Acht­jäh­ri­ger soll neus­tes Op­fer sein

Ge­gen Wil­li­am W. wird er­neut we­gen ei­nem Se­xu­al­de­likt er­mit­telt. Er ver­ging sich be­reits an sechs Kin­dern

SonntagsZeitung - - SCHWEIZ - * Na­men be­kannt

Wil­li­am W.* lä­chelt char­mant in die Ka­me­ra. Auf Face­book zeigt er sich in ei­ner Kon­zert­hal­le oder mit nack­tem Ober­kör­per beim Trai­ning. Der ge­bür­ti­ge Ko­lum­bia­ner ge­niesst ein Le­ben in Frei­heit. Ob­wohl er we­gen Se­xu­al­de­lik­ten mit sechs Kin­dern ver­ur­teilt ist.

Jetzt könn­te ein sieb­tes Op­fer da­zu­ge­kom­men sein. «Es wur­de ei­ne Straf­un­ter­su­chung we­gen se­xu­el­ler Hand­lun­gen mit ei­nem Kind er­öff­net», sagt der So­lo­thur­ner Ober­staats­an­walt Hans­jürg Brod­beck. «Es geht im We­sent­li­chen um die Ab­klä­rung, ob der Be­schul­dig­te ei­nem acht­jäh­ri­gen Kn­a­ben in die Ho­se ge­grif­fen und ihn am Glied be­rührt hat.» Die Po­li­zei ver­haf­te­te W. am Mon­tag im Ol­te­ner Re­stau­rant Klein­holz, wie Tele M1 be­rich­te­te. Er konn­te dort als Wirt ar­bei­ten. Was nicht nach­voll­zieh­bar ist, wenn man sei­ne Vor­ge­schich­te kennt.

Op­fer Se­li­na: «Im­mer ge­ahnt, dass er wie­der zu­schlägt»

Im Mai 1999 ver­ur­teil­te das Ge­richt in Aarau den Mann we­gen se­xu­el­ler Hand­lun­gen mit fünf Kin­dern. Sein jüngs­tes Op­fer war noch im Vor­schul­al­ter, zwei von ih­nen hat­te er ge­schän­det. Der Tä­ter er­hielt ei­ne be­ding­te Zucht­haus­stra­fe von 18 Mo­na­ten so­wie ei­ne am­bu­lan­te The­ra­pie.

2006 schlug W. er­neut zu. In Starr­kirch SO sprach er Se­li­na an, die ge­ra­de auf ei­nem Tram­po­lin im Gar­ten spiel­te. Er lock­te sie in ei­ne na­he Bau­ba­ra­cke und ver­ging sich dort über meh­re­re Stun­den schwer an der Acht­jäh­ri­gen.

Sie lei­det noch heu­te. Ver­sucht, die Tat mit ei­ner wö­chent­li­chen The­ra­pie zu ver­ar­bei­ten. Jetzt, da W. er­neut fest­ge­nom­men wur­de, kom­men al­le Bil­der wie­der hoch. «Als ich hör­te, dass er schon wie­der ein Kind miss­braucht ha­ben soll, bin ich er­schro­cken», sagt Se­li­na. «Ich ha­be im­mer ge­ahnt, dass er wie­der zu­schlägt.» Sie sei ent­täuscht von den Jus­tiz­be­hör­den. «Gut­ach­ter ha­ben noch da­vor ge­warnt, dass bei ihm ein Rück­fall­ri­si­ko be­steht.»

Für den Miss­brauch an Se­li­na wur­de W. zu fünf Jah­ren Frei­heits­ent­zug und ei­ne The­ra­pie ver­ur­teilt. Nur ver­wei­ger­te er die­se kon­se­quent. Nach 239 Ein­zel­sit­zun­gen hielt ein Gut­ach­ter fest, er sei mit dem Pa­ti­en­ten «kei­nen Zen­ti­me­ter» wei­ter­ge­kom­men. Und at­tes­tier­te tat­säch­lich ei­ne «mit­tel­gra­dig bis ho­he Wahr­schein­lich­keit», dass der Mann er­neut Se­xu­al­de­lik­te be­geht. Folg­lich stell­te das So­lo­thur­ner Amt für Jus­tiz­voll­zug ei­nen An­trag auf nach­träg­li­che Ver­wah­rung. Vor ei­nem Jahr hät­te die ent­spre­chen­de Ver­hand­lung statt­fin­den sol­len. Doch die­se platz­te – aus for­mal­ju­ris­ti­schen Grün­den: «Die nach­träg­li­che An­ord­nung ei­ner Ver­wah­rung ist ge­mäss Bun­des­ge­richt erst zu­läs­sig, wenn ei­ne vor­gän­gig an­ge­ord­ne­te the­ra­peu­ti­sche Be­hand­lung rechts­kräf­tig auf­ge­ho­ben wur­de», sagt Brod­beck. Dies sei aber bis heu­te nicht ge­sche­hen. Al­so wur­de der Tä­ter nicht ver­wahrt. Spä­ter erstritt er sich gar ei­ne Ent­schä­di­gung von 52 100 Fran­ken, weil sein Frei­heits­ent­zug zu lan­ge ge­dau­ert hat­te.

