St­ar­chir­urg un­ter Be­schuss

Die um­strit­te­ne Vi­si­te von Genfs Re­gie­rungs­rat Mau­det im OP zeigt: Spi­tä­ler be­we­gen sich bei sol­chen Be­su­chen im «recht­li­chen Grau­be­reich»

SonntagsZeitung - - SCHWEIZ - Do­mi­nik Bal­mer

Zü­rich Der Chir­urg Phil­ip­pe Mo­rel war mit­ten in ei­ner zehn­stün­di­gen Ope­ra­ti­on, als Pier­re Mau­det den Raum be­trat. Mo­rel hat­te den Gen­fer Re­gie­rungs­rat ins kan­to­na­le Uni­spi­tal ein­ge­la­den. An je­nem 24. Sep­tem­ber ent­fern­te der Arzt mit­hil­fe des Ope­ra­ti­ons­ro­bo­ters Da Vin­ci ei­ner Frau ei­nen Tu­mor aus dem Bauch.

Phil­ip­pe Mo­rel gilt als Star sei­nes Fachs, der Ein­ge­wei­de-chir­ur­gie, laut ei­ge­nen An­ga­ben hat er fast 6000 Ope­ra­tio­nen durch­ge­führt. Doch der Ein­griff im Bei­sein von Fdp-par­tei­kol­le­ge Mau­det könn­te ei­ner der letz­ten ge­we­sen sein.

Der Ope­ra­ti­ons­saal ist «ei­ne Ta­bu­zo­ne»

Denn Mo­rel soll Mau­det an den Ro­bo­ter be­or­dert ha­ben, wo die­ser die Ap­pa­ra­tur be­dient ha­ben soll. Und die Tu­mor-pa­ti­en­tin soll nicht ge­wusst ha­ben, dass ein Po­li­ti­ker an­we­send sein wür­de.

Mau­dets Auf­tritt im Spi­tal, den Me­di­en in der Ro­man­die die­se Wo­che auf­ge­deckt ha­ben, sorg­te auch in der Deutsch­schweiz für Schlag­zei­len. Das Uni­spi­tal hat An­zei­ge er­stat­tet, der Fall liegt bei der Staats­an­walt­schaft, die Gen­fer Pa­ti­en­ten­schutz-kom­mis­si­on ist in­vol­viert. Ver­mut­lich ver­stiess der Chir­urg auch ge­gen Stan­des­re­geln der Ärz­te­or­ga­ni­sa­ti­on FMH.

Trotz­dem re­agiert er un­be­ein­druckt auf die Vor­wür­fe. Ge­mäss sei­nen ei­ge­nen Aus­sa­gen sind sol­che Vi­si­ten an der Ta­ges­ord­nung. Er ha­be in die­sem Jahr be­reits 27 der­ar­ti­ge Be­su­che ge­habt, sagt Chir­urg Mo­rel.

Ei­ne Um­fra­ge bei gros­sen Spi­tä­lern in der Schweiz zeigt je­doch: Genf ist die Aus­nah­me. Der Ope­ra­ti­ons­saal sei «ei­ne Ta­bu­zo­ne» für Be­su­cher, heisst es zum Bei­spiel beim Kan­tons­spi­tal Ba­den. Und ei­ne Spre­che­rin des Uni­spi­tals Zü­rich sagt: «Zu­tritt zu Ope­ra­tio­nen ha­ben grund­sätz­lich nur Per­so­nen, die aus me­di­zi­ni­schen und fach­li­chen Grün­den in die Ope­ra­ti­on in­vol­viert sind.» Stu­den­ten zum Bei­spiel.

Klar ha­ben fast al­le Spi­tä­ler hin und wie­der Per­so­nen im OP, die nicht di­rekt mit dem Ein­griff zu tun ha­ben – Im­plan­tate­her­stel­ler bei­spiels­wei­se. Doch rei­ne Neu­gier, wie es bei Mau­dets Be­such der Fall ge­we­sen sein soll, reicht nicht aus. Es sei «nicht mög­lich, nur aus In­ter­es­se ei­ner Ope­ra­ti­on bei­zu­woh­nen», sagt ein Spre­cher des Kan­tons­spi­tals St. Gal­len.

Zen­tral bei sol­chen Be­su­chen ist, dass die Pa­ti­en­ten ein­wil­li­gen. An­sons­ten liegt ei­ne wi­der­recht­li­che Per­sön­lich­keits­ver­let­zung vor. Vie­le Spi­tä­ler ho­len die Ein­wil­li­gung nur münd­lich ein.

