Hen­ri Gutt­mann

SonntagsZeitung - - SONNTAGSGESPRÄCH - Und er­folg­reich. Ein Bei­spiel. Was pas­sier­te?

Nach­wuch­ses als frü­her. War­um ma­chen sie sich die­sen Druck?

Kin­der als Le­bens­ziel, das gab es vor 40 Jah­ren noch nicht. Wenn Sie mich fra­gen, was mir am meis­ten bei Schwei­zer Fa­mi­li­en auf­fällt: Die Kin­der ste­hen im Fo­kus. Es geht ganz viel Lie­be zu ih­nen, vom Va­ter, von der Mut­ter. Es gibt aber auch die Paa­re­be­ne. Sie wird oft ver­nach­läs­sigt, weil die Leu­te das Ge­fühl ha­ben, die Be­zie­hung lau­fe von al­lein. Es rei­che, wenn die Kin­der glück­lich sind. Ge­nau. Man muss aber auch in die Paar­be­zie­hung in­ves­tie­ren. Wenn man das mit dem Bild ei­nes klei­nen Feu­ers sym­bo­li­sie­ren will: Bei­de müs­sen im­mer wie­der Hölz­chen hin­le­gen, da­mit es auf der Paa­re­be­ne warm bleibt. Wenn man das nicht tut, wird es plötz­lich kalt. Wenn dann ein heis­ses «Öfe­li» vor­bei­spa­ziert, wird es ge­fähr­lich. Man hat schnell das Ge­fühl, dort sei es wär­mer.

Mit an­de­ren Wor­ten: Al­le En­er­gie fliesst zu den Kin­der.

Und die Paar­be­zie­hung wird ver­nach­läs­sigt. Es gibt ei­nen klu­gen Satz: «Es neh­men sehr we­ni­ge Kin­der Scha­den, wenn es die El­tern mit­ein­an­der mal lus­tig ha­ben.» Da­zu muss man Paar­in­seln pfle­gen. Das heisst, dass man ein­mal im Jahr oh­ne Kin­der in die Fe­ri­en geht. Das be­deu­tet aber auch, dass man Netz­wer­ke pfle­gen muss und gu­te Be­zie­hun­gen zu Got­te, Göt­ti und den Schwie­ger­el­tern braucht, da­mit man die Kin­der oh­ne Schuld­ge­füh­le dort ab­ge­ben kann.

Ge­hö­ren Sie auch zu den The­ra­peu­ten, die El­tern emp­feh­len, Sex in die Agen­da zu schrei­ben?

Es ist ein My­thos, dass in lang­jäh­ri­gen Be­zie­hun­gen Se­xua­li­tät spon­tan ent­steht. Das ist ein­fach nicht rea­lis­tisch. Mit Kin­dern ist vie­les von All­tags­kram über­la­gert, so­dass es klug sein kann, wenn man ei­nen Lie­bes­abend plant. Da gibt es ein paar wich­ti­ge Re­geln. Man muss zum Bei­spiel ab­ma­chen, wer die In­itia­ti­ve er­greift. Der­je­ni­ge ist dann ver­ant­wort­lich für die «Spe­cial Ef­fects». Wenn die Frau beim Sex AC/DC hö­ren will, muss sie da­für sor­gen, dass der Mp3­play­er so pro­gram­miert ist. Wenn er die grü­ne Bett­wä­sche will, muss er schau­en, dass die da ist.

Ro­man­tik stellt man sich eher et­was we­ni­ger durch­re­gu­liert vor.

Ich kann Ih­nen sa­gen: Für vie­le Paar ist das ei­ne Be­frei­ung!

Sie sa­gen: Al­les dreht sich heu­te um den Nach­wuchs. Wo stel­len Sie das vor al­lem fest: bei Aka­de­mi­kern?

Das geht durch al­le so­zia­len Schich­ten. Das zeigt, dass die El­tern ih­ren Le­bens­sinn dar­aus ho­len, wie es den Kin­dern geht. Die­se gan­ze Rat­ge­ber­li­te­ra­tur hat das noch ver­stärkt. Sie sagt den El­tern, dass sie ih­re Kin­der non­stop und mög­lichst früh för­dern müss­ten, mit Früh­chi­ne­sisch, Schach­kur­sen, Bal­lett und Ten­nis. Und dass sie un­ter gros­sem Druck ste­hen, dass sich ih­re Kin­der in ei­ner glo­ba­li­sier­ten Welt zu­recht­fin­den.

Was soll falsch dar­an sein, wenn El­tern ver­su­chen, mit ma­xi­ma­lem Ein­satz ihr Kind auf ei­ne Welt der be­grenz­ten Kar­rie­re­mög­lich­kei­ten vor­zu­be­rei­ten?

