Herz & Ver­stand

Bloss nicht still sit­zen beim Ler­nen! Neu­es­te Er­kennt­nis­se der Hirn­for­schung sa­gen: Ist der Kör­per in Be­we­gung, ist es auch das Hirn.

Schweizer Familie - - INHALT -

Kürz­lich ha­be ich ei­nen Hir­nund Stamm­zel­len­for­scher ge­fragt, wie sich kör­per­li­che Be­we­gung auf die Hirn­tä­tig­keit aus­wirkt. Die Ant­wort von Pro­fes­sor Gerd Kem­per­mann, die ich hier sehr ver­kürzt in mei­nen Wor­ten wie­der­ge­be, war, dass unser Ge­hirn zum Lau­fen da ist. Er hat na­tür­lich die­ses Zu­sam­men­spiel wis­sen­schaft­lich sehr viel ge­nau­er be­schrie­ben, doch im Kern lief es dar­auf hin­aus, dass der Mensch leich­ter und bes­ser lernt, wenn er nicht am Schreib­tisch hockt.

Lau­fen statt brü­ten

Im Grun­de liegt das auf der Hand: Wer sich be­wegt, kommt mehr rum, er­lebt mehr und er­wei­tert sei­nen Er­fah­rungs­ho­ri­zont. Wir kön­nen uns al­les mög­li­che Wis­sen zwar auch beim Sur­fen durchs In­ter­net an­eig­nen, aber das ist nicht das­sel­be, sagt Kem­per­mann. Un­ter an­de­rem, weil wir uns an das, was wir selbst und li­ve er­fah­ren, er­heb­lich bes­ser er­in­nern.

In­ter­es­sant ist auch die Sa­che mit den en­do­ge­nen Rhyth­men. Die For­schung ist noch nicht ab­ge­schlos­sen, doch es scheint so zu sein, dass der Rhyth­mus, in dem wir uns fort­be­we­gen, mit den Rhyth­men un­se­res Ge­hirns kor­re­spon­diert.

An­ders aus­ge­drückt: Be­stimm­te For­men der Be­we­gung, be­stimm­te Ge­schwin­dig­kei­ten und vor al­lem die Re­gel­mäs­sig­keit ei­ner Be­we­gung wir­ken sich po­si­tiv auf die Hirn­ak­ti­vi­tät aus. Das Phä­no­men ken­nen Sie be­stimmt: Man brü­tet am Schreib­tisch über ei­ner schwie­ri­gen Auf­ga­be, oh­ne dass ei­nem et­was Ge­schei­tes ein­fällt. Dann läuft man ein paar Schrit­te, und auf ein­mal ist klar, wie man die Sa­che an­pa­cken kann. Beim Lau­fen hat man üb­ri­gens nicht nur Geistesblitze, in Be­glei­tung kom­men oft auch sehr er­hel­len­de Gespräche zu­stan­de.

In­so­fern ist es kei­ne gu­te Idee, un­se­re Kin­der da­zu zu ver­don­nern, «end­lich mal» still zu sit­zen und sich auf ih­re Schul­ar­bei­ten zu kon­zen­trie­ren. Ich ha­be das lei­der viel zu oft ge­macht. Aus­ge­rech­net mit dem Kind, dem das schu­li­sche Ler­nen schwer­fiel. Ich hö­re mich noch zu Ma­xi sa­gen: «Du setzt dich jetzt hin und lernst die­se fünf blö­den Eng­lisch­vo­ka­beln. Das kann doch nicht so schwer sein.» «Ich will spie­len», pro­tes­tier­te mei­ne Gros­se. Hät­te ich sie nur ge­las­sen. Ih­re Schul­bio­gra­fie wä­re ver­mut­lich stress­frei­er ver­lau­fen. Vor al­lem wür­de sie nicht bis heu­te beim The­ma Ler­nen Bauch­schmer­zen be­kom­men.

Un­term Strich be­deu­ten die wis­sen­schaft­li­chen Er­kennt- nis­se, dass es erst mal dar­auf an­kommt, her­aus­zu­fin­den, wie ein Kind am besten lernt, und we­ni­ger, was ge­ra­de auf sei­ner schu­li­schen Agen­da steht.

Na­tür­lich kann man bei den Schul­ar­bei­ten nicht stän­dig her­um­hüp­fen. Nur, sit­zen muss man auch nicht un­be­dingt. Ein Pult, das sich pro­blem­los selbst ver­stel­len lässt, ist für Schreib­ar­bei­ten ei­ne gu­te Al­ter­na­ti­ve. Es er­laubt we­nigs­tens et­was mehr Be­we­gung. Bei an­de­ren schu­li­schen Auf­ga­ben wie Vo­ka­beln-, For­meln-, Da­ten­ler­nen dür­fen Kin­der da­ge­gen nach Her­zens­lust her­um­lau­fen, hüp­fen oder schau­keln.

Kopf­stand und Mu­sik

Da­für braucht es erst mal ei­nen Spar­ring­part­ner. Das sind Sie! Wäh­rend Ihr Kind Kopf­stand oder Youtube-mo­ves übt, fra­gen Sie Vo­ka­beln ab. Oder Sie sam­meln mit ihm Ide­en für den Haus­auf­satz. Apro­pos Mo­ves: Man­che Kin­der brau­chen zum Ler­nen et­was an­de­res, das ihr Hirn in Be­we­gung bringt, näm­lich Mu­sik. Im Zim­mer Ih­res Te­enagers häm­mert Tech­no? Sehr gut. Pro­fes­sor Kem­per­mann und sein Team ha­ben näm­lich auch her­aus­ge­fun­den, dass Tech­no und Scha­ma­nen­klän­ge, ähn­lich wie Lau­fen, mit un­se­ren en­do­ge­nen Rhyth­men kor­re­spon­die­ren und die klei­nen, grau­en Zel­len an­kur­beln. (Free Jazz ist we­ni­ger ge­eig­net, wenn ich ihn rich­tig ver­stan­den ha­be.) Jetzt müs­sen Sie nur noch ver­mit­teln, dass man da­bei auch aus­ge­zeich­net über die Unend­lich­keit von Zah­len­men­gen nach­den­ken kann.

XENIA FRENKEL, 62, ist vier­fa­che Mut­ter und Gross­mut­ter von sechs En­kel­kin­dern. Sie schreibt seit vie­len Jah­ren über Fa­mi­lie und Er­zie­hung.

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