Nix wie weg

Die gröss­ten Tou­ris­ten­fal­len

SonntagsZeitung - - VORDERSEITE - Aleksan­dra Hilt­mann De­ni­se Jeit­zi­ner Da­ni­el Bö­ni­ger Lu­cie Mach­ac Phil­ip­pe Stal­der Ti­na Hu­ber

Die gröss­te Blu­me der Welt, Ma­lay­sia

Luft­feuch­tig­keit und Hit­ze sind un­er­träg­lich. Am liebs­ten hät­ten wir drei Ar­me mehr, um die Mos­ki­tos tot­zu­schla­gen. Ge­strüpp peitscht uns ins Ge­sicht. Seit Stun­den wan­dern wir. Doch wir wol­len sie se­hen. Die gröss­te Blu­me der Welt. Sie blüht ge­nau ein­mal im Jahr. Ir­gend­wo im Un­ter­holz des ma­lay­si­schen Ur­walds, ein paar Stun­den von Kua­la Lum­pur ent­fernt. Ich stel­le mir vor, wie schön sie sein wird, mit ih­ren gros­sen, ele­gant fal­len­den Blü­ten­blät­tern, wahr­schein­lich in ei­ner un­glaub­lich be­tö­ren­den Far­be, ein ma­gi­scher Glanz wird sie um­ge­ben im Grün, das sich um sie lich­tet, um die­se zwei, drei Me­ter hoch wach­sen­de Schön­heit. «Wir sind da.» Der Gui­de reisst uns aus der Träu­me­rei. Er zeigt auf den Bo­den. «Hier!» Dort liegt fett und trä­ge die gröss­te Blu­me der Welt: die Rie­sen­raff­le­sie. Mit ei­nem rie­si­gen Loch in der Mit­te. Röt­lich. Leicht ge­punk­tet. Eher fahl. Et­wa so gross, dass sie in ei­nen Wä­sche­korb pas­sen wür­de. Da­ne­ben et­was ver­fault aus­se­hen­de äl­te­re Ex­em­pla­re. Dass die Blu­me ein Pa­ra­sit auf ei­nem Wirts­ge­wächs ist, er­stickt noch den letz­ten Fun­ken Poe­sie.

Ang­kor Wat, Kam­bo­dscha

Der Tuk­tuk­fah­rer, der uns vom Bus­bahn­hof bis ins Ho­tel­zim­mer ge­folgt war, muss­te sich grad mal kurz hin­set­zen. Auf un­ser Bett. Nur ei­nen Tag für Ang­kor?! Un­er­hört! Zwei Ta­ge sei­en das Al­ler­min­des­te, um die sa­kra­le An­la­ge auch nur an­nä­hernd zu er­fas­sen. Mor­gen früh ho­le er uns ab. Und über­mor­gen auch. Good pri­ce, good pri­ce. Kurz nach sie­ben Uhr brach­te er uns zum Ge­län­de und sag­te, er war­te im Tuk­tuk. Wir lie­fen den an­de­ren Tou­ris­ten nach, stie­gen stei­le Stu­fen py­ra­mi­den­för­mi­ger Tem­pel hoch, mus­ter­ten in Stein ge­meis­sel­te Skulp­tu­ren, er­kun­de­ten von Baum­wur­zeln um­schlun­ge­ne, moos­über­wach­se­ne In­nen­hö­fe. Hier hat­te doch An­ge­li­na Jo­lie ali­as La­ra Croft ei­nen Schatz ge­sucht! Ge­nau hier! Kei­ner der Tou­ris­ten schien be­ein­druckt. Viel­leicht war der Dreh­ort an­ders­wo? Auf zum nächs­ten Tem­pel. Stei­le Stu­fen, Skulp­tur an Skulp­tur wie Do­mi­no­stei­ne. In den nächs­ten moos­über­wach­se­nen In­nen­hof. Der La­ra­crof­tS­pot? Nicht si­cher. Zum nächs­ten Ge­bäu­de. Wie­der Stu­fen. Wie­der ein In­nen­hof. So vie­le Tem­pel. Stu­fen. Skulp­tu­ren. Und – na­tür­lich – ein In­nen­hof. Moos­über­wach­sen. Das ist sie! Die Film­ku­lis­se! Wir wa­ren uns so­fort ei­nig. Es war kurz nach Mit­tag, und wir hat­ten ge­nug. Der Tuk­tuk­fah­rer war em­pört über sei­ne früh­zei­ti­ge Ent­las­sung.

