Spi­tä­ler und Ärz­te neh­men die Pa­ti­en­ten­rech­te zu we­nig ernst

Do­mi­nik Bal­mer möch­te sich nicht vor­stel­len müs­sen, dass bald Sel­fies von Zu­schau­ern ei­ner Ope­ra­ti­on ge­pos­tet wer­den

SonntagsZeitung - - STANDPUNKTE - Do­mi­nik Bal­mer, Nach­rich­ten-re­dak­tor

Es ist ei­ne un­an­ge­neh­me Vor­stel­lung: Ein Pa­ti­ent liegt un­ter Nar­ko­se auf ei­nem Ope­ra­ti­ons­tisch. Aus­ge­lie­fert, ent­blösst. Und da be­tritt ei­ne Per­son den Raum, die aus rei­ner Neu­gier­de zu­schau­en will. Ein Po­li­ti­ker vi­el­leicht. Ein Be­kann­ter des Ope­ra­teurs noch da­zu. Der Pa­ti­ent weiss aber nicht, dass je­mand Frem­des da­bei ist – je­mand, der nichts zum Ge­lin­gen des Ein­griffs bei­trägt. Und der Pa­ti­ent, so er denn ge­fragt wor­den wä­re, hät­te die­sen Be­such auch ab­ge­lehnt.

Im Uni­spi­tal Genf hat sich mut­mass­lich ge­nau das zu­ge­tra­gen: Auf Ein­la­dung des Chir­ur­gen Phil­ip­pe Mo­rel wohn­te Re­gie­rungs­rat Pier­re Mau­det ei­ner Tu­mor-ope­ra­ti­on bei. Die Pa­ti­en­tin wuss­te nichts da­von. In der Re­gel braucht es für sol­che Be­su­che die Ein­wil­li­gung der Pa­ti­en­ten – ei­ne sol­che fehl­te an­schei­nend. Da­zu soll Po­li­ti­ker Mau­det auch noch den Ope­ra­ti­ons­ro­bo­ter be­dient ha­ben.

Die Vor­fall ist scho­ckie­rend. Und er ist ein Be­leg da­für, dass es heu­te im­mer noch selbst­herr­li­che Chir­ur­gen gibt, die mei­nen, sie könn­ten sich al­les er­lau­ben – und sich so­gar über die Rech­te der Pa­ti­en­ten hin­weg­set­zen.

Da­hin­ter steht auch ein grund­sätz­li­ches Pro­blem. Spi­tä­ler und Ärz­te neh­men die Pa­ti­en­ten­rech­te zu we­nig ernst. Da­bei wer­den sol­che Rech­te im­mer wich­ti­ger. Ge­ra­de weil sich mit neu­en Ope­ra­ti­ons­ge­rä­ten ge­sto­chen schar­fe Bil­der ma­chen las­sen und Ein­grif­fe so­gar live in ei­nen Hör­saal über­tra­gen wer­den kön­nen. So­lan­ge die Adres­sa­ten sol­cher Bil­der und Vi­de­os mit dem Ein­griff im Zu­sam­men­hang ste­hen, ist nichts ge­gen ei­ne Ver­brei­tung ein­zu­wen­den. So­bald aber die­ser Kreis ge­öff­net wird, ent­ste­hen Pro­ble­me – zu­mal über die so­zia­len Me­di­en In­for­ma­tio­nen ra­send schnell ver­brei­tet wer­den kön­nen. Man stel­le sich vor, der Be­su­cher ei­ner Ope­ra­ti­on wür­de ein Sel­fie auf Face­book pos­ten – und im Hin­ter­grund lä­ge ein se­dier­ter Pa­ti­ent.

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