Fir­men­fest

So ver­hin­dern Sie ei­ne Bla­ma­ge

SonntagsZeitung - - VORDERSEITE - Bet­ti­na We­ber

Ir­gend­wie wa­ren sie frü­her wil­der. Und ein­deu­tig fri­vo­ler. Je­den­falls lag da je­weils was in der Luft. Ei­ne ge­wis­se Aus­ge­las­sen­heit, ei­ne nicht von der Hand zu wei­sen­de Flirt­se­lig­keit auch. Heu­te nicht mehr. Heu­te wird an Fir­men-weih­nachts­es­sen über Glu­ten und Fas­zi­en ge­re­det, und um elf Uhr ge­hen al­le heim, weil sie am nächs­ten Mor­gen noch vor der Ar­beit zum Jog­gen ab­ge­macht ha­ben.

Vi­el­leicht ist man bloss alt ge­wor­den. Vi­el­leicht liegts an #Me­too. Vi­el­leicht sind die Stre­be­rin­nen und Stre­ber schuld, die al­lent­hal­ben über­hand­neh­men, und dass die schon in der Schu­le nie zum Fez ein­ge­la­den wur­den, hat­te ei­nen Grund: Die hat­ten ein­fach kei­ne Be­ga­bung für die Fes­ti­vi­tät.

Es muss ja nicht gleich das Re­stau­rant aus­ein­an­der­ge­nom­men wer­den. Oder auf den Ti­schen ge­tanzt und den Prak­ti­kan­tin­nen nach­ge­stie­gen. Es geht nicht um So­dom und Go­mor­rha. Aber, Herr­gott, es gibt doch was da­zwi­schen. So ein ver­nünf­tig schwei­ze­ri­sches Mit­tel­mass so­zu­sa­gen, das das Weih­nachts­es­sen zu ei­nem hei­te­ren Aus­klang des Jah­res macht.

Da­mit eben­die­ses 2018 wie­der zu ei­nem Eve­ne­ment wird, von dem man mit die­sem se­lig-doo­fen Lä­cheln im Ge­sicht nach Hau­se wankt, kön­nen Sie ei­gen­hän­dig et­was bei­tra­gen.

Ich will gar nicht ans Weih­nachts­es­sen, ich fin­de al­le in mei­ner Fir­ma doof. Kann ich knei­fen? Selbst­ver­ständ­lich. Aber soll­ten Sie an­ge­sichts die­ser aus­ge­präg­ten in­ne­ren Ab­leh­nung nicht vi­el­leicht grad ganz das Wei­te su­chen? Ver­mut­lich wä­re das to­tal win-win – die an­de­ren wer­den Sie höchst­wahr­schein­lich auch nicht lei­den kön­nen, so ge­se­hen wird Sie nie­mand ver­mis­sen.

Ich will hin! Soll ich mich da­für in Scha­le wer­fen?

Aber un­be­dingt! Jetzt zei­gen Sie mal, dass Sie auch schön kön­nen, im Sin­ne von ele­gant, dass Sie al­so mehr drauf ha­ben in mo­di­scher Hin­sicht als die­sen lau­si­gen Lis­mer und die­se or­tho­pä­disch kor- rek­ten, aber lei­der op­tisch him­mel­trau­ri­gen Be­quem­tre­ter. Die Idee, wo­nach cool ist, wer sich gar­de­ro­ben­mäs­sig kei­ne Mü­he gibt, be­zie­hungs­wei­se un­cool, wer das tut, kön­nen Sie ge­trost ver­ges­sen, denn das ist der Gip­fel der Bie­der­keit, und bie­der ist ja eben grad gar nicht das Kon­zept, das ein rau­schen­des Weih­nachts­es­sen brau­chen kann.

Des­halb: Ho­len Sie was Schmis­si­ges aus dem Schrank. Ein ge­bü­gel­tes Hemd. Ei­nen Samt-bla­zer. Die Ho­se mit der mes­ser­schar­fen Bü­gel­fal­te oder die Sei­den­blu­se oder die ge­schnür­ten Le­der­schu­he. Haupt­sa­che, Sie leis­ten ei­nen klei­nen Ef­fort. Sie wer­den er­ken­nen: Die Ab­we­sen­heit des Lis­mers macht Ihr Le­ben auf ein­mal sehr viel auf­re­gen­der.

Darf man am Apé­ro schon voll zu­schla­gen?