Bis auf ei­ne Fuss­fes­sel war W. En­de 2016 frei. Se­li­na hat­te Angst. Mit ih­rer An­wäl­tin frag­te sie die Be­hör­den an, wo sich ihr Pei­ni­ger auf­hält. Sie er­hielt kei­ne Aus­kunft.

Tä­ter leb­te vier Ki­lo­me­ter von frü­he­rem Op­fer ent­fernt

Re­cher­chen zei­gen: Nach der Ent­las­sung aus dem Ge­fäng­nis leb­te W. im Wohn­heim Beth­le­hem in Wan­gen bei Ol­ten. Dort gibt man auf An­fra­ge kei­ne Aus­kunft. «Un­ser Kon­zept Wohn­grup­pe ist ein An­ge­bot für Per­so­nen, die in ei­ner be­treu­ten Wohn­form le­ben und den nächs­ten Schritt in die Selbst­stän­dig­keit be­ge­hen wol­len», heisst es auf der Web­site.

Die of­fe­ne Über­bau­ung liegt ge­ra­de ein­mal vier Ki­lo­me­ter vom Ort ent­fernt, an wel­chem sich W. grau­sam an Se­li­na ver­gan­gen hat­te. Dort, wo sie noch kürz­lich leb­te. «Die gan­ze Zeit hat er in der Re­gi­on ge­wohnt, di­rekt vor mei­ner Na­se», sagt die mitt­ler­wei­le 20-Jäh­ri­ge. «Das hat doch mit Op­fer­schutz nichts mehr zu tun.»

Auch Ruth S.* ist ent­setzt. «Es ist ei­ne Frech­heit, was hier pas­siert ist. W. hät­te nie mehr raus­kom­men dür­fen», sagt die Mut­ter von Se­li­na. Ih­re Ge­dan­ken sei­en bei den An­ge­hö­ri­gen des Bu­ben, der nun zum Op­fer ge­wor­den sein soll. Auch er mit acht Jah­ren, wie da­mals ih­re Toch­ter. «Ich weiss, was für ei­ne schwe­re Zeit die El­tern jetzt durch­ma­chen. Wenn sie Hil­fe brau­chen, kön­nen sie sich je­der­zeit bei mir mel­den.»

Der So­lo­thur­ner Jus­tiz­di­rek­tor Ro­land Fürst ist «sehr be­trof­fen von der Ent­wick­lung im vor­lie­gen­den Fall», wie er sagt. «Die Straf­ver­fol­gung muss al­les in ih­rer Macht Ste­hen­de da­für tun, die Ge­sell­schaft vor sol­chen Tä­tern zu schüt­zen.» Der Fall zei­ge die grund­sätz­li­chen Her­aus­for­de­run­gen der Zu­sam­men­ar­beit von Ge­richts-, Straf­ver­fol­gungs- und Straf­voll­zugs­be­hör­den auf. «Die­ses Re­gel­werk muss kri­tisch hin­ter­fragt und al­len­falls über­ar­bei­tet wer­den», sagt Fürst. Per­so­nel­le Kon­se­quen­zen schliesst er nach ak­tu­el­lem Kennt­nis­stand aus.

Ober­staats­an­walt Brod­beck sagt, man ha­be nun für W. Un­ter­su­chungs­haft be­an­tragt, un­ter an­de­rem we­gen Wie­der­ho­lungs­ge­fahr.

Fo­to: Pri­vat­ar­chiv

Ro­land Gamp und Nad­ja Pa­s­te­ga Der Tä­ter lock­te Se­li­na von die­sem Tram­po­lin weg und ver­ging sich schwer an ihr

Fo­to: zvg

Ge­niesst sei­ne Frei­heit: Wil­li­am W. po­siert auf Face­book

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