Nur Grie­chen be­zah­len Rech­nun­gen un­pünkt­li­cher

Beim eu­ro­päi­schen Schul­den-re­port schnei­det die Schweiz schlecht ab. Je­der zwei­te Be­frag­te be­gleicht For­de­run­gen nicht frist­ge­recht – vor al­lem Steu­ern blei­ben of­fen

SonntagsZeitung - - SCHWEIZ - Ro­land Gamp *Na­me ge­än­dert

An­na Mül­ler* emp­fing kei­ne Freun­de mehr bei sich zu Hau­se. «Die hät­ten ge­merkt, dass mein Kühl­schrank leer ist», sagt sie. «Oder dass sich über­all die Rech­nun­gen sta­peln.» Mit nie­man­dem sprach die Bas­le­rin über ihr Pro­blem. Sie ge­stand es sich auch selbst nicht ein. «Bis ich bei mei­ner ei­ge­nen Toch­ter Geld lei­hen muss­te, um Brot zu kau­fen.» Noch nie ha­be sie sich so ge­schämt, «ich fühl­te mich wert­los».

Die Kran­ken­schwes­ter hat­te ei­nen an­stän­di­gen Lohn, da­zu ei­ne Wit­wen­ren­te. «Trotz­dem gab ich zu viel aus. Ein Man­tel hier, ei­ne Rei­se da, ich konn­te nicht Nein sa­gen.» Es ging ge­ra­de­so gut. «Bis der Kan­ton 6000 Fran­ken ver­lang­te, was ich un­mög­lich zah­len konn­te.» Al­so mach­te An­na Mül­ler das, was Mil­lio­nen Schwei­zer tun: Sie igno­rier­te ih­re Steu­er­rech­nung.

Mor­gen ver­öf­fent­licht In­trum den neu­en Eu­ro­pean Con­su­mer Pay­ment Re­port. Rund 24 100 Er­wach­se­ne hat die In­kas­so-fir­ma in 24 eu­ro­päi­schen Län­dern be­fragt. Die Ant­wor­ten, wel­che die­ser Zei­tung be­reits vor­lie­gen, stel­len der Schweiz ei­ne mi­se­ra­ble Zah­lungs­mo­ral aus. 54 Pro­zent der Be­frag­ten ver­säum­ten im letz­ten Jahr ei­ne oder meh­re­re Rech­nun­gen.

Das er­gibt im in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich den zweit­letz­ten Rang. Nur in Grie­chen­land lag die­se Quo­te mit 66 Pro­zent tie­fer. Am bes­ten schnit­ten Est­land, Tsche­chi­en und die Slo­wa­kei ab, wo zwei Drit­tel der Be­frag­ten al­le For­de­run­gen recht­zei­tig be­gli­chen.

Am schlech­tes­ten fiel in der Schweiz das Re­sul­tat für Steu­ern aus. Nur 49 Pro­zent der Be­frag­ten be­gli­chen die­se frist­ge­recht – vor fünf Jah­ren wa­ren es 67 Pro­zent. «Steu­er­schul­den ma­chen bei uns nicht nur die meis­ten Fäl­le aus, son­dern auch die schwers­ten», sagt Sé­bas­ti­en Mer­cier, Ge­schäfts­füh­rer von Schul­den­be­ra­tung Schweiz. Er mag nicht von schlech­ter Mo­ral spre­chen. «Es geht in der Re­gel nicht um ei­ne freie Ent­schei­dung. Be­trof­fe­ne be­zah­len meist nicht, weil sie in ei­ner Kri­se ste­cken und schlicht das Geld fehlt.»

Kein ein­zi­ger Kan­ton will di­rek­ten Ab­zug vom Lohn

Mer­cier nennt Krank­heit, Schei­dung oder Stel­len­ver­lust als Bei­spie­le. «Am An­fang geht es um ei­ni­ge Tau­send Fran­ken. Aber die­se wach­sen schnell an.» Meist schäm­ten sich die Schuld­ner enorm, nur we­ni­ge wür­den Hil­fe an­for­dern. «Statt­des­sen lei­hen vie­le Geld bei Be­kann­ten oder neh­men ei­nen Kre­dit auf, um Schul­den zu be­glei­chen. Und ver­schlim­mern so ih­re Si­tua­ti­on.»

Schul­den­be­ra­tung Schweiz hat für die Sonn­tags­zei­tung 4706 Dos­siers von Per­so­nen aus­ge­wer­tet, die man im letz­ten Jahr be­treu­te. 77 Pro­zent von ih­nen hat­ten Steu­er­schul­den. Im Durch­schnitt wa­ren sie dem Fis­kus 25 648 Fran­ken schul­dig.

Das Pro­blem ist in Bern be­kannt. Vor ei­nem Mo­nat stell­te das Bun­des­amt für So­zi­al­ver­si­che­run­gen ei­ne Stu­die der Fach­hoch­schu­le Nord­west­schweiz vor mit dem Ti­tel «Ar­mut und Schul­den in der Schweiz». Häu­figs­ter An­lass für Zah­lungs­rück­stän­de sei­en die Steu­ern, heisst es dar­in. In­ter­na­tio­nal fal­le man in die­sem Be­reich ab, weil an­de­re Län­der ei­nen di­rek­ten Ab­zug vom Lohn ken­nen.

Es ha­be sich ge­zeigt, dass ei­ne sol­che Qu­el­len­steu­er den vie­len Haus­hal­ten, die in Schwie­rig­kei­ten ge­ra­ten, ef­fi­zi­ent hel­fen könn­te. Die Au­to­ren emp­feh­len, «die auf kan­to­na­ler Ebe­ne er­for­der­li­chen ge­setz­li­chen Grund­la­gen für ei­nen frei­wil­li­gen Di­rekt­ab­zug der Steu­ern vom Lohn zu schaf­fen».

