Hin­ter Git­tern

Das Tref­fen mit der «Park­haus­mör­de­rin»

SonntagsZeitung - - VORDERSEITE - Chris Win­te­ler (Text) und Jo­seph Khak­s­hou­ri (Fo­tos)

Das ist sie al­so, die «Park­haus­mör­de­rin», das «Mons­ter», das 1991 im Zürcher Park­haus Ura­nia ei­ne jun­ge Frau tö­te­te und 1997 beim Zürcher Chi­na­g­ar­ten ei­ne äl­te­re Frau er­mor­de­te. Wir sit­zen uns im schlich­ten Be­su­cher­zim­mer der ber­ni­schen Frau­en­straf­an­stalt Hin­del­bank ge­gen­über. Wir sind al­lei­ne. «Die ge­fähr­lichs­te Frau der Schweiz» trägt kei­ne Hand­schel­len, da ist kei­ne Schei­be, die uns trennt, kein Ge­fäng­nis­mit­ar­bei­ter, der für Si­cher­heit sorgt. Oben in der Ecke läuft ei­ne Ka­me­ra: nicht aus Miss­trau­en ge­gen­über Ca­ro­li­ne H., son­dern zu mei­ner Be­ru­hi­gung.

«Ja was ha­ben Sie denn er­war­tet?», ant­wor­tet Ca­ro­li­ne H. leicht ge­nervt auf mei­ne Be­mer­kung, dass sie kei­ne Hand­schel­len mehr tra­ge. Aber selbst­ver­ständ­lich ist das nicht: Noch vor drei Jah­ren muss­te Ca­ro­li­ne H. üben, sich auf dem An­stalts­are­al oh­ne Fes­seln zu be­we­gen; oh­ne die­se, hat­te sie frü­her ein­mal er­klärt, füh­le sie sich «un­si­cher, un­ge­schützt und ir­gend­wie nackt». Jetzt sagt sie be­schwich­ti­gend: «Ich hof­fe, Sie ha­ben kei­ne Angst oder so.»

Wir sind bei­de ner­vös. Wie muss sie sich wohl füh­len? Sie sei sehr vor­sich­tig, sagt Ca­ro­li­ne H. denn auch, ihr Ver­hält­nis zu Jour­na­lis­ten sei «am­bi­va­lent». Sie wol­le auf kei­nen Fall für Schlag­zei­len her­hal­ten. In ei­nem Brief hat­te sie mir ge­schrie­ben: «Ich wer­de mit Ih­nen re­den, vor­aus­ge­setzt, Sie in­ter­es­sie­ren sich für mich als Mensch und nicht als Sto­ry.» Ich in­ter­es­sie­re mich für den Men­schen – für je­nen Men­schen al­ler­dings, der we­gen be­stimm­ter Ta­ten hier im Ge­fäng­nis sitzt. Über die­se Ta­ten, das die Be­din­gung, soll nicht ge­spro­chen wer­den.

In der Iso­la­ti­ons­haft hat sie sich die Ar­me ge­ritzt

Zwei Stun­den hat uns die Ge­fäng­nis­lei­tung für die­ses Ge­spräch ein­ge­räumt, zwei Stun­den, um uns et­was an­zu­nä­hern. Was sie sich von die­sem Tref­fen er­hofft? «Kei Ah­nig», ant­wor­tet Ca­ro­li­ne H. zu­nächst et­was bo­ckig, schiebt dann aber nach: «Na­tür­lich will ich, dass man mich von ei­ner an­de­ren Sei­te sieht!» Aber das schei­ne den Leu­ten of­fen­bar sehr schwer­zu­fal­len. Sie wen­det sich ab, ih­re Au­gen fol­gen ei­ner Flie­ge im Raum. Männ­lich ist ih­re Er­schei­nung, männ­lich sind ih­re Be­we­gun­gen, ein kräf­ti­ger Na­cken, star­ke Ar­me. Das Haar sehr kurz. Sie trägt ei­ne oliv­far­be­ne Ho­se mit vie­len prak­ti­schen Ta­schen, ein T-shirt in Sch­lamm­far­be, «Ja­gu­ar» steht über der Brust ge­schrie­ben.