Ber­li­ner Fern­seh­turm, Deutsch­land

Ber­lin in den Neun­zi­gern. Weil ich den best­mög­li­chen Blick auf die wie­der zu­sam­men­wach­sen­de Stadt ha­ben woll­te, ging ich mit ei­nem Freund zum Fern­seh­turm am Alex­an­der­platz, auch «Spar­gel» ge­nannt. Ein Bier im Dreh­re­stau­rant auf 200 Me­tern war da­mals ei­nes der gros­sen High­lights für vie­le beim Stadt­be­such, der nun auch wie­der die frü­he­re öst­li­che Zo­ne um­fass­te. Mit ei­nem ziem­lich stau­bi­gen Lift (oder täuscht mich hier die Er­in­ne­rung?) gings hin­auf. Mein Be­glei­ter be­stell­te zwei Wei­zen­bier, wäh­rend ich kurz die Toi­let­te auf­such­te. Als ich so auf dem stil­len Ört­chen sass, war mir, als wür­de der «Spar­gel» schwan­ken. Mir wur­de warm und kalt. Die Hö­hen­angst war mir von wei­tem an­zu­se­hen, als ich mich zu mei­nem Ka­me­ra­den setz­te. «Schwankt das Ge­bäu­de?», frag­te ich ihn. «Nein», log mein Be­glei­ter mich an. Und trotz­dem: Die aus­ser­ge­wöhn­li­che Aus­sicht zu ge­nies­sen, lag für mich nicht mehr drin. Ich kipp­te den hal­ben Li­ter Bier in ge­fühlt fünf­zehn Se­kun­den und nahm den Lift zu­rück auf ebe­nen Bo­den. Im­mer­hin: Es ist bis heu­te mein am al­ler­schnells­ten ge­trun­ke­nes Wei­zen­bier ge­blie­ben.

Rüt­li­wie­se, Schweiz

Vor zwei Jah­ren dach­te ich mir: Für ei­ne ein­ge­bür­ger­te Schwei­ze­rin wie mich ge­hört das Rüt­li zum Ba­sis-in­te­gra­ti­ons­pa­ket. Al­so nichts wie hin. Von Brun­nen SZ aus konn­te ich ei­nen ers­ten Blick auf die Wie­ge der Schweiz er­ha­schen – und war leicht be­sorgt: Das mick­ri­ge Rä­se­li da drü­ben an der Berg­flan­ke soll je­ner Ort sein, an dem der Le­gen­de nach die Schweiz ent­stand? Kann man auf so ei­ner stei­len Wei­de über­haupt auf­recht ste­hen, ge­schwei­ge denn – so als Ureid­ge­nos­se – in er­ha­be­ner Hal­tung schwö­ren? Dort an­ge­kom­men, war ich baff. Ein 50 mal 70 Me­ter gros­ser Al­ler­welts­ra­sen. Das wars. Wie man auf die­se Wei­de am 1. Au­gust je­weils rund 1400 Leu­te pfercht, ist mir bis heu­te ein Rät­sel. Und wä­re das Rüt­li nicht an­ge­schrie­ben, ich wä­re glatt dar­an vor­bei­ge­lau­fen. Ty­pisch Schwei­zer Un­der­state­ment, dach­te ich. Je­de an­de­re Na­ti­on hät­te die Le­gen­de von der Ge­burts­stun­de ih­res Lan­des aufs Jung­frau­joch ver­legt, die Eid­ge­nos­sen in­des sta­peln lie­ber tief. Wo­bei: Viel­leicht ging es gar nicht um die Wie­se, son­dern um die Aus­sicht. Denn die­se ist spek­ta­ku­lär – Post­kar­ten-schweiz, so weit das Au­ge reicht.

