Vom Weg ab­ge­kom­men

In Zü­rich le­ben rund 2500 ul­tra­or­tho­do­xe Ju­den. Wie es ist, aus die­ser Ge­mein­schaft aus­zu­bre­chen

SonntagsZeitung - - GESELLSCHAFT - Tina Hu­ber

Wer ver­ste­hen will, was es be­deu­tet, from­mer Ju­de zu sein, setzt sich in die Ma’adan Ba­ke­ry in Zü­rich. Le­vi, wie er hier heis­sen soll, hat­te ge­zö­gert. «Für dich ist das kein Pro­blem», hat­te er zu Sam ge­sagt, «für mich schon.» Zu vie­le Leu­te kennt er hier, in der ein­zi­gen jü­di­schen Bä­cke­rei der Stadt. Im­mer wie­der tre­ten Frau­en in knie­lan­gen Ju­pes und dun­kel ge­klei­de­te Män­ner mit Bart an die The­ke, ei­ni­ge ni­cken Sam und Le­vi zu, an­de­re igno­rie­ren sie. Man kennt sich. Sam und Le­vi stam­men aus der ul­ta­or­tho­do­xen jü­di­schen Ge­mein­schaft in Zü­rich; sie ist mit rund 2500 Mit­glie­dern die wich­tigs­te der Schweiz und ge­hört zur kon­ser­va­tivs­ten welt­weit. Vie­le Men­schen wis­sen über sie nicht mehr, als dass sie oft dunk­le Klei­dung tra­gen und sams­tags nicht Au­to fah­ren dür­fen. Um­ge­kehrt ha­ben vie­le streng­gläu­bi­ge Ju­den noch nie ei­ne Je­ans ge­tra­gen oder ein Ki­no von in­nen ge­se­hen.

Hier tref­fen zwei Le­bens­wel­ten auf­ein­an­der, wie sie un­ter­schied­li­cher nicht sein könn­ten. Sie lau­fen ne­ben­ein­an­der her, so wie die bei­den Fahr­spu­ren, die vor der Ma’adan Ba­ke­ry in Zü­rich-wie­di­kon zur Au­to­bahn hin­auf­füh­ren. Wie ist es, wenn man die Spur wech­seln will, vom ul­tra­or­tho­do­xen Ju­den­tum in ein sä­ku­la­res Le­ben? Sam hat be­reits ge­wech­selt, Le­vi sucht noch ei­ne Lü­cke zum Aus­sche­ren. Er, ein Fa­mi­li­en­va­ter in den Vier­zi­gern, lebt zwei Le­ben: Zu Hau­se trägt er Kip­pa, kaum aus dem Haus, tauscht er sie ge­gen ei­ne Däch­li­kap­pe aus. Sams­tags zieht er un­ter sei­ner Schab­bat-ho­se die Ba­de­ho­se an und mar­schiert zum Schwimm­bad, nie­mand darf se­hen, dass er am hei­li­gen Ru­he­tag schwim­men geht. Er möch­te nicht mehr fromm sein, doch der so­zia­le Druck hält ihn auf. Die or­tho­do­xe jü­di­sche Ge­mein­schaft ist ein eng­ma­schi­ges Netz, das in der Not auf­fängt – aber auch je­ne zu­rück­hält, die aus­bre­chen wol­len.

Wol­ken­bruch ist le­ben­di­ger, als man denkt

Der 36-jäh­ri­ge Sam, ge­nannt Shmu­lik, hat sich sei­ne Schlä­fen­lo­cken hin­ge­gen schon mit 12 ab­ge­schnit­ten, Kip­pa trägt er seit Jah­ren nicht mehr, da­für Tat­toos und Le­viˇs-shirt. Ei­ne ver­lo­re­ne See­le sei er, sagt Sam, und er meint das nicht be­dau­ernd. Er nimmt das Han­dy her­vor und zeigt ein Fo­to von Schau­spie­ler Jo­el Bas­man am Set von «Wol­ken­bruchs wun­der­li­che Rei­se in die Ar­me ei­ner Schick­se». Die Ver­fil­mung des Best­sel­lers von Tho­mas Mey­er kommt die­ser Ta­ge ins Ki­no, Sams Mit­be­woh­ner war be­ra­tend am Set. Die Ge­schich­te han­delt vom jun­gen Ju­den Mot­ti Wol­ken­bruch, der aus­bre­chen will und sich in sei­ne Mit­stu­den­tin Lau­ra – ei­ne Schick­se, ei­ne Nicht­jü­din – und ih­ren hüb­schen Hin­tern ver­liebt. Wol­ken­bruch ist le­ben­di­ger, als man denkt. Sam er­zählt, wie er als Teen­ager heim­lich ein Mäd­chen ins Ki­no aus­führ­te. Er zog ei­ne Kap­pe an, über­zeugt, ihn wür­de nie­mand er­ken­nen. Am nächs­ten Tag dreh­ten sich in der Sy­nago­ge al­le nach ihm um. «Bist du wahn­sin­nig? Ins Ki­no? Mit ei­ner Frau?»

Sam und Le­vi ver­las­sen die Bä­cke­rei und ge­hen in Rich­tung Sy­nago­ge. Sie müs­sen laut spre­chen, um ge­gen den Au­to­lärm an­zu­kom­men. Stän­dig grüs­sen sie ei­nen Vor­bei­ge­hen­den, win­ken ei­nem Au­to­fah­rer zu. Hier ist die Schwä­ge­rin von die­sem, da der Bru­der von je­nem. Un­er­kannt kann sich ein Ju­de in die­ser Ge­gend Zü­richs kei­nen Me­ter be­we­gen.

Die Mit­glie­der der ul­tra­or­tho­do­xen Ge­mein­schaft er­näh­ren sich strikt ko­scher, die Frau­en be­de­cken ih­re Haa­re, wäh­rend ih­rer Mens­trua­ti­on dür­fen sie von ih­ren Ehe­män­nern nicht be­rührt wer­den. Vie­le ha­ben kein In­ter­net oder nur ge­fil­ter­tes. Nicht jü­di­sche Mu­sik, Sport, Ki­no: al­les ta­bu. Wäh­rend in den letz­ten Jah­ren sich vie­le der ins­ge­samt 18 000 Schwei­zer Ju­den sä­ku­la­ri­siert ha­ben und ih­re Re­li­gi­on li­be­ra­ler aus­le­ben, schot­tet sich ein Teil der jü­di­schen Or­tho­do­xie als Re­ak­ti­on auf die ge­sell­schaft­li­che Öff­nung ab. Im ul­tra­or­tho­do­xen Wo­chen­blatt «Jü­di­sche Zei­tung» et­wa wer­den kei­ne Frau­en ab­ge­bil­det, ei­ne far­bi­ge Zei­tung gibt es nur an Fei­er­ta­gen.

Bei Sam zu Hau­se stand, un­üb­lich für from­me Fa­mi­li­en, ein Fern­se­her. Als Kind schau­te er Ac­tion­fil­me, durf­te aber in der Schu­le nicht dar­über spre­chen. «Da be­gan­nen mei­ne Zwei­fel», sagt Sam. «War­um hat man ei­nen Fern­se­her, wenn man nicht schau­en darf ? Wa-

Fo­to: Pe­tra Orosz/keysto­ne

Jü­di­schor­tho­do­xes Le­ben in Zü­rich: Es gibt248 Ge­bo­te und 365 Ver­bo­te

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