«Kei­ne Lust mehr auf Kom­pro­mis­se» Gros­se und klei­ne De­bat­te

Ver­lo­re­ne Wah­len, mi­se­ra­ble Um­fra­ge­wer­te: Die SPD steckt im Tief. Par­tei­che­fin Andrea Nah­les sagt, wie sie die Par­tei wie­der nach vor­ne brin­gen will. Und wie es um die Gros­se Ko­ali­ti­on steht

SonntagsZeitung - - INTERNATIONAL - Mi­ke Szy­man­ski

Andrea Nah­les hat ih­ren Rück­zugs­ort in­mit­ten der Hü­gel der Ei­fel. Zwi­schen der Stadt May­en und dem Nür­burg­ring liegt der Ort Wei­ler mit sei­nen et­wa 500 Ein­woh­nern. Die 48-Jäh­ri­ge lebt mit ih­rer Toch­ter auf ei­nem Bau­ern­hof, der seit Ge­ne­ra­tio­nen der Fa­mi­lie ge­hört. Viel Zeit, das Haus und den Gar­ten zu ge­nies­sen, bleibt ihr der­zeit nicht. Die Gros­se Ko­ali­ti­on fin­det nicht aus dem Kri­sen­mo­dus. Nah­les sagt, sie füh­le sich manch­mal wie die Schau­spie­le­rin aus dem Film «Lo­la rennt»: Im­mer in Be­we­gung, im­mer im Stress.

Frau Nah­les, was sa­gen die Leu­te auf der Stras­se in Wei­ler, die Nach­barn, die Be­kann­ten, zum Zu­stand Ih­rer SPD?

Die Leu­te in Wei­ler re­den mit mir über das Wet­ter, dass die Stras­se re­pa­riert wer­den muss, die Schu­le. Über Po­li­tik re­den sie nicht oft mit mir.

Weil das für schlech­te Stim­mung sorgt?

Nein. Ich glau­be, sie wol­len mir ein Le­ben auch aus­ser­halb der Po­li­tik er­mög­li­chen. Zu be­son­de­ren An­läs­sen, et­wa beim Dorf­fest, re­den wir dann doch auch über bun­des­po­li­ti­sche Fra­gen. So be­kom­me ich mit, was im Land von der Ber­li­ner Po­li­tik wirk­lich an­kommt.

In Bay­ern hat die SPD bei der Wahl ihr Er­geb­nis hal­biert und liegt un­ter 10 Pro­zent. Im Bund liegt sie in Um­fra­gen bei noch et­wa 15 Pro­zent. Bleibt bald gar nichts mehr üb­rig von der SPD?

Die La­ge ist sehr ernst. Die SPD hat auf meh­re­ren Ebe­nen Pro­ble­me – das ist nichts, was uns über­rascht. Wir ha­ben vie­les längst er­kannt.

Wür­den Sie die SPD noch ei­ne Volks­par­tei nen­nen?

Ja. Das hat für mich we­ni­ger mit Pro­zent­zah­len zu tun. Das ist ei­ne Fra­ge der Po­li­tik, die man an­bie­tet.

Wirkt das nicht lä­cher­lich, wenn die Er­geb­nis­se wie in Bay­ern ein­stel­lig wer­den?

In ei­ni­gen Re­gio­nen ge­lingt es der SPD wei­ter­hin sehr gut, Volks­par­tei zu sein – selbst wenn man nur die Er­geb­nis­se be­trach­tet. In an­de­ren Re­gio­nen nicht. Da­bei ist das Po­li­tik­an­ge­bot nicht sehr un­ter­schied­lich. Eher ist es so, dass die SPD mit kei­nem Ort in der po­li­ti­schen Land­schaft mehr ver­bun­den wird.

Wo steht die SPD?

Die SPD, das ist die Par­tei für den so­zia­len Zu­sam­men­halt in ei­ner Ge­sell­schaft, die sich zer­glie­dert hat. Zu­sam­men­halt – das war frü­her oft un­ser Slo­gan. Da­mit ha­ben wir Wah­len ge­won­nen. Die Fra­ge heu­te ist doch: Wer ist «Wir»? Wo­rin äus­sert sich in ei­ner viel­fäl­ti­gen Ge­sell­schaft der Zu­sam­men­halt, den wir na­tür­lich drin­gend brau­chen? Ich fürch­te, wir re­den da zur­zeit noch drü­ber weg.

