Eu-di­lem­ma führt zu Streit in der Wirt­schaft

Die Wirt­schaft ist sich nicht ei­nig in der Fra­ge, ob die Re­gie­rung das Rah­men­ab­kom­men jetzt un­ter­schrei­ben soll – und die Po­li­tik plant in letz­ter Mi­nu­te ei­nen Bau­erntrick

SonntagsZeitung - - VORDERSEITE - De­nis von Burg und Adri­an Schmid

Bern Kurz vor dem Eu-ent­scheid des Bun­des­rats kommt es zum Knatsch in der Wirt­schaft. Ar­beit­ge­ber­und Ge­wer­be­ver­band be­kräf­ti­gen ih­re ab­leh­nen­de Hal­tung zum Rah­men­ab­kom­men: «Die­ses hat noch we­ni­ger Chan­cen, als wir dach­ten», sagt Ar­beit­ge­ber­ver­band-di­rek­tor Ro­land Mül­ler. Economiesuisse hin­ge­gen for­dert ein Ja: «Der In­halt des Ab­kom­mens muss jetzt in der Schweiz dis­ku­tiert wer­den», sagt Prä­si­dent Heinz Kar­rer. Auf­grund die­ses Streits wird es für den Bun­des­rat noch schwie­ri­ger, ei­nen Ent­scheid zu fäl­len. So­wohl ein Ja als auch ein Nein sind mit weit­rei­chen­den Kon­se­quen­zen ver­bun­den. Bun­des­rat und Par­tei­spit­zen sind da­her dar­an, in letz­ter Mi­nu­te ei­nen neu­en Aus­stiegs­plan zu ent­wi­ckeln.

Jetzt bricht auch in der Wirt­schaft Streit aus – ei­ne Wo­che be­vor der Bun­des­rat ent­schei­den muss, ob er den um­strit­te­nen Eu­rah­men­ver­trag un­ter­schreibt. Der Dach­ver­band Economiesuisse geht in die Of­fen­si­ve. Der In­halt des Ab­kom­mens müs­se nun in der Schweiz dis­ku­tiert wer­den, sagt Prä­si­dent Heinz Kar­rer. «Da­her soll der Bun­des­rat am Frei­tag Ja zum Ab­kom­men sa­gen und es dem Par­la­ment un­ter­brei­ten.» Das Lohn­schutz­ni­veau sol­le nicht ge­senkt, und die Uni­ons­bür­ger­schaft müs­se dis­ku­tiert wer­den.

Nur steht Kar­rer prak­tisch al­lei­ne da, selbst in den ei­ge­nen Krei­sen. Im Ge­gen­satz zu Economiesuisse be­kräf­ti­gen Ge­wer­be- und Ar­beit­ge­ber­ver­band ih­re la­tent ab­leh­nen­de Hal­tung, nach­dem ih­nen ei­ne Bun­des­rats­de­le­ga­ti­on am Di­ens­tag die Eck­punk­te des Ver­tra­ges vor­leg­te. «Das Ab­kom­men hat noch we­ni­ger Chan­cen, als wir dach­ten», sagt Ar­beit­ge­ber­ver­band-di­rek­tor Ro­land Mül­ler. Die heik­len Punk­te müss­ten nun in­nen­po­li­tisch dis­ku­tiert wer­den. Da­her sei ei­ne Sis­tie­rung der Ver­hand­lun­gen mit der EU nö­tig.

Weil die Wirt­schaft in gros­sen Tei­len ge­gen das Rah­men­ab­kom­men ist, bleibt dem Bun­des­rat am Frei­tag nach wie vor nur die Wahl zwi­schen Pest und Cho­le­ra. Ent­we­der un­ter­schreibt er ein Rah­men­ab­kom­men, das spä­tes­tens in ei­ner Volks­ab­stim­mung durch­fällt und zu ei­ner eu­ro­pa­po­li­ti­schen Blo­cka­de führt. Oder er bricht die Ver­hand­lun­gen mit Brüs­sel ab und ris­kiert da­mit hef­ti­ge Re­tor­si­ons­mass­nah­men der EU wie ei­nen Boy­kott der Schwei­zer Bör­se.

Nun sucht man in letz­ter Mi­nu­te un­ter der Füh­rung von Bun­des­prä­si­dent Alain Ber­set ei­nen Aus­weg. Mit ei­nem Bau­erntrick will man sich ei­nem Ent­scheid ent­zie­hen und Brüs­sel den Ball zu­schie­ben. Schon die­se Wo­che war ge­prägt von hek­ti­schen Tref­fen zwi­schen Bun­des­rä­ten und Par­tei­prä­si­den­ten. Als Hö­he­punkt kam es so­gar zu ei­nem Vie­rer­tref­fen zwi­schen CVP-CHEF Ger­hard Pfis­ter und sei­ner Fdp-kol­le­gin Pe­tra Gös­si mit Aus­sen­mi­nis­ter Igna­zio Cas­sis und Bun­des­rä­tin Do­ris Leuthard – bei­des Prot­ago­nis­ten ei­nes ra­schen Ab­schlus­ses mit der EU. Sie woll­ten ih­re skep­ti­schen Par­tei­en für ei­ne Un­ter­stüt­zung ge­win­nen. Mit we­nig Er­folg: In der Dis­kus­si­on wur­de klar, dass es ei­nen drit­ten Weg braucht. In wei­te­ren Tref­fen zwi­schen Par­tei­prä­si­den­ten und un­ter an­de­rem Ber­set kris­tal­li­sier­te sich vor­ab in SP-, aber auch in Cvp-krei­sen ein Aus­weg her­aus, der am Frei­tag auch im Bun­des­rat dis­ku­tiert wur­de.