Der Blick bleibt an ih­ren Un­ter­ar­men haf­ten, die­se sind mit Nar­ben über­sät, lang ver­heil­te weis­se Strei­fen, kreuz und quer. Die Schnit­te ha­be sie sich wäh­rend der Iso­la­ti­ons­haft zu­ge­fügt. «Man kommt auf ko­mi­sche Ge­dan­ken, wenn man so lan­ge al­lei­ne ist.» Ca­ro­li­ne H. war sehr, sehr lan­ge al­lein. Seit über 20 Jah­ren lebt die heu­te 45-Jäh­ri­ge hin­ter Git­tern, zehn Jah­re da­von in strengs­ter Ein­zel­haft. Ein Jahr­zehnt war sie 22 Stun­den am Tag iso­liert. Spa­zie­ren konn­te sie nur al­lein in ei­nem klei­nen, mit St­a­chel­draht ge­si­cher­ten Aus­sen­hof. Auf dem gros­sen Rund­gang in­ner­halb der Ge­fäng­nis­mau­ern, drei­mal pro Jahr, wur­de sie von fünf Si­cher­heits­leu­ten über­wacht. Aus­ser­halb der Zel­le be­weg­te sie sich nie oh­ne Fes­seln. Ge­sprä­che mit dem Seel­sor­ger, dem Psych­ia­ter oder The­ra­peu­tin­nen wur­den bis vor drei Jah­ren durch Git­ter­stä­be ge­führt.

Die Art der Un­ter­brin­gung, be­son­ders die Iso­la­ti­ons­haft, kön­ne als «men­schen­un­wür­di­ge Be­hand­lung be­zeich­net wer­den», die ei­ner po­si­ti­ven Ent­wick­lung der In­sas­sin ab­so­lut ent­ge­gen­ste­he, kri­ti­sier­te die Na­tio­na­le Kom­mis­si­on zur Ver­hü­tung von Fol­ter im Jahr 2010. Ihr An­walt sag­te da­mals, Ca­ro­li­ne H. sei «wie le­ben­dig be­gra­ben». Viel ist seit­her pas­siert. Schritt für Schritt konn­ten die Haft­be­din­gun­gen ge­lo­ckert wer­den. In den letz­ten Jah­ren, da sind sich Psych­ia­ter und Ge­fäng­nis­lei­tung ei­nig, ha­be Ca­ro­li­ne H. «ge­wal­ti­ge Fort­schrit­te» ge­macht. Ei­ne Ent­wick­lung, die selbst Fach­leu­te er­staunt. Er hät­te vor ei­ni­gen Jah­ren «nicht un­be­dingt er­war­tet, dass es mög­lich sein wür­de, was nun er­reicht wer­den konn­te», gab der psych­ia­tri­sche Gut­ach­ter im Herbst 2017 zu Pro­to­koll.

Seit ei­nem Jahr lebt Ca­ro­li­ne H. zu­sam­men mit sie­ben an­de­ren In­sas­sin­nen in ei­ner In­te­gra­ti­ons­grup­pe. Vie­le Jah­re wur­de ihr das Es­sen durch das Git­ter ge­reicht. Die ers­te Mahl­zeit in Ge­sell­schaft war das Weih­nachts­es­sen vor fünf Jah­ren. Heu­te sitzt sie in der Wohn­grup­pe am Tisch, sonn­tags ko­chen oder ba­cken die Frau­en ge­mein­sam. Ih­re Zel­le steht tags­über of­fen, sie sei froh, dass sie sich zu­rück­zie­hen kön­ne, sagt Ca­ro­li­ne H., es wer­de ihr rasch zu viel, «Reiz­überf lu­tung und so». Sie war im­mer schon ei­ne Ein­zel­gän­ge­rin. Das ha­be auch mit ih­rem Asper­ger-syn­drom zu tun. Ih­re Zel­le, 16 Qua­drat­me­ter, in­klu­si­ve Du­sche und WC, wird sie spä­ter zei­gen. Die Leu­te sol­len er­fah­ren, «dass ich kei­ne Ge­stör­te bin, die in ei­nem Loch wohnt». Die Zel­le lie­ge zu­hin­terst, wo nie­mand re­kla­mie­re, wenn sie ih­re Me­tal-mu­sik ein­mal auf­dre­he.

