Vom Weg ab­ge­kom­men

SonntagsZeitung - - GESELLSCHAFT -

rum re­den wir nicht dar­über?» Grund­satz­fra­gen ha­ben im or­tho­do­xen Ju­den­tum kei­nen Platz, Wi­der­sprü­che wer­den hin­ge­nom­men. «Wer mit­denkt oder hin­ter­fragt, hat ein Pro­blem», sagt Sam.

Bei Le­vi wa­ren die Be­den­ken eher den his­to­ri­schen Darstel­lun­gen in der Bi­bel ge­schul­det. War­um dür­fen Frau­en am Rab­bi­nats­ge­richt tra­di­tio­nell kei­ne Zeu­gin­nen sein? Wie ist es mög­lich, dass Mil­lio­nen Jah­re al­te Fos­si­li­en ge­fun­den wer­den, wenn die Welt ge­mäss jü­di­scher Leh­re erst 6000 Jah­re alt ist? «Die re­li­giö­sen Ant­wor­ten wa­ren mir zu ein­fach, zu ab­so­lut», sagt Le­vi, «die wis­sen­schaft­li­chen über­zeug­ten mich mehr.» Nach ers­ten Zwei­feln Mit­te 20 be­sann sich Le­vi zu­rück auf sei­ne Re­li­gi­on, woll­te ei­ne Zeit lang so­gar Rab­bi wer­den. Er wur­de wie­der fromm, ver­dräng­te die Fra­gen. Erst Mit­te 30, mitt­ler­wei­le Fa­mi­li­en­va­ter, be­gann er wie­der zu ha­dern und die Re­geln zu rit­zen.

Er ging ans Meer und sah, wie frei an­de­re leb­ten

Er ass To­ma­ten­moz­za­rel­la­sand­wi­ches bei der Ar­beit, pro­bier­te Bur­ger von Mc­do­nald’s (ei­ne Ent­täu­schung), ging oh­ne Kip­pa ins Bü­ro. Heu­te fühlt er sich ge­fan­gen. Er wür­de ger­ne sä­ku­lar le­ben, doch sei­ne Frau sorgt sich, was die an­de­ren den­ken, die Be­zie­hung lei­det. Er fühlt sich so­zi­al iso­liert, hat kaum nicht jü­di­sche Freun­de. Spä­ter tref­fen wir Sa­lo­mon, wie wir ihn nen­nen, auch er aus ei­ner from­men Fa­mi­lie. Er ist 29 und hat sie­ben Jah­re lang die To­ra stu­diert, be­vor er merk­te, dass er mehr vom Le­ben will. Wie Sam und Le­vi be­such­te er im Aus­land ei­ne Tal­mud­hoch­schu­le, wo sich jun­ge Män­ner von mor­gens bis abends über bi­bli­sche Schrif­ten beu­gen. In Je­ru­sa­lem leb­te er in ei­ner Wohn­ge­mein­schaft. «Nur mit Män­nern», fügt er rasch an, sein Schwei­zer­deutsch ist vom Jid­di­schen ge­färbt. Er ging ans Meer, sah nei­disch, wie frei an­de­re leb­ten. Und die Kap­sel, in der er leb­te, brach auf. «Plötz­lich frag­te ich mich, wo­zu ich mich so ein­schrän­ken liess», sagt er.

Das or­tho­do­xe jü­di­sche Le­ben ist ein Le­ben nach Re­geln, 248 Ge­bo­te und 365 Ver­bo­te gibt es. «Man kann nichts aus­wärts es­sen, kei­ne Frau­en an­spre­chen, nichts», sagt Sa­lo­mon. Aus­ser­dem las­se man Men­schen zu we­nig den­ken. Die über­für­sorg­li­che jü­di­sche Ma­me sei mehr als ein Kli­schee. Al­le sei­ne vier Ge­schwis­ter wur­den von den El­tern ver­hei­ra­tet, Sa­lo­mon wehr­te sich als Ein­zi­ger ge­gen die Ver­kupp­lungs­tref­fen. Ein­mal muss­te er nach Lon­don flie­gen, um ein Mäd­chen zu tref­fen, ei­ne hal­be St­un­de liess man die bei­den al­lein, «du sitzt da mit Ku­chen und kannst nichts es­sen, weil du so ner­vös bist.» Als «de­mü­ti­gend» be­schreibt auch Le­vi die­se ar­ran­gier­ten Da­tes in ganz Eu­ro­pa. Mit 22 be­gann Sa­lo­mon, bis da­hin oh­ne Be­rufs­bil­dung, ein Fern­stu­di­um in der Schweiz. «Ich war wis­sens­durs­tig», sagt er. Nicht re­li­giö­se Bil­dung hat bei den cha­re­di­schen Ju­den, den Ul­tra­or­tho­do­xen, ge­rin­gen Stel­len­wert. Das be­rei­tet vie­le schlecht auf das Be­rufs­le­ben vor und macht sie von pri­va­ter oder staat­li­che Hil­fe ab­hän­gig.

