Fred Var­gas

Bei ihr sind Frau­en Op­fer und Tä­te­rin­nen

SonntagsZeitung - - KULTUR - Lothar Mül­ler Fred Var­gas: «Der Zorn der Ein­sied­le­rin». Aus dem Fran­zö­si­schen von Wal­traud Schwar­ze. Li­mes, 512 S., ca. 33 Fr.

In Kri­mi­nal­ro­ma­nen herrscht oft ein ziem­li­ches Ge­drän­ge von Zei­chen, die ge­deu­tet, von Spu­ren, die ent­zif­fert, Schlüs­sen, die ge­zo­gen wer­den wol­len – und fal­schen Fähr­ten, auf die der Le­ser ge­lockt wer­den soll. Manch­mal geis­tern zu­sätz­lich noch ir­gend­wel­che Haus­ge­spens­ter her­um. Es kann ja in ei­nem Kri­mi kein Er­mitt­ler ei­ne Lu­pe aus der Schub­la­de zie­hen, oh­ne dass an der Wand hin­ter ihm der Schat­ten von Sher­lock Hol­mes auf­taucht.

In «Der Zorn der Ein­sied­le­rin», dem neu­en Ro­man der fran­zö­si­schen Schrift­stel­le­rin Fred Var­gas, zieht Kom­mis­sar Adams­berg aus der Schub­la­de sei­nes über­vol­len, wir dür­fen an­neh­men: sehr un­auf­ge­räum­ten Schreib­ti­sches ei­ne Lu­pe und be­trach­tet den Rü­cken ei­ner Spin­ne, in der sein Kol­le­ge Voi­sen­et, Ex­per­te für al­les, was dem Tier­reich ent­stammt, so­gleich ei­ne Ein­sied­ler­spin­ne er­kennt. Wir kom­men auf die Spin­ne gleich zu­rück, be­trach­ten aber zu­vor Je­an-bap­tis­te Adams­berg, der in sei­nem No­tiz­buch blät­tert, weil er den Fach­be­griff schon wie­der ver­ges­sen hat: «Ce­pha­lo­tho­rax. Sehr gut. Konn­te man doch gleich Rü­cken sa­gen.»

Ein Kopf wie ein un­auf­ge­räum­ter Schreib­tisch

Dies ist der zehn­te Ro­man mit Je­an­bap­tis­te Adams­berg, der aus ei­nem klei­nen Ort in den Py­re­nä­en stammt und es bis zum Chef im De­zer­nat für Ge­walt­ver­bre­chen der Pa­ri­ser Po­li­zei ge­bracht hat. Die Lu­pe hat ihm sei­ne Au­to­rin nur zum Scherz in die Hand ge­legt. Denn in dem Kopf, der zu die­ser Hand ge­hört, geht es zu wie auf dem un­auf­ge­räum­ten Schreib­tisch. Er ist in der La­ge, ei­ne Fül­le von De­tails auf­zu­neh­men, aber die mes­ser­schar­fe Lo­gik, mit der Sher­lock Hol­mes agier­te, gibt es da­rin so we­nig wie die Sou­ve­rä­ni­tät, mit der er über das Ex­per­ten­wis­sen sei­ner Zeit ver­füg­te. Die Er­mitt­lungs­er­fol­ge, de­nen er sei­ne Kar­rie­re ver­dankt, ent­sprin­gen dem schwer be­stimm­ba­ren Or­gan, mit dem er die Wit­te­rung ei­nes Fal­les auf­nimmt.

Adams­berg ver­beisst sich in sei­ne Fäl­le, und wer ihn aus der Po­si­ti­on ei­nes lu­pen­rei­nen Ra­tio­na­lis­mus be­trach­tet, dem muss er wie ein Schlaf­wand­ler vor­kom­men oder je­mand, der im Ne­bel sto­chert. In­spek­tor Dang­lard, Mit­glied sei­ner Bri­ga­de, ist lu­pen­rei­ner Ra­tio­na­list mit fest­plat­ten­haf­tem Ge­dächt­nis und en­zy­klo­pä­di­schem Wis­sen.