Ca­ro­li­ne H. legt gröss­ten Wert auf Ord­nung und Sau­ber­keit, die T-shirts sind pe­ni­bel ge­fal­tet, per­fekt ge­sta­pelt. Ein Pos­ter von An­dy Hug, ih­rem Kampf­sport-idol, ein Ali­en-bild von Künst­ler H.R. Gi­ger. Fan­ta­sy sei ih­re Welt. Auf dem Bett sitzt ein schwar­zes Plüsch­tier mit Fle­der­m­aus­flü­geln, «mein Ku­schel­mons­ter». Über­all Fo­tos von Kat­zen: Zeus, das ro­te Ti­ger­li, das nach über 17 ge­mein­sa­men Jah­ren ver­starb. Ihn zu ver­lie­ren, sei «der Hor­ror» ge­we­sen – sei­ne Asche wird in ei­ner klei­nen Ur­ne auf be­wahrt. Seit ein paar Mo­na­ten teilt Ce­na­ri­us die Zel­le mit ihr. Ein Abes­si­ni­er-ka­ter mit kur­zem Fell: ide­al, denn Kat­zen­haa­re in der Zel­le mag sie nicht. Ce­na­ri­us sei sehr, sehr an­häng­lich, und sie, die sonst je­de Nä­he ab­lehnt, scheint sein ver­schmus­tes We­sen zu lie­ben. Ger­ne wür­de sie mit ih­rem «Ka­ter­li» aufs Fo­to, schön wie er ist, aber Ce­na­ri­us schlei­che ir­gend­wo auf dem Are­al um­her. Sie macht sich manch­mal Sor­gen, wenn sie nicht weiss, wo er ist.

Sie will nicht bas­teln, son­dern mit dem Kör­per ar­bei­ten

Ca­ro­li­ne H. fasst sich ins Kreuz und stöhnt: Von die­sem «blö­den Ge­bas­tel», dem ewi­gen Sit­zen, be­kom­me sie Rü­cken­weh. Sie kommt ge­ra­de von der Ar­beit, im Ate­lier wird zur­zeit für den tra­di­tio­nel­len Schloss­mä­rit (30.11./1.12.) pro­du­ziert: bun­te Hun­de­lei­nen, Ba­by­ras­seln in Form von Flie­gen­pil­zen, Sport­beu­tel in al­len Far­ben und Dess­ins, dar­un­ter die «Knast­tü­te» mit Git­ter­mus­ter. Sie has­se es, krea­tiv sein zu müs­sen. «Da isch d Sa­ra»; un­ver­mit­telt springt mein Ge­gen­über vom Stuhl hoch, klopft ans Fens­ter, «uhu!». Sie wol­le mit dem Kör­per ar­bei­ten, sagt Ca­ro­li­ne H., «leis­tungs­ori­en­tiert», am liebs­ten in der Gärt­ne­rei wie Kol­le­gin Sa­ra, die draus­sen an der Herbst­son­ne das Laub zu­sam­men­recht.

Sie spricht er­staun­lich ge­wandt. Sie sei kom­mu­ni­ka­ti­ver ge­wor­den, sagt sie selbst, sie kön­ne heu­te bes­ser mit Men­schen um­ge­hen. In den The­ra­pie­stun­den ha­be sie «So­zi­al­ver­hal­ten und Mich-ein­brin­gen» ler­nen müs­sen. Ein Pro­zess, der sie nach zehn Jah­ren Ein­zel­haft viel Ener­gie ge­kos­tet ha­be. Es ha­be sich ge­lohnt: Sie ha­be auf der Ab­tei­lung ein, zwei Kol­le­gin­nen ge­fun­den – «den an­de­ren ge­he ich aus dem Weg». Aus­ge­rech­net Ca­ro­li­ne H., die als «Frau­en­has­se­rin» be­zeich­net wur­de, die da­mals vor Ge­richt sag­te, es sei für sie ein­fach lo­gisch ge­we­sen, dass ih­re Op­fer weib­lich wa­ren, denn «Frau­en ängs­ti­gen sich mehr». Aus­ge­rech­net die «Frau­en­mör­de­rin» lebt seit zwei Jahr­zehn­ten nur un­ter Frau­en – über 100 In­sas­sin­nen, zu drei Vier­teln weib­li­ches Per­so­nal.

