, sa­ge ich manch­mal schon mit ei­nem Blick nach oben: «Dan­ke viel­mals.»

In mei­nem Le­ben und mit der Fa­mi­lie ist al­les so ge­kom­men, wie ich es er­war­tet hat­te. Aus­ser et­was: Ich mein­te, es wür­de an­stren­gen­der wer­den.

«Ein Kind braucht nicht dau­ernd Auf­merk­sam­keit. Die­se Rund­um­be­hü­tung ist kei­ne gu­te Ent­wick­lung.»

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