Sie er­in­nern sich dar­an, in welch ka­ta­stro­pha­lem Aus­mass sich letz­tes Jahr die Spi­nat­küch­lein in Ih­ren Zahn­zwi­schen­räu­men ver­fan­gen ha­ben. Sie er­kann­ten das den­ta­le De­sas­ter erst zu spä­ter St­un­de, als Sie sich schon ziem­lich an­ge­säu­selt im Spie­gel auf der Toi­let­te an­lä­chel­ten, und na­tür­lich hat­te Sie kein Mensch dar­auf auf­merk­sam ge­macht, auch nicht der CEO, den Sie noch so an­strahl­ten wäh­rend Ih­res doch recht lan­gen Ge­sprächs. Um ein ähn­li­ches Un­glück zu ver­mei­den, soll­ten Sie si­cher­heits­hal­ber nichts von die­sem tro­cke­nen Apé­ro-ge­bäck es­sen, son­dern nur fröh­lich dem Al­ko­hol zu­spre­chen und da­zwi­schen Was­ser trin­ken. Das ver­ein­facht ja auch die Kon­ver­sa­ti­on enorm, da Sie we­ni­ger, nun, spu­cken.

Aber ich kann kei­nen

Small Talk.

Pap­per­la­papp. Stel­len Sie Fra­gen. Hö­ren Sie zu. Und sei­en Sie we­nigs­tens ein­mal im Jahr po­si­tiv. Das heisst: Ver­knei­fen Sie sich das Nör­geln. Schimp­fen und jam­mern Sie nicht, we­der über die Fir­ma im All­ge­mei­nen noch über den Chef im Spe­zi­el­len und auch nicht über Ih­ren Ex-mann, der die Ali­men­te nicht raus­rückt, oder die Ex-frau, die Sie fi­nan­zi­ell aus­nimmt. Und

bitte­bit­te: Ver­scho­nen Sie Ih­re Um­ge­bung mit dem de­tail­lier­ten Ge­sund­heits­bul­le­tin Ih­rer Dis­kus­her­nie/darm­tä­tig­keit/der­ma­ti­tis.

Ich bin Chef, und ich hal­te ger­ne Re­den.

15 Mi­nu­ten sind al­ler­dings et­was knapp, nicht?

Bei Re­den gilt die um­ge­kehr­te Pro­por­tio­na­li­tät: Sie ge­win­nen wahn­sin­nig, je we­ni­ger lang sie dau­ern. Für Sie, mei­ne Her­ren, gilt des­halb: Hal­ten Sie sich für ein­mal ge­nau so kurz, wie Sie das je­weils ver­spre­chen, aber noch nie ein­ge­hal­ten ha­ben. Dan­ken Sie al­len An­we­sen­den für den tol­len Ein­satz. Sa­gen Sie, was im­mer passt, näm­lich, dass es kein ein­fa­ches Jahr ge­we­sen sei, man aber tap­fer dem Sturm ge­trotzt ha­be. Lo­ben Sie kei­nes­falls nur ein paar we­ni­ge, sonst wer­den al­le an­de­ren am nächs­ten Tag, wenn Sie ei­nen schwe­ren Kopf ha­ben, bei Ih­nen vor­stel­lig und kau­en Ih­nen ein Ohr ab, wo­mög­lich wei­nen die auch. Wün­schen Sie ei­nen tol­len Abend, er­he­ben Sie das Glas, und gut ist.

Und dann?

Dann su­chen Sie sich, auch als Su­bal­ter­ne, so schnell wie mög­lich ei­nen Platz, wo­bei Sie be­reits im Vor­feld ei­ne heim­li­che Ti­sch­ord­nung be­spro­chen ha­ben, auf dass Sie nicht den Abend mit je­nen ver­brin­gen müs­sen, die sich über Glu­ten und Fas­zi­en und früh­mor­gend­li­ches Jog­gen un­ter­hal­ten. Sonst wird der Al­ko­hol Ihr ein­zi­ger Freund sein, und es be­steht die Ge­fahr, dass Sie noch vor dem Des­sert kom­plett aus der Rol­le fal­len, da­bei ha­ben Sie doch schon ge­nug da­mit zu tun, sich an die Eti­ket­te bei Tisch zu er­in­nern.

Zwecks Scha­dens­be­gren­zung we­nigs­tens in die­ser Hin­sicht folgt hier ein klei­ner Knig­ge im Schnell­durch­lauf, denn es gibt Ge­schich­ten von Ar­beit­neh­men­den, de­ren Kar­rie­ren ab­rupt en­de­ten, bloss weil sie ma­nie­ren­mäs­sig auf dem Stand ei­nes Klein­kin­des ver­blie­ben sind und nicht vir­tu­os mit Mes­ser und Ga­bel um­zu­ge­hen wuss­ten.