Auf ihr Ver­hält­nis zu Frau­en an­ge­spro­chen, sagt Ca­ro­li­ne H. heu­te: «Frau­en sind manch­mal ein­fach furcht­bar zi­ckig und ner­vig.» Selbst im Ge­fäng­nis wür­den sie sich «auf­ta­keln, schmin­ken, künst­li­che Nä­gel­chen – aber so sind Frau­en halt». Die Mit­ge­fan­ge­nen wür­den ih­re Klei­der über den Bon­prix-ka­ta­log be­stel­len, «Blüem­li, Streif­li, Pünkt­li – da be­kom­me ich Schü­be», sagt sie und lä­chelt zu­rück. Ihr Lieb­lings­ver­sand ist EMP, der Shirts mit «Ga­me of Thro­nes» oder von Me­tal-bands im An­ge­bot hat.

Ca­ro­li­ne H. steht da­zu, hät­te sie die Wahl, sie wür­de lie­ber in ei­ner Um­ge­bung mit mehr Män­nern sein. Auch des­halb «plan­ge» sie auf die sechs­wö­chi­ge Aus­zeit, auf den jähr­li­chen Ta­pe­ten­wech­sel in ei­nem Re­gio­nal­ge­fäng­nis. Vor al­lem we­gen des Per­so­nals: kei­ne Be­treu­er, son­dern Auf­se­her – we­ni­ger re­den, mehr ma­chen. Ca­ro­li­ne H. ist ab­ge­lenkt, die Flie­ge stört, sie mö­ge kei­ne Flie­gen, sagt sie, hier auf dem Land ha­be es sehr vie­le Flie­gen. Zack, ein Schlag – da­ne­ben. «Frü­her hiess es, Sie sei­en höchst ag­gres­siv.» – «Wür­k­li?», ant­wor­tet die «Park­haus­mör­de­rin», und es tönt nicht ge­spielt. Man wer­de «ja auch äl­ter, es ist doch nor­mal, dass man ru­hi­ger wird». Die­se Ge­walt­fan­ta­si­en, hat sie die noch im­mer? Sie ha­be ein «Fai­b­le» für ge­walt­tä­ti­ge Din­ge, al­ler­dings nur in Fil­men oder Bü­chern. Sie ist die wohl fleis­sigs­te Le­se­rin in der Straf­an­stalt, mo­men­tan le­se sie «The Wal­king De­ad». Vie­le Frau­en in Hin­del­bank wür­den gar nicht le­sen, «oder dann «Fif­ty Sha­des of Grey». Als Kind konn­te sie frü­her als die Schul-gspän­li le­sen – dar­auf an­ge­spro­chen wird sie gern.

In der rea­len Welt je­doch sei Ge­walt kein The­ma mehr. Heu­te ha­be sie sich un­ter Kon­trol­le, sie ge­he Pro­vo­ka­tio­nen aus dem Weg und

«Die Leu­te sol­len er­fah­ren, dass ich kei­ne Ge­stör­te bin, die in ei­nem Loch wohnt»

kön­ne sich ver­bal weh­ren. Sie ha­be es nicht mehr nö­tig, je­man­den an­zu­grei­fen, rum­zu­schrei­en, Din­ge ka­putt zu ma­chen – «es lohnt sich nicht, von den Kon­se­quen­zen her».

Ih­re Stim­mung kann in­nert Se­kun­den keh­ren. Ca­ro­li­ne H. dreht sich ab, wenn ei­ne Fra­ge nervt, «kei Ah­nig» oder «im­mer die­ses Kli­schee», sagt sie dann. Sie ver­stellt sich nicht, ist di­rekt und er­staun­lich of­fen – zum Bei­spiel, wenn sie von ih­rer ers­ten und letz­ten Lie­bes­be­zie­hung er­zählt: «Der Typ war ei­ne Art Na­zi, er hat mich im­mer mehr ge­stresst. Ich mag kei­ne Ex­tre­mis­ten.» Nach drei Jah­ren ha­be sie sich von die­sem «Vol­l­idio­ten» ge­trennt. Der Ex mach­te Jah­re spä­ter als «Rüt­li-bom­ber» Schlag­zei­len, er soll an der 1.-Au­gust-fei­er 2007 ei­nen Spreng­satz zum Ex­plo­die­ren ge­bracht ha­ben. «Der hat­te ei­nen Knall», sagt Ca­ro­li­ne H. heu­te.