Für Su­san­ne Ho­chu­li, Prä­si­den­tin der Schwei­ze­ri­schen Stif­tung Pa­ti­en­ten­schutz (SPO), ist dies un­ge­nü­gend. «In je­dem Fall ist ei­ne schrift­li­che Ein­wil­li­gung der be­trof­fe­nen Pa­ti­en­ten nö­tig, selbst wenn die Be­su­cher nur ein Bein oder ei­nen Bauch er­ken­nen», sagt sie. Mit ih­ren «la­xen Re­geln» be­weg­ten sich die Spi­tä­ler «recht­lich in ei­nem Grau­be­reich».

Tat­säch­lich ver­langt das Ge­setz nur ei­ne münd­li­che Ein­wil­li­gung der Pa­ti­en­ten. Doch auch die Lu­zer­ner Rechts­pro­fes­so­rin Re­gi­na Ae­bi-mül­ler plä­diert für schrift­li­che Ein­wil­li­gun­gen – «we­gen Be­weis­pro­ble­men». Ihr Wort hat Ge­wicht, sie ist Mit­glied der zen­tra­len Ethik­kom­mis­si­on der Schwei­ze­ri­schen Aka­de­mie der Me­di­zi­ni­schen Wis­sen­schaf­ten. So oder so müs­se es «ei­nen gu­ten Grund ge­ben» für ei­nen Op-be­such, sagt die Pro­fes­so­rin. «Ein Pa­ti­ent muss sich nicht grund­los ge­fal­len las­sen, An­schau­ungs- und Aus­stel­lungs­ob­jekt oder Ob­jekt der Neu­gier­de ei­nes Po­li­ti­kers zu sein.»

Ärz­te soll­ten bei Pa­ti­en­ten kei­ne Ein­wil­li­gung ein­ho­len

Ae­bi-mül­ler weist dar­auf hin, dass ei­ne Ein­wil­li­gung un­ter Um­stän­den un­gül­tig sein kann. Wenn der Chir­urg ei­ne schwer kran­ke Per­son, die er ope­rie­ren wol­le, um ih­re Ein­wil­li­gung zu ei­nem sol­chen Be­such fra­ge, dann sei es für die­se kaum mög­lich, Nein zu sa­gen – ih­re Le­ben lie­ge ja in den Hän­den des Ope­ra­teurs. Ae­bi-mül­ler sagt da­her, die Ein­wil­li­gung müs­se ei­ne Per­son ein­ho­len, «mit der die Pa­ti­en­tin dann nichts mehr zu tun hat». In den meis­ten Spi­tä­lern küm­mern sich aber die Ope­ra­teu­re sel­ber um die Ein­wil­li­gun­gen der Pa­ti­en­ten.

Wie das im Gen­fer Fall ge­nau ge­lau­fen ist, ist um­strit­ten. Chir­urg Mo­rel sagt, die Fa­mi­lie der Pa­ti­en­tin sei über den Be­such in­for­miert ge­we­sen. Beim Uni­spi­tal Genf heisst es, Mo­rel ha­be die Pa­ti­en­tin nicht in­for­miert. Mau­det liess aus­rich­ten, die «pro­ble­ma­ti­schen Ele­men­te» be­trä­fen nicht ihn.

Die Staats­an­walt­schaft wird nun klä­ren müs­sen, ob Ge­set­zes­ver­stös­se vor­lie­gen – und was der Po­li­ti­ker im OP ge­macht hat. Un­be­strit­ten ist, dass er den Ro­bo­ter be­dien­te. Of­fen ist, wie: Nur aus­ser­halb des Kör­pers der Pa­ti­en­tin? Oder auch in­ner­halb? Und be­rühr­te er da­bei so­gar Ge­we­be? Mo­rel sagt, die Ma­ni­pu­la­ti­on sei aus­ser­halb des Kör­pers er­folgt. Er wi­der­spricht da­mit der Ver­si­on des Uni­spi­tals Genf. Für Po­li­ti­ker Mau­det ist die Vi­si­te im OP ein wei­te­rer Skan­dal. Be­züg­lich ei­ner um­strit­te­nen Rei­se nach Abu Dha­bi er­mit­telt die Gen­fer Staats­an­walt­schaft we­gen mög­li­cher Vor­teils­nah­me ge­gen ihn.

Auch Mo­rel hat sich dis­kre­di­tiert. Raf­fae­le Ros­so, Prä­si­dent der Ge­sell­schaft für Chir­ur­gie, sagt: «Wenn frem­de Per­so­nen ei­ne Ope­ra­ti­on be­su­chen, dann muss das ei­nen Sinn er­ge­ben.» Die­sen Sinn se­he er beim Fall von Genf nicht. «Es darf auch nicht sein, dass ei­ne frem­de Per­son dann auch noch Ap­pa­ra­tu­ren be­dient – sei es nun im Lee­ren oder nicht.»

Fo­to: Keysto­ne

Zu­sam­men im OP: Chir­urg Phil­ip­pe Mo­rel (l.) und Pier­re Mau­det

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