Um­so schwie­ri­ger wird es für je­ne, die aus der Ge­mein­de aus­bre­chen und aus dem so­li­da­ri­schen Netz­werk fal­len, das sich über das ge­sam­te jü­di­sche Le­ben spannt: Hat ei­ne kin­der­rei­che Fa­mi­lie zu we­nig Geld für ei­ne Hoch­zeit, hilft die Ge­mein­de aus. Sucht je­mand ei­nen Job, spie­len die Be­zie­hun­gen in­ner­halb der Ge­mein­de. Kommt der Nach­wuchs ins hei­rats­fä­hi­ge Al­ter, hört sich der Hei­rats­ ver­mitt­ler um. Sich von der Ge­mein­de zu lö­sen be­deu­tet, sich in ei­ne frem­de Welt zu ka­ta­pul­tie­ren – und für ei­ni­ge, mit der Fa­mi­lie zu bre­chen.

Jü­disch sein be­deu­tet mehr, als nur zu glau­ben

In Is­ra­el, den USA und in Gross­bri­tan­ni­en gibt es des­halb Or­ga­ni­sa­tio­nen, die Aus­stei­gern hel­fen, sich in der sä­ku­la­ren Welt zu­recht­zu­fin­den, die sie aus der so­zia­len Iso­la­ti­on ho­len und bei der Job­su­che un­ter­stüt­zen. Le­vi möch­te ein ähn­li­ches Netz­werk in der Schweiz auf­bau­en. Er ken­ne, sagt er, rund ein Dut­zend Ju­den, die den re­li­giö­sen Weg ver­las­sen möch­ten. Er er­ken­ne sie dar­an, dass sie an Schab­bat auf Face­book sind. Spät zum Ge­bet er­schei­nen. Die Mei­nung des Rab­bis nicht mehr be­din­gungs­los über­neh­men.

Wie vie­le es sind, ist kaum ab­zu­schät­zen. Der Schwei­ze­ri­sche Is­rae­li­ti­sche Ge­mein­de­bund, die Da­ch­or­ga­ni­sa­ti­on der Schwei­zer Ju­den, bleibt auf An­fra­ge va­ge. Ge­schäfts­lei­tungs­mit­glied Ari­el Wy­ler schreibt, in sei­nem Be­kann­ten­kreis be­tref­fe das «we­ni­ger als zehn Per­so­nen». Zur Fra­ge, ob ul­tra­or­tho­do­xe Ju­den heu­te ih­re Re­li­gi­on stren­ger aus­le­ben, schreibt er, das sei «sehr in­di­vi­du­ell. Wo­mög­lich gibt es aber heu­te die Ten­denz hin zu ei­ner stren­ge­ren Aus­le­gung.»

Sam ist seit meh­re­ren Jah­ren of­fi­zi­ell «Off the de­rech», al­so raus aus der or­tho­do­xen Ge­mein­schaft (de­rech ist he­brä­isch für Weg). Sei­ne Fa­mi­lie ver­steckt ih­re Ent­täu­schung nicht. Doch sie hält zu ihm, Sam sieht sie re­gel­mäs­sig. Er zeigt ein Fa­mi­li­en­fo­to: Sei­ne Brü­der tra­gen An­zug und Kip­pa, sei­ne Schwes­tern Pe­rü­cke, sein Va­ter Schlä­fen­lo­cken. Bei ih­nen ist je­de re­li­giö­se Schat­tie­rung ver­tre­ten.

So weit wie Sam wol­len Le­vi und Sa­lo­mon nicht ge­hen. Denn jü­disch zu sein be­deu­tet mehr, als nur zu glau­ben. Jü­disch zu sein, das be­deu­tet auch das fest­li­che Ta­feln mit der Fa­mi­lie, das Sin­gen, das An­zün­den der Ker­zen vor Schab­bat. Dar­auf möch­ten sie nicht ver­zich­ten. Le­vi hofft, dass er sich ou­ten kann, oh­ne dass sei­ne Fa­mi­lie zer­bricht. Sa­lo­mon sagt: «Ich will nicht nur schwarz­weiss.» Er will an Schab­bat be­ten, aber auch Sport trei­ben kön­nen. Ko­scher es­sen, aber auch mal ins Re­stau­rant ge­hen. Jetzt muss er das nur noch sei­nen El­tern bei­brin­gen.

Fo­to: Mi­che­le Li­mi­na

Tat­toos sind im Ju­den­tum ein Ta­bu: Sam bin­det sich die tra­di­tio­nel­len Ge­bets­rie­men, die Te­fil­lin, um

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