Nein, ei­ne Be­zie­hung brau­che sie nicht, Kör­per­kon­takt sei ihr zu­wi­der, Sex müs­se auch nicht sein. Aber ei­nem gut aus­se­hen­den Mann schaue sie schon ger­ne hin­ter­her, sagt sie und ki­chert – erst recht, wenn er Uni­form trägt.

Vier­mal im Mo­nat darf Ca­ro­li­ne H. zwei Stun­den lang Be­such emp­fan­gen. Sie nutzt das Kon­tin­gent nicht aus. Die El­tern be­su­chen sie re­gel­mäs­sig. Das Ver­hält­nis zu Va­ter und Mut­ter sei recht gut, «al­les im nor­ma­len Rah­men». Sie le­ben noch im­mer in ei­nem Dorf in der In­ner­schweiz, wo Ca­ro­li­ne H. als Ein­zel­kind auf­ge­wach­sen ist. Den me­lo­diö­sen Dia­lekt hat sie sich al­ler­dings ab­ge­wöhnt, die Leu­te hät­ten sich dar­über lus­tig ge­macht, des­halb spricht sie nun Zü­ri­tüütsch. Die meis­ten in Hin­del­bank wür­den ja Bern­deutsch re­den, «Znacht rei­che», «de Schaft uf­ma­che» – sie lacht.

Ei­ne Idyl­le – wenn da nur die Git­ter nicht wä­ren

Lie­ber als nur Aus­kunft zu ge­ben, möch­te Ca­ro­li­ne H. er­fah­ren, was draus­sen läuft. Wie sich Zü­rich in all den Jah­ren ver­än­dert hat. «Ich glau­be, die ha­ben ein Ge­walt- und Al­ko­hol­pro­blem im Nie­der­dorf.» Die­se sinn­lo­se Sau­fe­rei kön­ne sie nicht ver­ste­hen. Sie wür­de auch nie an die Street Pa­ra­de. «Was es jetzt wohl für neue Lä­den hat?» Von Star­bucks ha­be sie ge­hört. «Und die S-bahn, ist die im­mer noch mit Pend­lern ver­stopft?» Sie ha­be die Fah­re­rei in der S-bahn gar nicht ge­mocht, «die vie­len Leu­te, das Gs­tunk».

Ca­ro­li­ne H. ist gwund­rig, aber auch in­for­miert: Die El­tern ha­ben ihr ein «Blick»-abo ge­schenkt, «schlim­me Zei­tung». Sel­ber hat sie das deut­sche Ma­ga­zin «Stern» abon­niert. Die po­li­ti­sche Stim­mung in Deutsch­land ma­che ihr Angst. Die Spra­che ha­be sich ver­än­dert, die To­le­ranz sei ge­sun­ken. Selbst­ver­ständ­lich ver­fol­ge sie auch die Schwei­zer Po­li­tik. Wie gern wür­de sie ab­stim­men! «Aber ich darf ja nicht, als Ös­ter­rei­che­rin.» Sie hof­fe ein­fach, die Leu­te sei­en nicht so dumm und un­ter­stütz­ten die Selbst­be­stim­mungs­in­itia­ti­ve der SVP: «Sie sind nicht SVP, oder?»

«Oh, es ist zwölf, ich muss es­sen ge­hen», sagt sie mit­ten im Ge­spräch und steht auf. Sie kennt das Me­nü – «händ Sie gärn Fisch­stäb­li?». Wäh­rend Ca­ro­li­ne H. in die Wohn­grup­pe be­glei­tet wird, führt Ge­fäng­nis­di­rek­to­rin An­net­te Kel­ler durch die ge­pfleg­te Straf­an­stalt. Vor­bei am Schloss, wo die Bü­ros der Ver­wal­tung sind, vor­bei am Ge­he­ge der glück­li­chen Hüh­ner, dem ak­ku­ra­ten Ge­würz­gar­ten, den Ge­bäu­den der Wohn­grup­pen. Rund­um Wie­sen mit wei­den­den Kü­hen, ei­ne Idyl­le – wenn da nur die Git­ter nicht wä­ren.

