Ech­te Män­ner wei­nen nicht

SonntagsZeitung - - STANDPUNKTE - Ta­ma­ra Fu­ni­ci­el­lo,

War­um wer­den Amok­läu­fe fast nur von Män­nern be­gan­nen? War­um sind es mehr­heit­lich Män­ner, die häus­li­che Ge­walt aus­üben? Wie­so wa­ren 2007 93,4 Pro­zent (stellt euch vor, ei­ne an­de­re Grup­pe wä­re sta­tis­tisch so auf­fäl­lig!) der Be­schul­dig­ten bei schwe­ren Ge­walt­de­lik­ten Män­ner? Weil wir ein Män­ner­pro­blem ha­ben. Durch­schnau­fen und wei­ter­le­sen.

Im eng­lisch­spra­chi­gen Raum wird von «to­xi­scher Männ­lich­keit» ge­spro­chen. Das heisst NICHT, dass al­le Män­ner als In­di­vi­du­en gif­tig sind. Aber wir ha­ben als Ge­sell­schaft be­stimm­te Vor­stel­lun­gen von Männ­lich­keit, die nicht nur schäd­lich, son­dern ge­fähr­lich sind – und zwar für al­le Ge­schlech­ter.

Män­ner ha­ben im Schnitt ei­ne tie­fe­re Le­bens­er­war­tung, sie ha­ben mehr Un­fäl­le, sie su­chen bei psy­chi­schen Pro­ble­men sel­te­ner Hil­fe, und sie wäh­len bei Sui­zid­ver­su­chen «ag­gres­si­ve­re» Me­tho­den und ha­ben des­halb ei­ne hö­he­re Sui­zid­ra­te als Frau­en, ob­wohl sie we­ni­ger Sui­zid­ver­su­che be­ge­hen. Kurz: To­xi­sche Männ­lich­keit ist für Män­ner töd­lich.

Wenn Paul im Sand­kas­ten weint, wird ihm ge­sagt, gros­se Jun­gen wein­ten nicht. Schlägt er sein Spielgspän­li mit ei­ner Schau­fel, kommt nur halb­her­zi­ge Kri­tik – Jungs sind halt ein­fach et­was wil­der. Das sind kur­ze Mo­men­te, die für sich al­lein kaum Scha­den an­rich­ten wür­den.

Aber wenn die­se Form von Männ­lich­keit im­mer und im­mer wie­der glo­ri­fi­ziert wird, ist sie der idea­le Nähr­bo­den für Ge­walt. Denn die­se Vor­stel­lung von Männ­lich­keit ver­hin­dert, dass Jun­gen und Män­ner über­haupt Al­ter­na­ti­ven zu ag­gres­si­vem Ver­hal­ten oder Ge­walt ler­nen. Frau­en und Män­ner ha­ben nicht die­sel­ben Pro­ble­me. Män­ner ha­ben kein Pro­blem, weil sie Män­ner sind. Sie ha­ben im­mer dann ein Pro­blem, wenn sie nicht die­sem to­xi­schen Männ­lich­keits­ide­al ent­spre­chen, wenn sie al­so Ge­füh­le zei­gen, sich um Kin­der küm­mern möch­ten oder Rö­cke tra­gen wol­len, wenn sie nicht «männ­lich ge­nug» sind. Trotz al­ler Nach­tei­le, die das Pa­tri­ar­chat für Män­ner bringt, ha­ben Män­ner als ge­sell­schaft­li­che Grup­pe Macht, Frau­en nicht. Män­ner be­sit­zen ei­nen Gross­teil des welt­wei­ten Ver­mö­gens und sind über­all dort mas­siv über­ver­tre­ten, wo Ent­schei­de ge­fällt wer­den.

«Män­ner ha­ben kein Pro­blem, weil sie Män­ner sind»

Frau­en hin­ge­gen wer­den dis­kri­mi­niert, weil sie Frau­en sind. Wenn wir Ge­walt an Frau­en ef­fek­tiv be­kämp­fen wol­len, müs­sen wir das struk­tu­rel­le Mach­tun­gleich­ge­wicht auf­lö­sen. Ge­nau des­halb ist die Is­tan­bul-kon­ven­ti­on zur Ver­hü­tung und Be­kämp­fung von Ge­walt ge­gen Frau­en so bahn­bre­chend. Sie hält fest, dass die un­glei­chen Macht­ver­hält­nis­se zwi­schen den Ge­schlech­tern ei­ne zen­tra­le Ur­sa­che von Ge­walt ge­gen Frau­en sind und die­se wie­der­um Ge­schlechter­hier­ar­chi­en auf­recht­er­hal­ten.

To­xi­sche Männ­lich­keit ist für Frau­en töd­lich. Im­mer wie­der be­dro­hen, ver­prü­geln oder tö­ten Män­ner ih­re Part­ne­rin­nen. In der Schweiz al­le 25 Ta­ge. Um die­sen Teu­fels­kreis zu durch­bre­chen, müs­sen wir un­ser Bild von Männ­lich­keit ver­än­dern und Ge­schlech­ters­te­reo­ty­pen auf­lö­sen: Ich will, dass Män­ner Lippenstift zur Ar­beit tra­gen kön­nen, wenn ih­nen da­nach ist. Ich will, dass Kin­der egal wel­chen Ge­schlechts im Fe­en­kos­tüm Fuss­ball spie­len dür­fen, wenn sie dar­auf Lust ha­ben. Ich will in Fil­men mehr wei­nen­de Män­ner und flu­chen­de Frau­en se­hen. Ich will, dass al­le oh­ne Ge­walt le­ben kön­nen. Ge­mein­sam.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.