Frédé­ri­que Au­do­in-rou­zeau, die den Au­to­ren­na­men Fred Var­gas ge­wählt hat, hat Dang­lard ei­gens er­fun­den, da­mit Je­an-bap­tis­te Adams­berg, der Mann aus der Pro­vinz, nicht ganz Herr in sei­nem Kom­mis­sa­ri­at ist. Als Adams­berg die Ein­sied­ler­spin­ne aus der Schach­tel nimmt, ist noch vie­les un­klar, nicht zu­letzt die Fra­ge, ob es über­haupt ei­nen Fall gibt. Gut, es sind in der Pro­vinz, in der Nä­he von Nî­mes, ei­ni­ge Leu­te zum Op­fer von Spin­nen­bis­sen ge­wor­den, im Netz ko­chen Theo­ri­en über die Mu­ta­ti­on in Zei­ten des Kli­ma­wan­dels hoch, die Spin­nen und ih­re Gif­te hor­ror­film­taug­lich wer­den las­sen, aber sei­ne Bri­ga­de ist skep­tisch, als Kom­mis­sar Adams­berg die Wit­te­rung ei­ner Mord­se­rie auf­nimmt, und Dang­lard ist das Zen­trum die­ser Skep­sis.

Aus der Ver­gan­gen­heit steigt Gif­ti­ges auf

Aber Wi­der­stän­de sind gut für ei­ne Fi­gur wie Adams­berg, denn er ist ein stu­rer Hund. Zu viel Wis­sen wür­de ihn ab­len­ken und die In­tui­ti­on ver­dun­keln, der er folgt. Sie führt ihn, wie so oft, in Wel­ten des Aber­glau­bens und der Ge­rüch­te, in ei­ne Ver­gan­gen­heit, aus der Gif­ti­ges auf­steigt. Adams­berg stösst auf al­te Men­schen, in de­nen die Kin­der und Ju­gend­li­chen noch le­ben­dig sind, die sie einst wa­ren, auf ei­ne Ban­de von Jun­gen, die in ei­nem Wai­sen­haus in der Nä­he von Nî­mes mit­hil­fe von Gift­spin­nen ihr Un­we­sen trieb. Und er stösst auf die Dop­pelb­e­deu­tung des Wor­tes «la re­clu­se», das nicht nur mit der Ein­sied­ler­spin­ne ver­bun­den ist, son­dern auch mit der bis ins Mit­tel­al­ter zu­rück­rei­chen­den Tra­di­ti­on der Frau­en, die sich in die voll­kom­me­ne, um­mau­er­te Ein­sam­keit zu­rück­zie­hen.

Je mehr sich die Se­rie von To­des­fäl­len als Mord­se­rie ent­puppt, des­to un­auf halt­sa­mer zieht sie Adams­berg wie sei­nen Wi­der­part Dang­lard in sich hin­ein. Der ei­ne ist durch ei­ne Kind­heits­er­in­ne­rung, der an­de­re ver­wandt­schaft­lich mit dem Fall ver­bun­den. Ihr Feu­er­werk an sub­ti­len Mord­tech­ni­ken, bio­lo­gi­scher Ex­per­ti­se zu Gift­do­sie­run­gen, Na­mens­än­de­run­gen und bio­gra­fi­schen Ex­plo­siv­stof­fen aber brennt Fred Var­gas nur ab, um ei­ne sehr ele­men­ta­re Ver­bre­chens­res­sour­ce dem Licht ih­res Kri­mi­nal­ro­mans aus­zu­set­zen: die Ge­walt ge­gen Frau­en. Sie ver­bin­det in die­sem Fall Ver­gan­gen­heit und Ge­gen­wart, bringt die Tä­ter und die Op­fer her­vor und Frau­en­fi­gu­ren, de­nen zu­zu­trau­en ist, dass sie auf bei­den Sei­ten ei­ne Schlüs­sel­rol­le spie­len. Die Spin­ne im Zen­trum die­ses Ro­mans aber ist kein Mon­strum, son­dern ei­ne sehr klu­ge Au­to­rin, die ih­re Net­ze zum Zweck der Men­schen­er­kun­dung webt.

Fo­to: AFP

Die Ge­walt ge­gen Frau­en als zen­tra­les The­ma: Au­to­rin Fred Var­gas, 61

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