Wo­hin mit der Ser­vi­et­te?

Auf die Knie, in der Mit­te ge­fal­tet. Der Mund wird mit der in­ne­ren Sei­te ab­ge­tupft, so­dass man den ver­schmutz­ten Stoff nie sieht. Beim Auf­ste­hen oder nach dem Es­sen kommt sie zu­sam­men­ge­fal­tet links ne­ben den Tel­ler. Und ge­ra­de jetzt, im Win­ter, gilt: Die Ser­vi­et­te ist kein er­freu­lich prak­ti­sches, weil be­son­ders grosses Ta­schen­tuch. Un­ter­ste­hen Sie sich!

Wie isst man schon wie­der das Bröt­chen?

Es wird zer­zupft! Und zwar in ein­zel­ne, mund­ge­rech­te Stü­cke.

Muss man war­ten, bis al­le den Tel­ler vor sich ha­ben? Ja. Weil das in sehr gros­sen Ge­sell­schaf­ten aber meist zu lan­ge dau­ert, dür­fen Sie los­le­gen, wenn al­le am sel­ben Tisch den Gang ser­viert be­kom­men ha­ben.

Wird der klei­ne Fin­ger ab­ge­spreizt?

Nein.

Sie ha­ben das Es­sen über­stan­den, al­le Klip­pen sou­ve­rän ge­meis­tert. Jetzt wer­den die Plät­ze ge­tauscht, der Ge­räusch­pe­gel steigt, die Wan­gen sind kol­lek­tiv ge­rö­tet, es geht bald ein Haus wei­ter. Noch Fra­gen?

Ja! Wie leh­ne ich ei­ne un­er­wünsch­te An­ma­che ab?

Zi­tie­ren Sie Iris Ber­ben, die un­längst in die­ser Zei­tung er­klär­te, auf­dring­li­che Ver­eh­rer mit «Schatz, du nicht» in die Schran­ken zu wei­sen. Ein gros­ser Satz, ein Welt­klas­se­satz, ein Satz, den man sich un­be­dingt mer­ken muss. Passt im­mer und erst noch bei bei­den Ge­schlech­tern. Bloss beim Chef bzw. der Che­fin nicht. In die­sem Fall gibts nur ei­nes: so­fort die Flucht er­grei­fen.

Darf ich mei­nem Chef das Du an­bie­ten? Nein.

Auch nicht, wenn ich äl­ter bin?

Nein.

Auch nicht als Frau? Nein.

Aber um­ge­kehrt muss ich das Du an­neh­men?

Ja. Die Du­ze­rei ist zwar ein Är­ger­nis, aber da kön­nen Sie jetzt auch nichts da­ge­gen aus­rich­ten. Es sei denn, Sie sei­en wirk­lich stur mit al­len und seit je­her per Sie und gel­ten als, nun, ei­gen.

Gilt das Du am nächs­ten Tag im­mer noch?

Sie­zen Sie. War­ten Sie ab. Vi­el­leicht ha­ben Sie Glück. Darf man die Che­fin zum Tan­zen auf­for­dern? Den Chef ? Zwei­mal nein.

Liegt Flir­ten noch drin?

Aber si­cher doch. Ma­chen Sie Kom­pli­men­te! Aber nur zu un­ver­fäng­li­chen Su­jets und Kör­per­tei­len (Turn­schu­he okay, Mi­ni­rock nicht; Na­se und Oh­ren okay, Bei­ne, Der­rie­re und Dé­col­le­té nicht, Sie er­ken­nen das Kon­zept). Wer­den Sie nicht an­züg­lich, nicht vul­gär, und las­sen Sie das mit die­sem tie­fen Blick.

Darf ich je­man­den nach Hau­se neh­men?

Aber si­cher doch. Wer könn­te et­was ge­gen Lei­den­schaft ha­ben! Die Welt braucht mehr Lei­den­schaft!

Ich ha­be über­trie­ben. Was tun? Sich tot­zu­stel­len, funk­tio­niert nicht und wä­re fei­ge. Ent­schul­di­gen Sie sich, gu­cken Sie da­bei reu­ig (un­be­dingt da­heim üben) und hal­ten Sie in den nächs­ten Wo­chen den Ball flach.

Fo­to: Get­ty Images

Da ist was aus dem Ru­der ge­lau­fen: Ent­schul­di­gen Sie sich und hal­ten Sie in den kom­men­den Wo­chen den Ball flach

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