Ge­liebt, ge­kocht und aus­ge­stellt

Vom Still­le­ben bis zur Pop Art: Auch in der Kunst ist der Kür­bis om­ni­prä­sent

SonntagsZeitung - - KULINARIK - Ste­fa­nie Christ

Der deut­sche Ma­ler Max Lie­ber­mann (1847–1935) zog ei­ne «gut ge­mal­te Rü­be ei­ner schlecht ge­mal­ten Ma­don­na vor». Seit der ers­ten Blü­te­zeit im 17. Jahr­hun­dert hat sich prak­tisch je­de Künst­ler­ge­ne­ra­ti­on mit dem Still­le­ben aus­ein­an­der­ge­setzt – auch wenn das Gen­re nicht im­mer gleich viel Wert­schät­zung er­fuhr. Auf Still­le­ben sind leb­lo­se, eben «stil­le» Ge­gen­stän­de nach kom­po­si­tio­nel­len Über­le­gun­gen ar­ran­giert: Blu­men, Ka­da­ver, Ge­schirr, Bü­cher oder Obst und Ge­mü­se. Ein wie­der­keh­ren­des Ele­ment ist auch das Herbst­ge­wächs Num­mer eins: der Kür­bis.

Seit über 8000 Jah­ren steht das Frucht­ge­mü­se aus Mit­tel- und Süd­ame­ri­ka auf dem Spei­se­plan des Men­schen, seit dem 16. Jahr­hun­dert auch in un­se­ren Brei­ten­gra­den. Mitt­ler­wei­le exis­tie­ren rund 800 Ar­ten – vie­le da­von wur­den in Öl ver­ewigt. Zum Bei­spiel ei­ne Me­lon­net­te Jas­pée de Ven­dée, ei­ne fran­zö­si­sche Sor­te, die auf­ge­schnit­ten auf Pau­la Mo­der­sohn-be­ckers (1876–1907) «Still­le­ben mit Kür­bis und Ing­wertopf» dar­ge­stellt ist. Der gro­be Pin­sel­strich und die for­ma­le Re­duk­ti­on des Ge­mü­ses ste­hen in der Tra­di­ti­on des Ex­pres­sio­nis­mus.

Zwi­schen Ex­pres­sio­nis­mus und Neu­er Sach­lich­keit mä­an­drier­te der deut­sche Ma­ler Wil­li Olt­manns (1905–1979). Die schrof­fen, kan­ti­gen Ker­ne auf sei­nem «Still­le­ben mit Kür­bis» wir­ken wie Zäh­ne, der Kür­bisschnitz wie ein auf­ge­ris­se­nes Maul, das be­reit ist zu­zu­beis­sen. Ein Bild, das an die Kür­bis­la­ter­ne Jack O’lan­tern er­in­nert, die als Hal­lo­ween-de­ko­ra­ti­on in Gär­ten oder auf Ti­schen und Fens­ter­sim­sen auf­ge­stellt wird. Die­ser Brauch, der auch hier­zu­lan­de, aber vor al­lem im an­gel­säch­si­schen Raum ze­le­briert wird, geht zu­rück auf die Kel­ten, die Kür­bis­se für die Nacht vom 31. Ok­to­ber auf den 1. No­vem­ber aus­höhl­ten und zu dä­mo­ni­schen Frat­zen schnitz­ten, um da­mit her­um­spu­ken­de Geis­ter ab­zu­schre­cken.

Nicht nur zur Geis­ter­ab­wehr: Die Funk­ti­on des Kür­bis­ses in der Kul­tur­ge­schich­te ist viel­fäl­tig, eben­so sei­ne Sym­bo­lik. In Asi­en wur­den ge­trock­ne­te Kür­bis­se zum Auf­be­wah­ren von Arz­nei­mit­teln ver­wen­det, im christ­li­chen Raum dien­ten ent­spre­chen­de Ge­fäs­se den Pil­gern zum Mit­füh­ren ih­res Pro­vi­ants – wes­halb das Kür­bis­ge­fäss At­tri­but der Pil­ger und ih­res Schutz­pa­trons Ra­pha­el ist und auf ent­spre­chen­den kunst­his­to­ri­schen Darstel­lun­gen vor­kommt. Im al­ten Rom stand der hoh­le Kür­bis für Dumm­heit, und na­tür­lich gibt es auch ei­ne se­xu­el­le Deu­tung: Da Kür­bis­se im Qu­er­schnitt je nach Per­spek­ti­ve an ei­ne Ge­bär­mut­ter er­in­nern, deu­ten sie man­che als Sym­bol für Frucht­bar­keit.

Der Lieb­ling von Künst­lern

Ob dies dem flä­mi­schen Künst­ler Jan An­ton van der Ba­ren (ca. 1615–1687) be­kannt war? Er ver­trau­te je­den­falls nicht nur auf die Kraft von ein, zwei Stück, nein, auf sei­nem «Still­le­ben mit Kür­bis­sen» kom­men rund 30 Ge­wäch­se vor. Über ein Dut­zend ver­schie­de­ne Sor­ten sind ab­ge­bil­det, an­hand de­ren der Künst­ler sein Kön­nen im Wie­der­ge­ben von Ober­flä­chen de­mons­triert: hier ist die po­rö­se Scha­le der Ro­ten War­ze, dort der glän­zend-glat­te Pa­tis­son. Die­se Ar­ten­viel­falt auf 102 x 145 Zen­ti­me­tern dürf­te sich ger­ne auf den Me­nü­kar­ten wi­der­spie­geln, auf de­nen die­ser Ta­ge vor al­lem Kür­bis­sup­pe und -ri­sot­to do­mi­nie­ren.

In der zeit­ge­nös­si­schen Ma­le­rei hat das Still­le­ben et­was an Be­deu­tung ver­lo­ren, doch die Ka­ro­tin-, Vit­amin- und Fol­säu­re-lie­fe­ran­ten fin­den sich nach wie vor in den Aus­stel­lungs­räu­men. Der wohl be­rühm­tes­te Kür­bis der Ge­gen­warts­kunst stammt von der Ja­pa­ne­rin Yayoi Ku­sa­ma. Sie hat ei­ne über­le­bens­gros­se, pop-ar­ti­ge Skulp­tur ge­schaf­fen, die mit schwar­zen Punk­ten auf knall­gel­ber Scha­le et­wa so ver­dau­bar wirkt wie ein Flie­gen­pilz. Ku­sa­ma hat ihr Lieb­lings­nah­rungs­mit­tel in ver­schie­dens­ten Aus­füh­run­gen ge­stal­tet, mal aus Glas, mal aus Me­tall. 1993 hat die heu­te 89-jäh­ri­ge Künst­le­rin die Be­su­cher der Bi­en­na­le Ve­ne­dig gar mit klei­nen Ge­schenk­kür­bis­sen ver­ab­schie­det. Wie Ku­sa­ma in In­ter­views be­tont, mag sie die «fast schon mensch­li­che Form des Kür­bis­ses», der ihr an ak­tu­el­len Kunst­mes­sen bis zu ei­ner Mil­li­on Fran­ken pro Ex­em­plar ein­bringt.

Das sind Markt­prei­se, von de­nen Land­wir­te bloss träu­men kön­nen.

Fo­to: Get­ty Images

Wohl eher nicht zum Es­sen:Ei­ne In­stal­la­ti­on von Yayoi Ku­sa­ma im Mia­mi Beach Con­ven­ti­on Cen­ter

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