Mou­tier: Vor­wür­fe an Ber­ner Staats­an­walt­schaft

Der Ab­stim­mungs­tou­ris­mus war vor dem Ur­nen­gang zum Kan­tons­wech­sel so krass, dass der Staats­an­walt laut Statt­hal­te­rin hät­te er­mit­teln müs­sen

SonntagsZeitung - - SCHWEIZ - De­nis von Burg

Ste­pha­nie Nie­der­häu­ser, Statt­hal­te­rin im Ber­ner Ju­ra, hat den Zwei­hän­der her­vor­ge­holt. Sie geht in ih­rem An­nul­lie­rungs­ent­scheid zur Ab­stim­mung über den Wech­sel der ber­ni­schen Ge­mein­de Mou­tier in den Kan­ton Ju­ra nicht nur mit den Stadt­be­hör­den hart ins Ge­richt, son­dern auch mit der bern­ju­ras­si­schen Staats­an­walt­schaft. Die von ihr auf­ge­führ­ten Fäl­le von Schein­wohn­sit­zen und dar­aus zu ver­mu­ten­dem Ab­stim­mungs­tou­ris­mus sind so krass, dass sie zum Schluss kommt: «Es ist er­staun­lich, dass die Un­ter­su­chung des Statt­hal­ter­amts zu den Fäl­len von fik­ti­ver Wohn­sitz­nah­me nicht schon von der Staats­an­walt­schaft ge­führt wor­den ist.» Dies um­so mehr, fährt sie in dem der Sonn­ tags­zei­tung vor­lie­gen­den Be­richt fort, als die Po­li­zei ei­ne sol­che Straf­un­ter­su­chung schon in ei­nem Rap­port an die Staats­an­walt­schaft emp­foh­len ha­be.

Ef­fek­tiv zeich­net die Statt­hal­te­rin ein Bild sys­te­ma­ti­scher, be­hörd­lich ge­dul­de­ter oder von Be­hör­den­mit­glie­dern gar ge­för­der­ter Schein­wohn­sitz­nah­me zum Zweck der un­be­rech­tig­ten Teil­nah­me an der Ab­stim­mung über den Kan­tons­wech­sel. Sie be­stä­tigt da­mit, was die Sonn­tags­zei­tung schon im Früh­ling pu­blik ge­macht hat: In Mou­tier wur­de im Sti­le ei­ner Ba­na­nen­re­pu­blik die Ab­stim­mung ma­ni­pu­liert.

Da ist der Fall von Ma­thieu B., Sohn des Vi­ze­bür­ger­meis­ters und Wahl­bü­ro­chefs. Va­ter und Sohn sind be­ken­nen­de «Au­to­no­mis­ten». B. ju­ni­or ar­bei­tet im gut ein­ein­halb Au­to­stun­den von Mou­tier ent­fern­ten Frei­burg. Von dort hat­te er sei­ne Schrif­ten nach Mou­tier ver­legt – just so, dass er an der Ab­stim­mung über den Kan­tons­wech­sel teil­neh­men konn­te. Kur­ze Zeit nach dem hauch­dün­nen Sieg der «Au­to­no­mis­ten» ver­leg­te er sei­ne Pa­pie­re wie­der nach Frei­burg, wo er zwi­schen­zeit­lich nur noch als Wo­chen­auf­ent­hal­ter wohn­te. «Ein kla­rer und den Be­hör­den be­kann­ter Fall», sagt die Statt­hal­te­rin jetzt.

35 sol­cher Fäl­le lis­tet die Statt­hal­te­rin auf. Nicht über­all ist der Be­zug zu den Be­hör­den ein­deu­tig, auf­fäl­lig wa­ren aber die meis­ten. Dar­un­ter auch je­ner Hand­wer­ker, der aus ei­nem ju­ras­si­schen Nach­ bar­dorf nach Mou­tier zog, sein Haus und sein Ge­schäft im Kan­ton Ju­ra be­hal­ten hat, um gleich nach der Ab­stim­mung zu­sam­men mit sei­ner Frau wie­der in sei­ne ju­ras­si­sche Hei­mat zu­rück­zu­keh­ren.

Er­kenn­bar wa­ren auch je­ne wei­te­ren 19 Per­so­nen, de­nen die Stadt Mou­tier das Stimm­recht ge­ge­ben hat, oh­ne dass die­se im Steu­er­re­gis­ter ver­merkt wa­ren. Da­bei gilt der Steu­er­sitz als Be­din­gung für ei­nen po­li­ti­schen Wohn­sitz.

Schliess­lich ent­deck­te das Statt­hal­ter­amt Per­so­nen, die von Mou­tier ins Stimm­re­gis­ter auf­ge­nom­men wor­den wa­ren, ob­wohl sie gleich­zei­tig in an­de­ren Ge­mein­den stimm­be­rech­tigt wa­ren.

Die Staats­an­walt­schaft ver­zich­te­te auf ei­ne Un­ter­su­chung zum Ab­stim­mungs­tou­ris­mus, weil die­ser kein Straf­tat­be­stand sei, wäh­rend die Statt­hal­te­rin die Vor­gän­ge als straf­ba­ren Wahl­be­trug be­zeich­net. Ob es zu neu­en An­zei­gen kommt, ist of­fen.

Man­che konn­ten in meh­re­ren Ge­mein­den ab­stim­men

Im­mer­hin lie­fer­te die Staats­an­walt­schaft aus dem ein­ge­stell­ten Ver­fah­ren an­de­res Ma­te­ri­al. So sei­en Ver­su­che von Stim­men­kauf, Ab­stim­mungs­kor­rup­ti­on und Aus­übung von Druck auf Ab­stim­men­de er­wie­sen. Der Be­richt er­wähnt Fäl­le, in de­nen So­zi­al­hil­fe­emp­fän­ger un­ter Druck ge­setzt wur­den oder ih­re Stim­me ver­kauf­ten. Und je­nen von der Sonn­tags­zei­tung be­schrie­be­nen Fall der «zwei jun­gen er­wach­se­nen Mäd­chen in Mi­ni­ju­pes», die ei­nen Mann für ein Ja zu ei­nem ge­mein­sa­men Nacht­es­sen ein­ge­la­den hät­ten.

Zu­sam­men mit Pro­pa­gan­da durch die Be­hör­den von Mou­tier ha­ben der Statt­hal­te­rin Ab­stim­mungs­tou­ris­mus, feh­ler­haf­tes Ab­stim­mungs­re­gis­ter und die Ver­su­che von Ab­stim­mungs­kor­rup­ti­on ge­reicht, um die Ab­stim­mung zu an­nul­lie­ren. Ob die «Au­to­no­mis­ten» den Ent­scheid wei­ter­zie­hen oder ob der Kan­ton Bern die Ab­stim­mung wie­der­ho­len lässt, ist un­klar. Klar ist: Die Pro­ju­ras­sier ma­chen wei­ter Druck für ei­nen Kan­tons­wech­sel. Am Frei­tag ha­ben sie meh­re­re Tau­send Leu­te für ei­ne De­mo in Mou­tier mo­bi­li­sert.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.