Statt «klick» macht es nur noch «bzzz»

Im Renn­ve­lo­markt wer­den elek­tro­ni­sche Schal­tun­gen im­mer be­deu­ten­der – bei den Pro­fis sind sie schon Stan­dard. Wer ein­mal ei­ne ge­fah­ren ist, wech­selt kaum je zu­rück

SonntagsZeitung - - SPORT - Emil Bi­schof­ber­ger

Zürich Das Ge­räusch hat et­was Ir­ri­tie­ren­des. Wenn man es über­haupt wahr­nimmt. Denn wer nicht ge­nau auf­passt, hört: so gut wie nichts. Drückt der Renn­ve­lo­fah­rer ei­nen Schalt­he­bel, macht der Um­wer­fer oder der Wechs­ler nicht «klick», son­dern nur: «bzzz». Das Ge­räusch ist fein und lässt kei­nen Zwei­fel: Hier ist nicht mehr die Mecha­nik al­lei­ne ver­ant­wort­lich. Hier ar­bei­tet ein Motör­chen.

2010 lei­te­te Markt­do­mi­na­tor Shi­ma­no die Schalt­re­vo­lu­ti­on ein, ge­gen vie­le Wi­der­stän­de. Velo­fah­rer sind trotz al­ler Tech­ni­k­lie­be auch tra­di­ti­ons­be­wusst. Mitt­ler­wei­le ist das «Bzzz»-ge­räusch nicht mehr exo­tisch. Bis es so weit war, muss­te die elek­tro­ni­sche Schal­tung ei­ni­ge An­läu­fe neh­men. Die ers­ten gab es be­reits An­fang der 1990er­jah­re. Meist war es die man­geln­de Zu­ver­läs­sig­keit, wel­che die Pro­jek­te schei­tern liess. Denn dies ist die al­ler­wich­tigs­te An­for­de­rung, die ein Velo­fah­rer an sei­ne Schal­tung stellt: dass sie funk­tio­niert. Im­mer, bei Hit­ze wie bei Käl­te, im Dau­er­re­gen wie bei Tro­cken­heit.

Al­les an­de­re ist Zu­ga­be, wo­bei ge­ra­de der Renn­ve­lo­fah­rer viel für die­se Zu­ga­be gibt: Die Er­ha­ben­heit des Fort­be­we­gens stellt sich nicht zu­letzt dann ein, wenn das Ve­lo ge­räusch­frei funk­tio­niert. Kein Rat­tern, kein Schep­pern, ein­zig der Fahrt­wind durch­bricht die stil­le Dy­na­mik. Und da­zwi­schen ab und zu ein prä­gnan­tes «Klick», wenn der Gang ge­wech­selt wird – das war Velo­fah­rer­stolz. Neu heisst es: Je fei­ner das «Bzzz», um­so bes­ser.

Im Schal­tungs­markt für Sport­ve­los gibt es drei Play­er. Der ja­pa­ni­sche Do­mi­na­tor Shi­ma­no. Das in­no­va­ti­ve Usun­ter­neh­men Sram. Es ging aus der deut­schen Sachs her­vor. Und der ita­lie­ni­sche Tra­di­tio­na­list Cam­pa­gno­lo. Al­le set­zen sie mitt­ler­wei­le auf Elek­tro­nik. Wie gross der An­teil elek­tro­ni­scher Schal­tun­gen im ge­sam­ten Markt ist, wird nicht aus­ge­wie­sen: Die Schwei­zer Schal­tungs­im­por­teu­re wis­sen nicht, wo­mit die Renn­ve­los aus­ge­rüs­tet sind, die kom­plett im­por­tiert wer­den.

Die Hälf­te der Kun­den im Pre­mi­um­shop will elek­tro­nisch

Be­kannt ist: Die Schweiz ist be­züg­lich elek­tro­ni­scher Schal­tung ein Vor­zei­ge­markt, weil die­se nur an teu­ren Renn­ve­los ver­baut wird – und in der Schweiz wer­den über­pro­por­tio­nal vie­le die­ser Ve­los ver­kauft. «Un­ter 5000 Fran­ken kriegt man im Fach­han­del kein elek­tro­nisch ge­schal­te­tes Ve­lo», sagt Da­ni Bürg­ler vom Cy­cle Shop Zürich. Sein Ge­schäft ist im Pre­mi­um­be­reich po­si­tio­niert, die Hälf­te der Renn­ve­los wird mit elek­tro­ni­scher Schal­tung ver­kauft.

Bei Pe­ti Fon­ta­na vom Ba­ckyard in Zürich ist die Si­tua­ti­on an­ders: «Ei­ne elek­tro­ni­sche Schal­tung wünscht sich der­je­ni­ge Kun­de, der sich vor­ab in­for­miert hat. Wenn sich ei­ner von Grund auf bei uns be­ra­ten lässt, ent­schei­det er sich sel­ten da­für.» Bei ihm wür­den zehn Pro­zent al­ler ver­kauf­ten Renn­ve­los elek­tro­nisch schal­ten, schätzt er.