Was mei­nen Sie da­mit?

Es hat sich et­was ver­än­dert. Was wir gut kön­nen, so­gar bes­ser als die Uni­on, ist der klas­si­sche Po­li­tik­be­trieb. Dort sind wir er­folg­reich, aber das hilft uns kaum. Ein Bei­spiel: Wir be­en­den das Irak-man­dat. Vor zwei Jah­ren wä­re das noch in al­ler Mun­de ge­we­sen. Jetzt fin­det es so gut wie nir­gend­wo Er­wäh­nung, dass ich es durch zä­he Ver­hand­lung ge­schafft ha­be, dass wir auch mal ei­nen Aus­lands­ein­satz der Bun­des­wehr be­en­den. Wer jetzt vor­schlägt, dass wir bei die­sem klas­si­schen Po­li­tik­be­trieb noch bes­ser, noch er­folg­rei­cher wer­den müs­sen, liegt, glau­be ich, falsch. Wir ver­lie­ren auf ei­ner an­de­ren Ebe­ne. Es geht da­bei eher um kul­tu­rel­le Fra­gen. Das nennt man heu­te: Hal­tung zei­gen! Frü­her hiess das Grund­über­zeu­gun­gen, Wer­te. Aber die ha­ben wir ja im­mer noch. Ich ha­be den Ein­druck, es geht in Wahr­heit um et­was an­de­res. Vie­le ha­ben ein­fach kei­ne Lust mehr auf Kom­pro­mis­se. Sie wol­len 100-Pro­zent-lö­sun­gen. Der SPD ste­hen zwei be­deu­ten­de Ter­mi­ne be­vor: die klei­ne und die gros­se De­bat­ten­run­de. Heu­te Sonn­tag be­ginnt die zwei­tä­gi­ge Klau­sur der Par­tei­spit­ze, bei der die Vor­sit­zen­de Andrea Nah­les die her­ben Nie­der­la­gen bei den Land­tags­wah­len in Bay­ern und Hes­sen auf­ar­bei­ten will. Der Re­de­be­darf ist gross. Der Streit, ob die SPD in­ner­halb der Re­gie­rung wie­der zu Kräf­ten kommt oder ob dies nur in der Op­po­si­ti­on ge­lin­gen kann, ist wie­der voll ent­brannt.

Par­al­lel da­zu ist ein in­ter­ner Er­neue­rungs­pro­zess an­ge­lau­fen, der auf sei­nen ers­ten Hö­he­punkt zu­steu­ert: Vom 10. No­vem­ber an tref­fen sich die An­hän­ger zum gros­sen De­bat­ten­camp in Ber­lin. Die Par­tei rech­net mit 3200 Teil­neh­mern. Es soll zwei Ta­ge lang um die SPD ge­hen, um Deutsch­land und Eu­ro­pa. Auch die Re­gie­rungs­chefs von Spa­ni­en und Grie­chen­land wer­den auf­tre­ten. (msz) Das wer­den wir aber nicht durch­set­zen kön­nen. Wir müs­sen uns al­so mehr mit der Fra­ge be­schäf­ti­gen, was strah­len wir ei­gent­lich aus: Hoff­nung? Selbst­be­wusst­sein? Tat­kraft? Je­den­falls nicht ein Jam­mern und Jau­len, wie es der­zeit zu oft der Fall ist.

Was braucht die SPD jetzt?

Ich hö­re in der SPD oft, wir müss­ten das ein­mal in­halt­lich dis­ku­tie­ren, aber dann dis­ku­tiert man doch lie­ber dar­über, wann ein Par­tei­tag statt­fin­den soll. Tat­säch­lich brau­chen wir mal in­halt­lich im gu­ten Sin­ne fet­ten Streit, der dann aber auch ein­mal et­was klärt. Aber nicht dar­über, ob Gros­se Ko­ali­ti­on oder nicht. Son­dern zu in­halt­li­chen The­men wie die­se: Was ist un­se­re Vor­stel­lung beim So­zi­al­staat? Wol­len wir in die Rich­tung ei­nes be­din­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­mens ge­hen, oder wol­len wir et­was für die hart ar­bei­ten­den Men­schen in un­se­rem Land ma­chen?

