«JETZT IST SCHLUSS!»

Schweizer Familie - - HERZ & VERSTAND -

Manch­mal müs­sen El­tern die Stim­me er­he­ben. Das scha­det dem Nach­wuchs nicht. Denn die lei­sen Tö­nen ge­hen bei den Klei­nen ger­ne un­ter.

Es soll El­tern ge­ben, die ihr Kind nie­mals an­schrei­en. Ich ge­hör­te nicht da­zu. Ob­wohl ich je­den Mor­gen Yo­ga ge­macht ha­be. Wenn mich mei­ne vier är­gern woll­ten, be­haup­te­ten sie: «Ma­mi schreit dau­ernd rum.» Na­tür­lich! Sie hät­ten mich ja sonst über­haupt nicht ge­hört bei dem Lärm, der in un­se­rem trau­ten Heim herrsch­te. Ru­hig wars ei­gent­lich nur, wenn die Kü­ken schlie­fen.

Von der An­la­ge her bin ich eher ein lei­ser Mensch. Mei­ne Stim­me zu er­he­ben, muss­te ich erst ler­nen. Das ha­be ich im Lauf der Zeit. Vier Kin­der las­sen sich nicht mit zar­tem Vo­gel­ge­zwit­scher in die Spur brin­gen. Da muss Ma­ma Bär schon mal los­don­nern: «Zack, zack, Schu­he, Müt­zen, Pa­pa sitzt seit ei­ner hal­ben Stun­de im Au­to!» – «Al­le raus hier! Von mir aus könnt ihr euch im Gar­ten prü­geln, aber nicht in mei­ner Kü­che.»

Ein An­pfiff reicht

Meis­tens ha­be ich mei­ne Kin­der im Kol­lek­tiv zu­sam­men­ge­staucht, nach dem Mot­to: «Du hast dir schon längst die Zäh­ne ge­putzt? Aber dein Bru­der nicht, marsch, ab ins Bad.»

In der Hit­ze des Ge­fechts ent­fie­len mir hin und wie­der auch die Na­men der klei­nen Tu­nicht­gu­te, und ich stam­mel­te: «Pau…, äh, Leo­nie … Was? Du heisst Ru­ben? Ist mir doch egal, du suchst so­fort die Du-weisst­schon-was.»

Hin­ter mei­nem Rü­cken ki­cher­ten die Kin­der dann: «Hast du Ma­mas Oh­ren ge­se­hen? Die wa­ren ganz rot, hihi. Sie wuss­te nicht mal, wie ich heisse, ha­ha», aber das ist völ­lig in Ord­nung. Tat­säch­lich ist ein An­pfiff in­halt­lich nicht im­mer er­hel­lend, doch das wird lo­cker durch Laut­stär­ke wett­ge­macht. Sie sorgt da­für, dass die Kin­der­mann­schaft kurz auf­horcht und dann hof­fent­lich in die rich­ti­ge Rich­tung sprin­tet. Wenn Leo­nie mal wie­der im Be­griff war, oh­ne links und rechts zu schau­en über ei­ne ver­kehrs­rei­che Stras­se zu ra­deln, ha­be ich «Stooo­opp!» ge­schrien. Und wenn mei­ne vier mit ih­ren acht Cou­sins und Cou­si­nen die ge­sam­te Nach­bar­schaft mit Klin­gel­strei­chen auf­schreck­ten, schall­te es aus dem Kü­chen­fens­ter: «Schluss da­mit! Heim­kom­men! Pfann­ku­chen!»

Kei­ne Wut­an­fäl­le

Man kann na­tür­lich der An­sicht sein, dass sich je­des Pro­blem und je­de Si­tua­ti­on in wohl­ge­setz­ten Wor­ten klä­ren lässt, aber manch­mal ist da­für ein­fach kei­ne Zeit. Ja, erns­te Un­ter­re­dun­gen müs­sen auch mal sein, aber bit­te nur spar­sam, al­so, wenn es um ein ech­tes Pro­blem geht, nicht um Kin­de­rei­en wie ver­schlamp­te Hand­schu­he, Trö­deln oder un­ge­putz­te Zäh­ne.

Ei­nes möch­te ich be­to­nen: Ein Don­ner­wet­ter ist kein Wut­an­fall. Es ist kurz, und so rasch, wie es auf­zieht, ist es wie­der vor­bei. Nie­mand muss sich ent­schul­di­gen, nie­mand muss wort­reich um Ver­zei­hung bit­ten. Et­was an­de­res ist es, wenn man die Fas­sung ver­liert und un­kon­trol­liert her­um­schreit. So was kann mal pas­sie­ren, aber wenn es sich wie­der­holt, muss man et­was un­ter­neh­men. Oft ste­cken ei­ge­ne, un­gu­te Kind­heits­er­fah­run­gen da­hin­ter, oder man ist ge­ra­de völ­lig über­for­dert. Was auch im­mer es ist, man muss et­was un­ter­neh­men und darf nicht die Schuld beim Kind und bei sei­nem «un­mög­li­chen» Ver­hal­ten su­chen.

Es gibt wirk­sa­me Tech­ni­ken, mit de­nen man Angst, Über­for­de­rung und auch sein Tem­pe­ra­ment in den Griff be­kom­men kann. Wenn man spürt, dass man gleich ex­plo­diert, zieht man sich am bes­ten so­fort zu­rück und ver­sucht, tief und be­wusst zu at­men. Oder man zählt in­ner­lich ganz lang­sam bis zehn und trinkt an­schlies­send ei­ne Tas­se Tee. Kommt man da­mit nicht wei­ter, braucht es pro­fes­sio­nel­le Un­ter­stüt­zung. Die­ser Schritt ist nicht im­mer leicht, aber un­um­gäng­lich, auch weil Wu­t­aus­brü­che und kör­per­li­che Stra­fen lei­der oft Hand in Hand ge­hen. Das muss und kann man sei­nem Kind und sich selbst er­spa­ren. Und nichts ringt Kin­dern mehr Hoch­ach­tung ab, als wenn sie se­hen, Ma­ma/pa­pa ver­sucht sich zu än­dern.

XENIA FREN­KEL, 62, ist vier­fa­che Mut­ter und Gross­mut­ter von sechs En­kel­kin­dern. Sie schreibt seit vie­len Jah­ren über Fa­mi­lie und Er­zie­hung.

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