Dass hier stets von Renn­ve­los die Re­de ist, hat sei­nen Grund: Im Moun­tain­bike-be­reich gibt es zwar eben­falls die elek­tro­ni­sche Op­ti­on. Aber der­zeit erst bei Shi­ma­no – wo der Markt­lea­der da­mit ei­nen ein­stel­li­gen Markt­an­teil auf­weist. Sram hat ei­nen Pro­to­typ am Start – und Ni­no Schur­ter als Test­pi­lo­ten. Al­le an­de­ren schal­ten me­cha­nisch, auch weil die Bi­ker im­mer mehr auf ein zwei­tes Ket­ten­blatt ver­zich­ten und der Um­wer­fer da­mit über­flüs­sig wird.

Doch was macht die elek­tro­ni­sche Schal­tung aus, ab­ge­se­hen vom «Bzzz», wel­ches das «Klick» er­setzt hat? Der Um­wer­fer, der zwi­schen den Ket­ten­blät­tern hin- und her­schal­tet, wie auch der Wechs­ler ar­bei­ten nicht mehr durch den Zug des Schalt­ka­bels, son­dern mit enorm klei­nen Motör­chen. Sie wer­den mit­tels dün­ner Elek­tro­nik­ka­bel an­ge­steu­ert. Op­tisch ist kaum ein Un­ter­schied zur me­cha­ni­schen Schal­tung fest­stell­bar.

War­um al­so der Elek­tro­nik den Vor­zug ge­ben? «Das ist ein Schal­ten auf ei­nem an­de­ren Le­vel. Du brauchst kei­nen He­bel mehr her­um­zu­drü­cken, tippst ihn nur an. Die Schal­tung re­agiert viel schnel­ler, viel ge­nau­er und fei­ner. Und wenn sie mal ein­ge­stellt ist, bleibt sie auch so. Bei der me­cha­ni­schen muss­test du im­mer mal wie­der et­was nach­stel­len», sagt Rad­pro­fi Re­to Hol­len­stein.

Der Thur­gau­er muss es wis­sen: Er fuhr in sei­ner Kar­rie­re mit prak­tisch al­len Schalt­grup­pen, ak­tu­ell mit Sram, das die­se Sai­son auf World­tour-ebe­ne ein­zig Hol­len­steins Team Kat­ju­s­cha aus­rüs­te­te. Ge­ne­rell zeigt sich bei den Pro­fis die Ve­rän­de­rung: Hier fah­ren al­le elek­tro­nisch. Fa­bi­an Can­cel­la­ra war bis zu sei­nem Rück­tritt En­de 2016 ei­ner der Letz­ten, der sich der Elek­tro­nik ver­wei­ger­te, aus Angst vor Pan­nen, ge­ra­de auf dem rüt­teln­den Kopf­steinpf las­ter. Mitt­ler­wei­le hat auch er um­ge­schwenkt.

Wäh­rend Shi­ma­no und Cam­pa­gno­lo die me­cha­ni­schen He­bel durch elek­tro­ni­sche er­setz­ten, dach­te Sram, das 2016 sei­ne Grup­pe Etap vor­leg­te, das The­ma neu: Schalt­he­bel und -werk kom­mu­ni­zie­ren ka­bel­los. Das macht Spass: Ei­ner­seits ge­winnt das Ve­lo noch ein­mal an Äs­t­he­tik, weil kei­ne Schalt­ka­bel mehr nö­tig sind. Zu­dem er­sann Sram ei­ne neue Schalt­lo­gik: Je ein Knopf pro Brems­he­bel reicht: Mit ei­nem Klick rechts schal­tet der Wechs­ler ei­nen Gang hoch, links ei­nen run­ter. Wer­den bei­de He­bel ge­drückt, wird das Ket­ten­blatt ge­wech­selt.

Sram ist in­tui­tiv, Shi­ma­no noch ein biss­chen prä­zi­ser

Das hört sich ir­ri­tie­rend an für Fah­rer, die sich zwei Knöp­fe pro Schalt­werk ge­wohnt sind, wird aber rasch in­tui­tiv. Mehr noch: Wer sich auf die Ein­fach­heit ein­ge­las­sen hat, ist beim Wech­sel zu­rück zur eta­blier­ten Schalt­lo­gik fast über­for­dert von den vier Knöp­fen. Er staunt aber auch, dass die Ja­pa­ner die Schalt­vor­gän­ge eben doch noch ein biss­chen prä­zi­ser hin­krie­gen. Un­ab­hän­gig vom Her­stel­ler gilt je­doch: Wer die elek­tro­ni­sche Schal­tung ein­mal er­lebt hat, wech­selt kaum mehr zur me­cha­ni­schen zu­rück.

Es sei denn, er plant ei­ne Tour über meh­re­re 1000 Ki­lo­me­ter. Da kom­men die elek­tro­ni­schen Grup­pen an ih­re Gren­zen. Bei Sram be­trägt die Reich­wei­te rund 1500 Ki­lo­me­ter – weil die klei­nen Ak­kus di­rekt an den Schalt­wer­ken be­fes­tigt sind. Ei­ne Di2 von Shi­ma­no wie die EPS von Cam­pa­gno­lo da­ge­gen rol­len dank der in der Sat­tel­stüt­ze ver­senk­ten Bat­te­rie rund 2000 Ki­lo­me­ter – was bei ei­ni­gen Hob­by­fah­rern wie­der­um fast für ei­ne gan­ze Sai­son reicht.

Fo­to: Get­ty

Die Pro­fis schwö­ren auf die elek­tro­ni­sche Schal­tung

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