«Wir be­fin­den uns im Klein­klein, aber die Nu­an­cen könn­ten ent­schei­den», sagt ein Bun­des­rats­in­si­der. Die Idee: Der Bun­des­rat pa­ra­phiert, al­so ge­neh­migt, den Ver­trag am Frei­tag nicht. Er sagt aber auch nicht de­fi­ni­tiv Nein. Statt­des­sen er­klärt er Brüs­sel, die in­nen­po­li­ti­sche La­ge sei schwie­rig und un­über­schau­bar. Die Schweiz brau­che des­halb ei­ne Art Aus­zeit, um ei­ne eu­ro­pa­po­li­ti­sche Grund­satz­dis­kus­si­on zu füh­ren.

Ber­set könn­te Kom­pro­miss mit Ge­werk­schaf­ten er­rei­chen

Das Kal­kül da­hin­ter: Ak­zep­tiert Brüs­sel die Denk­pau­se, er­hält die Schweiz ei­ne Art Frie­dens­ab­kom­men, das ihr er­laubt, vi­el­leicht doch noch ei­ne in­nen­po­li­ti­sche Ei­ni­gung her­bei­zu­füh­ren. Vor al­lem aber könn­te dies die be­fürch­te­ten Ge­gen­mass­nah­men der EU ver­hin­dern. Ak­zep­tiert die­se den Vor­schlag nicht, liegt der Ball bei der Eu-kom­mis­si­on. Die­se müss­te dann die Ver­hand­lun­gen ab­bre­chen. Das wie­der­um wür­de ihr die vol­le Le­gi­ti­ma­ti­on für Re­tor­si­ons­mass­nah­men neh­men. Die an­ge­droh­ten Re­tor­sio­nen wä­ren den Eu-mit­glieds­län­dern nicht mehr so ein­fach ab­zu­rin­gen. Die­se müs­sen ein­stim­mig Ja sa­gen.

In bei­den Fäl­len wird es frü­her oder spä­ter zu neu­en Ver­hand­lun­gen kom­men. Da­bei spie­len die Stra­te­gen vor al­lem in der SP und auch in der CVP schon mit dem Ge­dan­ken, dass Ber­set bei der De­par­te­ments­ver­tei­lung nach den Bun­des­rats­wah­len von nächs­ter Wo­che ins Wirt­schafts­de­par­te­ment wech­seln sol­le. Dort könn­te er als glaub­wür­di­ger Ver­mitt­ler er­rei­chen, was Jo­hann Schnei­deram­mann nicht ge­lang: Den Ge­werk­schaf­ten ei­nen Kom­pro­miss bei den flan­kie­ren­den Mass­nah­men schmack­haft zu ma­chen.

Der­zeit ist un­klar, wie weit der Plan im Bun­des­rat fort­ge­schrit­ten ist. Mit dem Dos­sier ver­trau­te In­si­der mei­nen al­ler­dings, dass sei­ne Chan­cen gut stän­den – da es weit und breit nichts an­de­res ge­be, wor­auf sich der Bun­des­rat ei­ni­gen könn­te. Die Svp-bun­des­rä­te sind aus grund­sätz­li­chen Über­le­gun­gen ge­gen ein Rah­men­ab­kom­men. Die Sp-ver­tre­ter kön­nen den Wi­der­stand der Ge­werk­schaf­ten und ih­rer ei­ge­nen Par­tei nicht igno­rie­ren. Und die Fdp-par­tei­spit­ze warnt ih­re ei­ge­nen Bun­des­rä­te vor ei­nem Vor­pre­schen, weil es mo­men­tan in der Schweiz kei­ne Mehr­heit für das Ab­kom­men gibt. Ein Fdp-po­li­ti­ker er­gänzt: Man wol­le nicht in die Si­tua­ti­on ge­ra­ten, aus Loya­li­tät zu den ei­ge­nen Bun­des­rä­ten ein Ab­kom­men un­ter­stüt­zen zu müs­sen, das auch die FDP nicht wol­le und mit dem man un­ter­gin­ge.

Fo­to: Keysto­ne

Neue Rol­le mög­lich: Bun­des­rat Alain Ber­set könn­te ins Wirt­schafts­de­par­te­ment wech­seln und dort die Eu-ver­hand­lun­gen be­glei­ten

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