Für vie­le in Ih­rer Par­tei ist aber die Haupt­fra­ge tat­säch­lich ei­ne an­de­re: Raus aus der Gros­sen Ko­ali­ti­on oder nicht? Die Geg­ner wer­den lau­ter. Die Stim­mung dreht.

Ich se­he das an­ders. Klar, es gibt gros­se Un­zu­frie­den­heit auch bei je­nen, die im Früh­jahr noch für die Ko­ali­ti­on ge­stimmt hat­ten. Vie­le ha­ben er­war­tet, dass sich die Par­tei stär­ker frei­schwimmt, und sind jetzt ent­täuscht, weil das nicht ge­lun­gen ist. Auch ich ha­be nicht da­mit ge­rech­net, dass al­les so über­la­gert wird von den Strei­te­rei­en in der Uni­on.

Seit Ih­rer Wahl zur Par­tei­che­fin lief es nicht wirk­lich gut für Sie.

Ich bin jetzt seit ei­nem hal­ben Jahr Par­tei­vor­sit­zen­de. Es fing schon da­mit an, dass ich mit 66 Pro­zent ge­wählt wur­de. Die Par­tei war da schon ge­spal­ten. Dann wa­ren wir mit ei­ner für al­le kom­plett über­ra­schend schwie­ri­gen La­ge in der Uni­on und da­mit in der Ko­ali­ti­on kon­fron­tiert. Es folg­te ei­ne Kri­se nach der an­de­ren. In den letz­ten Mo­na­ten ha­be ich mich ge­fühlt wie die Schau­spie­le­rin in dem Film «Lo­la rennt».

Wo ste­hen Sie jetzt?

Ich ha­be ein­ge­lei­tet, was ich für die SPD für not­wen­dig er­ach­te, die SPD de­bat­tiert wie­der über In­hal­te. Wir ha­ben nächs­te Wo­che ein De­bat­ten­camp, ein Tref­fen von 3200 Leu­ten in Ber­lin. Dort wer­den wir ge­nau das tun, was ich möch­te: de­bat­tie­ren. Wir ru­fen ei­nen kon­tro­ver­sen Punkt nach dem an­de­ren auf. Das wird ein Mei­len­stein auf ei­nem län­ge­ren Weg. Mir ist zu viel Un­duld­sam­keit in der Par­tei. Wenn je­mand meint, es schnel­ler oder bes­ser zu kön­nen, soll er sich mel­den. Ich bin da ehr­lich: Mein Le­ben wä­re we­sent­lich ein­fa­cher, wenn ich mir die­se Päck­chen nicht auf die Schul­ter ge­packt hät­te. Ich tue es aber mit all mei­ner Kraft, Lei­den­schaft und Zu­ver­sicht.

Was wol­len die Leu­te wirk­lich: Raus aus der Gros­sen Ko­ali­ti­on? Sie als Che­fin los­wer­den?

Bei­des, ver­mu­te ich.

Ex-kanz­ler­kan­di­dat Peer St­ein­brück wünscht sich ei­nen Ber­nie San­ders für die SPD – nur 30 Jah­re jün­ger. Ist das die Lö­sung?

Ich bin zwar fast ge­nau 30 Jah­re jün­ger als San­ders, aber ich tip­pe mal, St­ein­brück hat nicht mich ge­meint.

Wie will die SPD wie­der über­zeu­gen?

In­dem wir mit Lei­den­schaft und Op­ti­mis­mus je­den Tag für mehr so­zia­le Ge­rech­tig­keit an­tre­ten. Mit mehr Klar­heit und Selbst­be­wusst­sein. Wir müs­sen un­se­re Wi­der­sprü­che auf­lö­sen. Wir kön­nen uns das nicht mehr leis­ten, un­klar zu sein.

Der gröss­te Kon­flikt liegt im Um­gang mit Hartz IV.

Das hängt an uns wie ein Blei­ge­wicht. Wir müs­sen mit die­ser De­bat­te Schluss ma­chen.

Was heisst das? Al­les zu­rück­dre­hen?