Dar­an ist grund­sätz­lich nichts falsch. Es führt aber da­zu, dass El­tern ihr Kind ver­wöh­nen. Das hat schon der Psy­cho­the­ra­peut Al­f­red Ad­ler vor über 100 Jah­ren her­aus­ge­fun­den: dass Ver­wöh­nung die Kin­der in der Ei­gen­in­itia­ti­ve schwächt.

Was ra­ten Sie?

Es braucht ein Ver­wöhn­stopp-pro­gramm. Da­zu ge­hört, dass El­tern überf lüs­si­ge Dienst­leis­tun­gen ab­bau­en. Ich hat­te in mei­ner Pra­xis ei­ne Mut­ter von 14-jäh­ri­gen Zwil­lin­gen. Ich ha­be sie ge­fragt, wie ihr Ta­ges­ab­lauf aus­sieht. Die­se Frau sag­te: «Ich we­cke die Kin­der um vier­tel nach sechs, dann ge­he ich in die Kü­che und strei­che ih­nen Nu­tel­la-bröt­chen.» – «Da­mit kön­nen Sie gleich auf­hö­ren», ha­be ich ihr ge­sagt. «Ab jetzt we­cken sich die Bu­ben sel­ber. Und Teen­ager kön­nen sich ih­re Bröt­chen sel­ber strei­chen.» Ih­re Söh­ne ha­ben das pro­blem­los ak­zep­tiert und ge­sagt, dass sie das mit dem Bröt­chen­strei­chen schon im­mer doof fan­den. El­tern er­brin­gen vie­le Dienst­leis­tun­gen, die ih­re Ziel­grup­pe gar nicht mehr will.

Ma­chen sie das auch aus Angst, For­de­run­gen zu stel­len und sich da­mit beim Kind un­be­liebt zu ma­chen?

Das ist lei­der so. Aber An­for­de­run­gen zu stel­len, ist ein wich­ti­ger Grund­satz ge­gen das Ver­wöh­nen. Man muss sich dann auch über­le­gen, wel­che Kon­se­quen­zen es hat, wenn das Kind das Auf­ge­tra­ge­ne nicht macht.

Und in Kauf neh­men, dass das Kind fin­det, es ha­be die blö­des­ten El­tern der Welt.

Ja, sonst pas­siert das, was mir kürz­lich ei­ne Leh­re­rin er­zähl­te: Sie hat­te ih­re Schü­ler auf­ge­for­dert, dass al­le das Ar­beits­blatt nach vor­ne brin­gen. Ei­ne Neun­jäh­ri­ge in der Klas­se sag­te: «Du kannst es ja bei mir ho­len, du hast gleich weit.»

Bei klei­nen Kin­dern ist es ein­fach, Kon­se­quen­zen zu zie­hen. Bei Te­enagern hat man we­ni­ger Druck­mit­tel.

Wenn Pu­ber­tie­ren­de über län­ge­re Zeit blöd tun – und sie kön­nen ziem­lich blöd tun –, kann es klug sein, wenn man sie mal für zwei Wo­chen aus­la­gert.

Wo­hin denn? Zur Oma?

Ei­nen sol­chen Fall hat­te ich schon.

Die wird sich be­dankt ha­ben.

Es gibt auch an­de­re Mög­lich­kei­ten. Ein Bei­spiel: Ein 14-jäh­ri­ger Bub trieb sei­ne El­tern fast in den Wahn­sinn. Die Mut­ter war Leh­re­rin, der Va­ter So­zi­al­ar­bei­ter. Ich ha­be ih­nen ge­sagt: «Wir la­gern den mal für zwei Wo­chen aus.» Die Fa­mi­lie hat­te Nach­barn mit drei­jäh­ri­gen Zwil­lin­gen, die be­reit wa­ren, den Bu­ben auf­zu­neh­men. Die Drei­jäh­ri­gen ha­ben ihn so ge­nervt, dass er froh war, dass er nach zwei Wo­chen wie­der nach Hau­se durf­te. El­tern müs­sen sich ab­gren­zen und ler­nen, Nein zu sa­gen.

Das gilt nach Ih­rer An­sicht auch beim Co-sleeping. Was ist denn so schlimm dar­an, wenn das Kind im El­tern­bett über­nach­tet?

Wenn Vier­jäh­ri­ge ei­nen bö­sen Traum ha­ben und zu den El­tern ge­hen wol­len, ist das völ­lig in Ord­nung. Nicht gut ist, wenn sich der Vier­jäh­ri­ge im Bett der El­tern dau­er­par­kiert und dort ein­schläft. Dann wird er auf Be­sitz­stands­wah­rung po­chen. Ich hat­te schon Fäl­le, wo der Va­ter das Feld räum­te und im Kin­der­zim­mer über­nach­te­te.