Doch die Kan­to­ne win­ken ab. Auf An­fra­ge ge­ben sämt­li­che 26 Steu­er­ver­wal­tun­gen an, mo­men­tan sei der Di­rekt­ab­zug nicht mög­lich. Und ei­ne ge­setz­li­che Grund­la­ge da­für ste­he auch nicht zur De­bat­te. Ein­zig Ba­sel-stadt er­laubt Mit­ar­bei­tern der Ver­wal­tung ei­nen Ab­zug vom Lohn. Rund ein Vier­tel von ih­nen nutzt das An­ge­bot.

In den letz­ten zwei Jah­ren gab es zwar in Zü­rich, Bern, Lu­zern oder auch Glarus ent­spre­chen­de po­li­ti­sche Vor­stös­se. An­ge­nom­men wur­de aber kein ein­zi­ger. Vor al­lem mit der Be­grün­dung, ein neu­es Sys­tem mit Qu­el­len­steu­er wür­de für Ar­beit­ge­ber und die Ver­wal­tun­gen ad­mi­nis­tra­ti­ven Mehr­auf­wand be­deu­ten. Zu­dem wür­de den Bür­gern das Be­wusst­sein ver­lo­ren ge­hen, dass sie dem Staat Ab­ga­ben zah­len müs­sen.

So­zia­le Netz­wer­ke er­hö­hen Druck, sich zu über­neh­men

Nicht nur Steu­er­for­de­run­gen be­rap­pen Schwei­zer im Ver­zug. Laut dem eu­ro­päi­schen Schul­den-re­port zahl­ten letz­tes Jahr le­dig­lich 55 Pro­zent ih­re Arzt- und Zahn­arzt­rech­nun­gen frist­ge­recht. Im On­line- und Ver­sand­han­del oder bei Kre­dit­kar­ten­rech­nun­gen war die Quo­te fast gleich tief. Sie lag in je­nen Ka­te­go­ri­en auch deut­lich nied­ri­ger als vor fünf Jah­ren.

«Das In­ter­net ist si­cher ein Trei­ber da­für», sagt Da­nie­la Brun­ner, Un­ter­neh­mens­spre­che­rin von In­trum. «On­line ein­zu­kau­fen, ist un­ver­bind­lich. Man hat kei­nen Ver­käu­fer mehr vor sich wie in ei­nem La­den und fühlt sich da­durch nie­man­dem ver­pflich­tet.» Hin­zu kom­men ne­ga­ti­ve Aus­wir­kun­gen durch Face­book oder Ins­ta­gram: «31 Pro­zent der be­frag­ten Schwei­zer ga­ben an, dass sie we­gen so­zia­ler Netz­wer­ke Druck ver­spü­ren, mehr zu kon­su­mie­ren, als sie sich leis­ten kön­nen», sagt Brun­ner.

Wie tief Schwei­zer ins­ge­samt in der Krei­de ste­hen, ist nir­gends ge­nau be­zif­fert. Ei­ne ein­drück­li­che Sta­tis­tik führt aber der Ver­band Schwei­ze­ri­scher In­kas­so­treu­hand­in­sti­tu­te (VSI). Des­sen Mit­glie­der trie­ben im letz­ten Jahr 654 Mil­lio­nen Fran­ken ein. Ins­ge­samt be­ar­bei­te­ten sie gar of­fe­ne For­de­run­gen von 1,95 Mil­li­ar­den Fran­ken. «Und da sind kei­ne Kran­ken­kas­sen und Steu­er­ver­wal­tun­gen ein­ge­rech­net, wel­che ihr In­kas­so meist selbst ma­chen», sagt Pres­se­spre­cher Pa­trik Kneu­bühl.

Seit dem Jahr 2014 stie­gen die For­de­run­gen ge­mäss Ver­band um 20 Pro­zent. «Die Sen­si­bi­li­tät für Geld geht ganz grund­sätz­lich zu­rück. In der Kon­sum­ge­sell­schaft fragt man sich nicht mehr gross, ob man sich ein Pro­dukt leis­ten kann, son­dern greift ein­fach zu», stellt Kneu­bühl fest.

Ge­prellt wür­de die zah­len­de Kund­schaft. «Weil für sie am En­de die Prei­se stei­gen.» Der Vsi-spre­cher warnt vor ei­ner Kul­tur des Miss­trau­ens. «Es be­steht die Ge­fahr, dass mehr und mehr An­bie­ter nur noch ge­gen Vor­aus­zah­lun­gen et­was leis­ten.»

An­na hät­te sich das ge­wünscht. Statt­des­sen konn­te sie trotz ih­rer Schul­den wei­ter ein­kau­fen, so­gar ei­nen Kre­dit auf­neh­men. «Nie­mand hat gross Fra­gen ge­stellt», sagt die Bas­le­rin. «Es war zu leicht, das Geld zu er­hal­ten. Und zu schwer, es zu­rück­zu­ge­ben.» Im letz­ten Ju­ni mel­de­te sie Pri­vat­kon­kurs an, über 72 000 Fran­ken im Mi­nus.

Fo­to: istock­pho­to

Wenn die Steu­er­rech­nung kommt, ha­ben vie­le Kon­su­men­ten ein lee­res Porte­mon­naie. Der In­kas­so-ver­band kri­ti­siert: «Man fragt nicht mehr gross beim Ein­kau­fen, son­dern greift ein­fach zu»

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