Die Reichs­ten zie­hen da­von

Die ver­mö­gends­ten Schwei­zer wer­den im­mer rei­cher. Trotz­dem hat die Un­gleich­heit im Land kaum zu­ge­nom­men

SonntagsZeitung - - WIRT HAFT - Mar­kus Diem Mei­er

2012 ver­füg­te die Fa­mi­lie Kam­prad noch über ein Ver­mö­gen von 38 Mil­li­ar­den Fran­ken – 2017 wa­ren es schon 48 Mil­li­ar­den Fran­ken. Ein be­ein­dru­cken­des Plus in­nert kur­zer Zeit. Der im letz­ten Ja­nu­ar ver­stor­be­ne Schwe­de Ing­var Kam­prad hat die Mö­bel­ket­te Ikea be­grün­det und leb­te lan­ge in der Schweiz. Sei­ne drei Söh­ne Pe­ter, Jo­nas und Ma­thi­as ha­ben die hie­si­ge Staats­bür­ger­schaft. Die Fa­mi­lie führt seit Jah­ren das Ran­king der Reichs­ten des Wirt­schafts­ma­ga­zins «Bi­lanz» an.

Die Kam­prads sind nicht die Ein­zi­gen, die in jüngs­ter Zeit ihr Ver­mö­gen kräf­tig zu stei­gern ver­moch­ten. Von 3 Mil­li­ar­den 2012 auf 11 Mil­li­ar­den 2017 konn­te die Fa­mi­lie von Svp-über­va­ter Chris­toph Blo­cher ihr Ver­mö­gen so­gar fast ver­vier­fa­chen. Im lau­fen­den Jahr dürf­te sich das Ver­mö­gen des Clans al­ler­dings wie­der et­was re­du­ziert ha­ben. Denn der Ak­ti­en­kurs der Fir­ma Dot­ti­kon von Sohn Mar­kus Blo­cher ist um mehr als ein Drit­tel ein­ge­bro­chen, je­ner der Ems-che­mie von Mag­da­le­na Mar­tul­lo-blo­cher um 15 Pro­zent. Den­noch: Die in der «Bi­lanz» auf­ge­führ­ten Reichs­ten der Schweiz hiel­ten ih­re Stel­lung in den letz­ten Jah­ren, und die meis­ten konn­ten ih­re Ver­mö­gen stark ver­meh­ren. Das­sel­be gilt für die Al­ler­reichs­ten welt­weit.

Ge­mäss dem jüngs­ten «Bil­lio­nai­res Re­port» der Gross­bank UBS und des Be­ra­ters PWC ver­moch­ten die Mil­li­ar­dä­re in­ter­na­tio­nal ihr Ver­mö­gen letz­tes Jahr um 1,4 Bil­lio­nen Dol­lar zu stei­gern. Und da­mit so stark wie in kei­nem Jahr bis­her. Sie be­sit­zen heu­te fast ein Fünf­tel mehr als noch im Vor­jahr. Den glei­chen pro­zen­tua­len Zu­wachs ver­zeich­ne­ten laut der Stu­die auch die Mil­li­ar­dä­re in der Schweiz.

Die Kon­kur­ren­tin Cre­dit Suis­se (CS) be­stä­tigt in ih­rer jüngst er­schie­ne­nen, weit um­fas­sen­de­ren glo­ba­len Wohl­stands­stu­die («Glo­bal We­alth Re­port») den Trend. Welt­weit sind dem­nach die Ver­mö­gen letz­tes Jahr um 4,6 Pro­zent auf 317 Bil­lio­nen Dol­lar an­ge­stie­gen. Auch die Un­ter­su­chung der CS zeigt: Vor al­lem die Reichs­ten der Rei­chen ha­ben pro­fi­tiert. Welt­weit be­sitzt das reichs­te Pro­zent der Be­völ­ke­rung mit 47 Pro­zent fast die Hälf­te al­ler Ver­mö­gen. Und hier nimmt die Schweiz ei­nen welt­wei­ten Spit­zen­rang in Sa­chen Un­gleich­heit ein. 2560 Per­so­nen ver­fü­gen hier­zu­lan­de über ein Ver­mö­gen von mehr als 50 Mil­lio­nen Dol­lar. 980 Per­so­nen ha­ben so­gar mehr als 100 Mil­lio­nen Dol­lar.

