Ita­li­en er­wi­dert Pi­nots Lie­bes­be­kun­dun­gen

SonntagsZeitung - - SPORT - Emil Bi­schof­ber­ger

Der Fran­zo­se ge­winnt mit der Lom­bar­dei-rund­fahrt sein ers­tes Rad-mo­nu­ment, er nennt es den gröss­ten Sieg sei­ner Kar­rie­re

Thi­baut Pi­not trägt die­sem letz­ten gros­sen Ren­nen des Rad­sport­jah­res Rech­nung. Er ge­winnt die Lom­bar­dei-rund­fahrt nicht, in­dem er sich ir­gend­wie durch­wurs­telt. Son­dern in­dem er an den stei­len Hü­geln des fünf­ten Rad-mo­nu­ments im Ka­len­der stär­ker als die gan­ze Kon­kur­renz ist – und mu­ti­ger da­zu. Bei je­der Se­lek­ti­on rund um den Co­mer­see ist er im Zen­trum, und bei der letz­ten Ge­le­gen­heit hängt er auch noch Vor­jah­res­sie­ger Vin­cen­zo Ni­ba­li ab, im drit­ten Ver­such, nach­dem der Ita­lie­ner die ers­ten bei­den An­grif­fe Pi­nots hoch nach Ci­viglio mü­he­los neu­tra­li­siert hat.

Da­nach fährt Pi­not da­von, gut 13 Ki­lo­me­ter sind es noch bis zum Ziel in Co­mo. Doch Pi­not bleibt ein Pro­blem: Er ist be­kannt für sei­ne zö­ger­li­chen Ab­fahr­ten. Bei Ni­ba­li ist es ge­nau um­ge­kehrt. Doch der Fran­zo­se schüt­telt ab, was auch im­mer ihn sonst berg­ab zu­rück­hält. Zugleich hat er Ni­ba­li wohl so weit in den ro­ten Be­reich ge­trie­ben, dass die­ser nicht mehr zu­rück­kom­men kann.

Die fast per­fek­te Wo­che: Zwei Sie­ge und ein zwei­ter Platz

Pi­not fährt ei­nem So­lo­sieg ent­ge­gen, der­weil die Ver­fol­ger­grup­pe den ent­kräf­te­ten Ni­ba­li ein­holt, auf dem al­ler­letz­ten Hü­gel­chen des Ren­nens, dem Mon­te Olim­pi­no. Doch weil sich die Geg­ner nicht ei­nig sind, fährt ih­nen der zwei­fa­che Sie­ger der Lom­bar­dei-rund­fahrt wie­der da­von, si­chert sich Rang 2, im­mer­hin.

Pi­not ist da schon längst im Ziel, er be­schliesst die Sai­son mit ei­ner fast per­fek­ten Wo­che: Sieg bei Mai­land–tu­rin am Mitt­woch, da­zu Rang 2 bei den Tre Val­li Va­re­si­ne am Di­ens­tag. Und nun eben die Lom­bar­dei-rund­fahrt. «Das ist der schöns­te Sieg für mich. Die­ses Ren­nen zu ge­win­nen, da­von ha­be ich im­mer ge­träumt», sagt Pi­not im ita­lie­ni­schen Fern­se­hen – auf Fran­zö­sisch. Letz­te­res ist mehr als ei­ne Rand­no­tiz, denn Pi­not mag Ita­li­en, nein er liebt das Land und sei­nen Rad­sport. Mehr noch als den in der Hei­mat Frank­reich.

In die­ser Ok­to­ber­wo­che er­wi­dert Ita­li­en al­so Pi­nots Lie­bes­be­kun­dun­gen, nach­dem es ihn zu­vor igno­riert, ja ver­stos­sen hat. Im Mai fährt Pi­not den Gi­ro d’ita­lia. Klet­tert Tag für Tag mit den Bes­ten, rückt Rang um Rang im Ge­samt­klas­se­ment vor, auch wenn er ver­geb­lich um Etap­pen­sie­ge kämpft. Am Abend nach Chris Froo­mes Wahn­sinns­flucht ist er Ge­samt­drit­ter. Doch der Ef­fort ist zu viel für ihn, er bricht tags dar­auf kom­plett ein, kommt 45 Mi­nu­ten nach dem Etap­pen­sie­ger ins Ziel. Auf der Schluss­etap­pe in Rom fehlt er, ist vor­zei­tig heim­ge­reist, mit der Dia­gno­se Lun­gen­ent­zün­dung.

Drei gu­te Tour-jah­re, drei zum Ver­ges­sen

Aus dem ge­plan­ten Start an der Tour de Fran­ce im Ju­li wird so nichts. Die Epi­so­de ist nur ei­ne in ei­ner kom­pli­zier­ten Be­zie­hung zwi­schen Thi­baut Pi­not und sei­nem Heim­ren­nen. Er fei­ert an der Tour zwar früh, mit 22 und bei sei­ner ers­ten Teil­nah­me, ei­nen Etap­pen­sieg. Doch die da­mit auf­kom­men­den Er­war­tun­gen der Na­ti­on sind zu viel für ihn, den Na­tur­bur­schen, der sich als Hob­by ei­ni­ge Scha­fe und Zie­gen hält. Sechs­mal trat er bis­lang bei der Tour an, nur drei­mal be­en­de­te er sie. In den gu­ten Jah­ren lässt er Frank­reich träu­men, wird 2014 Ge­samt­drit­ter und siegt 2015 hin­auf nach Al­pe d’hu­ez. Doch in den an­de­ren Jah­ren passt nichts zu­sam­men, ver­krampft er sich kom­plett, gibt auf.

Auch da­her kommt sei­ne Lie­be zu Ita­li­ens Rad­sport. Weil ihm dort nicht die­se Er­war­tungs­hal­tung der Hei­mat ent­ge­gen­schlägt. Und weil dort nicht wie an der Tour auf Ab­war­ten, son­dern auf Teu­fel komm raus ge­fah­ren wird – wie es Pi­not ent­spricht.

Doch Ita­li­en wird trotz al­lem Pi­nots Wunsch- und nicht Stan­dard­des­ti­na­ti­on blei­ben. Sein Team Grou­pa­ma-fdj ist ein rein fran­zö­si­sches. So nett die Er­fol­ge für Pi­not und das Team sport­lich sein mö­gen: Die Spon­so­ren, sie wol­len die­se in der Hei­mat fei­ern.

Fo­to: Keysto­ne

«Der schöns­te Sieg»: Thi­baut Pi­nots Coup in Co­mo

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