Viel zu schön für Kri­mi­nel­le, wür­de der Stamm­tisch wohl pol­tern. Die Di­rek­to­rin kennt Vol­kes Stim­me, das Wort «Ku­schel­jus­tiz» mag sie nicht mehr hö­ren. Denn: «Die Stra­fe ist, dass die Frau­en nicht frei sind, dass sie nicht sein kön­nen, wo und mit wem sie möch­ten.» Seit Mai 2011 lei­tet An­net­te Kel­ler die JVA Hin­del­bank, die ein­zi­ge Voll­zugs­an­stalt für Frau­en in der deutsch­spra­chi­gen Schweiz. Über die ein­zi­ge ver­wahr­te In­sas­sin darf sie kei­ne nä­he­ren Aus­künf­te ge­ben. Doch wäh­rend des gan­zen Jah­res in der In­te­gra­ti­ons­grup­pe sei es nicht zum ge­rings­ten Zwi­schen­fall ge­kom­men.

Dank der ge­rin­ge­ren in­ter­nen Si­cher­heits­vor­keh­run­gen sei­en auch die Kos­ten für die Ge­sell­schaft ge­sun­ken, auch das sei ihr ein An­lie­gen, sagt die Di­rek­to­rin. Ein Tag in Hoch­si­cher­heit A kos­tet 660 Fran­ken, im Nor­mal­voll­zug sind es 358 Fran­ken pro Tag. Für Ca­ro­li­ne H. rech­net man mit 592 Fran­ken. Nein, aus­ge­rech­net, wie viel die­se Ge­fan­ge­ne über all die Jah­re ge­kos­tet ha­be, ha­be sie nicht, sagt die Di­rek­to­rin.

Wel­che Ent­wick­lung Ca­ro­li­ne H. ge­macht hat, wie vie­le Frei­hei­ten man ihr in­zwi­schen zu­ge­steht, zeigt sich nicht zu­letzt an­hand des Sport­pro­gramms, das ihr so emi­nent wich­tig ist. Wäh­rend der Iso­la­ti­ons­haft durf­te sie täg­lich ei­ne Stun­de auf den Cross­trai­ner oder aufs Lauf­band, die bei­den Ge­rä­te ste­hen ne­ben ih­rer Zel­le, eben­falls hin­ter Git­tern. Seit ein paar Wo­chen darf sie je­weils mon­tags zu­sam­men mit rund 25 an­de­ren In­sas­sin­nen in die Turn­hal­le. Vor al­lem aber durf­te Ca­ro­li­ne H. die­sen Som­mer erst­mals am jähr­li­chen Sport­tag auf dem Ge­fäng­nis­are­al teil­neh­men, der mit ei­nem Kon­zert der An­stalts-band ab­ge­run­det wur­de. Ca­ro­li­ne H. ha­be sich mit ei­ner Na­tür­lich­keit be­tei­ligt, die aus­nahms­los al­le be­ein­druckt ha­be, sagt die Di­rek­to­rin.

Zu­rück im Be­su­cher­raum, sagt Ca­ro­li­ne H., die Fisch­stäb­li hät­ten ge­schmeckt. Was sie denn nach all den Jah­ren am meis­ten ver­mis­se, fra­ge ich sie. «Ich wür­de ger­ne mal wie­der ein Bier trin­ken», sie ki­chert, so­gar mit ei­nem Claustha­ler wä­re sie zu­frie­den. Im In­ter­net war sie noch nie, das wür­de sie schon wun­der­neh­men. Doch auch die vir­tu­el­le Welt bleibt ihr (vor­erst) ver­wehrt: In­ter­net­schu­lung ist nur als Vor­be­rei­tung für ei­ne be­vor­ste­hen­de Ent­las­sung oder zu Bil­dungs­zwe­cken vor­ge­se­hen.