Wie die Öko­no­men Re­to Föll­mi und Isa­bel Mar­tí­nez von der Uni­ver­si­tät St. Gal­len zei­gen, hat das reichs­te Pro­zent der Schwei­zer Be­völ­ke­rung – an­ders als je­nes in an­de­ren In­dus­trie­län­dern – selbst über die Welt­krie­ge und die in­ter­na­tio­na­len Wirt­schafts­kri­sen hin­weg kaum Ein­bus­sen hin­neh­men müs­sen. Die For­scher er­klä­ren das mit der po­li­ti­schen Sta­bi­li­tät des Lan­des. Zwi­schen 2000 und 2010 konn­ten auch in der Schweiz die Al­ler­reichs­ten, näm­lich das reichs­te Tau­sends­tel der Be­völ­ke­rung,

deut­lich zu­le­gen. Sie be­sit­zen heu­te ei­nen his­to­ri­schen Höchstan­teil von mehr als 20 Pro­zent an den Ge­samt­ver­mö­gen. Nicht be­rück­sich­tigt sind in die­ser Be­trach­tung al­ler­dings die Gut­ha­ben der Be­völ­ke­rung aus der Pen­si­ons­kas­se und der drit­ten Säu­le.

Der gröss­te Teil der Ver­mö­gen in der Schweiz ver­dankt sich der Ver­er­bung. Laut der Stu­die der UBS zu den Dol­l­ar­mil­li­ar­dä­ren sind es 56 Pro­zent. Der wah­re An­teil dürf­te noch hö­her sein. Denn vie­le sind zwar als Un­ter­neh­mer tä­tig und be­zie­hen dar­über auch Ein­kom­men und Ver­mö­gen. Doch ihr Un­ter­neh­mer­da­sein ver­dan­ken sie viel­fach ver­erb­tem Ka­pi­tal. Das Pro­blem der ex­tre­men Ver­mö­gens­kon­zen­tra­ti­on in den Hän­den ei­ner sich kaum än­dern­den Spit­ze ist der da­mit ver­bun­de­ne Ein­fluss. «Weil Ver­mö­gen Macht mit sich brin­gen, ze­men­tie­ren ver­erb­te Ver­mö­gen die­se Macht. Das ist ge­sell­schafts­po­li­tisch pro­ble­ma­tisch», hält da­zu die Öko­no­min und Un­gleich­heits­for­sche­rin Mar­tí­nez fest.

Deut­lich we­ni­ger un­gleich als die Ver­mö­gen sind in der Schweiz die Ein­kom­men ver­teilt. «Beim Aus­mass der Un­gleich­heit be­fin­det sich die Schweiz eher im Mit­tel­feld. Sie hat ei­ne ge­rin­ge­re Un­gleich­heit als et­wa die USA, aber ei­ne grös­se­re als zum Bei­spiel das sehr ega­li­tä­re Nor­we­gen», er­klärt Mar­tí­nez. Doch wie bei den Ver­mö­gen ha­ben auch bei den Ein­kom­men die Al­ler­reichs­ten am meis­ten zu­ge­legt, wie die Öko­no­min in ei­ner Stu­die letz­tes Jahr fest­stell­te. Be­son­ders aus­ge­prägt ist der An­stieg bei den 450 reichs­ten Steu­er­zah­len­den der Schweiz. In den frü­hen Neun­zi­ger­jah­ren lag ihr An­teil an den Ge­samt­ein­kom­men noch bei ei­nem Pro­zent, in­nert 20 Jah­ren stieg er auf das Dop­pel­te.

Von ganz oben nach ganz un­ten stür­zen we­ni­ge ab

Und wie steht es um die Chan­ce, per Ein­kom­mens­an­stieg von ganz un­ten an die Spit­ze zu ge­lan­gen? Wie Föll­mi und Mar­tí­nez er­rech­ne­ten, ist die Wahr­schein­lich­keit gleich hoch, wie von ganz oben nach ganz un­ten zu fal­len. Sie be­trägt le­dig­lich 3 Pro­zent. In der Mit­te der Ein­kom­mens­ver­tei­lung sind die Chan­cen ei­nes Auf­stiegs deut­lich grös­ser – aber auch die ei­nes Ab­stiegs.

Trotz dem deut­li­chen Zu­ge­winn der Al­ler­reichs­ten hat aber die Un­gleich­heit in der Schweiz ins­ge­samt nur we­nig zu­ge­nom­men. Ein Grund da­für ist, dass in der Schweiz seit Mit­te der 1990er­jah­re auch die Ein­kom­men am un­te­ren En­de zu­le­gen konn­ten. Laut dem Ge­werk­schafts­bund sind die tie­fen Löh­ne seit 1996 preis­be­rei­nigt um 20 Pro­zent ge­stie­gen, die mitt­le­ren um 16 Pro­zent.

Un­gleich­heit wer­de eher ak­zep­tiert, wenn es al­len Leu­ten gut ge­he, sagt Mar­tí­nez. «Das än­dert sich aber, wenn im­mer mehr Leu­te zu we­nig ver­die­nen, um stei­gen­de not­wen­di­ge Aus­ga­ben wie für das Woh­nen und die Ge­sund­heit zu fi­nan­zie­ren.»

Fo­tos: Reu­ters; Keystone (2); Get­ty (4) Die acht reichs­ten Schwei­zer, die be­reits seit 2012 im Ran­king der «Bi­lanz» ver­tre­ten sind.

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