Ta­ge­buch des ge­tö­te­ten Us-ame­ri­ka­ners ver­öf­fent­licht

SonntagsZeitung - - INTERNATIONAL - Ar­ne Per­ras

Der auf ei­ner in­di­schen In­sel von Ein­ge­bo­re­nen um­ge­brach­te John Al­len Chau war «zu mis­sio­na­ri­schen Zwe­cken» dort

Schon im in­di­schen Po­li­zei­be­richt zum To­des­fall des Us-ame­ri­ka­ners John Al­len Chau ist no­tiert, er sei «zu mis­sio­na­ri­schen Zwe­cken» nach North Sen­ti­nel Is­land auf­ge­bro­chen, je­ner In­sel im In­di­schen Oze­an, auf der das ab­ge­schot­te­te Volk der Sen­ti­nele­sen lebt. In­zwi­schen hat die Fa­mi­lie sei­ne letz­ten Auf­zeich­nun­gen der «Wa­shing­ton Post» über­las­sen, 13 hand­ge­schrie­be­ne Sei­ten, die der jun­ge Mann of­fen­bar bei Fi­schern liess, be­vor er in sei­nem Ka­jak auf den Strand zu­steu­er­te. Die Zei­len be­stä­ti­gen sein Mo­tiv.

Der jun­ge Ame­ri­ka­ner war be­ses­sen von der Idee, den Men­schen auf der In­sel die Bi­bel zu brin­gen. «Herr, ist die­se In­sel die letz­te Hoch­burg des Sa­tans, wo nie­mand Dei­nen Na­men ge­hört hat oder we­nigs­tens die Chan­ce hat­te, ihn zu hö­ren?» So zi­tiert das Blatt aus Chaus letz­ten Auf­zeich­nun­gen, die teils auch in in­di­schen Zei­tun­gen er­schie­nen.

Chau wuss­te, dass sei­ne Rei­se il­le­gal war. Er hat­te ein Tou­ris­ten­vi­sum, und die In­sel ist durch den Staat streng ge­setz­lich ab­ge­schot­tet, weil die Sen­ti­nele­sen als «un­kon­tak­tier­tes Volk» gel­ten. Für sie ist nichts ge­fähr­li­cher, als sich mit Kei­men der Aus­sen­welt an­zu­ste­cken, ge­gen die ih­nen die Im­mu­ni­tät fehlt. Gott selbst ha­be ihn ver­steckt vor der in­di­schen Küs­ten­wa­che und de­ren Pa­trouil­len, schreibt Chau. «Ihr Leu­te mögt vi­el­leicht den­ken, ich bin ver­rückt in all­dem, aber ich den­ke, es ist es wert, Je­sus zu ver­kün­den.»

Dann schreibt er an ei­ner Stel­le: «Ich ha­be Angst.» Doch die­se hielt ihn nicht zu­rück, und so starb er auf der In­sel. Of­fen­bar wa­ren je­ne, die ihm be­geg­ne­ten, nicht da­von über­zeugt, dass sie sich die­sen Mann zum Freund ma­chen soll­ten. Of­fen­bar un­ter­nahm Chau zwei Ver­su­che, Kon­takt auf­zu­neh­men mit An­ge­hö­ri­gen des Vol­kes am Strand. Der Po­li­zei­be­richt no­tiert, er ha­be ver­sucht, ih­re Gunst durch Ge­schen­ke zu ge­win­nen. «Ein klei­ner Fuss­ball, ein Spiel­ring, ei­ne Sche­re, ei­ne An­gel­schnur, Ver­bands­zeug.» Doch die Re­ak­tio­nen wa­ren feind­se­lig. Und schliess­lich starb Chau of­fen­bar im Pfeil­ha­gel. Schon frü­her ha­ben die Sen­ti­nele­sen Men­schen ge­tö­tet, die ih­rer In­sel zu na­he ka­men.

Über den All­tag und ih­re Le­bens­ge­wohn­hei­ten wis­sen die Eth­no­lo­gen sehr we­nig – auch sie er­hal­ten kei­nen Zu­gang zur In­sel. Es bleibt For­schern nicht viel mehr, als die we­ni­gen Be­ob­ach­tun­gen aus der Fer­ne aus­zu­wer­ten und his­to­ri­sche Be­rich­te über die kur­zen Be­su­che, die es ge­ge­ben hat. An­sons­ten liegt es na­he, aus den Ge­wohn­hei­ten be­nach­bar­ter Völ­ker Rück­schlüs­se auf den mög­li­chen All­tag der Sen­ti­nele­sen zu schlies­sen. Das al­ler­dings sind al­les an­de­re als ge­si­cher­te Er­kennt­nis­se. Im­mer­hin weiss man, dass sie als Jä­ger und Samm­ler le­ben und Spee­re und Pfeil und Bo­gen ein­set­zen, um sich Nah­rung zu be­schaf­fen – im dich­ten Wald und in den Koral­len­bän­ken rund um die In­sel. Aus­ser­dem be­sit­zen sie St­ein­äx­te als Werk­zeug. Der ge­naue Ur­sprung des Vol­kes ist nicht be­kannt, man nimmt an, dass es schon Zehn­tau­sen­de Jah­re in der Re­gi­on lebt. Nie­mand – aus­ser den Sen­ti­nele­sen selbst – hat je ih­re Spra­che er­lernt. Und so weiss die Aus­sen­welt nicht ein­mal, wie sich die­ses Volk, von dem vi­el­leicht noch 100 Men­schen le­ben, selbst nennt.

Starb im Pfeil­ha­gel: John Al­len Chau

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