«Ich will, dass man mich als Mensch wahr­nimmt»

Zäh­len Sie die Ta­ge, Wo­chen, Mo­na­te, Jah­re, die Sie im Ge­fäng­nis sind? «Soll ich Strich­li an die Wand ma­len, oder was mei­nen Sie?», kon­tert Ca­ro­li­ne H. und wech­selt das The­ma: «Was ha­ben Sie da für ei­nen in­ter­es­san­ten An­hän­ger, der ge­fällt mir.» Sel­ber trägt sie ein Gold­kett­chen um den Hals, sie zeigt die An­hän­ger, ein Kätz­chen und ein Stern­chen, Glücks­brin­ger von den El­tern.

Seit Jah­ren dis­ku­tie­ren Ge­rich­te und fo­ren­si­sche Fach­leu­te, was sie mit die­ser Frau tun sol­len, der ei­ne schwe­re Per­sön­lich­keits­stö­rung mit nar­ziss­ti­schen und schi­zo­iden Zü­gen dia­gnos­ti­ziert wird. Im April die­ses Jah­res lehn­te das Bun­des­ge­richt die Um­wand­lung der Ver­wah­rung in ei­ne sta­tio­nä­re Mass­nah­me ab. Für die Si­cher­heit der Be­völ­ke­rung hät­te die An­ord­nung der so­ge­nann­ten klei­nen Ver­wah­rung kei­nen Un­ter­schied ge­macht. Für Ca­ro­li­ne H. je­doch wä­re dies ei­ne ge­wal­ti­ge Mo­ti­va­ti­on ge­we­sen: Die The­ra­pie, die sie seit Jah­ren auf frei­wil­li­ger Ba­sis macht, wä­re dann of­fi­zi­ell vom Ge­richt ver­ord­net. Ei­ne Zu­kunfts­per­spek­ti­ve, ei­ne neue Hoff­nung, die vor­erst zer­schla­gen wur­de.

Die zwei Stun­den sind bald vor­über, ei­ne Fra­ge blieb un­ge­stellt: Glau­ben Sie, dass Sie je wie­der in Frei­heit le­ben wer­den? «Ir­gend­wann müs­sen sie mich ja raus­las­sen. Seit Jah­ren ma­che ich The­ra­pie, was will man denn noch von mir?» Aber sie weiss auch: «Es ha­ben doch al­le Angst, et­was falsch zu ma­chen.» Nie­mand wol­le ein Ri­si­ko ein­ge­hen, nie­mand die Ver­ant­wor­tung über­neh­men. «Am liebs­ten wür­de man doch gar nie­man­den mehr raus­las­sen.»

Die Be­völ­ke­rung kennt Sie als Park­haus­mör­de­rin, als «die ge­fähr­lichs­te Frau der Schweiz». Wer sind Sie Ih­rer Mei­nung nach heu­te? «Wie soll ich das wis­sen? Ich will ein­fach, dass man mich als Mensch wahr­nimmt.» Man sol­le zur Kennt­nis neh­men, «dass ich zu 99 Pro­zent ganz nor­ma­le In­ter­es­sen und Ei­gen­schaf­ten ha­be, mich völ­lig nor­mal ver­hal­te».

Es sei ihr be­wusst, dass sie wei­ter­hin Struk­tu­ren und Be­glei­tung brau­che, «viel­leicht in ei­nem be­treu­ten Woh­nen»? Sie ha­be in den 20 Jah­ren hin­ter Git­tern vie­les ver­lernt und vie­les nie ge­konnt. Auch des­halb wün­sche sie sich ei­nen kon­kre­ten Plan – et­was, woran sie sich hal­ten kön­ne. Die Aus­sicht auf ei­ne Wei­ter­bil­dung, ei­ne An­leh­re viel­leicht? Ca­ro­li­ne H. sagt: «Ich ha­be Angst, dass mir die Zeit da­von­läuft.»

Ger­ne hät­te sich Ca­ro­li­ne H. mit ih­rem an­häng­li­chen «Ka­ter­li» Ce­na­ri­us fo­to­gra­fie­ren las­sen

Ein Kätz­chen und ein Stern, Glücks­brin­ger der El­tern

Über 20 Jah­re ist es her, seit Ca­ro­li­ne H. zum letz­ten Mal ei­nen Schritt in Frei­heit tat

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