Taj Mahal, In­di­en

«Chal­lo, chal­lo – he­re no sit­ting!», weist mich der Auf­pas­ser brum­mig zu­recht. Am Gurt sei­ner ko­lo­ni­al­brau­nen Uni­form bau­melt be­droh­lich ein höl­zer­ner Schlag­stock. Be­stimmt ei­ne hal­be Stun­de lang ha­be ich mich durch Sel­fie-sticks und Sa­ris ge­kämpft, bis ich ge­nau in der Mit­te vor dem Taj Mahal ste­he, so wie ich es mir vor­ge­stellt ha­be. Schon im­mer hat mich die Äs­t­he­tik die­ses in­do-is­la­mi­schen Welt­wun­ders fas­zi­niert. Doch aus mei­nem Plan, sei­ne be­rü­cken­de Sym­me­trie bei ei­ner in­di­schen Bee­di-zi­ga­ret­te und ei­nem Chai-tee in Ru­he auf mich ein­wir­ken zu las­sen, wird nichts: Die Hart­nä­ckig­keit des Wär­ters gleicht der Be­schaf­fen­heit sei­nes Schlag­stocks. Al­so be­ge­be ich mich zu­rück in den Pil­ger­strom ei­ner neu­en in­di­schen Mit­tel­schicht, die ge­ra­de ihr kul­tu­rel­les Er­be wie­der­ent­deckt – und sich da­bei un­ge­dul­dig auf den Füs­sen rum­tram­pelt. Der Taj Mahal wur­de einst vom Gross­mo­gul als Gr­ab­mahl für sei­ne Ge­lieb­te er­baut, auf dass sie un­ter dem weis­sen Mar­mor ih­re ewi­ge Ru­he fin­de. Doch an Ru­he ist nicht zu den­ken. Rund 40 000 Be­su­cher zieht das be­rühm­te Mau­so­le­um je­den Tag an – de­fi­ni­tiv zu viel für mich.

Ba­ri­lo­che, Pa­ta­go­ni­en

Auf die Lo­nely-pla­net-jün­ger ha­be ich im­mer ver­ächt­lich her­ab­ge­schaut. Back­pa­cker nen­nen sie sich, da­bei tin­geln sie von Hos­tel zu Hos­tel, ste­hen sich vor Tem­peln auf den Füs­sen rum und for­mu­lie­ren im Geis­te schon das nächs­te Tri­pad­vi­sor-ra­ting. Nein, ich war ei­ne Aben­teu­re­rin von ganz an­de­rem Schlag. War oh­ne Rei­se­füh­rer, da­für mit ge­schlif­fe­nem Spa­nisch nach Bue­nos Ai­res ge­flo­gen und ver­liess mich auf mei­nem Süd­ame­ri­ka-trip ein­zig auf die Tipps der Ein­hei­mi­schen. Hat­te Pin­guin­ko­lo­ni­en be­ob­ach­tet und war mit Gauchos durchs Land ge­rit­ten. Ei­nen Ort emp­fahl mir je­der Ar­gen­ti­ni­er: Ba­ri­lo­che. Das Schöns­te, das Wun­der­bars­te, was Ar­gen­ti­ni­en zu bie­ten ha­be. Ma­ra­vil­lo­so. Al­so ging ich. Und sah: Ber­ge. Se­en. Wäl­der. Ei­nen Ses­sel­lift. Bern­har­di­ner mit Fäss­chen um den Hals. Fon­du­echa­lets mit Schwei­zer Kan­tons­wap­pen. Cho­co­la­te­ri­en. Erst jetzt er­fuhr ich, dass Ba­ri­lo­che auch die «Ar­gen­ti­ni­sche Schweiz» ge­nannt wird. Ein­fach mit schlech­tem Kä­se. Und da­für war ich stun­den­lang über holp­ri­ge Stras­sen Bus ge­fah­ren? Oh, Lo­nely Pla­net, hät­test du mich nur ge­warnt.

Il­lus­tra­ti­on:ste­phan­liech­ti

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