Die Schweiz im All

Mit Spit­zen­tech­nik in neue Sphä­ren

SonntagsZeitung - - VORDERSEITE - Ernst Mei­er

Bei der ers­ten Mond­lan­dung am 21. Ju­li 1969 wa­ren die As­tro­nau­ten mit Arm­band­uh­ren von Ome­ga aus­ge­rüs­tet. Noch heu­te wirbt der Uh­ren­her­stel­ler aus Biel mit dem Slo­gan «Die ers­te Uhr auf dem Mond». Die Zeit­mes­ser wa­ren längst nicht die ein­zi­ge Schwei­zer Tech­no­lo­gie, die es auf den Erd­tra­ban­ten schaff­te. Zahl­rei­che hel­ve­ti­sche Er­fin­dun­gen und Pro­duk­te er­mög­lich­ten die Mond­mis­si­on – dar­un­ter Klett­ver­schlüs­se von Vel­cro, Aral­dit-kunst­har­ze der Bas­ler Ci­ba oder Ob­jek­ti­ve der Aarau­er Kern & Co.

Auch fünf­zig Jah­re nach dem his­to­ri­schen Er­eig­nis ist die Schweiz bei den gros­sen Welt­raum­pro­jek­ten da­bei. Hie­si­ge Wis­sen­schaft­ler und Un­ter­neh­men prä­gen mass­geb­lich die eu­ro­päi­sche Raum­fahrt, aber auch die staat­li­chen und pri­va­ten Welt­raum­pro­jek­te in den USA.

Der Tech­no­lo­gie­kon­zern Ruag ist mit sei­ner Di­vi­si­on Ruag Space zum gröss­ten eu­ro­päi­schen Raum­fahrt­zu­lie­fe­rer ge­wor­den. Ruag Space zählt der­zeit 1350 Mit­ar­bei­ter in sechs Län­dern. In der Schweiz ist der High­tech­kon­zern an den Stand­or­ten Em­men LU, Nyon VD und Zü­rich mit rund 500 An­ge­stell­ten tä­tig. Er ent­wi­ckelt und pro­du­ziert Bau­tei­le so­wie In­stru­men­te für Trä­ger­ra­ke­ten und Sa­tel­li­ten. Bei fast je­dem eu­ro­päi­schen Sa­tel­li­ten wird ein Pro­dukt von Ruag Space ein­ge­setzt.

Wenn am 20. Ok­to­ber vom eu­ro­päi­schen Welt­raum­bahn­hof Kou­rou in Fran­zö­sisch-gu­ya­na die Mer­kur­son­de Be­pi-co­lom­bo ins All ge­schos­sen wird, hat Ruag Space ei­nen be­deu­ten­den Teil da­zu bei­ge­tra­gen. Die Mis­si­on ist ein Ge­mein­schafts­pro­jekt der eu­ro­päi­schen und ja­pa­ni­schen Raum­fahrt­agen­tu­ren ESA und Ja­xa. Der Or­bi­ter Be­pi-co­lom­bo wird rund um den Mer­kur krei­sen, um des­sen Oberf lä­che und in­ne­re Zu­sam­men­set­zung zu un­ter­su­chen.

Ruag Space hat High­tech-kom­po­nen­ten für die Son­de so­wie für die Trä­ger­ra­ke­te Aria­ne 5 ent­wi­ckelt und her­ge­stellt. Sie schüt­zen die Son­de vor den ex­tre­men Tem­pe­ra­tu­ren im All. «Mer­kur ist der son­nen­nächs­te Pla­net, da­her muss ei­ne Son­de Hit­ze von über 450 Grad Cel­si­us aus­hal­ten», sagt Pe­ter Gug­gen­bach, Chef von Ruag Space. Im Be­reich der Iso­la­ti­on ge­gen ex­trem ho­he oder tie­fe Tem­pe­ra­tu­ren ist die Raum­fahrt-di­vi­si­on eu­ro­pa­weit Markt­füh­rer. Für den Mer­kur-or­bi­ter (MPO) hat sie in Zü­rich-see­bach die Struk­tur, be­ste­hend aus Alu­mi­ni­um, ent­wi­ckelt und ge­baut.

2500 Per­so­nen ar­bei­ten in der Schweiz für Raum­fahrt­fir­men

Ne­ben der Ruag gibt es in der Schweiz ei­ne wach­sen­de Zahl an Fir­men, die ne­ben ih­rem klas­si­schen Ge­schäft ver­mehrt auch die Raum­fahrt­in­dus­trie be­lie­fern. Ge­schätzt 2500 Per­so­nen ar­bei­ten hier­zu­lan­de di­rekt für ein Raum­fahrt­un­ter­neh­men oder ei­ne Zu­lie­fer­fir­ma. Bei vie­len Kon­zer­nen ge­hö­ren Luft- und Raum­fahrt zur sel­ben Di­vi­si­on. Der Zu­ger Be­fes­ti­gungs­tech­nikund Lo­gis­tik­kon­zern Bos­sard bei­spiels­wei­se er­hielt vor et­was mehr als zwei Jah­ren die of­fi­zi­el­le Luft­fahrt­zer­ti­fi­zie­rung für meh­re­re Län­der, dar­un­ter die Schweiz. Da­durch kann Bos­sard Fir­men wie Pi­la­tus oder Ruag be­lie­fern. Auch der Ka­bel­ver­ar­bei­ter Ko­max aus Die­ri­kon LU oder die Schaff­hau­ser In­dus­trie­grup­pe Ge­org Fi­scher be­lie­fern Ae­ro­s­pace­fir­men. Die Gros­sen der Bran­che wie Air­bus, Bo­eing oder Rolls­roy­ce ar­bei­ten so­wohl für die zi­vi­le Luft­fahrt als auch für Raum­fahrt­pro­gram­me. Schon seit mehr als 20 Jah­ren ein wich­ti­ger Part­ner der Us-raum­fahrt­be­hör­de Na­sa ist Ma­xon Mo­tor aus Sach­seln OW. Ih­re Kleinst­mo­to­ren wer­den in den Mars­fahr­zeu­gen ein­ge­setzt.

