Weih­nachts-wunsch­zet­tel in West­mins­ter

SonntagsZeitung - - INTERNATIONAL - Pe­ter Non­nen­ma­cher

Im­mer mehr bri­ti­sche Ab­ge­ord­ne­te stel­len sich ge­gen The­re­sa May – und for­dern ein neu­es Br­ex­it-re­fe­ren­dum

Zu im­mer här­te­ren Me­tho­den greift The­re­sa May, um ih­re Hin­ter­bänk­ler auf Li­nie zu brin­gen. Ver­sa­gen ihr die To­ry-ab­ge­ord­ne­ten die Un­ter­stüt­zung bei der gros­sen Br­ex­it-ab­stim­mung am 11. De­zem­ber, fällt zur Stra­fe gleich mal Weih­nach­ten aus.

Statt mit der Fa­mi­lie wür­den die Par­la­men­ta­ri­er dann ih­re Fe­ri­en im Un­ter­haus ver­brin­gen, um Son­der­ge­set­ze zu ver­ab­schie­den, hat May sie wis­sen las­sen. Bis­her hat das al­ler­dings nur we­ni­ge be­ein­dru­cken kön­nen. Am Frei­tag be­lief sich die Zahl kon­ser­va­ti­ver Ab­ge­ord­ne­ter, die ge­gen Mays Ver­trag stim­men wol­len, auf ganz ge­nau 100. Da auch die ge­sam­te Op­po­si­ti­on den De­al ab­lehnt, ste­hen die Chan­cen für die Pre­mier­mi­nis­te­rin nicht son­der­lich gut.

Den­noch will May von ei­nem «Plan B» nichts wis­sen. Ei­nen viel­fach vor­ge­schla­ge­nen «mil­de­ren» Br­ex­it, et­wa in Form ei­nes Efta- und ei­nes Eea-bei­tritts Gross­bri­tan­ni­ens, ver­wirft sie eben­so wie ei­nen zwei­ten Volks­ent­scheid. Die Be­für­wor­ter ei­ner sol­chen neu­en Volks­ab­stim­mung an­de­rer­seits mel­den ein wach­sen­des In­ter­es­se an ei­ner sol­chen Lö­sung an. So die Po­li­ti­ker das Br­ex­it-pro­blem nicht lö­sen kön­nen, fin­den sie, müs­se es eben das Volk für sie tun.

Zahl­rei­che Hür­den für ein zwei­tes Re­fe­ren­dum

Sechs von zehn Bri­ten sind of­fen­bar in­zwi­schen die­ser An­sicht. Selbst un­ter Kon­ser­va­ti­ven wächst die Zahl de­rer, die kei­nen an­de­ren Aus­weg mehr se­hen. An Hür­den auf dem Weg zu ei­nem «Peop­le’s Vo­te» fehlt es al­ler­dings nicht. Ei­ne da­von ist, dass ein Par­la­ments­be­schluss ein Re­fe­ren­dum nicht au­to­ma­tisch nach sich zieht – die Re­gie­rung muss dar­auf re­agie­ren. Sie muss das Ge­setz ein­brin­gen, das da­für nö­tig ist.

Zwar könn­te die Exe­ku­ti­ve sich ei­ner sol­chen Auf­for­de­rung durch die Volks­ver­tre­tung nur schwer ent­zie­hen. Aber May hat aus ih­rer Ab­leh­nung ei­nes Re­fe­ren­dums ein re­gel­rech­tes Prin­zip ge­macht. Soll­te sie ab­tre­ten oder von ih­rer Par­tei ab­ge­löst wer­den, ist im­mer noch mög­lich, dass ihr ein noch kom­pro­miss­lo­se­rer Ri­va­le an die Spit­ze folgt. Auch prak­ti­sche Pro­ble­me gibt es. Ein Auf­schub übers Br­ex­it-da­tum des 29. März 2019 hin­weg, müss­te mit der EU aus­ge­han­delt wer­den. Und wel­che Fra­ge wür­de man den Wäh­lern stel­len? Ob sie Mays De­al wol­len? Oder gar kei­nen De­al? Oder den Ver­bleib in der EU? Ob zwei Al­ter­na­ti­ven auf dem Wahl­zet­tel ste­hen sol­len? Oder bes­ser al­le drei?

Am wich­tigs­ten aber ist, wie sich die La­bour Par­ty stellt zu ei­nem neu­en Re­fe­ren­dum. Wird Mays Br­ex­it-de­al vom Un­ter­haus ab­ge­lehnt, möch­te Op­po­si­ti­ons­füh­rer Je­re­my Cor­byn ei­nen Miss­trau­ens­an­trag ein­brin­gen ge­gen die Pre­mier­mi­nis­te­rin.

Erst wenn auch der schei­tert, will Cor­byn ein Re­fe­ren­dum ins Au­ge fas­sen. Das be­deu­tet, dass ei­ne Re­fe­ren­dums­for­de­rung nicht mit der Ab­stim­mung am 11. De­zem­ber ge­kop­pelt wer­den könn­te, wie es man­che Pro-eu­ro­pä­er «zur Si­cher­heit» gern hät­ten, son­dern war­ten müss­te, bis Cha­os aus­bricht im Pa­last von West­mins­ter. Al­les wird so zu ei­ner Fra­ge der Stra­te­gie – und zu ei­ner Zit­ter­par­tie.

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