Wie bringt man den Knirps da­zu, wie­der aus dem El­tern­zim­mer aus­zu­zie­hen?

Ich ha­be das Mo­dell «Sei­ten­wa­gen» ent­wi­ckelt. Wenn der Vier­jäh­ri­ge mit sei­nem Bär­chen kommt, kann er auf ei­ner Ma­trat­ze am Bo­den schla­fen. Am An­fang fin­det er das noch lässig, bis er merkt, dass er «down­ge­si­zed» ist. Er geht dann re­la­tiv schnell wie­der in sein ei­ge­nes Bett zu­rück. Es gibt noch ei­ne zwei­te Ka­te­go­rie, die der 12- bis 15-Jäh­ri­gen.

Pu­ber­tie­ren­de Ju­gend­li­che, die bei Ma­ma und Pa­pa näch­ti­gen?

Das hat zu­ge­nom­men. Ich ha­be mal ei­ner Mut­ter ge­sagt, wenn wir in Ame­ri­ka wä­ren, müss­te ich sie an­zei­gen. Weil sie das Bett noch mit ih­rem Sohn teilt.

Was tut man ei­nem Kind da­mit an?

Es wird nicht rich­tig er­wach­sen und kann die pu­ber­tä­re Ab­lö­sung nicht voll­zie­hen. Ent­wick­lungs­mäs­sig ist das ex­trem un­güns­tig. Nach­dem die Mut­ter kla­re Gren­zen ge­setzt hat, schläft der Ju­gend­li­che jetzt wi­der­wil­lig im ei­ge­nen Bett.

Heu­te sind vie­le Paa­re ge­schie­den. Män­ner, die ih­re Kin­der am Wo­chen­en­de be­treu­en, wid­men sich in die­ser Zeit äus­serst in­ten­siv dem Nach­wuchs, ei­ne neue Be­zie­hung hat kaum Raum. Die­se Kla­ge hört man häu­fig von Frau­en, die sol­che Glu­cken­vä­ter da­ten. Ken­nen Sie die­ses Phä­no­men?

Das kommt tat­säch­lich oft vor. Ei­ne neue Be­zie­hung ein­zu­ge­hen, ist de­fi­ni­tiv viel ein­fa­cher, wenn die Kin­der noch nicht in der Pu­ber­tät sind. Sie sind dann noch of­fen und to­le­rant. In der Pu­ber­tät kann man das ver­ges­sen. Was sich be­währt hat, ist das Mo­dell «Li­ving Apart To­ge­ther»: Wenn die Kin­der am

Was kann man ge­gen Sex­pro­ble­me tun?

Ich er­in­ne­re mich an ein Paar, das seit ei­nem Jahr zu­sam­men war. Er war 33, sie 31. Die Frau hat sich sehn­lichst Sex ge­wünscht, er ei­gent­lich auch, aber es funk­tio­nier­te nicht. Er sag­te, in frü­he­ren Be­zie­hun­gen ha­be er kei­ne Pro­ble­me ge­habt. Nach drei Sit­zun­gen ha­be ich ihn zum Haus­arzt ge­schickt, da­mit er sich Via­gra ver­schrei­ben lässt.

Ist das ei­ne Schmach für ei­nen Mann?

Vor al­lem, wenn er noch so jung ist. Er hat dann Cia­lis be­kom­men. Das nimmt man am Frei­tag, und die Wir­kung hält bis zum Sonn­tag­abend. Ein Wee­kend-via­gra kann Wun­der wir­ken. Ir­gend­wann sag­te ihm die Frau: «Ich ver­wal­te jetzt das Via­gra für dich. Ich mi­sche es dir in den Or­ga­nen­saft, aber ich sa­ge dir nicht, wann ich das ma­che.» Wie sich zeig­te, ging es auch oh­ne. Das war ein Er­folgs­er­leb­nis.

So dürf­te es nicht im­mer aus­ge­hen. Wenn Sie nach Mo­na­ten kei­nen Fort­schritt se­hen, sa­gen Sie dann auch mal, dass es nichts bringt?

Ich er­in­ne­re mich an ein Paar, das stän­dig hef­tig Streit hat­te. Ich ver­such­te zu be­sänf­ti­gen. Sie woll­ten dann sel­ber dar­an ar­bei­ten. Nach vier Jah­ren ka­men sie wie­der, und ich ha­be ge­merkt: Die sind kei­nen Schritt wei­ter. «Ich möch­te ehr­lich sein», ha­be ich ih­nen ge­sagt: «Ich ge­be Ih­nen die Adres­se ei­nes gu­ten Me­dia­tors – er ist auch An­walt.»

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