Laut Schät­zun­gen er­zie­len hie­si­ge In­dus­trie­fir­men mit Auf­trä­gen aus der Raum­fahrt ei­nen jähr­li­chen Um­satz von 370 Mil­lio­nen Fran­ken, und zwar nur aus ih­ren Schwei­zer Stand­or­ten her­aus. Ein Klacks im Ver­gleich mit den Ge­samt­ex­por­ten: Die Schwei­zer Ma­schi­nen-, Elek­tro- und Me­tall­in­dus­trie lie­fer­te 2017 Wa­ren im Wert von 67 Mil­li­ar­den Fran­ken ins Aus­land. Aber: «Trotz des ver­hält­nis­mäs­sig tie­fen Um­sat­zes hat die Raum­fahrt­bran­che ei­ne wich­ti­ge Be­deu­tung für die hie­si­ge In­dus­trie», sagt Raoul Kel­ler, Res­sort­lei­ter Raum­fahrt­tech­nik des In­dus­trie­ver­ban­des Swiss­mem. «Die Raum­fahrt­tech­nik ver­eint prak­tisch al­le stra­te­gi­schen Tech­no­lo­gi­en und ist ei­ne trei­ben­de Kraft für In­no­va­tio­nen. Da­mit zeich­net sich die Bran­che als zu­kunfts­ori­en­tier­ter, in­no­va­ti­ver und at­trak­ti­ver Ar­beit­ge­ber aus», sagt Kel­ler. Das in der Raum­fahrt­tech­nik er­wor­be­ne Wis­sen flies­se auch in die Ent­wick­lung von Pro­duk­ten und Ap­pli­ka­tio­nen an­de­rer Bran­chen, et­wa in die Halb­lei­ter­in­dus­trie, Me­di­zi­nal­tech­no­lo­gie oder in die Kom­mu­ni­ka­ti­on, Na­vi­ga­ti­on und Me­teo­ro­lo­gie. So kann die Ruag ihr Raum­fahrt-wis­sen im Tief­tem­pe­ra­tur­be­reich für an­de­re Kon­zern­spar­ten nut­zen.

Für Tech­no­lo­gie­fir­men er­öff­nen sich zahl­rei­che Sy­ner­gie­mög­lich­kei­ten zwi­schen den Space-ak­ti­vi­tä­ten und den ur­sprüng­li­chen In­dus­trie­tä­tig­kei­ten. So kön­nen teu­re In­fra­struk­tu­ren wie Rein­räu­me, Va­ku­um­kam­mern oder hoch­prä­zi­se Mess­in­stru­men­te ge­mein­sam ge­nutzt wer­den.

In­ves­ti­tio­nen flies­sen in Form von In­no­va­tio­nen zu­rück

Tech­no­lo­gi­en, die im Rah­men von Pro­gram­men der ESA ent­wi­ckelt wur­den, führ­ten in den letz­ten Jah­ren zu über 300 An­wen­dun­gen aus­ser­halb der Raum­fahrt. Das in ei­nen Kopf­hö­rer in­te­grier­te Puls­mess­ge­rät Pul­se­ar et­wa ent­stand dank Schwei­zer Raum­fahrt­tech­nik. Es wur­de vom Cent­re Suis­se d’elec­tro­ni­que et de Mi­cro­tech­ni­que (CSEM) in Neu­en­burg ent­wi­ckelt und ist pa­tent­ge­schützt. Das Schwei­zer For­schungs- und Ent­wick­lungs­zen­trum, des­sen Ver­wal­tungs­rats­prä­si­dent Ex-as­tro­naut Clau­de Ni­col­lier ist, hat Pul­se­ar nach Vor­ga­ben der ESA ent­wi­ckelt. Tech­no­lo­gi­en und An­wen­dun­gen des CSEM wer­den von der Luft­und Raum­fahrt bis hin zur Uh­ren­in­dus­trie, Si­cher­heits­bran­che, Un­ter­hal­tungs­elek­tro­nik und Cle­an­tech­in­dus­trie ge­nutzt.

Die Schweiz zahlt im Schnitt 150 Mil­lio­nen Fran­ken jähr­lich an die ESA. «Dies hat­te in den letz­ten zehn Jah­ren ei­nen enor­men In­no­va­ti­ons­schub in den For­schungs­und Ent­wick­lungs­ab­tei­lun­gen von über 80 Schwei­zer Un­ter­neh­men zur Fol­ge», sagt Raoul Kel­ler. Vie­le Di­enst­leis­tun­gen, die man heu­te im All­tag nutzt, sei­en so ent­stan­den – et­wa Live-me­teobe­rich­te oder -Ver­kehrs­über­wa­chun­gen dank Sa­tel­li­ten­bil­dern.

Fo­to: Keysto­ne

Hebt dank High­tech­kom­po­nen­ten aus der Schweiz ab: Trä­ger­ra­ke­te Aria­ne 5 (2016)

Ruag im All: Po­si­tio­nier­me­cha­nis­mus für So­lar­pa­neel (oben), Ther­moi­so­la­ti­on für Mer­kur­son­de Be­pi-co­lom­bo

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