Nein. Nicht al­les war schlecht. Wir ha­ben aber ein Pro­blem mit der Lo­gik, die da­mals den Re­for­men zu­grun­de ge­legt wur­de. Im Blick­punkt stan­den je­ne, die die So­zi­al­leis­tun­gen miss­brauch­ten. Wir müs­sen weg vom An­satz des Miss­trau­ens, der Sank­tio­ni­tis, son­dern um­ge­kehrt den So­zi­al­staat aus dem Blick­win­kel der­je­ni­gen ge­stal­ten, die Hil­fen brau­chen und die Rechts­an­sprü­che dar­auf ha­ben. Ich ha­be mir Re­den aus der da­ma­li­gen Zeit an­ge­guckt, Re­den von un­se­rem da­ma­li­gen Mi­nis­ter Wolf­gang Cle­ment und von an­de­ren. Da schä­me ich mich heu­te noch da­für. Sie ha­ben da­mals die So­zi­al­staats­idee der SPD rui­niert.

Jetzt hat An­ge­la Mer­kel ih­ren Rück­zug ein­ge­lei­tet. Wer­den Sie sie ver­mis­sen?

Ich ha­be gröss­ten Re­spekt für An­ge­la Mer­kel. Da­für, dass sie es ge­schafft hat, die ers­te Kanz­le­rin zu wer­den. Und das in ei­ner Par­tei, die ihr vie­le St­ei­ne in den Weg ge­legt hat. Al­lein ih­re Kraft und ih­re Zä­hig­keit, das be­ein­druckt mich. Ich bin seit ei­nem hal­ben Jahr Par­tei­vor­sit­zen­de. Sie macht die­sen Job seit 18 Jah­ren. Da sa­ge ich: Hui. Viel­leicht ist es in der Uni­on ja leich­ter. Trotz­dem fin­de ich, dass sie die CDU in ei­nem re­la­tiv de­so­la­ten Zu­stand hin­ter­lässt.

Mer­kel wird aus den Rei­hen von CDU und CSU die «So­zi­al­de­mo­kra­ti­sie­rung» der Uni­on vor­ge­hal­ten. War sie die bes­se­re So­zi­al­de­mo­kra­tin?

Sie steht für die Ent­po­la­ri­sie­rung der bei­den Volks­par­tei­en. Und das hat bei­den Volks­par­tei­en nicht gut­ge­tan.

Bald be­kommt die CDU ei­ne neue Vor­sit­zen­de oder ei­nen neu­en Vor­sit­zen­den. Was bleibt von der Uni­on, mit der Sie den Ko­ali­ti­ons­ver­trag un­ter­zeich­net ha­ben?

Der Ko­ali­ti­ons­ver­trag ist un­se­re ge­mein­sa­me Grund­la­ge. Ich ge­he ein­fach mal stur da­von aus, dass al­le Kan­di­da­ten, die sich jetzt um den Cdu-vor­sitz be­wer­ben, dies so ak­zep­tie­ren.

Wie ver­hält sich die SPD, wenn Mer­kel frü­her als an­ge­kün­digt auch die Kanz­ler­schaft ab­gibt?

Wir wä­ren na­iv, wenn wir uns nicht auf al­le Sze­na­ri­en vor­be­rei­ten wür­den. Und das tun wir auch. Für uns ist ent­schei­dend, ob die Uni­on ih­ren Rich­tungs­streit durch ei­ne neue Per­son an der Spit­ze der CDU in den Griff be­kommt. Das ist noch nicht ge­sagt. Wenn der Streit aber bleibt, ist die Re­gie­rung nichts wert. Wir wol­len ganz kon­kret Po­li­tik ma­chen. Wir ste­hen des­we­gen zur Re­gie­rung, aber auch nur, so­lan­ge wir wirk­lich im Sin­ne der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger re­gie­ren kön­nen.

Ist ein Neu­an­fang in der Gros­sen Ko­ali­ti­on mit Horst See­ho­fer als CSU-CHEF oder Bun­des­in­nen­mi­nis­ter mög­lich?

(Schweigt lan­ge) Das ist ei­ne An­ge­le­gen­heit der CSU.

Fo­to: Da­ni­el Ho­fer/laif

«Die La­ge ist sehr ernst. Die SPD hat auf meh­re­ren Ebe­nen Pro­ble­me»: Spd-che­fin Andrea Nah­les

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