Die Ner­ven­pro­be

SonntagsZeitung - - FOKUS -

«Wenn Pu­ber­tie­ren­de blöd tun – und sie kön­nen ziem­lich blöd tun –, kann es klug sein, wenn man sie mal für zwei Wo­chen aus­la­gert»: Hen­ri Gutt­mann Ein ver­win­kel­tes Haus, ge­gen­über vom Bahn­hof in Win­ter­thur. Hier hat Hen­ri Gutt­mann sei­ne psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Pra­xis. Ein Schreib­tisch, be­que­me Stüh­le um ei­nen klei­nen Tisch grup­piert. In die­sem Raum oh­ne Psy­cho-couch be­han­delt Gutt­mann seit 25 Jah­ren strei­ten­de Paa­re, ent­nerv­te El­tern und schwie­ri­ge Kin­der. Hen­ri Gutt­mann ab­sol­vier­te nach dem Di­plom in Psy­cho­lo­gie ei­ne Aus­bil­dung als Paar- und Fa­mi­li­en­the­ra­peut und im Be­reich kli­ni­sche Sexo­lo­gie. Ne­ben sei­ner the­ra­peu­ti­schen Tä­tig­keit führt Hen­ri Gutt­mann re­gel­mäs­sig Work­shops durch, so et­wa über die «Ner­ven­pro­be Pu­ber­tät», Patch­work-fa­mi­li­en und ver­wöhn­te Kin­der. Der 64-Jäh­ri­ge ist ver­wit­wet, Va­ter von zwei Töch­tern und lebt mit sei­ner Le­bens­part­ne­rin in Win­ter­thur.

Weil man sich or­dent­lich gez­offt hat?

Ja, Paa­re kom­men dann zu mir, weil sie sich tren­nen wol­len, an­de­re möch­ten an ih­rer Be­zie­hung ar­bei­ten oder ei­ne Be­zie­hungs­pau­se ma­chen. Wenn es ein Paar im All­tag eher schlecht, in den Fe­ri­en aber gut hat, ist das pro­gnos­tisch güns­tig. Das heisst näm­lich: Wenn sie viel Zeit mit­ein­an­der ver­brin­gen, geht es ih­nen gut. Im um­ge­kehr­ten Fall, wenn man sich in den Fe­ri­en auf die Ner­ven geht, ist ei­ne Tren­nung wahr­schein­li­cher.

Was, wenn Kin­der da sind?

Vi­el­leicht bin ich ein Bünz­li. Aber ich ha­be Mü­he, wenn dann je­mand schul­ter­zu­ckend sagt: «Schätz­li, für mich stimmt es nicht mehr, tschüss.» Man hat ei­nen päd­ago­gi­schen Auf­trag ent­ge­gen­ge­nom­men, die Kin­der bis ins Er­wach­se­nen­le­ben zu be­glei­ten. Ei­ne Fa­mi­lie mit Kin­dern ist bio­gra­fisch nicht be­lie­big wie­der­hol­bar. Sie ist ein wert­vol­les Gut. Mit Kin­dern hat man die ethi­sche Ver­pflich­tung, hin­zu­schau­en, was in der Be­zie­hung krumm­läuft.

Kin­der ha­ben heu­te ei­ne enor­me Be­deu­tung: El­tern mes­sen ih­ren ei­ge­nen Er­folg heu­te stär­ker am Er­folg ih­res

Nad­ja Pa­s­te­ga, Ka­rin Kof­ler (Text), Se­bas­ti­an Ma­gna­ni (Fo­tos)

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